Bin ich eher der Profit- oder der Naturschutztyp?

Spazieren, reflektieren, diskutieren: Auf einem neuen Rundweg im Westwald von Darmstadt kann man seinen persönlichen „Waldtyp“ bestimmen und erfahren, was das über die eigene Einstellung zur Umwelt aussagt. Manche Testfragen sind nicht leicht zu beantworten. Genau das ist gewollt.

Knorrige Baumriesen, geheimnisvolle Lichtspiele und verschlungene Pfade durch eine märchenhafte Szenerie aus moosbedeckten Steinen, Farnen und Bächlein: Nichts dergleichen ist im Westwald von Darmstadt anzutreffen. Das rund 20 Quadratkilometer große Gebiet, das sich unmittelbar an die südhessische Stadt anschließt, repräsentiert das Gegenteil eines wildromantischen Waldes. Naturräumlich inmitten des Hessischen Rieds gelegen, ist der Westwald größtenteils eben. Schnurgerade Forstschneisen führen vorbei an Buchen mit lichten Kronen und hageren Kiefern, von denen manche bedenklich schwanken. Der Trockenstress der vergangenen Jahre ist den Bäumen deutlich anzusehen. Wegen des sandigen Bodens verkraftet der Westwald Dürreperioden ausgesprochen schlecht. Obendrein leidet die Vegetation unter den Folgen übermäßiger Grundwasserentnahme zur Trinkwassergewinnung und für industrielle Zwecke. Viele Bäume haben die Verbindung zum Grundwasser verloren. Als wäre das alles nicht schon Strapaze genug, ist das Areal zwischen Darmstadt, Griesheim und Weiterstadt auch noch von Autobahnen, Bundesstraßen und Eisenbahntrassen zerschnitten.

Nein, der Westwald ist wahrlich kein Ort, an dem man sich ungehindert der Illusion hingeben kann, das mit der Ausbeutung unseres Planeten und dem Klimawandel wäre alles nicht so schlimm. Im Waldzustandsbericht 2025 stellt die Stadt Darmstadt fest, dass lediglich 16 Prozent der Bäume im Westwald keine Schädigungen aufweisen. Mancherorts sind ganze Flächen abgestorben und verwandeln sich in heideartiges Offenland. Im Hochsommer, wenn die Wege stauben, Äste knacken und das Holz in der Hitze duftet, erinnert die Gegend an Wälder in südeuropäischen Gefilden.

Wo sonst, wenn nicht in einem derart geschundenen Stück Natur, wäre ein Walddenkpfad zum Austausch über Nutzungskonflikte besser platziert. Der neue Rundweg durch den Westwald wurde dieses Frühjahr eingeweiht und animiert zur Beschägtigung mit Themen wie Forstwirtschaft, Klima und Biodiversität. Auf der knapp drei Kilometer langen Strecke befinden sich zehn Infotafeln mit Fragen zur Bedeutung des Waldes: „Was soll mit Totholz im Wald passieren?“, lautet eine davon. Rausschaffen? Zur Seite räumen? Gar nichts machen? Verwerten oder vermodern lassen? Wer nun geneigt ist, unter den fünf möglichen Antworten die korrekte herauszufinden, ist auf der falschen Fährte. Denn es geht auf dem Walddenkpfad nicht darum, mit Patentlösungen aufzuklären und zu belehren. Vielmehr sollen die Stationen unterschiedliche Perspektiven sichtbar machen, Impulse zur Selbstreflexion geben und zur Meinungsbildung anregen. Diskutieren statt diktieren, ist hier die Grundidee.

Ginge es nach der 2012 gegründeten Westwaldallianz, einem Zusammenschluss von Bürgerinitiativen und Umweltschutzverbänden, dann wäre der Westwald längst als Bannwald ausgewiesen und damit radikal gegen menschliche Eingriffe geschützt. Die Stadt Darmstadt zeigt seit einigen Jahren Regenerationsbemühungen, indem sie in Teilen des Westwaldes auf Bewirtschaftung verzichtet und den alten Kiefernbestand durch einen neuen Mischwald ersetzen will. Für die wissenschaftliche Begleitung der Maßnahmen sorgt die Technische Universität Darmstadt, die auch an der Konzeption des Walddenkpfades beteiligt war. In Projekten wird die Resilienz des Waldes untersucht und wie sich klimaangepasste Baumarten durchsetzen.

Welche Haltung zum Wald man selbst einnimmt, kann man auf dem Walddenkpfad anhand der Antworten und den dazugehörigen Symbolen ermitteln. Vertritt man eher eine ökonomische oder eine ökologische Position? Verbindet man mit dem Wald hauptsächlich eigene Bedürfnisse oder das Wohl der Allgemeinheit? Ist man also mehr der Profit-, Aktivitäts-, Erholungs-, Ressourcen- oder Naturschutztyp? Am Ende des Rundwegs kommt die Auflösung des Persönlichkeitstests – und die Erkenntnis: Jedem „Waldtyp“ geraten über den eigenen Standpunkt andere wichtige Aspekte aus dem Blick. So einfach ist das alles leider nicht.

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