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Das duftende Gold von Dhofar


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Die alten Ägypter verwendeten ihn zum Mumifizieren, die Römer vertrieben damit üble Gerüche, und die Kirchen des Abendlandes schwängerten ihre Gotteshäuser mit seinem süßlichholzigen Duft: Über Jahrtausende war Weihrauch aus dem Süden von Oman ein Verkaufsschlager. Auch heute noch schweben an der Küste des Sultanats weißgraue Schwaden – zumindest dann, wenn Monsunzeit ist und alles im Nebel versinkt.

So also fühlt sich Monsun an: wie eine milde Sauna mit ultrazarter Erlebnisdusche. Wir stehen irgendwo in der Wüste von Dhofar, mittendrin im allerfeinsten Sprühregen, im feuchtwarmen Nebel mit Sichtweite unter 30 Metern. Zwischen Juni und September bestimmen die Ausläufer des asiatischen Südwestmonsuns das Klima in der Küstenregion von Oman. Der Monsun heißt hier „Charif“, was auch viel märchenhafter klingt und mit dem Tausendundeinenachtimage des Sultanats perfekt harmoniert.

Irgendwo dort im Dunst muss Salalah liegen, die Provinzstadt von Dhofar. Salalah, das bedeutet so viel wie „die Leuchtende“, doch wir sehen nichts als seidige Regenschleier und ein Stück Überlandstraße in der hellbraunen Geröllwüste. Das also ist der bevorzugte Lebensraum des Weihrauchbaums. Aber auch den sehen wir nicht. Genauso wenig wie Menschen oder Tiere. Oder doch: Plötzlich tritt aus dem Nebelvorhang ein Kamel hervor, schreitet mit wippendem Hals voran, schlabbert entspannt mit der Schnute. Dann entdecken wir noch ein Kamel und noch eins. In der Antike zogen die Wüstenschiffe schwer bepackt mit Weihrauch durch die Region. Das duftende Gold hatte Hochkonjunktur und musste zur Verschiffung an die Küsten befördert werden. Heute haben die Tiere andere Aufgaben. Sie sollen Milch spenden, Touristen tragen und bei Kamelrennen alles geben.

Oman Bus
Die Wüste von Dhofar während der Monsunzeit

Wir wollen mehr über die Geschichte des Weihrauchs wissen und fahren nach Khor Rori. Von dem einstmals wichtigen Umschlagplatz sind nur noch wenige Ruinen erhalten. Trotzdem gehören die Reste aus dem 3. Jahrhundert vor bis zum 5. Jahrhundert nach Christus zum Weltkulturerbe der Unesco. Erst als unser Guide Hassan, ein schlanker, graubärtiger Mann mit Turban, gestenreich von den glanzvollen Weihrauchzeiten zu erzählen beginnt, bekommen wir eine Ahnung davon, wie es damals gewesen sein muss, als die Schiffe mit dem begehrten Baumharz nach Asien und Afrika aufbrachen. Die Kirchen des Abendlandes wurden über die Weihrauchstraße beliefert, die durch den Jemen und Saudi-Arabien bis nach Damaskus und zum Mittelmeerhafen von Gaza führte.

Oman
Hassan erzählt von der Geschichte des Weihrauchlands.

Touristen aus Europa kommen nach Dhofar, weil sie das Weihrauchland erleben wollen, zum Sonnen und für Safaris ins Hinterland. In der Monsunzeit erblüht die Vegetation in den Bergen zu irischgrünen Landschaften. Die Temperaturen sinken auf unter 30 Grad. Bei den Nachbarn aus den Golfstaaten ist die Gegend zu diesem Zeitpunkt sehr beliebt. Sie suchen Zuflucht vor der erbarmungslosen Gluthitze des Sommers und setzen sich auch gerne mal zum Picknicken in den Sprühregen. Wenn Omans Hauptstadt Muscat schwitzt und ächzt, tauscht auch Sultan Qaboos seinen Regierungspalast gerne gegen seine Sommerresidenz in Salalah ein.

Der Sultan hat mit der Dhofar-Region touristisch noch viel vor. In der Umgebung von Salalah sind in den vergangenen Jahren mehrere neue Hotels entstanden, weitere Projekte liegen in den Schubladen. Allein zum Stadtgebiet gehören 15 Kilometer feiner Sandstrand, noch sind viele Plätze in erster Reihe vorhanden. Am Flughafen, dem zweitgrößten des Landes, laufen Ausbau- und Modernisierungsarbeiten. Bald soll dort auch der A380-Riesenvogel landen können. Nichtsdestotrotz will Sultan Qaboos den Fremdenverkehr nachhaltig entwickeln. Denn anders als der Nachbar Dubai, der sich mit künstlichen Inselwelten, ultraluxuriösen Hoteltürmen und Extravaganzen wie einer Skihalle im Wüstenglutofen als Land der Superlative positioniert, steht Oman für „authentisches Arabien“.

Am Strand von Mughsail, rund 20 Kilometer westlich von Salalah, appelliert das Tourismusministerium auf einem Schild, dass Besucher nur Erinnerungen mitnehmen und nichts außer Fußabdrücken hinterlassen mögen. Neben einer Höhle gibt es hier ein seltenes Naturschauspiel zu sehen: Blowholes, die im Rhythmus des Arabischen Meeres Wasser ausspucken. Meterhoch schäumt die Gischt gegen die grünbärtigen Felsen, drängt in Höhlen und schießt wie Walfontänen aus dem Boden.

Oman Salalah
Das Arabische Meer bei Mughsail

Den Weihrauchbaum haben wir immer noch nicht gesehen. Und wie sein Harz riecht, wenn es im Weihrauchbrenner kokelt, wissen wir auch noch nicht. Kurz hinter Khor Rori taucht unser Bus wieder in feine Nebelschwaden und Nieselregen ein. Wahrscheinlich liegt es an dem grauen Überzug, dass uns die dürren Wüstenlandschaften unheimlich trostlos, die Gräberfelder am Wegesrand entsetzlich gespenstisch und die heruntergekommenen Handelshäuser in der einstigen Weihrauchhochburg Mirbat schrecklich schaurig erscheinen. Von manchen der Lehmziegelbauten steht nur noch ein Stückchen Fassade mit Pyramidenzinnen, und auch das sieht so aus, als fehlte nur noch ein halbherziger Tritt bis zum Einsturz. Bei unserem Streifzug durch die geistergrauen Gassen, in denen uns mehr Ziegen als Menschen begegnen, fragen wir uns, ob es an Wohlstand oder Wertschätzung mangelt, dass niemand den Verfall verhindert.

Oman Grabfeld
Gespenstische Gräberfelder
Oman Mirbat
In Mirbat kreuzten mehr Ziegen als Menschen unseren Weg.
Oman Mirbat
Verfallene Häuser in Mirbat

Endlich, als wir an die Ausläufer des Dhofar-Gebirges gelangen, entdecken wir ihn. Er wurzelt im steinharten Boden, ist kleinwüchsig, knorrig und knorpelig: Boswellia sacra, der Weihrauchbaum. Wird seine papierne Rinde mit Schnitten verletzt, tritt eine milchige Flüssigkeit heraus. Einige Tage später wird das weiße Gold, das erst einmal an Marshmallow-Masse erinnert, abgeschabt. Schon die alten Ägypter verwendeten die Harztropfen, die sie auch als „Schweiß der Götter“ bezeichneten, zu kultischen Zwecken und als Heilmittel gegen Entzündungen. Bei den Römern wurde das Räucherwerk zur Huldigung von Göttern und Kaisern geschwenkt, aber auch zum Vertreiben unangenehmer Gerüche.

Die Omaner halten den Weihrauch für ein Multitalent, das sowohl die Gedächtnis- als auch die Lendenleistungen und überhaupt den gesamten Gesundheitszustand verbessert. Sie legen die Stücke über Nacht in Wasser ein und trinken die Flüssigkeit zum Frühstück. Und natürlich kommt Weihrauch vielerorts als Duftmittel zum Einsatz, zum Beispiel an der Dishdasha. Auch unser Guide Hassen trägt das knöchellange, nachthemdähnliche Gewand der Omaner, an dessen Halsausschnitt typischerweise eine parfümierte Quaste baumelt.

In der Dhofar-Region wurde der Duft des Weihrauchs über die viele Generationen perfektioniert. Auf dem Souk von Salalah ziehen uns Schwaden veredelter Räuchermischungen in die Nase: holzig, süßlich, ein Hauch zitronig. Es heißt, dass Myrrhe, Sandelholz und Blütenessenzen beigemischt sind, aber so genau weiß das keiner, denn die Rezeptur wird streng gehütet. Eine sorgsame Verschleierung vorausgesetzt, dürfen auf dem Markt auch Frauen handeln. In ihren nachtschwarzen Abayas sitzen sie zwischen bunten Tüchern, omanischem Silberschmuck, Weihrauchbrennern und honig- bis bernsteinfarbenem Weihrauch. Je heller die Bröckchen, desto höher der Preis. Auch das angeblich teuerste Parfüm der Welt gehört zum Souk-Sortiment: „Amouage“, erhältlich in den Noten süßlichschwer, schwersüßlich und schwerschwersüßlich. Betörend, beherrschend, benebelnd.

Oman Weihrauchladen
Weihrauchladen in Salalah
Fotos: pa

WEIHRAUCHSTRASSE UND WÜSTENSCHIFFE
Informationen zum Sultanat Oman hält das Fremdenverkehrsamt unter www.omantourism.de bereit.

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