Nie wieder will ich einen Rückflug verpassen, ohne auch nur im Geringsten …
… darauf eingestellt zu sein. Ich weilte mit einer Reisegruppe für einen Tag in Marrakesch, streifte durch die Gassen und über die Souks, schaute mir die Schlangenbeschwörer auf dem Gauklerplatz an, genoss das schöne Wetter und fühlte mich rundum sorglos. Bis ich dann, als wir uns für die Rückreise am Flughafen einfanden, plötzlich allein da stand. Die ganze Gruppe war wie vom Erdboden verschluckt. Wie konnte das passieren? Es hätte mich nicht sonderlich überrascht, wenn wir uns in der labyrinthischen Altstadt oder im Marktgewühl verloren hätten. Aber hier, in dieser überschaubaren, beinahe menschenleeren Halle? Ich war doch nur schnell Wasser kaufen gewesen. Und das Verrückteste daran: Keines der Displays zeigte meinen Rückflug nach Agadir an.
Der Rest war wie ein Film, in dem ich eine höchst undankbare Rolle abbekommen hatte. Ich verirrte mich in das internationale Terminal, in das mich die Kontrolleure mit meinem Inlandsflugschein gar nicht hätten reinlassen dürfen, und merkte es erst, als ich – mittlerweile einigermaßen beunruhigt über die Gesamtsituation – aus dem Fenster schaute und mit Schrecken beobachtete, wie meine Gruppe von einem ganz anderen Ausgang bereits übers Rollfeld zum Flieger marschierte.
Ich drehte auf der Stelle um und wollte zurück. Nichts da, sagten die Kontrolleure. Ich sei bereits ausgestempelt und aus Marokko ausgereist. Kostbare Minuten vergingen mit ergebnislosen Diskussionen in einem Kauderwelsch aus Französisch, Englisch und Arabisch. Dann beschloss ich, an dem Schalter einfach vorbeizurennen. Das erwies sich als eine hervorragende Idee. Es kamen gleich mehrere Sicherheitsbeauftragte auf mich zugeschossen, denen ich mein Problem erläutern konnte. Der Chef der Truppe sprach ein Machtwort mit den Kontrolleuren, und im Handumdrehen war ich wieder eingereist. Mein Flieger rollte zu diesem Zeitpunkt aber schon über die Startbahn.
Erst wollte ich ein paar Tränen vergießen, ließ es dann aber aus Gründen der Nutzlosigkeit bleiben und überlegte, was zu tun sei. Meine Geldkarten hatte ich im Hotel in Agadir gelassen, ebenso den Führerschein, sämtliche Reiseunterlagen und Kontaktdaten. Mein erster Gedanke, mit einem Mietwagen über Nacht zurück nach Agadir zu fahren, war also nicht zu realisieren. Kurz bevor mich die Verzweiflung handlungsunfähig zu machen drohte, begegnete ich einem Engel in Gestalt eines jungen Mannes. Er arbeitete für den großen deutschen Reiseveranstalter, mit dem ich hier war, und organisierte für die Gäste die Transfers vom Flughafen. Erst besorgte mir der junge Mann einen Kaffee und anschließend ein Auto mitsamt Chauffeur. Gegen zwei Uhr nachts erreichte ich Agadir. Keine Ahnung, wie die Geschichte ohne den Engel ausgegangen wäre.