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Alles, nur kein Einhorn bitte!


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Leerstehende Häuser, altmodische Cafés und Menschen mit Gehhilfen: Bad Meinberg im Nordosten von Nordrhein-Westfalen ist ein Kurkaff mit Endstationflair. Doch genau hier kann man sich auf Reisen begeben, die weit über irdische Grenzen hinausgehen – in Europas größter Yogagemeinschaft Yoga Vidya. Ein Aufenthalt mit Chakrameditation, Fantasiereisen und Verehrungsritualen hinduistischer Gottheiten.

Vor mir liegt eine leuchtend weiße, unendlich erscheinende Wolkenlandschaft. Berge, Wälder und Seen aus Wolken, am Horizont ein Schloss wie aus Watte. Ich wandele über das Wolkenmeer, weich und warm fühlt es sich unter meinen bloßen Füßen an. Seltsam, dass ich nicht einsinke und zurück auf die Erde falle. Ich spaziere weiter durch diese friedvolle Welt, begleitet von sphärischen Monochord-Klängen und dem elegischen Gesang der Schamanin Satyadevi, bis ich an einen Wolkenwald gelange. Und plötzlich steht es da: ein durchscheinendes, golden schimmerndes Einhorn. Es scharrt mit den Hufen und schüttelt die seidige Mähne.

Das darf doch nicht wahr sein! Ich war bereit gewesen, mir auf der Gedankenreise alles Mögliche vorzustellen, Götter und Engel sogar, denn wir sollten uns in den Himmel beamen. Nur einem Einhorn, diesem Evergreen der Esoterikszene, wollte ich unter gar keinen Umständen begegnen. Und überhaupt: Wie kommt meine Fantasie dazu, solchen Kitsch zu produzieren? Ich ignoriere das gehörnte Fabelwesen und schlage den Weg zum Wolkenschloss ein. In diesem Moment läutet Satyadevi mit einem Klangspiel. Die Reise ist zu Ende. Augen auf.

Es ist mein letzter Abend in der Yoga-Gemeinschaft Yoga Vidya in Bad Meinberg. Ich hatte noch wissen wollen, was es mit einer schamanischen Reise auf sich hat – ein Angebot, das allen Gästen des Zentrums offensteht. Der Raum, in dem ich mit einigen anderen Teilnehmern auf dem Boden liege, ist schummrig und mit süßlichem Räucherstäbchenduft geschwängert. Vor dem Altar mit Kerzen, Blumen und hinduistischen Götterfiguren sitzt Satyadevi, eine Schamanin wie aus dem Bilderbuch: braune Wallemähne, weibliche Ausstrahlung, Röntgenblick. Sie ist hier im Hause die Expertin für alles rund um Krafttiere, Schutzengel und Waldgeister, außerdem verheiratet mit Sukadev Volker Bretz, dem Gründer des gemeinnützigen Vereins Yoga Vidya.

Bad Meinberg am Rande des Teutoburger Waldes ist die Zentrale von Yoga Vidya, dem größten Ausbildungsapparat für Yoga-Lehrer in Europa. Rund 170 „Sevakas“, wie sich die Mitglieder der Gemeinschaft nennen, leben und arbeiten in dem Betonkomplex aus den siebziger Jahren, der alle Scheußlichkeiten jener Bauepoche kompromisslos erfüllt und zu den Boom-Zeiten des Staatsbades eine Kurklinik beherbergte.

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Ehemals Kurklinik, heute Deutschlands größtes Yogazentrum
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Innen ist aber alles schön bunt: Die Yoga- und Meditationsräume sind mit Murtis dekoriert, …
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… die Flure mit Yantras und …
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… Wandgemälden.

Sukadev konnten die Äußerlichkeiten nicht davon abschrecken, sich in Bad Meinberg seinen Hauptsitz einzurichten. Er bewohnt die oberste Etage der Chakra-Pyramide – ein Gebäude, das ihn wegen der sieben Stockwerke zu jener Bezeichnung inspirierte. Für den Standort sprach auch, dass der 4.000-Seelen-Ort mit den rückläufigen Kurgastzahlen in einen Dämmerschlaf verfallen war und dringend wirtschaftlicher Wiederbelebungsmaßnahmen bedurfte. Ohne diese Bedrängnis hätten sich vermutlich die wenigsten Gemeinden eine Horde von Yoga-Jüngern direkt vor die Tür geholt. So scheint es also für alle vorteilhaft auszugehen: Yoga Vidya bringt frischen Wind in das Kurkaff, und die Obersten vom Bürgermeister bis zum Landrat vom Kreis Lippe immunisieren den Ashram mit regelmäßigen Auftritten bei Yoga-Vidya-Veranstaltungen gegen das im Internet kursierende Gerücht, eine Sekte zu sein.

Sukadevs Mission, möglichst viel Yoga unters Volk zu bringen, liest sich als eine Erfolgsgeschichte. Laut dem Verein beläuft sich die Zahl der Dependancen bereits auf über 100, die Schar der Ausbildungsteilnehmer auf 25.000 und die Masse der Menschen, die nach dem Yoga-Vidya-System in der Tradition des indischen Yoga-Meisters Swami Sivananda praktizieren, auf über eine halbe Million. Allein in den 700 Betten in Bad Meinberg verzeichnet Yoga Vidya jährlich mehr als 85.000 Übernachtungen.

Die Werbung des Vereins ist keineswegs weltfremd: Von Facebook bis YouTube, wo Übungsanleitungen und Livestreams der samstäglichen Singabende zu finden sind, ist Yoga Vidya in allen angesagten Social-Media-Kanälen präsent. Außerdem werden ein Blog, eine Community und ein Yoga Wiki gepflegt – ein Lexikon von A wie Asana (Körperstellung) bis V wie Vishnu (der erhaltende Aspekt des Göttlichen im Hinduismus).

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Repräsentiert den erhaltenden Aspekt des Göttlichen im Hinduismus: Vishnu

Im Eintrag zu Sukadev ist dieses Zitat zu finden: „Ich glaube auch, dass Yoga dabei hilft, dass Menschen friedvoller werden können, so dass dieser Planet ein friedvollerer Planet werden kann.“ Yoga Vidya, was so viel wie „das Wissen vom Yoga“ bedeutet, soll eine Synthese aus Yoga-Spiritualität, humanistischer Psychologie, ayurvedischem Wissen und den Idealen westlicher Demokratie jenseits von Guru-Traditionen bilden. Sukadevs Vita in Stichpunkten: aufgewachsen in einer Unternehmerfamilie, BWL-Studium, Leiter von Yoga-Zentren in Europa und Nordamerika, Schüler von Vishnu-Devananda, einem Schüler von Sivananda, Mönchsgelübde, Aufgabe des Mönchseins, Indien-Reisen, Gründung eines Yoga-Zentrums in Frankfurt, Keimzelle der Yoga-Vidya-Bewegung.

Dass Yoga keine seichte Gymnastik für eingerostete Schreibtischarbeiter- und Seniorengelenke ist, sondern ernstzunehmende Leibesertüchtigung, wusste ich vor meiner Ankunft in Bad Meinberg. Doch irgendwie würde ich die Übungen schon hinbekommen, mit jeder Stunde ein bisschen besser. Sorge hatte mir allerdings die Frage bereitet, ob auch meine mentale und emotionale Elastizität ausreichen würde – für den Spagat zwischen meiner generellen Abneigung gegen jede Form von Esoterik-Hokuspokus und der konkreten Absicht, mich in den nächsten Tagen vollkommen wertungsfrei auf alles in dem Yoga-Kosmos einzulassen, einfach mal mitzuschwingen, um vielleicht einen tieferen Zugang zu der spirituell durchwirkten Welt finden.

Weil ich nicht blauäugig losfahren wollte, hatte ich im Internet recherchiert und dort allerlei wilde Geschichten gelesen, die meinen Bedenken zu maximaler Entfaltung verhalfen: Yoga Vidya sei sektenähnlich, eine Kommerzmaschine unter dem Deckmantel der Spiritualität und ein beinharter Drill für angehende Yoga-Lehrer mit egozerstörenden Maßnahmen wie Exerzitien bis zum Umfallen. Solange niemand zu irgendetwas gezwungen wird und alle glücklich erscheinen, begegne ich anderen Lebensweisen im Allgemeinen mit großer Offenheit. Probleme bekomme ich erst dann, wenn man mir intellektuelle Verhärtung, hedonistische Dumpfheit oder Egoverblendung attestiert, sollte ich meine Zweifel nicht bereitwillig über Bord werfen. Wie würde es in Bad Meinberg werden?

Am ersten Morgen starte ich um 9 Uhr mit der Yoga-Stunde für Anfänger im Raum Shanti Devi. Die Kursleiterin heißt Ingrid, eine betagte Dame mit Prinz-Eisenherz-Frisur so weiß wie ihre Kleidung. Gelenkig turnt sie den Sonnengruß vor, die Sprinter-Stellung sieht perfekt aus. „Ich bin alt und kann das trotzdem“, sagt Ingrid. Für jeden hier sei sie eine Ermunterung. Man müsse nur die drei „Ts“ beherzigen, um voranzukommen: „Tun, tun, tun.“ Mir sind die Entspannungsphasen zwischen den Übungen zu lang. Morgen vielleicht doch ein Mittelstufekurs?

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Jede Menge Equipment für Yoga-Stunden und Meditationen

Zum Brunch begebe ich mich in den Schweigespeisesaal, um den Menschenauflauf im großen Speisesaal zu umgehen. Manche meditieren noch kurz vor ihrem Essen und beginnen dann so bedächtig zu kauen, als hätten sie in ihrem Leben nichts anderes mehr vor als diesen einen Teller zu leeren. „Nimm dann Nahrung zu dir, wenn du durch das rechte Nasenloch atmest“, hatte ich auf einem Aushang mit Ratschlägen zum Essen gelesen.

Zweimal am Tag um 11 und 18 Uhr wird aufgetischt: ein vegetarisches Büfett mit stark veganer Tendenz, also keine Eier und kaum Milchprodukte. Jedes Mal sind warme Speisen im Angebot, außerdem Salat und eine Station mit Gewürzen, Samen und Kernen. Für eine Großküche schmackhaft und abwechslungsreich. Zwischendurch kann man sich an Teestationen und Brunnen laben, aus denen nicht irgendein Wasser fließt, sondern gereinigtes oder magnetisiertes mittels Umkehrosmose oder Gie-Wasseraktivator: „Er energisiert das Wasser durch kraftvolle, elektromagnetische Verwirbelung mit ununterbrochener Drehrichtungsänderung in Kombination mit intensiver mechanischer Verwirbelung ohne technischen Strom.“ Hui. Ich probiere mich durch die Wässerchen, spüre aber keinen Unterschied.

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Die richtige Nahrungsaufnahme ist bei Yoga Vidya eine Wissenschaft für sich.
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Brunnen mit verwirbeltem und magnetisiertem Wasser

Danach ist mir nach Normalität zumute. Ich spaziere durch den Ort. Tote Hose, wie sie toter nicht sein könnte. Geschlossene oder halb geschlossene Pensionen, Läden und Cafés. Der einzige Gast im Café am Kurpark ist eine Schaufensterpuppe mit schwarzem Hut. Ich passiere Senioren mit Rollatoren, den Strickladen „Andrea’s Glücksmasche“, den Frisörsalon „Ha(a)rmonie“ und den Esoterik-Shop „Baba Basar“, der sich mit Lektüren wie „Ich bin ich“ an den Interessen der Yoga-Vidya-Kundschaft orientiert. Aus dem eisgrauen Märzhimmel fallen Regentropfen. Ich flüchte mich ins Brunnencafé Förster. Silberhäupter dämmern vor Schwarzwälder Kirschtorte und Kaffee aus Kännchen.

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Der Kurpark von Bad Meinberg an einem tristen Tag Ende März
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Einziger Gast im Café am Kurpark: eine Schaufensterpuppe
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Mode bedeutet die Momentaufnahme von Wandel, …
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… hier scheint er eher keine großen Schritte zu machen.
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Der Feinkostladen steht leer.
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Auch dieser Bäcker singt nicht mehr.
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Dafür gibt es den „Baba Basar“ mit Esoterik-Lektüre.

Am Abend ist im Sivananda-Saal großer Satsang, ein buntes Programm mit Energiemeditation und Kirtan-Singen: Jaya Ganesha Jaya Ganesha, Jaya Ganesha Pahimaam, Shri Ganesha Shri Ganesha, Shri Ganesha Rakshamam … Sukadev referiert über die größten Hindernisse, die sich auf dem spirituellen Weg stellen können. Eine indische Doktorin namens Nalini Sahay erzählt die Geschichte von der Geburt des Affengottes Hanuman. Zum Abschluss wird geweihtes Obst verteilt.

Zweiter Morgen, Mittelstufekurs. Ich hocke im Fersensitz auf meinem Meditationskissen und warte darauf, dass sich mein Atem normalisiert. Wir haben Kapalabhati praktiziert, eine Übung des Pranayamas, bei der man die Luft stoßweise ausatmet, was sich wie eine hyperventilierende Dampflok anhört. Die Kursleiterin Marlen sagt, dass wir uns nun ein strahlendes, warmes Licht vorstellen sollen, das vom Bauchraum in die Wirbelsäule strömt und dort immer höher hinauf bis zur Stirn. Ich gebe mir alle Mühe, verspüre aber nur eines in meinem Leib: Leere. Hunger! Frühstück gibt’s erst in zwei Stunden.

Nachdem ich den Sonnengruß exerziert habe, den Kopfstand, den Schulterstand, die Kobra und den Drehsitz, die ganze zwölfteilige Yoga-Vidya-Grundreihe, registriere ich noch etwas anderes: Meine kalten Hände sind wunderbar warm geworden. Und beim abschließenden Om-Singen bringe ich das Mantra frisch und frei heraus, nicht mehr fiepsig wie am Anfang. Ooom, Ooom, Ooom, Ooom Shanti, Shanti, Shanti, Frieden, Frieden, Frieden.

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Omnipräsent sogar in den Toiletten: das Om-Zeichen

Om, lerne ich, steht für die Einheit aller Trinitäten: Schöpfung, Erhaltung und Zerstörung, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, physischer Körper, Astralkörper und Kausalkörper … Die Körper der Gäste und Mitarbeiter von Yoga Vidya sind Durchschnitt: alt und jung, männlich und weiblich, fein modelliert, aber auch ausgemergelt oder pyknisch mit der im fortgeschrittenen Stadium befindlichen Neigung zum Bauchansatz. Bei den Männern sind Bärte, Strickmützen und Pluderhosen beliebt, bei den Frauen bunte Lagen aus Nierenwärmern, Leggins, Strümpfen und Stulpen, was mehr nach Accessoires als nach funktionalem Zwiebelprinzip aussieht.

Was sind das für Menschen, die sich aus freien Stücken der Ashram-Hausordnung fügen: Schweigen bis morgens um 7:30 und abends ab 22:45 Uhr. Eine Yoga-Stunde und eine Meditation pro Tag. Kein Alkohol, kein Tabak, erst recht keine andere Drogen. Ich höre mich um und finde keinen gemeinsamen Nenner – zwischen den Freundinnen aus dem Rheinland, die hier ein Wellness-Wochenende verbringen, der Grafikdesignerin, die sich von ihrer leistungsorientierten Familie distanzieren will, dem Imker aus Südhessen, der immer nur zu ausgewählten Seminaren anreist, und den kunterbunten Biografien der Sevakas, die teilweise schon mehrere Jahre in Bad Meinberg weilen.

Neben den Yoga-Stunden, die manchmal auch von Harfen- und Klarinettenspiel begleitet werden, nehme ich so viel wie möglich vom Rahmenprogramm mit: kreatives Malen, Wanderungen und die Vorstellung des Buches „Ein Kurs in Wundern“, das dem Referenten Dirk zu neuer Glückseligkeit verholfen hat. Ich lasse mir in der Ayurveda-Oase die Wirkung von Stirngüssen, Nasenduschen und Kati-Basti-Rückenbehandlungen mit ölbefüllten Nestern aus Kichererbsenmehlteig erklären und nehme an einer Kung-Fu-Stunde von Eduard teil, die sich als Einzelunterricht erweist und ich deshalb zwischen einem der zehn Tierkampfstile wählen darf. Ich entscheide mich für den Tiger.

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Yoga-Stunde mit musikalischer Untermalung

In Vorträgen informiere ich mich über Mantras, Meditation und die Yoga-Vidya-Grundreihe. Yoga-Lehrer Narayan erklärt, dass die Asanas immer auf drei Ebenen wirkten: physisch, energetisch und geistig. Der Drehsitz beispielsweise verbessere die Stressresistenz für Situationen, „wenn einen das Leben mal so richtig verdreht“. Durch die Asanas-Abfolge würden alle sieben Chakren stimuliert – „die Hauptverkehrsknotenpunkte der Energieströme“, wie Narayan sagt. Eine richtig ausgeführte Übung sei „äußerlich fest und stabil, innerlich aber frei und leicht“. Klingt einleuchtend, was der schöne Mann doziert, in der Praxis hatte es bei mir aber noch nicht so ideal funktioniert. Meine Halswirbel schmerzen vom Schulterstand, meine Fußrücken vom Fersensitz.

Gleich hinter den Betonklötzen der Yogastadt beginnt das Silvatikum – ein Park mit 14 Waldlandschaften von den USA bis Japan. Nach einem Spaziergang ist der Kopf frei, um sich den vielen Aushängen in den Gängen zu widmen: den Schildern zum „Om-Büro“ und zur Lebensberatung „Jyotisha – vedische Astrologie“, den Flyern für „Geomantie als Erkenntnisweg“, „Sacred Dance – Tanzen mit der Kraft des Jahreskreises“ … Fragt man die Ashram-Mitglieder nach dem Sinn und Zweck von diesem oder jenem, was naheliegt, weil fast alles eine tiefere Bedeutung zu besitzen scheint, vom komplex verwirbelten Wasser bis zum geweihten Obst, erntet man manchmal nur ein Schulterzucken oder auch die Empfehlung, nicht alles zu analysieren, sondern es einfach geschehen zu lassen.

Das Yoga-Vidya-Zentrum ist vielleicht von allem ein bisschen: ein Mekka für Yoga-Anhänger, ein Biotop für Öko-Freaks, eine Aufladestation für Ausgebrannte, ein Hort für Erwachsene, eine Wohlfühlzone für Weltverbesserer, ein Schutzraum für Sensible, eine Villa Kunterbunt für Kreative, ein Kompass für Orientierungslose, ein Hafen für Schiffbrüchige und ein Kloster für diszipliniert Dienende, die nach Einswerdung mit dem Absoluten streben.

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Der Länderwaldpark Silvatikum lädt zu einer botanischen Reise um die Welt ein.
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Im Sinne der Nachhaltigkeit bezieht das Yogazentrum auch Strom von der Biogasanlage nebenan.

In der ganzen Zeit habe ich so gut wie keine telefonierenden, auf Telefonen herumwischenden oder mit Telefonen fotografierenden Leute gesehen. Ungewohnt und angenehm. Mir sind gelassene und achtsame Menschen begegnet. Ich konnte nach Herzenslust Yoga praktizieren, was mir nach der ersten Verschlimmbesserung sehr gutgetan hat. Ein schwieriges Unterfangen blieb das Mitschwingen, das sich oftmals als Gratwanderung zwischen Spiritualität und Esoterik gestaltete. Als ich mich auf den Rückweg begebe, fühle ich mich beschwingt: Weil ich abreise oder weil ich dagewesen bin? Wahrscheinlich ist es beides. Gut möglich, dass ich wiederkomme.

Die Schamanin Satyadevi hatte übrigens nach der Fantasiereise noch gefragt, ob denn jemandem von uns ein Einhorn begegnet sei. Ich entschied mich gegen ein Outing, schon weil sie sogleich für vertiefende Seminare zur Anrufung der Geschöpfe warb. Zum Glück gab es für die Einhorn-Erscheinung auch eine nüchterne Erklärung: Satyadevi hatte gesagt, dass wir über den Wolken verschiedene Wesen treffen könnten – Erzengel, Yoga-Meister oder eben auch Einhörner. Weil ich mir das Einhorn auf keinen Fall einbilden wollte, war genau das geschehen.

Bad_Meinberg_Yoga_Vidya_Zimmer
Fünf-Sterne-Luxus wird den Yoga-Vidya-Gästen nicht geboten, …
Bad_Meinberg_Yoga_Vidya_Infotafel
… stattdessen aber ein opulentes Programm an Kursen.
Fotos: pa

ZU GAST IN DEUTSCHLANDS YOGATOWN
Yoga Vidya in Bad Meinberg bietet Ausbildungen, Seminare und Ferienwochen an, man kann aber auch als Individualgast kommen (www.yoga-vidya.de). Für kleines Geld kann man im Schlafsaal oder auf dem Zeltplatz übernachten. Die Einzel- und Doppelzimmer sind ebenfalls nicht teuer. Die Gemeinde Horn-Bad Meinberg ist im Internet unter www.hornbadmeinberg.de zu finden. Die Tourismusorganisation des Teutoburger Waldes informiert unter www.vitalwanderwelt.de über Wanderwege und Wohlfühlorte.

 

18 Comments

  • super infotainment und lustmacher auf einen besuch in bad meinberg. wollte mir yoga vidya schon immer mal ansehen, nur nicht so weit fahren. jetzt denk ich aber, lohnt sich. gruss von einer “yoga-jüngerin” (du bist’s noch nicht geworden, oder??)

    • Hallo Katinka, mit deiner Frage liegst du schon richtig, aber eine Sache habe ich auf jeden Fall von YV mitgenommen: Im Gästehandbuch gibt es eine 30-minütige Übungsreihe, die ich nun ab und an probiere. Fühlt sich gut an – sogar auch diese Dampflok-Atmung (Kapalabhati). Schönen Frühlingsgruß!

  • Meine liebe Reisekorrespondentin,

    ich weiß nicht, welche Erfahrungen Sie im Leben und im Journalismus haben, aber Sie schreiben schieren Unfug und Schaden damit unserer Stadt. Bei Yoga Vidya handelt es sich im übrigen um eine sektenähnliche Organisation, die dort bleiben soll, wo sie ist, nämlich außerhalb unserer Stadt. Ich rate Ihnen ab sofort bei ähnlichen Reportagen mit den örtlichen Stadtmarketinggesellschaften Kontakt aufzunehmen. So wie Sie es in diesem Artikel praktiziert haben, kann das auch mal juristisch „ins Auge gehen“.

    Ihr Heinz aus Horn-Bad Meinberg

    • Lieber Heinz,

      danke für Ihren Beitrag. Ich gebe mir stets Mühe, keinen Unfug zu schreiben. Es wäre hilfreich, wenn Sie mir mitteilen würden, welche Stellen in meiner Reportage bei Ihnen Anstoß erregen.

      Beste Grüße,

      die reisekorrespondentin

      • Meine liebe Reisekorrespondentin,

        Anstoß oder besser Unmut erregen Sie dadurch, dass Sie hier einen sektenähnlichen Verein und dahinter agierende Personen als Heilsbringer für eine normale Stadt im ländlichen Raum identifizieren und dazu noch mit frei gedeuteten politischen Interessen verschiedener Mandatsträger verquicken, um so anscheinend Tatsachen schaffen zu wollen. Insbesondere die Passage, „Yoga Vidya bringt frischen Wind in das Kurkaff, und die Obersten vom Bürgermeister bis zum Landrat vom Kreis Lippe immunisieren den Ashram mit regelmäßigen Auftritten bei Yoga-Vidya-Veranstaltungen gegen das im Internet kursierende Gerücht, eine Sekte zu sein.“ halte ich für äußerst bedenklich. Eine Verquickung privatwirtschaftlicher Interessen insbesondere einer undemokratischen Organisation mit denen politischer Handlungsträger ist undemokratisch und unverantwortlich. Und eine Immunisierung als Versuch, eigene Anschauungen gegenüber rationalen Argumenten unangreifbar zu machen, zeigt doch schon, dass die Gerüchte einen Wahrheitsgehalt haben könnten. Und die politischen Handlungsträger tun gut daran, den wirtschaftlichen Gedanken in den Hintergrund zu verbannen, um wieder klar sehen und entscheiden zu können.
        Unser Schatz ist eine lange Gesundheitstradition, den sollten wir hüten und weiterentwickeln. Zur Zeit wird versucht, uns als Gesundheitsort zu entwickeln. Ein internationaler Ruf als Yoga-Ashram-Stadt ist hier kontraproduktiv und schädlich. Ich weiß nicht, wer diesen Beitrag initiiert hat. Diese Person oder Gruppe sollte sich jedoch hüten, so weiter zu agieren. Recherchieren Sie gründlich und korrekt, hören Sie dazu Primärquellen und redigieren Sie Ihren Text. Mit Pressefreiheit oder Ihrer Einschränkung hat dies nichts zu tun. Niemand wird aus unserer Stadt eine Yoga-Stadt machen, eher werden wir eine Mauer bauen.

        Heinz

      • Guten Tag lieber Heinz,

        der Schwerpunkt meiner Reportage liegt auf den Erfahrungen, die man bei einem Aufenthalt im Ashram von Yoga Vidya sammeln kann – und nicht auf dem Beleuchten von eventuell bestehenden Animositäten zwischen der Gemeinde und Yoga Vidya bzw. dem Entkräften von Gerüchten über die Yoga-Gemeinschaft (sicherlich auch ein Thema, aber eben nicht das meines Beitrages). Deshalb finden auch die offenbar existierenden Bestrebungen, Bad Meinberg zu einer Yoga-Stadt umzumodeln (http://www.yogastadt.de/bad-meinberg/, http://www.welt.de/print/wams/wirtschaft/article120484840/Retter-im-Lotussitz.html,
        http://www.lz.de/lippe/horn_bad_meinberg/7301906_Yogastadt-Bad-Meinberg-Initiative-setzt-sich-fuer-Namenszusatz-ein.html …), keinerlei Erwähnung.

        So handeln denn auch lediglich zwei Passagen von Bad Meinberg: Eine davon ist eine Momentaufnahme dessen, was man sehen kann, wenn man durch den Ort streift. Die andere Stelle, die Ihren Unmut erregt, bezieht sich auf die Flaute im klassischen Kurtourismus, auf die Gerüchte, die im Internet über Yoga Vidya zu finden sind, und auf O-Töne des Bürgermeisters und des Landrats bei Yoga-Vidya-Veranstaltungen, die man sich hier anhören kann: http://www.yoga-vidya.de/de/service/blog/yoga-vidya-keine-sekte/

        Der Beitrag wurde von keiner Gruppe initiiert. Dass Yoga Vidya ein „Heilsbringer“ ist, steht in meinem Text nicht – und könnte ich auch nicht beurteilen. Für die Entwicklung von Bad Meinberg als Gesundheitsort wünsche ich auf jeden Fall alles Gute. Und ich stimme Ihnen vollends zu: Die Schätze sind reichlich vorhanden!

        Es grüßt Sie
        die reisekorrespondentin

  • Auch ich stimme Heinz zu. Es ist unglaublich, wie man immer nur eine Seite betrachtet und diese dann als die eine wahre darstellt.
    Schlecht recherchiert und verantwortungslos gegenüber den Menschen, die hier leben und arbeiten.

  • Super!!!!!….es hatt noch keiner für mich so gut auf den Punkt gebracht. Und weil der Ort so ist wie er ist mag ich ihn so! :D

  • Die Yoga Vida Praktiken lesen sich z.T. fremdartig, der drohende Tonfall des Vorkommentators dagegen ernsthaft befremdlich, v.a. der letzte Satz „eher werden wir eine Mauer bauen“. Danke für den interessanten Bericht, kaum zu glauben, was dort hineingedeutet wird.

  • Herr Heinz, ja Sie können Yoga „kaufen“ – so wie jedes andere Produkt auch. Ob Sie es in der freien Wirtschaft oder bei einem gemeinnützigen Verein wie diesem tun, ist dabei egal. Sie müssen es aber auch nicht. Wenn Sie es denn tun, werden Sie die positiven Wirkungen auf Körper und Geist spüren. Yoga dient also sehr wohl auch der Gesundheitsförderung, so wie andere Gesundheitstraditionen auch. Welche Sie für sich nutzen bzw. befürworten, ist ganz Ihnen überlassen. Begriffe wie „sektenähnlich“ sind jedenfalls so passend wie „Mauern bauen“
    PS: Den Absatz „Das Yoga-Vidya-Zentrum ist vielleicht von allem ein bisschen…“ finde ich besonders treffend. Danke für Ihren Blick auf BM und Yoga Vidya.

  • Bin zum ersten Mal auf der Seite gelandet und begeistert, auch von anderen Reportagen und Fotoserien!! Zur Diskussion: Gibts denn in Bad Meinberg nicht genügend Platz für ne peacige Koexistenz von Yoga, Moorbädern & Co? Oder warum nicht miteinander kombinieren, bietet sich doch irgendwie an … auch als USP.

  • Schöner Bericht und so ehrlich – danke.
    Kleine Ergänzung: Die Biogasanlage liefert Wärme und verkauft den Strom selber. Eine schöne Win-Win-Sache von einer Gruppe zusammengeschlossener Bauern aus der Region. Das Yogazentrum hat eine ziemlich große Solaranlage auf dem Dach, deren Leistung über einer Schautafel beim Speisesaal abgelesen werden kann.
    Schön auch und meinen Respeckt, wie Sie Heinz sachlich begegnet sind – ohne Vorwürfe oder Abweisung. Hier habe ich eine gute Seite gefunden welche das Thema mit der Sekte sachlich erledigen dürfte: http://www.yoga-vidya.de/de/service/blog/yoga-vidya-keine-sekte/
    Das Neues auch Angst auslösen kann, ist bekannt. Immer mehr stehen posetiv zu Yoga Vidya und nutzen die sich bietende Chanse. Gemeinsam geht es halt besser.

    • Herzlichen Dank für die Ergänzungen, Vorschläge und Gedanken (auch für die, welche per E-Mail kamen)!

      Wenn ich mir etwas für den Ort wünschen könnte, dann wäre es, dass die offenbar auf verschiedenen „Seiten“ vorhandenden Energien in etwas Neuem aufgehen – Austausch statt Mauern. Nur leider ist mir die Wunschfee noch nicht erschienen. ;-)

      • Ja, bei einem „Mitteinander“ haben alle etwas davon.
        Und bei einem „Füreinander“ – nicht auszudenken :)

  • Interessanter Blog – Bevor man materielle Mauern einreißen kann, sollte man sich der ignoranten geistigen Mauern entledigen.

  • War interessant und unlangweilig zu lesen. Seltsam, dass es immer jemanden gibt, dem man auf den Schlips tritt, wenn man authentisch zu sein sich vornimmt. Das deutsche Kurwesen leidet, seit die Krankenkassen es da nur noch tröpfeln lassen – ist doch allgemein bekannt. Um so wichtiger, dass die Kurorte Alternativen – und neue Zielgruppen – finden. Mir persönlich gefielen übrigens auch die Hinweise auf die „tristen“ Momente. Mag sein, das ist so ein Faible für den „morbiden Charme“.

  • Immerhin…
    Der Ort könnte Agatha Christie vielleicht zu einem Krimi inspirieren. Sogar ein zentraler Konflikt wäre schon mal da..

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