Frankreich, Nie wieder

Wasserautoscooter ohne Karambolageschutz


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Nie wieder will ich mich in der Verdonschlucht im Kanu durch eine Armada aus …

… Tretbooten, Elektrobooten und anderen Kanus kämpfen. Denn das Getümmel durchkreuzt jeden Naturgenuss – und im Paddelboot hat man von allen Wasserfahrzeugen das mit Abstand höchste Kenterrisiko.

Schon bei der Anfahrt zu den Gorges du Verdon deuteten restlos überfüllte Parkplätze und Warteschlangen an den Verleihstationen darauf hin, dass man auf das Naturwunder im Südosten der Provence besser verzichten sollte. Doch zu magnetisch leuchtete der Fluss in der Julisonne – geradezu so, als hätte jemand unendlich verschwenderisch türkisfarbenen Badezusatz der Sorte „Traum der Karibik“ hineingegeben. Und zu sensationell hatten von den Höhenstraßen die senkrecht abfallenden Felsen ausgesehen, als dass ich nicht unbedingt erfahren musste, wie es ist, diese monumentale Kulisse als paddelndes Pünktchen zu durchqueren. Von den schwindelerregendsten Aussichtsplattformen direkt an der Canyonkante, die sich über die serpentinenreiche Straße zwischen Moustiers-Sainte-Marie und Castellane mit einer extra Schleife auf der nicht minder serpentinenreichen Ringstraße „Route des Crêtes“ erreichen lassen, wirkte der Verdon wie ein Rinnsal. Die Gänsegeier, die tief unten ihre Kreise zogen, erschienen wie Spatzen mit überdimensionalen Flügeln. Bis zum Horizont staffelten sich die Bergketten der Haute-Provence. Andauernd musste ich meine Fotokamera in den Panoramamodus stellen, um die Ausblicke auch nur annähernd einfangen zu können.

Erst hatte sich die Kanutour noch ganz angenehm angelassen. Vom Bootsverleih am elf Kilometer langen Lac de Sainte-Croix, der wie ein gigantisches Jadejuwel zwischen den Hügeln schimmerte, nahm ich Kurs auf den Eingang zur Verdonschlucht. Nur vereinzelt kamen mir andere Boote entgegen. In aller Ruhe konnte ich die Szenerie studieren: das glasklare Wasser des zweitgrößten Stausees Frankreichs, die schroffe Felsensilhouette vor einem Himmel mit Wattewölkchen und die Verdonschlucht, die von Ferne aussah, als hätte ein rasender Riese mit einer monströsen Axt in das Bergmassiv geschlagen.

In Wirklichkeit ist die Kluft das Kunstwerk eines gewaltigen Flusses, der nach der Gletscherschmelze im Quartär damit begann, sich sein Bett zu bahnen – durch eine zerklüftete Landschaft, die von einem Jahrmillionen währenden Kräftespiel der Natur aus Überflutungen, Trockenperioden und tektonischen Verschiebungen modelliert worden war. Auf seinem rund 170 Kilometer langen Weg von der Quelle in den französischen Seealpen bis zur Einmündung in die Durance hat sich der Verdon bis zu 700 Meter in den weichen Kalkstein hineingegraben. Die spektakulärsten Abgründe sind im Mittellauf des Flusses auf den 21 Kilometern zwischen Castellane und dem Lac de Sainte-Croix entstanden.

Auf diese Naturattraktion, die seit 1997 zum „Parc naturel régional du Verdon“ gehört, steuerte ich also weiter zu. Je näher die Schlucht rückte, desto mehr gewann ich den Eindruck, geradewegs in einen Freizeitpark zu paddeln und nicht in ein Landschaftsschutzgebiet. Immer dichter wurde das Geschwader aus Tretbooten, Elektrobooten und anderen Kanus, das mir aus Felsspalte entgegenkam. Und immer lauter schallte das Gejohle. Nachdem ich die Galetas-Brücke passiert hatte, hinter der die Steilwände zu einem etwa 40 Meter breiten Korridor zusammenrücken, nahm das Grauen seinen Lauf. Kreuz und quer kurvten die Boote auf dem Verdon hin und her – ähnlich wie beim Wasserautoscooter, nur dass die Fahrzeuge allesamt keine Gummireifen als Karambolageschutz besaßen und die Kampfarena kein gepolstertes Becken, sondern ein von Felsen flankierter Fluss war. Das multinationale Sprachengewirr entsprach dem Verkehrsverhalten. Franzosen, Italiener, Deutsche, Engländer, Asiaten und Amerikaner trudelten nach ihren eigenen Vorstellungen von Wasserverkehrsregeln durch den Canyon.

Ganz individuelle Interessen und immer wieder auch Boote prallten aufeinander. Manche Touristen schienen mangels Kontrolle über ihr Fahrzeug auf Kollisionskurs zu gehen, andere mutwillig. Manche chillten selbstvergessen auf ihren Booten und ließen sich treiben als wären sie irgendwo allein in der Südsee. Andere wollten den Wendekreis ihrer Boote bis zum Anschlag ausreizen und in Volten durch das felsige Nadelöhr kreiseln. Manche wollten Heldenvideos davon drehen, wie sie sich leichtsinnig bis todesmutig von Tretbooten oder Klippen in den Fluss stürzten. Andere wollten ihren Kindern das Kanufahren beibringen. Manche hatten Musik an Bord und Party im Sinn. Andere paddelten in Survivalmontur eisern vor sich hin, als hätten sie einen dringenden und gefahrreichen Expeditionsauftrag zu vollbringen, obwohl schon Anfang des 20. Jahrhunderts der Höhlenforscher Édouard Alfred Martel alles eingehend inspizierte und dokumentierte. Damals war der Verdon noch ein ungezähmter Fluss. Mittlerweile regulieren ihn mehrere Stauseen.

Mein naiver Wunsch war es gewesen, mich in stiller Bewunderung der Schönheit der Natur hinzugeben: mich von den bis zu 250 Meter hohen Steilwänden mit ihren höhlenartigen Auswaschungen und dem schon fast künstlichen Blaugrün des Verdons faszinieren zu lassen. Doch die Aufmerksamkeit darauf und nicht auf das Verkehrschaos zu richten, bedeutete das Risiko einzugehen, frontal, seitwärts, von hinten oder von mehreren Seiten gleichzeitig von einem anderen Wasserfahrzeug gerammt zu werden oder mit einem der Klippenspringer zu kollidieren.

Grundsätzlich wäre es keine Katastrophe gewesen, durch einen Rempler mit dem Kanu kopfüber zu kentern. Das Wasser des Alpenflusses war zwar nicht so badewannenwarm wie sein tropisches Türkis suggerierte. Bei den Hochsommertemperaturen würde man jedoch schnell wieder warm und die Kleidung trocken werden. Allerdings bangte ich um meinen Fotoapparat, der nicht wie alle anderen Wertgegenstände in der wasserdichten Kanutonne auf dem Boot festgezurrt war. Noch etwa eine halbe Stunde hätte man den Zickzackkurs durch den Rummel durchhalten müssen, um an den Wendepunkt zu gelangen. Dahinter begann eine Zone, die für den touristischen Bootsverkehr gesperrt war. Ich drehte schon vorher um.

Das Finale der Kanutour gestaltete sich umso wunderbarer. Nachdem ich einige hundert Meter über den Lac de Sainte-Croix gepaddelt war, erreichte ich eine nahezu menschenleere Badestelle. Der Blick auf den Stausee, der verführerisch wie ein penibel gepflegter Swimmingpool im XXL-Format dalag, war bezaubernd. Drumherum erhob sich majestätisch das Gebirge. Viel traumhafter kann es im Paradies auch nicht sein.

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