Lieblingsunterkünfte, Weltweit

Ich will doch nur schlafen


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Hightechlichtsysteme, die sich nicht ausschalten lassen. Verspiegelte Zimmer, in denen man sich Blessuren einhandelt. Und immer wieder Kämpfe mit Decken, die allabendlich wie einbetoniert unter der Matratze stecken: Warum bloß stellen so viele Hotels Form über Funktion? Von kleinen und größeren Gefechten in Anti-Lieblingsunterkünften rund um den Globus.

Mag sein, dass ich eine Design-Banausin bin, eine Pragmatikerin und Pedantin obendrein. Aber ein Hotel hat für mich in erster Linie jene Funktion: den Rahmen für eine angenehme Nachtruhe zu schaffen. Schon deswegen, weil mit den vielen Eindrücken auf Reisen der Schlafbedarf steigt. Wenn ich nicht ausgeschlafen bin, fühle ich mich wie ein Teigling, der vorzeitig aus dem Backofen geholt wird – zu bleich und weich, um neue Taten zu vollbringen, unfertig eben.

Dabei braucht es für einen erquickenden Schlummer gar nicht viel: Stille, Dunkelheit und eine Matratze, die weder Holzbrett noch Hängematte mit arthritischen Sprungfedern ist, sondern irgendetwas dazwischen. Außerdem förderlich sind Klimaanlagen, die darauf abgestimmt sind, dass in dem Zimmer ein menschliches Wesen nächtigen soll und kein Tiefkühlhähnchen – und man am nächsten Morgen auch nicht als solches schockgefrostet mit Gänsehaut zwischen den Laken liegen will. Doch genau hier beginnen ja schon die Dissonanzen zwischen Wunsch und Wirklichkeit.

Es macht mir nichts aus, wenn eine Herberge spartanisch ausgestattet ist und bestenfalls den Charme eines in die Jahre gekommenen Landschulheims besitzt. Ich störe mich auch nicht an Hotels, die gewalttätig mit Kitsch oder Kunst oder beidem vollgestopft sind und keinerlei Furcht zu haben scheinen, mit ihren Stilexperimenten eine Apokalypse allen ästhetischen Feingefühls heraufzubeschwören. Ich möchte weder über zellenkleine Zimmer klagen noch über mottenkugelmuffige Zudecken, ja nicht einmal über die manchmal sinn- und zweckbefreite Anordnung von Möbelstücken mit der Garantie zum blaue Flecken holen. Nein, das sind alles Fragen des Geschmacks und auch des Geldes, das man in sein Nachtquartier zu investieren bereit oder in der Lage ist. Nichts davon ficht mich ernsthaft an, solange ich friedlich schlafen kann.

Die Chance darauf steigt mit dem Zimmerpreis, ist aber niemals gesichert. Obwohl ich keine Luxusurlauberin bin, weil diese Form des Reisens weder mit meiner Gesinnung noch mit meiner Gehaltsklasse harmoniert, habe ich auf Dienstreisen dann und wann in piekfeinen Touristentempeln logiert – in Schlafgemächern mit bezaubernden Baldachinbetten, auf denen sich kolossale Kissengebirge erhoben, und Bädern mit opulenten Dusch- und Düsenlandschaften. Meist verfügten die Zimmer auch über komplexe Klima-, Licht- und Entertainment-Systeme, und genau die waren das Problem. Wie oft ist es mir in den Nobelhotels von Amerika bis Asien nicht gelungen, die zum Schlafen dringend benötigte Dunkelheit herzustellen, nachdem ich alle erdenklichen Schalterkombinationen durchdekliniert und vergeblich nach einem Masterschalter gefahndet hatte. Wie oft musste ich dann Stecker ziehen, Glühbirnen losschrauben oder Lichtquellen mit Handtüchern oder Kleidungsstücken verhängen.

Ich habe es nicht gezählt, aber das Ritz-Carlton Hotel am Rande der Autostadt in Wolfsburg war darunter. Die Zimmer verfügten über so genannte „Multi Media Switch Boards“, mit denen man das ganze Wunderwerk der Technik vom Bett aus steuern konnte – Beleuchtung, Jalousien, die Entertainment-Anlage. Und als ich so mit der Apparatur in den flauschigen Kissen lag, fühlte ich mich wie eine allmächtige Königin auf dem Thron des Fortschritts, mindestens aber wie die Pilotin eines Riesenflugzeugs, und es hätte mich nicht gewundert, wenn ich irgendwo auch noch einen Knopf zum Öffnen der Fensterfront entdeckt hätte – nebst einem Hebel, um an dem Bett zwei Flügel auszufahren und geradewegs über die Türme der Autostadt hinaus in den Sternenhimmel zu sausen. Entdeckte ich aber nicht. Genauso wenig wie die richtige Schalterkombination zum Löschen aller Lichter.

In puritanischen Unterkünften ohne neumodischen Schnickschnack ergaben sich andere Hindernisse auf dem Weg ins Reich der Träume. Gelegentlich drohte Schlaflosigkeit, weil die Zimmer nur mit Ziervorhängen versehen waren, was besonders dann zum Nachteil geriert, wenn sich das Hotel in der finnischen Wildnis befindet und der Sommer kurz vor seinem Höhepunkt, es also draußen gar nicht richtig dunkel wird. Alles Zurechtzupfen der siebzigerjahreorangen Zwergenvorhänge nützte nichts, woraufhin ich Wolldecken über den halb geöffneten Fenstern drapierte. Das brachte den gewünschten Dunkeleffekt, mir aber auch eine eindrucksvolle Anzahl an Mückenstichen, denn vor den Fenstern befanden sich keine Moskitonetze.

Wenn man sich in einem Design-Hotel einbucht, ist das gewissermaßen eine Einverständniserklärung, ungewöhnliche Interieurs in Kauf zu nehmen. Ja, man wünscht sich die Andersartigkeit sogar. Was man sich nicht wünscht, sind Komplikationen, die aus einer ungelenken Hierarchie von Form und Funktion erwachsen. Das kann schon damit anfangen, dass man gar nicht erst sein Zimmer findet, weil die Nummer beinahe unsichtbar in das Design integriert ist, und geht mit der Herausforderung weiter, den Mechanismus zum Öffnen der Tür zu enträtseln, also perfekt getarnte Schlitze oder Kontaktflächen für die Schlüsselkarte aufzuspüren.

Hat sich der Raum schließlich aufgetan, ist die Schlacht noch lange nicht gewonnen. Wiederholt entpuppten sich die Zimmer mit ihren schummrigen Illuminationen, gläsernen Zwischenwänden und Spiegeln über Spiegeln als so zweckmäßig wie eine Kreuzung aus Nachtclub und Spiegelkabinett. Mitunter erzeugte die Aufmachung eine solche Orientierungslosigkeit, dass ich mir sogar Blessuren zuzog – zum Beispiel eine Fußverletzung im Hillside Su in Antalya, was deshalb unerfreulich war, weil ich in der türkischen Touristenhochburg an einem Halbmarathon teilnehmen wollte.

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Blick in die Lobby des Design-Hotels …
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… Hillside Su in Antalya

Mag sein, dass ich ein totaler Tollpatsch bin, eine Techniknull und ein Sensibelchen außerdem. Man könnte sich schließlich mit Schlafbrillen und Ohrstöpseln von dem ganzen Unbill unabhängig machen, seinen eigenen, dunklen, stillen Kokon schaffen, ganz egal, wo auf der Welt man ist, nur weigert sich mein Fluchtinstinkt konsequent gegen diese Art der Abschottung – mal abgesehen davon, dass man mit Ohrstöpseln auch unchristlich frühe Weckrufe für die Abfahrt zum Flughafen wunderbar ignorieren kann. Alles schon passiert.

Ich möchte jetzt nicht noch zu den Auseinandersetzungen abschweifen, die ich in grotesk konstruierten Bädern führte – mit Armaturen, an denen sich das Wasser partout nicht von der Wanne auf die Dusche umstellen lassen wollte, ich also meine Haare, die lang und zahlreich sind, im Waschbecken oder unter dem Wannenhahn waschen musste, weil ich zeitlich auch nicht so aufgestellt war, noch klärende Gespräche mit der Rezeption zu führen oder eine Hotelfachkraft auf das Zimmer zu zitieren. Nein, ich will nicht von den Bädern berichten, die so konzipiert waren, dass man gar nicht anders konnte, als eine gigantische Sintflut zu hinterlassen.

Das alles ist überhaupt kein Drama, solange man selig schlafen kann. Nach einem erlebnisreichen Tag auf Reisen will man das umso mehr. Womöglich steckt einem auch noch der Jetlag in den Gliedern. Wenn es einen also mit aller Macht ins Bett zieht, um sich endlich zwischen den Decken auszustrecken, sollte man immer auch damit rechnen, dafür die allerletzten Kräfte mobilisieren zu müssen. Denn selbst wenn man schon alles den eigenen Neigungen entsprechend hergerichtet hatte, die Temperatur austariert war, die Beleuchtung unter Kontrolle und das Bett von Zierdecken befreit, sieht das Zimmer am Abend nicht selten so aus, als hätte jemand die Reset-Taste gedrückt – bisweilen sogar dann, wenn man die Herstellung des Urzustands mit dauerhaft aufgehängtem „Do not disturb“-Schild unbedingt verhindern wollte: Das Klima entspricht wieder dem einer Kühlkammer, alle Lichter leuchten, der Zierrat blockiert das Bett, und die Zudecke steckt wie einzementiert unter der Matratze, dass allenfalls eine Briefmarke dazwischen passen würde, aber kein müder Mensch. Und dann fängt man wieder von vorne an …

Tuerkei_Antalya_Hillside_Su_Aussicht
Hauptsache, man kann friedlich schlafen. Eine tolle Aussicht ist natürlich auch fein.
Fotos: pa

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