Europa, Reportagen, Schweiz

Flammen von vorne, Frost von hinten


Schlagwort: , , , , .

Jedes Jahr zum „Chienbäse“-Umzug ist in Liestal die Hölle los. Bei dem Fasnachtsbrauch zur Vertreibung des Winters rollen lichterloh brennende Wagen durch das ansonsten eher beschauliche Städtchen im Kanton Basel-Landschaft. Zuschauer sollten sich in dicke Mäntel mummeln.

Mit Ach und Krach zwängen wir uns am Hauptbahnhof von Basel in den Zug nach Liestal. Pendler, Fasnächtler, Touristen − alle wollen in dieselbe Richtung. Es ist später Nachmittag, aber nicht irgendeiner. Wir schreiben den 14. Februar 2016. Heute Nacht um vier Uhr startet mit dem Morgenstreich die Basler Fasnacht. Für drei Tage gehört die Stadt dann den trommelnden, pfeifenden und posaunenden Cliquen, den Laternenträgern, Konfettiwerfern und Schnitzelbanksängern. Deshalb sind wir nach Basel gekommen. Nur wie bringt man die Zeit davor am besten rum? Uns bleiben noch fast zwölf Stunden. Ins Hotelbett kuscheln ist eine verführerische Option. Ein wenig Ausruhen vor dem Feiermarathon. Oder man entscheidet sich für die gegenteilige Strategie: Vorglühen. Dafür bietet sich ein Abstecher nach Liestal an. Einen mystischen Umzug mit funkensprühenden Feuerbesen und lodernden Wagen soll es dort geben.

Nach einer Viertelstunde sind wir da. Einige Pendler, mehrere Fasnächtler und viele Touristen steigen mit uns aus. Konfetti, erst als dünne Spur, dann als Teppich, dann als zentimeterhoher kunterbunter Matsch mit Bierdosen, Schnapsflaschen und Handzetteln, weist den Weg ins Zentrum des 14.000-Einwohner-Städtchens. Hier muss schon mächtig was los gewesen sein. Doch wo sind die Fasnächtler jetzt? Da, in einer Seitenstraße. Eine Clique hat ihre Masken – irgendetwas zwischen Büffel und Teufel – auf Trommeln und Blasinstrumenten abgelegt. Drei Schweinchen prosten sich zu. Zwei Feen huschen ums Eck. Dahinter wieder eine leere Gasse. Nein, nicht ganz. Ein Hase schaut auf sein Handy. Sind wir zu spät?

schweiz_fasnacht_liestal_konfetti2
Eine Konfettispur führt zum Epizentrum der Liestaler Fasnachtsaktivitäten.
schweiz_fasnacht_liestal_konfetti
Doch wo sind all die Fasnächtler hin? Ah, dort ein vereinzeltes Exemplar und …
schweiz_liestal_fasnacht_masken
… hier ein paar Masken und Instrumente.

Sind wir nicht. Liestal holt nur Luft. Für den Höhepunkt der örtlichen Fasnachtsaktivitäten, den traditionellen „Chienbäse“-Umzug am Sonntagabend vor dem Riesenremmidemmi in Basel. Aus der Umgebung, aus den Nachbarländern, ja sogar aus Asien kommen die Besucher nach Liestal. Zehntausende von Schaulustigen säumen jedes Jahr die Strecke von der Burgstraße bis hinunter zum Gestadedeckplatz. Wo postiert man sich da am besten? Wir nehmen die Rathausstraße in Augenschein. Dort kommt um 19.15 Uhr der Umzug durch das mittelalterliche Stadttor herein. Sicherlich ein schönes Szenario. Die bunt bemalte Fassade des Rathauses im Flammenschein. Nur wird es hier wahrscheinlich proppenvoll.

Autos und Traktoren schleppen die ersten Wagen herbei – Eisengestelle, meterhoch bepackt mit Holzscheiten. Auf manchen Holzbergen thronen Fasnächtler. Später werden sie die Wagen ziehen oder eine Chienbäse schultern. Das sind besenartige Fackeln, die in der Ausfertigung für männliche Erwachsene bis zu 100 Kilogramm wiegen. Frauen und Kinder binden sich kleinere Modelle. Die Herstellung ist eine eigene Kunst, sollen die Chienbäsen doch nicht nur ästhetischen Ansprüchen genügen, sondern ihren Vollbrand auch zum richtigen Zeitpunkt mitten in der Altstadt entwickeln. Das Material für die Fackeln – an die 30 Kubikmeter Föhrenscheite und gut 300 Stecken – spendiert die Bürgergemeinde.

Durchgefroren kehren wir in ein Café in der Rathausstraße ein und kommen mit zwei Liestalern ins Gespräch. Sie seien passionierte Umzugszuschauer, sagen sie. Wo denn der perfekte Standort sei, fragen wir. Weiter unten, antworten sie. Dort, wo die Rebgasse einen Knick macht. Gegen 18.30 Uhr brechen wir zusammen dorthin auf. Gutes Timing: Wir finden noch Plätze in der ersten Reihe. Es beginnt zu nieseln. Unsere Regenschirme liegen im Hotel. Der Wind hat nachgelassen, andernfalls hätte der Liestaler Feuerwehrkommandant das Spektakel schon abgeblasen. Die Temperaturen scheinen minütlich zu sinken. Als alles Hüpfen nichts mehr hilft und die Zähne gerade zu klappern anfangen, geht auf einmal die Straßenbeleuchtung aus. Auch die Anwohner haben die Lichter gelöscht. Die Gespräche verstummen. Wenige Minuten darauf tauchen kleine und große Laternen in der Finsternis auf, begleitet von Tambouren und dem Pfeifen der Piccoloflötenspieler – ein kleiner Vorgeschmack auf den Basler Morgenstreich.

schweiz_liestal_fasnacht_feuerumzug_vorbereitung
Vorbereitungen für den Chienbäse-Umzug, …
schweiz_liestal_fasnacht_umzug
… der mitten durch die Altstadt führt.
schweiz_liestal_fasnacht_warten
Warten auf den Start. Gleich geht die Straßenbeleuchtung aus.
schweiz_liestal_fasnacht_laternen
Laternen zum Auftakt – ein Vorgeschmack auf den Morgenstreich in Basel

Plötzlich erhellt ein oranges Flackern das Dunkel. Dann saust der erste Wagen um die Kurve und als prasselnder Feuerschweif an uns vorbei. Für einen Moment wird es höllisch heiß. Funken fliegen nach oben und in die Menge. Und das ist erst der Anfang. Denn die lichterloh brennenden Ungetüme werden größer und größer. Von hinten kriecht uns die Kälte in die Knochen, von vorne werden wir geröstet. Immer wieder raubt uns die Hitze den Atem, oft müssen wir die Arme vors Gesicht halten. Der beste Platz ist vielleicht doch nicht hier, sondern in den Bäumen, in die ein paar Kinder geklettert sind. Zwischen den „Füürwaage“ marschieren Scharen von Chienbäse-Schleppern, Männer, Frauen, Kinder. Sie sind mit Helmen, Nackenschutz und schweren Mänteln gegen die glimmenden Holzstücke geschützt, die von den Flammenkronen auf die Straße fallen. So hätten wir uns auch für das Inferno präparieren sollen. Für den Ernstfall stehen Feuerwehrleute bereit. Hin und wieder müssen sie einem erschöpften Facktelträger aufhelfen.

schweiz_liestal_fasnacht_feuerumzug5
Funkenflug von vorne, Frost von hinten: Am besten schützt man sich mit dicker Kleidung.
schweiz_liestal_fasnacht_feuerumzug_besen
Etwa 300 Chienbäsenträger zählt die Feuerparade jedes Jahr.
schweiz_liestal_fasnacht_feuerumzug
Größer und immer größer werden die …
schweiz_liestal_fasnacht_flammen
… lichterloh brennenden Ungetüme.
schweiz_liestal_fasnacht_feuerumzug2
Damit nichts schiefgeht, sind mehr als 100 Feuerwehrleute im Einsatz.
Fotos: pa

Die ganze Schinderei, das muss man wissen, dient einer guten Sache. Es geht um eine uralte Kulthandlung zur Vertreibung des Winters. Der Funkenregen der Feuerbesen symbolisiert die Kraft der Sonne, die schon bald die Macht der kalten Jahreszeit brechen wird. Als Vater des Liestaler Chienbäse-Umzugs wird ein gewisser Eugen Stutz gehandelt. Der Konditormeister aus der Kanonengasse hatte nach dem 1. Weltkrieg mit seinen Lehrlingen Fackeln gebastelt – aus dem harzreichen Föhrenholz, mit dem die Bäcker damals ihre Öfen beheizten. Möge der Feuerzauber möglichst schnell wirken, denken wir uns, als wir schlotternd zum Bahnhof laufen. Das Gratissouvenir – intensives Räuchermännchenodeur in der Kleidung – wird uns noch eine Weile an das Erlebnis erinnern.

IM FUNKENREGEN DER FEUERBESEN
Informationen zur Tradition, zur Route und zu den Sicherheitsbestimmungen des Liestaler Chienbäse-Umzugs bieten die Seiten des Fasnachtskomitees und der IG Chienbäse. Das Feuerspektakel findet zum nächsten Mal am 5. März 2017 um 19.15 Uhr statt. Die Basler Fasnacht beginnt entsprechend in der darauffolgenden Nacht. Einen Rückblick gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=FWPzTkqtd9k

2 Comments

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s