Afrika, Reportagen, Südafrika

Von der No-go-Area zum Ort des Lichts


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In Johannesburgs verrufener Innenstadt ist aus Industriebaracken ein Vorzeigeviertel mit Designstudios, Kunstgalerien und Wochenmarkt entstanden: Maboneng. Visionäre schwärmen von der Strahlkraft des Bezirks, Kritiker beklagen einen Spielplatz der Reichen auf Kosten der Armen.

Bheki Dube hält mit der Touristengruppe an der Kreuzung von Albrecht Street und Albertina Sisulu Road. „Eines der neuen Projekte in Maboneng“, sagt der Guide und weist auf einen siebenstöckigen Stapel eingerüsteter Schiffscontainer, die gerade in 101 Apartments samt Innenhof mit Swimmingpool, Sonnendeck, Fitnessraum und Restaurant umgewandelt werden. „Drivelines Studios“ nennt sich das Bauvorhaben nach den Plänen des New Yorker Architekturbüros LOT-EK. Noch in diesem Jahr soll die Übergabe an den Auftraggeber Propertuity erfolgen. Die Immobiliengesellschaft ist der Motor einer Metamorphose, die sich mit Hochgeschwindigkeit in Johannesburg vollzieht. Inmitten der viele Jahre gemiedenen Downtown hat sich ein hippes Viertel entwickelt. Propertuity taufte es Maboneng – ein Begriff aus der Sesotho-Sprache, der sich mit „Ort des Lichts“ übersetzen lässt.

Alles begann 2007 mit der Vision eines Mannes namens Jonathan Liebmann. Der damals 24-Jährige lebte in einer umgebauten Fabrik am Rande der südafrikanischen Metropole. Das Zentrum galt zu dieser Zeit mit einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt als No-go-Zone. Viele Einwohner und Unternehmen waren nach dem Ende der Apartheid in die nördlichen Vororte gezogen, nach Sandton oder Rosebank. Zurück blieben diejenigen, die sich das nicht leisten konnten. Touristen stiegen am Flughafen von Johannesburg schnurstracks zu anderen Destinationen im südlichen Afrika um oder fuhren auf Peripheriestraßen weiter in die umliegenden Provinzen. Auf einen Abstecher in die City verzichtete man lieber.

Das war die Lage, als Jonathan Liebmann einen kühnen Entschluss fasste: Er wollte die Innenstadt wiederbeleben. An der Fox Street erwarb der private Bauunternehmer mehrere leerstehende Lagerhallen und kreierte daraus die Keimzelle von Maboneng – „Arts on Main“, eine Kreativschmiede aus Galerien, Künstlerstudios und Restaurant. Bald darauf gründete Liebmann die Firma Propertuity, kaufte eine Industriebaracke nach der anderen auf und ließ sie von Architekten aus der ganzen Welt zu Wohnungen, Büroräumen und Einzelhandelsflächen umgestalten – stets mit der Vorgabe, möglichst wenig abzureißen, sondern bestehende Strukturen neu zu interpretieren. Propertuity bezeichnet die Vorgehensweise in dem Prospekt „Maboneng 2020 Vision“ als urbane Regeneration nach dem Vorbild von Bezirken wie Soho in New York und Shoreditch in London. Die Werbebroschüre zeigt beeindruckende Vorher-Nachher-Bilder von abgeschlossenen, laufenden und zukünftigen Bauprojekten – sanierte Fassaden, die mit bunten Malereien und Botschaften wie „Everything is going to be okay“ dekoriert sind, wo zuvor Rauputzgraueinerlei, bröckelnder Backstein und zerbrochene Scheiben waren.

Schon ein Drittel der 35 aufgekauften Gebäude hat das Immobilienunternehmen auf Vordermann gebracht. Ateliers, Restaurants, Cafés, Boutiquen und Buchläden zogen ein, kurzum alles, was es für ein In-Viertel braucht. Ein weltumspannendes Schlaraffenland ist Wirklichkeit geworden, das neben wohlhabenden Johannesburgern auch immer mehr Touristen anlockt. Um nur einen kleinen Vorgeschmack zu geben: „Lenin’s Vodka Bar“ kredenzt Craft-Cocktails aus mehr als 40 Wodkasorten, „The Blackanese“ verschmelzt afrikanische mit japanischer Küche, und „Che Argentine grill“ serviert hausgemachte Chorizo aus 100 Prozent Freilandhaltungsschweinebauch im Industrieschickambiente mit Show-Grill und unverputzten Wänden. Seit einigen Jahren hat Maboneng auch einen eigenen Wochenmarkt, den „Market on Main“, der sonntagvormittags unter den Olivenbäumen im Innenhof von „Arts on Main“ stattfindet – mit 40 Food- und Kunsthandwerkerständen, die Hipster-Herzen höher schlagen lassen dürften. Von Designbrillen aus Holz bis zu Yin-und-Yang-Naturkosmetik reicht das Spektrum, von äthiopischen bis zu venezolanischen Spezialitäten, von koscheren Hotdogs bis zu Burgern mit Straußenfleisch, von Karottenküchlein über Litschi-Lutscher bis zu Rose-Himbeer-Limonade, alles garantiert antiindustriell.

Propertuity-Projekt: Aus alten Schiffscontainern entstehen Apartments.
Ob internationale Küche im Industrieschickambiente oder …
… Accessoires für die „Vinti Queen“: Maboneng bietet das ganze Spektrum.

Spaziert man durch die Straßen, kann man dem Glauben verfallen, Maboneng wäre irgendwie natürlich gewachsen. Tatsächlich ist aber nahezu die gesamte Infrastruktur eine Propertuity-Schöpfung: die Grünanlagen, die Straßenbeleuchtung und der Kleinbus-Shuttle „Mabo’go“, das Arthouse-Kino „The Bioscope“, das Theater „PopArt“ und das Boutique-Hotel „12 Decades“, ausgestaltet von angesagten südafrikanischen Designern. Selbst die Graffitis sind nicht einfach so entstanden, sondern Auftragsarbeiten von Street-Art-Künstlern. Mehr als 30 öffentliche Kunstwerke gibt es bereits in Maboneng. Weithin sichtbar ist ein Hochhaus mit einem 40 Meter hohen Wandbild von Nelson Mandela in Boxerpose, darunter wurde ein Trimm-dich-Park installiert. Hin und wieder sieht man Wachleute an den Ecken. Propertuity hat sie engagiert.

Denn dort, wo der „Ort des Lichts“ endet, beginnen die Schatten – heruntergekommene Straßenblocks, in denen ärmlich gekleidete Menschen vor den Häusern stehen. Viele haben sich illegal in den brachliegenden Büro- und Fabrikgebäuden einquartiert. Und so wird die Erfolgsgeschichte von Maboneng nicht nur von Beifall begleitet, sondern auch von Kritik: Von einer Insel der Gentrifizierung im Meer der Mittellosigkeit ist die Rede, von einem städtischen Spielplatz der Reichen auf Kosten der Armen. Während der Politik der Rassentrennung hatte man die schwarzen und farbigen Südafrikaner in die Randgebiete zwangsumgesiedelt, jetzt würden sie aus der Innenstadt vertrieben.

Auch heute noch ist die Einkommensverteilung in Südafrika so ungleich wie in kaum einem anderen Land der Welt – und nach wie vor spielt die Hautfarbe dabei eine Rolle. In den Cafés und Lokalen von Maboneng trifft man an diesem Samstag fast nur Weiße an, von der Bedienung einmal abgesehen. Die Gegend bietet der Johannesburger Gesellschaft Amüsement in vergleichsweise sicherem Rahmen. Man kommt nach Maboneng, um Geburtstage zu feiern, Geschäftserfolge oder das Leben im Allgemeinen. Irgendetwas ist in dem Viertel immer los: Lauftreffen, Fahrradtouren, Schauspielworkshops, Jazzsessions, Tangoabende, Craft-Beer-Festivals, Barbecue auf Hoteldächern, Nachtmärkte mit DJ-Sound.

Street Art als Teil des Konzepts: Die Wandmalereien …
… stammen von angeheuerten Künstlern.
Schon mehr als 30 öffentliche Kunstwerke gibt es in Maboneng, darunter auch …
… ein Wandbild des Kapstadt-Planers Jan van Riebeeck und …
… eines von Nelson Mandela in der bekannten Boxerpose.

Doch was wäre das alles ohne Ausnahmekarrieren. Die von Bheki Dube ist so eine, denn der dunkelhäutige Johannesburger ist weit mehr als ein Touristenführer. Nach seiner Ausbildung zum Fotografen reiste er durch Südafrika und Europa, machte Bilder von Hostels und sammelte Ideen, kam dann mit Jonathan Liebmann in Kontakt und gründete mit dessen Unterstützung vor vier Jahren sein eigenes Unternehmen: Curiocity Backpackers, ein Hostel in einer ehemaligen Druckerei an der Maboneng-Hauptschlagader Fox Street, günstige Doppel- und Mehrbettzimmer, Gemeinschaftsküche und Bar. 55 Rand (3,60 Euro) kostet der „Curious in the City“-Cocktail. Mittlerweile gehören auch der Tourenanbieter Main Street Walks und ein zweites Hostel in Durban zu Bheki Dubes Business. Es sei wichtig, Eigeninitiative zu ergreifen, meint der 25-Jährige. „Die Frage ist nicht, wer dich lässt, sondern wer dich aufhält“, lautet einer seiner Leitsätze. Der Unternehmer ist überzeugt, dass von Maboneng ein positiver Effekt für ganz Johannesburg ausgeht.

Das Trendviertel expandiert vor allem in den Norden von Jeppestown, wie der Distrikt eigentlich heißt. Bheki Dube zeigt den Touristen das „Hallmark House“, ein Prestigeobjekt von Propertuity in der Siemert Road. In den siebziger Jahren wurden in dem 17-stöckigen Hochhaus Diamanten poliert, heute ist es ein Hybrid aus Jazzbar, Café, Hotel, Apartments und Rooftop-Spa. Eine andere multifunktionale Einrichtung eröffnete vor einem Jahr in der Commissioner Street. Hier haben die Immobilienentwickler das einstige Hotel „Cosmopolitan“ zu einer Kombination aus Galerie, Ateliers, Shops und Bar umgemodelt. Nun arbeiten in dem viktorianischen Gemäuer von 1899 Modedesigner und Künstler Tür an Tür. Über knarzende Dielen erreicht man den Skulpturengarten im Hinterhof.

Unter einer „MABONENG“-Buchstabengirlande geht es weiter zur nächsten Propertuity-Erfindung auf der anderen Straßenseite, dem Museum of African Design in einer Fabrikhalle aus den dreißiger Jahren. Gerade läuft die Ausstellung „Unfinished City“, in der die Maboneng-Macher ihr Werk mit Fotos und Filmen dokumentieren. Nach einem Abriss der Geschichte von Johannesburg – die Millionenmetropole ist aus einer 1886 gegründeten Goldgräberzeltsiedlung hervorgegangen und heute flächenmäßig größer als London, New York und Sydney – gelangt man durch minimalistische Arrangements aus Bauschutt und Spitzhacken zu großformatigen Bildern von Propertuity-Projekten und schließlich zu Tafeln mit der „2020 Vision“. Die Idee basiert auf einem ganzheitlichen Ansatz – einem, der kulturelle, soziale, ökologische und ökonomische Aspekte nachhaltig in Einklang bringt. Die Menschen sollen nicht nur zum Arbeiten, Shoppen und Schlemmen nach Maboneng kommen, sie sollen auch hier leben. Nach Jonathan Liebmanns Plänen könnte die Gemeinde innerhalb der nächsten drei Jahre auf 20.000 Einwohner anwachsen. Die Hälfte davon soll dann in Häusern wohnen, die seine Firma entwickelt hat.

SCHLEMMEN, SHOPPEN UND ÜBERNACHTEN IN MABONENG
Die Website http://www.mabonengprecinct.com/ informiert über die Gastronomie, Geschäfte, Übernachtungsmöglichkeiten und Veranstaltungen in Maboneng.

Bheki Dube eröffnete …
… vor vier Jahren das Hostel Curiocity, …
… das auch Fahrradtouren durch Johannesburg organisiert.
Ehemals das Hotel „Cosmopolitan“, heute Galerie, Atelier und Bar
Ebenfalls eine Propertuity-Erfindung: das Museum of African Design
Die Ausstellung „Unfinished City“ liefert Fakten zu Johannesburg und …
… eröffnet einen Einblick in die „2020 Vision“.
Fotos: pa

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