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Patsch, patsch, patsch durch den Schneematsch


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Wenn der Salzburg-Besuch auf einen der extremsten Wintereinbrüche seit Jahren fällt, dann hilft nur eins: schnurstracks von einer beheizten Sehenswürdigkeit zur nächsten zu marschieren und dazwischen ausgiebig in den behaglichen Kaffeehäusern zu pausieren.

Auf die mittelalterlichen Mauern der Festung Hohensalzburg tänzeln feine Schneeflocken. Die Aussicht von der Brüstung über die Stadt ist an diesem Tag im Januar derart wintermärchenhaft, dass wir für einen Moment der Verzauberung meinen, inmitten einer gigantischen Salzburg-Schneekugel zu weilen. Zwischen den weiß gepuderten Wäldern von Mönchsberg und Kapuzinerberg schimmert eine Silhouette aus schneebekrönten Pracht- und Machtbauten – Dom, Alte Residenz, Franziskanerkirche und Kollegienkirche diesseits der Salzach, Schloss Mirabell, Dreifaltigkeitskirche und die Hettwer Bastei mit den Wehrmauern der alten Stadtbefestigung auf dem anderen Flussufer.

Ein eisiger Windstoß holt uns in die Wirklichkeit zurück. Der Blick in den Himmel verschafft die endgültige Gewissheit, dass wir uns nicht in einer Schneekugel befinden – jenem Souvenirkassenschlager, der Klischees unter Kunststoffkuppeln mit limitiertem Schneegestöber konserviert. Denn die schneeschwangeren Wolken, die sich über dem Festungsberg zu einer bleichen Decke verdichtet haben, verheißen alles andere als eine wohldosierte Berieselung. Touristen in Polarjacken und Moonboots posieren im Flockenwirbel für Fotos.

Zur Winterzeit, damit war zu rechnen, könnte es in der österreichischen Stadt am östlichen Alpenrand schon einmal ungemütlich werden. Vielleicht, so hatten wir gehofft, wäre dann auch weniger Gewimmel in der immer wieder neue Besucherrekorde aufstellenden Touristenhochburg: weniger Parkplatzprobleme, weniger Menschenmassen an den Ticketkassen der Mozart-Stationen und sonstigen Must-see-Attraktionen, weniger Kutschenkarawanen in den Kopfsteinpflastergassen, weniger Geschiebe in der Getreidegasse, Salzburgs berühmter Einkaufsstraße, weniger Ansturm auf die Tische der Traditionskaffeehäuser, Bräustübeln und Weinlokale, weniger Selfie-Manie allerorten.

Dass unsere Salzburg-Reise mit einem der heftigsten Wintereinbrüche seit Jahren kollidieren würde, davon waren wir allerdings nicht ausgegangen. Pünktlich zur Hinfahrt hatte das Schneetreiben begonnen, sodass wir bereits auf oberbayerischen Autobahnen beim Schlittern von Stau zu Stau einen ersten Eindruck von der Wintertauglichkeit unseres kleinen Mietwagens gewinnen konnten. Die letzten Kilometer zu unserem in 800 Metern Höhe auf dem Gaisberg gelegenen Gasthof machten nach der achtstündigen Anreise noch einmal putzmunter. Schaffen wir die schneebedeckten Serpentinen von Elsbethen auf den Salzburger Hausberg oder bleiben wir stecken und müssen mit den nötigsten Habseligkeiten zu Fuß durch den finsteren Tannenwald weiterstapfen? Parallel zur sinkenden Außentemperatur stieg unser Adrenalinspiegel. Im Schneckentempo schlichen wir durch Haarnadelkurven und erreichten nach einer Ewigkeit über die Straße, die am Ende nur noch ein Schneekanal war, unser Ziel: ein schummrig erleuchtetes Gehöft, das uns so anheimelnd in die weiße Winterlandschaft eingebettet erschien wie kein anderes jemals zuvor.

Am nächsten Morgen schauten wir aus Eisblumenfenstern in wildes Schneegestöber und erkannten, dass wir dringend einen Winterwetterschlachtplan für unsere Salzburg-Exkursionen schmieden müssten. Folgende Strategie erschien uns für die kommenden Tage sinnvoll: Wir würden stets auf dem kürzesten Wege von einer beheizten Sehenswürdigkeit zur nächsten eilen und zwischendurch ausgiebig in den Traditionskaffeehäusern der Stadt verweilen. An den Abenden würden wir nicht in den Braukellern oder Weinstuben versacken und schon gar nicht an irgendwelchen zugigen Glühweinbuden, sondern uns beizeiten auf den Rückweg durch die weiße Hölle zu unserer Herberge wagen – in der Annahme, dass die letzte Runde des Räumfahrzeuges dann noch nicht allzu lange her wäre. Wir würden uns in der komfortabel ausgestatteten Apartmentküche ein warmes Abendessen kochen, vielleicht ein regionaltypisches Gericht wie Kasnockerln. Später könnten wir von unserem überdachten Balkon bei Mondlicht die blütenweißen Berge bewundern. Der Wetterbericht hatte für diesen Tag bis zu einem Meter Neuschnee prophezeit.

Am besten beginnt man die Erkundung von Salzburg mit dem Besuch der Festung. Von der bulligen Burganlage, die ab dem 11. Jahrhundert in mehreren Bauetappen als Zeichen fürsterzbischöflicher Macht und zur Verteidigung derselben entstand, kann man sich einen wunderbaren Überblick über die Stadt mit dem Beinamen „Rom des Nordens“ verschaffen. Die Fürsterzbischöfe, die in Salzburg elf Jahrhunderte lang über himmlische und irdische Angelegenheiten in Personalunion bestimmten, hatten ihre Ausbildung zumeist in Italien durchlaufen und kein geringeres Ziel vor Augen, als ihr Herrschaftsgebiet nach dem Vorbild von Rom herauszuputzen. Man beauftragte die besten Baumeister des Südens damit, die Stadt an der Salzach mit Kirchen, Schlössern, Lustgärten, Plätzen und Brunnen zu einem barocken Juwel zu veredeln. Den finanziellen Spielraum zur Umsetzung der bombastischen Bauvorhaben lieferten die Einnahmen aus dem Salzhandel. Erst als Anfang des 19. Jahrhunderts die Truppen von Napoleon einmarschierten, ging die Ära des bis dahin zweitgrößten Kirchenstaates der Welt zu Ende. Das Fürsterzbistum wurde säkularisiert und Teil des Kaiserreiches Österreich.

Heute ist Salzburg mit rund 150.000 Einwohnern zwar nur die viertgrößte Stadt des kleinen Binnenstaates Österreich, liegt aber im Ranking der österreichischen Städtereisenziele mit 1,7 Millionen Ankünften und mehr als drei Millionen Übernachtungen jährlich hinter Wien auf Platz zwei. Die meisten der ausländischen Übernachtungsgäste, die es in die 1997 von der Unesco zum Weltkulturerbe deklarierte Salzburger Altstadt zieht, stammen aus Deutschland, den USA und China.

Zu den beliebtesten Aktivitäten der Salzburg-Touristen zählt ein Abstecher auf die Festung. Mit mehr als einer Million Besuchern pro Jahr ist das Wahrzeichen der Stadt die am stärksten frequentierte Sehenswürdigkeit Österreichs außerhalb von Wien. Vom Kapitelplatz, auf dem eine gigantische Goldkugel des deutschen Künstlers Stephan Balkenhol thront, kann man die Festung entweder über einen Fußweg oder mit der Festungsbahn erreichen. Wir hatten uns wegen kräftigen Schneeregens spontan für die Bahn entschieden. Schon seit 1892 arbeitet sich die älteste Standseilbahn des Landes den steilen Festungsberg hinauf – erst mit Wasserkraft betrieben, später elektrisch. Seit der letzten Modernisierung 2011 benötigt die Festungsbahn nur noch 54 Sekunden für die knapp 99 Höhenmeter. In den neuen Panoramafensterwagen lassen sich pro Stunde bis zu 1.850 Fahrgäste auf die Festung befördern.

Sommers lockt die größte vollständig erhaltene Burg Mitteleuropas mit Kulturveranstaltungen unter freiem Himmel, winters mit einem Weihnachtsmarkt und ganzjährig mit Sonderausstellungen, Konzerten und drei Museen. Im Festungsmuseum gibt es Münzen, Mauerreste und eine komplett ausstaffierte Burgküche zu sehen, im Rainer-Regimentsmuseum lebensgroße Dioramen von Gefechtsszenen und jede Menge militärische Antiquitäten rund um das Salzburger Hausregiment, und im Marionettenmuseum, das im früheren Feuergang der Festung untergebracht ist, Miniaturdarstellungen von Mozarts Zauberflöte, dem Bauernaufstand von 1525 und der Salzach-Schifffahrt zu Erzbischofszeiten. Die größte Kostbarkeit der Burg verbirgt sich in der obersten Etage des Hohen Stocks: die Fürstenzimmer mit ihren königsblauen, goldnoppenübersäten, nachthimmelähnlichen Kassettendecken, mächtigen Marmorsäulen und einem über und über mit Figuren, Ornamenten und Wappen dekorierten Kachelofen – alles Originalausstattung aus dem 15. und 16. Jahrhundert bis auf die Medienstationen, die mit Videoclips über die einstige Bedeutung der Räumlichkeiten informieren.

Die meiste Zeit residierten die Salzburger Landesherren nicht auf der Festung, sondern im bequemer gelegenen, sehr viel geräumigeren und noch deutlich opulenter ausgestatten Stadtpalais im Herzen der Altstadt am Dom. In dem Gebäudeensemble konnten die Regenten sogleich von ihren Repräsentations- und Wohnräumen in den Dom schreiten. Mit der Säkularisation im Jahre 1803 schlossen sich allerdings die Verbindungstüren zwischen den Trakten.

Seit der Eröffnung des Museumsprojekts namens „DomQuartier“ vor fünf Jahren bildet das ehemalige Zentrum geistlicher und weltlicher Macht wieder eine architektonische Einheit. Wir finden das Konzept schon deswegen gelungen, weil wir den Schirm gegen den Schneeregen vorübergehend einklappen können und nicht weiter durch den Schneematsch patschen müssen. Auf dem 1.300 Meter langen Rundgang durch den 15.000 Quadratmeter großen Museumskomplex passiert man mehr als 2.000 Exponate. Von den Prunksälen, in denen venezianische Spiegel, Kristalllüster aus böhmischem Rauchglas, Brüsseler Tapisserien, hochbarocke Stuckaturen mit Blattgold und klassizistische Keramiköfen von der nicht gerade spartanischen Lebensweise der Fürsterzbischöfe zeugen, gelangt man durch die Residenzgalerie mit europäischer Malerei aus dem 16. bis 18. Jahrhundert zu Sonderausstellungen und weiter über die nördliche Dombogenterrasse mit Ausblick auf den Residenzplatz bis zur Orgelempore im Dom. Die Vogelperspektive auf die pompöse Ausstattung des 101 Meter langen frühbarocken Monumentalbaus ist nicht weniger überwältigend als die Froschperspektive in die Kirchenschiffe und die 79 Meter hohe Kuppel, wenn man durch den Haupteingang vom Domplatz in das Heiligtum eintritt. Steigt man noch eine Etage tiefer in die Gruft hinab, in der fast sämtliche Salzburger Erzbischöfe ruhen, durchquert man eine Installation aus kerzenbeleuchteten Metallblechfiguren, deren Schatten an den Gemäuern einen Totentanz aufführen. Dazu erinnert eine automatische Zeitansage in Endlosschleife an die eigene Vergänglichkeit.

Der Parcours durch das Domquartier würde von der Orgelempore nun weiter ins Südoratorium mit dem Domschatz führen und nach der Kunst- und Wunderkammer mit Kuriositäten aus der Barockzeit über die Lange Galerie im Museum St. Peter münden, das Schätze aus den Sammlungen der Erzabtei St. Peter beherbergt, einem der ältesten Klöster im deutschsprachigen Raum. Das auf pünktlichen Arbeitsschluss bedachte Museumspersonal diktiert uns allerdings bereits um Viertel vor fünf zum Ausgang. Draußen empfängt uns Schneegestöber.

Im Winter schließen auch die meisten anderen Salzburger Sehenswürdigkeiten ihre Pforten zu dieser frühen Stunde. Danach verebben in der Altstadt alsbald die Besucherströme. Die weitläufigen Plätze, welche die Fürsterzbischöfe dereinst anlegen ließen, um die Enge des mittelalterlichen Stadtkerns auszutarieren, verwandeln sich in menschenleere Schneematschwüsten. Auch die Fiakergespanne, bei denen an diesen nasskalten Tagen Flaute herrscht, sind in den Feierabend verschwunden. Lediglich im touristischen Epizentrum Salzburgs um die Getreidegasse, die ursprünglich Trabgasse hieß, ist noch etwas länger Getümmel. Der Namenswandel der Straße, in der gar nicht mit Korn gehandelt wurde, beruht angeblich auf einem Verschreiber eines Wiener Beamten zu napoleonischen Zeiten.

Heute vereint die Getreidegasse zwischen Blasiuskirche und Rathausturm auf 350 Metern Internationales und Regionales, Traditionelles und Originelles. Allerweltsmode- und Gastronomieketten reihen sich an Braugaststätten, Traditionscafés, Delikatessenläden und Manufakturen für Punsch, Trachten und Teppiche. Dazwischen florieren Shops mit Mozartmitbringseln, die den Kult um den Komponisten recht unbekümmert kommerzialisieren. Unter dem Plunder rund um Salzburgs berühmtesten Bürger befinden sich Mozartquietscheentchen, Mozartschnapsgläser, Mozartparfum, Mozartmobiles, handbemalte Mozartmanschettenknöpfe für 69 Euro das Paar und komplette Mozartkostüme. Lässt man den Blick von den Schaufenstern an den bis zu sechs Stockwerke zählenden Bürgerhäusern höher schweifen, entdeckt man schmucke Portale, schmiedeeiserne Zunftzeichen und Balken von Lastenzügen.

Der stärkste Besuchermagnet in der Getreidegasse ist das Haus Nummer 9, an dessen sonnenblumengelber Fassade in goldenen Lettern „Mozarts Geburtshaus“ prangt. Vor dem Gebäude, in dem am 27. Januar 1756 Wolfgang Amadeus Mozart als siebtes Kind der Familie zur Welt kam, konkurrieren Touristen um die besten Selfie-Positionen. Im Jahr 1880 eröffnete die Internationale Stiftung Mozarteum in dem Haus ein Museum, das seither fortwährend erweitert wurde und heute wichtigster Wallfahrtsort von Wunderkindbewunderern aus aller Welt ist. Auf dem Rundgang durch Zimmer mit niedrigen Decken und knarzenden Holzdielen lassen sich Porträts, Urkunden, Briefe, Mozarts Kindergeige und viele andere Erinnerungsstücke an das 35-jährige Leben des Musikgenies betrachten – vorausgesetzt man schafft es, sich durch die Menge zu den Schaukästen zu schlängeln.

Ein weiterer Dauerbrenner in der Getreidegasse ist das Haus Nummer 39. In dem schmalsten Bauwerk der gesamten Straße schenkt die Familie Sporer schon in vierter Generation Hochprozentiges aus eigener Herstellung aus – Birnenbrand, Heidelbeergeist, Kräuterbitter, Moccalikör, Weihnachtspunsch, Zirbenschnaps und viele andere Destillate in traditionellen und exotischen Geschmacksrichtungen. Eiswind und Schneeregen treiben uns zu dem Spirituosenspezialisten. Aus dem puppenstubenkleinen Geschäftsgewölbe quellen fröhliche Menschentrauben mit Punschgläsern auf die Straße und ins Durchhaus nebenan. Durchhäuser sind tunnelförmige Passagen, die von der Getreidegasse hinunter zur Salzach oder hinauf zum Universitätsplatz führen und mit ihren Säulen, Reliefs und Wappen eine Sehenswürdigkeit für sich darstellen. Manche der Durchhäuser öffnen sich auch zu Innenhöfen wie den Sternarkaden, in denen der Restaurantriese Sternbräu zu wärmeren Jahreszeiten zwei Gastgärten mit mehr als 670 Plätzen betreibt und von Ende November bis in den Januar hinein ein Weihnachtsmarkt mit Kunsthandwerk und Orangenpunschständen abgehalten wird.

Wir kosten den Orangenpunsch lieber in der Kultschänke Sporer, in der das Heißgetränk als Hausklassiker gilt. Allerdings belassen wir es bei ein paar Schlückchen, denn wir haben noch die Rückfahrt zu unserem Nachtquartier vor uns und müssen die Befürchtung hegen, mit dem schwächlichen Mietwagen in den Schneemassen irgendwo am dunklen Gaisberg durchzudrehen und darauf angewiesen zu sein, dass uns unsere Gastfamilie mit ihren Allradfahrzeugen rettet. An diesem Abend wird sich das Szenario nicht ereignen, am nächsten aber in exakt dieser Art und Weise.

 

 

Würde man die Salzburger Sehenswürdigkeiten danach beurteilen, wie gut sie sich an strengen Wintertagen zum Auftauen von Händen, Füßen und Nasenspitze eignen, dann bekämen viele Stationen mittelmäßige bis miserable Zensuren. Auf der Festung ist es frostig. Die Kirchen und Museen sind mehrheitlich dürftig bis gar nicht beheizt, sodass man Schal und Mantel besser gleich anbehält. Die großen Plätze und Lustschlossgärten, die mit ihren Barockbrunnen und Blumenmeeren im Frühjahr und Sommer überaus entzückend sein mögen, erweisen sich an diesen Tagen, an denen reichlich Schneeregen und kein einziger Sonnenstrahl vom stahlgrauen Himmel fällt, als unwirtliche Stätten mit stillgelegten Wasserspielen und verhüllten Skulpturen. Im Schloss Mirabell, das Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau 1606 als Geschenk für seine Geliebte Salome Alt erbauen ließ, kann man lediglich den Marmorsaal besichtigen – und das auch nur dann, wenn dort nicht gerade eine Trauung oder ein sonstiges Zeremoniell abgehalten wird so wie heute, als die Salzburger Faschingsgilde mit Trommelwirbel durch das puttengeschmückte Treppenhaus exerziert. Und das Spätrenaissanceprachtexemplar Schloss Hellbrunn, in dem sich einst die Salzburger Erzbischöfe zur Sommerzeit vergnügten, ist von November bis April gar nicht für die Öffentlichkeit zugänglich.

Doch zum Glück gibt es in Salzburg auch jene Adressen, die vorzüglich zum Aufwärmen taugen: wohltemperierte Buchläden, Boutiquen, Braugaststätten und Kaffeehäuser. Die rettenden Inseln sind überall in der Stadt vertreten, geballt am Alten Markt und in den angrenzenden Gassen. Mit der Konditorei Fürst (Feinbäcker Paul Fürst erfand 1890 die Mozartkugel), dem Café Tomaselli (Österreichs ältestes Kaffeehaus von 1700), der Buchhandlung Höllrigl (Österreichs älteste Buchhandlung von 1594) und dem Ledertrachtenladen Jahn-Markl (Salzburgs älteste Gerberei von 1408) kommt in dem Viertel so einiges an Tradition zusammen.

Wir flüchten aus dem stärker werdenden Schneeregen ins Café Tomaselli. Wohlige Wärme und babylonisches Stimmengewirr empfangen uns in den nussbaumholzgetäfelten Salons, die an diesem Nachmittag bis auf die hinterste Nische besetzt sind. Einheimische blättern in Tageszeitungen oder paffen Zigarren in der oberen Etage. Touristen aus Europa, Amerika und Asien studieren Stadtpläne oder fotografieren sich vor dem Interieur aus Kristalllüstern, Stuckdecken und historischen Bildern. Schwarzweiß gedresste Kellner und Kuchendamen huschen zwischen den Marmortischen mit Silbertabletts hin und her, darauf Schlagoberskaffeekreationen und mannigfaltige Mehlspeisen – Apfelstrudel, Cremeschnitten, Butterteigkipferl. Spezialitäten des Hauses sind die „Tomaselli Torte“, eine Walnusstorte im zarten Schokoladenmantel, „Tomaselliums Kaffee“, eine Mischung aus Mokka, Mozartlikör und Mandelsplittern, und ein Getränk namens „Mozarts Mandelmilch“, das schon der Komponist im Café Tomaselli genossen haben soll, nur dass das Kaffeehaus damals noch anders hieß.

Nach mehreren Einspännern, Melangen und Wassergläsern stehen wir wieder auf dem windigen Platz im Schneematsch. Am liebsten würden wir uns nun stracks ins Stammhaus der Café-Konditorei Fürst gegenüber begeben und die Hände an weitere Kaffeetassen halten. Angesichts der Schlange vor dem Eingang und der langen Liste, was wir in Salzburg noch alles anschauen wollen, geben wir diesem Verlangen allerdings erst am nächsten Tag nach.

Der Andrang bei der Feinbäckerei ist diesmal nicht weniger. Um zu den Caféräumen im oberen Stockwerk zu gelangen, muss man zunächst durch Massen von Mozartkugelkäufern mäandern. Zwar kann man sich in Salzburg an jeder zweiten Ecke mit dem weltberühmten Naschwerk eindecken. Doch die einzig wahre, nach dem Originalrezept von 1890 angefertigte Mozartkugel ist in der Stadt ausschließlich in den Fürst-Filialen am Alten Markt, am Ritzerbogen, in der Getreidegasse und am Mirabellplatz zu haben. Die echten Mozartkugeln lassen sich an der blausilbernen Verpackung identifizieren – und an einem Schönheitsfehler in der Schokoladenglasur, der ein Qualitätsmerkmal dafür ist, dass die Pralinen immer noch handgeschöpft werden. Und das geht im Schnelldurchlauf so: Der Kern aus Pistazienmarzipan wird auf ein Holzstäbchen gesteckt, mit Nougat umhüllt, in dunkle Kuvertüre getunkt, das Stäbchen entfernt und das Loch mit Schokolade versiegelt. Die industriell hergestellten Mozartkugeln hingegen sind ohne Makel, deutlich süßer als ihr Vorbild und in rotgoldene Folie gehüllt. Längst umfasst die Produktpalette von Fürst nicht mehr nur die Mozartkugel, sondern auch andere Konfektkompositionen wie den „Bach Würfel“ aus Kaffeetrüffel, Nusstrüffel und Marzipan oder den runden „Salzburger Schilling“, der mit mehreren Schichten aus Nougattrüffel spendabel auf das Kalorienkonto einzahlt. Energie für kalte Wintertage liefert auch das Gebäck aus der prall gefüllten Kuchenvitrine: Dobostorte, Esterhazytorte, Pariser Spitz und natürlich Apfelstrudel.

Auf der anderen Seite der Salzach geht es mit den Versuchungen gnadenlos weiter. Nimmt man den mit Liebesschlössern behängten, autofreien Makartsteg über den Fluss, dann kommt man geradewegs zum Grandhotel Sacher mit Café und Confiserie. Es kostet uns einige Überwindung, dem Anblick der schwarzbraunen Schokoladentorte zu widerstehen und auch auf all die anderen süßen Schmankerl von der Kaffeehauskarte zu verzichten: Salzburger Nockerln mit Himbeerobers, Kaiserschmarrn mit Zwetschkenkompott, Palatschinken mit Marillenmarmelade.

Noch stärker zieht es uns jedoch ins Café Bazar einige Meter weiter. Man hatte uns vorgeschwärmt, dass es dort zusätzlich zu ausgezeichneten Kaffee- und Kuchenköstlichkeiten auch eine großartige Aussicht auf die Altstadt geben würde. Das Café Bazar befindet sich direkt am Ufer der Salzach in einem Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, das einmal viele kleine Geschäfte unter einem Dach vereinte. Wie durch ein Wunder wird in dem Augenblick, als wir das bei Salzburgern, Touristen und Prominenten heiß begehrte Traditionskaffeehaus betreten, ein Tisch am Fenster frei. Und wirklich: Das Panorama, das vom Fluss über weiß gepuderte Türme und Dächer bis zur Festung Hohensalzburg reicht, ist bezaubernd. Vom dämmrigen Himmel schweben Schneeflocken hernieder. In den Fensterscheiben spiegelt sich das warme Licht der Lüster. Die Melange mundet uns noch mehr als in den anderen Kaffeehäusern.

Alles ist jetzt wieder dermaßen wintermärchenhaft, dass wir abermals der Illusion verfallen, in einer riesengroßen Salzburg-Schneekugel zu weilen. Der Blick auf die Titelseite der Oberösterreichischen Nachrichten, die im Café Bazar an den Holzständern neben vielen anderen regionalen und internationalen Zeitungen hängen, holt uns aus dem Heileweltgefühl auf den Boden der Tatsachen zurück. Wir lesen von Straßensperrungen, Verkehrsunfällen, Sondereinsätzen, Lawinenwarnungen und Prognosen, nach denen ein Ende der Schneefälle nicht in Sicht ist.

SALZBURG IM SCHNEEREGEN – DIE BESTEN TIPPS ZUM AUFWÄRMEN
Folgende Adressen und Aktivitäten taugen an eisigen Wintertagen zum Auftauen steif gefrorener Gliedmaßen …

… vorzüglich bis gut:

  • Buchhandlung Höllrigl: Die älteste Buchhandlung Österreichs ist bestens beheizt und bibliophilen Bibberlingen wärmstens zu empfehlen.
  • Café Bazar: In dem Traditionskaffeehaus kann man die Hände an delikaten Heißgetränken und das Herz am herrlichen Ausblick auf die Altstadt erwärmen.
  • Café-Konditorei Fürst: Das Café mit den einzig wahren Mozartkugeln hält vielerlei Kalorienbomben bereit, um den Energiehaushalt für Minustemperaturen zu präparieren.
  • Café Tomaselli: In dem ältesten Kaffeehaus der Stadt heizen allein schon die Gästemassen. Spezialitäten wie „Mozarts Mandelmilch“ spenden zusätzliche Wärme.
  • Sporer Likör- & Punschmanufaktur: In dem Laden geht ständig die Tür auf und zu, doch Gedränge und hochprozentige Heißgetränke sorgen für knuffige Wärme.

… mittelmäßig:

  • Alte Residenz: Beim Rundgang durch den erzbischöflichen Palast gerät man beim Staunen über den Prunk ständig ins Stocken und irgendwann auch ins Frösteln.
  • Dom, Franziskanerkirche, Kollegienkirche: Der Besuch der Gotteshäuser beschert Gänsehaut, was an den mäßig warmen Gewölben oder an all dem Prunk liegen mag.
  • Durchhäuser: Die Passagen in der Altstadt schirmen gegen eisigen Wind ab und bieten mitunter auch Aufwärmmöglichkeiten in Boutiquen, Galerien und Cafés.
  • Mozarts Geburts- und Wohnhaus: Die Wunderknabenwallfahrtsstätten sind eher dürftig beheizt, doch das Besucheraufkommen stellt einige Wärme bereit.
  • Salzburg Museum: Das moderne Museum kann zur Winterzeit recht kühl erscheinen: viel Weiß, viel Glas, viele Displays.

… schlecht bis gar nicht:

  • Festung Hohensalzburg: Die Festungsmuseen sind im Winter mäßig temperiert, auf der Außenanlage weht ein Eiswind.
  • Fiaker-Rundfahrt: Vorteil einer Kutschfahrt bei Schneematsch: die Füße bleiben trocken. Dafür dürfte man hernach ein Eisklotz sein (wir haben es allerdings nicht ausprobiert).
  • Salzburgs große Plätze: An Sommertagen mögen die denkmaldekorierten Plätze eine Wonne sein, im Winter können sie sich in trostlose Schneematschwüsten verwandeln.
  • Schloss Mirabell: In dem Lustschloss kann man sich lediglich im Marmorsaal aufwärmen – vorausgesetzt, es findet nicht gerade eine Trauung oder Tagung statt.
  • Spaziergang an der Salzach: Besonders linksseitig des Flusses ist die Aussicht wundervoll, aber gegen Schneeregen ist man an den Ufern vollkommen ungeschützt.

Und noch eine generelle Empfehlung: Wer vorhat, in vielen Sehenswürdigkeiten einzukehren, sollte die Salzburg Card erwerben. Da die einzelnen Tickets zum Teil recht teuer sind, rentiert sich die Touristenkarte schon nach wenigen Eintritten. Die Salzburg Card kostet 26 Euro für 24 Stunden, 34 Euro für 48 Stunden und 39 Euro für 72 Stunden.

6 Comments

  • Dem kann man nur zustimmen. Besonders gut gelungen sind auch die Aufwärmtipps am Ende!

    Aus eigener Erfahrung kann ich empfehlen, Salzburg nochmal bei wärmerem Wetter zu besuchen, auch wenn dann noch mehr los ist.

  • Hörte mir gerade einen alten Song von Lori Lieberman an, frühe 70-er. Bildnis in Renaissance-Pose. Dacht so, der Fall des Haars, die Brauen, Augen, Kinnpartie, Halsbau … guckste mal hier vorbei. Schau an, der Beruf, in dem man richtig gut ist – so ganz lässt es nicht los, oder? Das finde ich immerhin beruhigend.

    Wintereinbruch in Salzburg … Was Klima-Gretel, die Jeanne d’Arc der Müslireligiösen, wohl dazu sagen würde, rein aus Expertensicht… :-) Ist denn Schnee noch erlaubt? Vielleicht ein bisschen, falls auf Barock gerieselt.

    Mozartmobile sind übrigens Elektroautos mit Kleiner Nachtmusik als eingespieltem Motorgeräusch. Wenn so ein Mozartmobil mal ein Häufchen macht, so findet man hinten, zum Aufheben, eine ganz aparte Mozartkugel.

  • Viel Grund zur Beunruhigung. Denn die Mehrheit hat nicht eine einzige. Da ergibt sich nicht das Problem, dass es zu viele schöne Berufe für 60 bis 80 Jahre Leben gibt.
    Mir wurde verspätet bewusst, das gewählte Bild geht fehl. Einen Enddarm haben ja nur Mobile mit anständigem Otto- oder Dieselmotor. E-Mobile können weder CO2 für die Photosynthese furzen, noch Mozartkugeln legen. Da gibt es höchstens einen Kurzschluss an der Batterie – falls die Windmühle überhaupt etwas Strom an selbige geliefert hat.
    So eine Salzburg-Geschichte liest sich übrigens romantisch, wenn man nicht selbst die nassen, kalten Füße hat. ;-)

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