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Die russische Primaballerina


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Schon zu Zeiten der Zaren brachten die Ballettschulen von Sankt Petersburg große Tänzer hervor. Kein Wunder, denn in der russischen Millionenmetropole paart sich Ebenmaß mit Eleganz, Präzision mit Ausdruckskraft, Erhabenheit mit Leichtigkeit. Eine Reise zu Prachtstraßen, Prunkbauten und Ballettschülerinnen.

Dascha hat die Arme vor dem Körper zu einem O geformt und einen entrückten Blick aufgesetzt. Ihre Füße stehen in Charly-Chaplin-Stellung, die Fersen dicht zusammen, die Spitzen zu den Seiten. Die Haut der jungen Russin ist fast so weiß wie Schnee und das Haar fast so schwarz wie Ebenholz. Dascha sieht aus wie ein kleines Schneewittchen beim Ballett. Nur lebt sie nicht irgendwo hinter den sieben Bergen, sondern in einer privaten Ballettakademie in Sankt Petersburg, zusammen mit 90 anderen Mädchen und Jungen.

Die Zwölfjährige will eine ganz große Ballerina werden. Dafür hat sie ihr Elternhaus in Zentralrussland gegen ein Dreibettzimmer eingetauscht, Nestwärme gegen die professionelle Obhut von Pädagogen und Psychologen, Dickmachersüßigkeiten gegen gesunde Ernährung. An sechs Tagen die Woche werden die jungen Tanztalente von morgens um neun bis abends um sechs unterrichtet: täglich eine Doppelstunde klassisches Ballett, außerdem modernes Ballett, historische Tänze, Hip-Hop und alle Fächer, die bei anderen Kindern auch auf dem Stundenplan stehen.

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Auf Daschas Stundenplan stehen jeden Tag zwei Stunden klassisches Ballett.

Sankt Petersburg gilt als Russlands Hauptstadt des Balletts. Bereits 1738 gründete Zarin Anna Iwanowna die weltberühmte Waganowa-Ballettakademie des Mariinski-Theaters. Dort erhielt auch Boris Eifman seine Tanzausbildung, der Leiter von Daschas Ballettschule. Später arbeitete der aus Sibirien stammende Künstler als Choreograph an der Waganowa-Ballettakademie, bis er mit einem eigenen Ensemble auf Tournee ging, in den letzten Jahren der Sowjetzeit auch jenseits des Eisernen Vorhangs. Seine Ballettschule, die erst im September eröffnet wurde, betrachtet der 67-Jährige als ein kulturelles, aber auch soziales Projekt. Die Stipendien werden an begabte Kinder aus ganz Russland vergeben, insbesondere an jene aus den ärmsten Familien.

Wenn man über den ewig langen Newski-Prospekt schlendert, die prächtigste aller Petersburger Prachtstraßen, gesäumt von aristokratischen Palästen in Pastellfarben, schnörkeligen Jugendstilfassaden, Edelfummelboutiquen und Feinkostläden, Kirchen und der langgezogenen Kasaner Kathedrale, dann wird bald klar, warum die Metropole so erfolgreiche Ballerinas und Ballerinos hervorbringt: Sankt Petersburg ist selbst eine elegante und wohlgeformte Tänzerin, die Primaballerina in Russlands Städte-Ensemble sozusagen.

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Die Kasaner Kathedrale am Newski-Prospekt

Von Peter dem Großen bei europäischen Baumeistern als Reißbrettstadt in Auftrag gegeben, ist das historische Zentrum bis zur letzten Brücke und hintersten Straße geometrisch durchkomponiert. Die Rossi-Straße dürfte Ebenmaßfetischisten besonders entzücken: Sie ist 220 Meter lang und 22 Meter breit. Die Gebäude rechts und links sind 22 Meter hoch und haben 2,20 Meter große Fenster. Ihre Gelenkigkeit stellt die Millionenstadt ebenfalls vielfach unter Beweis: Mit mehr als 500 Brücken vollführt sie Spagate über Kanäle und die Newa. Die wildesten Pirouetten dreht Sankt Petersburg während der Weißen Nächte im Sommer, wenn es kaum dunkel wird und nur das Leben im Hier und Jetzt zählt.

Wer Ballett mit stuckverzierten Sälen, altrosa Tüllröckchen und streng arrangierten Haarknoten verbindet, den wird die Eifman-Ballettschule überraschen. Auf der Petrograder Seite in einem der ältesten Viertel gelegen, noch hinter der Haseninsel mit der Peter-und-Paul-Festung, fällt das Gebäude schon von außen auf: Schlicht und zeitlos nimmt sich die weiße Fassade zwischen den angegrauten Häusern ringsum aus. Im glasüberdachten Entree führen helle Holztreppen zu den oberen Stockwerken, in denen sich ein Konferenzsaal, Wohntrakt und Tanzsäle befinden. Alle 14 Tanzräume sind mit modernster Video- und Tontechnik ausgestattet und in verschiedenen Farben gehalten, Flamingorosa, Himmelblau, Hallenbadtürkis, 12.000 Quadratmeter zum Beugen und Strecken, Hüpfen und Springen, Spagat üben und Pirouetten drehen.

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Entree der Eifman-Ballettschule

Heute am Sonntag ist es still in der Schule. Die meisten Kinder sind zu ihren Eltern nach Hause gefahren. Für Dascha ist der Weg zu weit. Ihre beste Freundin Anja, die aus der Nähe von Sankt Petersburg kommt, leistet ihr Gesellschaft. Die Mädchen vertreiben sich ihren freien Tag gerne mit Zeichentrickfilme schauen oder Ausflügen in Begleitung einer Erzieherin. Sie könnten auch im Schulschwimmbad planschen oder im Spielzimmer mit der Karaoke-Anlage herumalbern. Trotzdem sehnen sich die beiden manchmal nach ihren Familien. „Mir fehlt die Gemütlichkeit“, sagt Dascha. Die Freundinnen erklären jedoch, dass sie auf eigenen Wunsch in Sankt Petersburg sind. Beide haben schon früh ihre Leidenschaft fürs Ballet entdeckt und träumen nun von einer Karriere als Primaballerina im Ensemble von Eifman.

Obwohl die Petersburger Innenstadt schon mehr als 300 Jahre auf dem Buckel hat und schwere Schläge wie Revolutionen, Bürgerkriege und die Blockade der deutschen Wehrmacht verwinden musste, wirkt sie glatt und rosig. Denn zum Stadtjubiläum 2003 hat die Primaballerina frisches Wangenrot aufgelegt. Wladimir Putin, der aus Sankt Petersburg stammt, bescherte der Stadt die finanziellen Mittel für das neue Make-up. Und weil der Kremlchef seinen Liebling weiterhin großzügig bedenkt, können weitere Verschönerungs- und Modernisierungsmaßnahmen vorgenommen werden. Der Volksmund hat bereits einen neuen Spitznamen für Petersburg kreiert: Putinburg.

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Polierte Sehenswürdigkeiten: die Isaakskathedrale mit dem Denkmal von Zar Nikolaus I.

Wer an der Eifman-Schule aufgenommen werden will, muss sowohl Talent als auch Ausstrahlung und Schönheit mitbringen. Damit die Eleven rank und schlank bleiben, kommt in der Schulküche ausgewogene Spezialkost auf den Tisch: wenig Fett, wenig Zucker, dafür jede Menge gesunde Energielieferanten, denn durch die viele Bewegung ist der Grundumsatz der Kinder hoch. Ein Arzt hat ein Auge darauf, dass die kleinen Grazien nicht magersüchtig werden oder sonstigen Schaden nehmen.

Dascha und Anja wirken wie zwei durchtrainierte Elfen – blass und zart, aber nicht dürr. Sie tragen die Kleidung der Eifman-Schule, einen grauen Jogging-Anzug, schwarze Schühchen mit weichen Sohlen und ein schwarzes T-Shirt mit dem Namen des Schulsponsors Grishko, einem Hersteller von Ballettkleidung. Sollte sich im Laufe der Jahre herausstellen, dass die tänzerische Begabung der Mädchen für eine Ballettlaufbahn nicht ausreicht, können sie auch einen anderen Beruf ergreifen, denn nach der elften Klasse haben sie einen vollwertigen Schulabschluss in der Tasche.

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Zwei sportliche Elfen: Dascha und ihre Zimmergenossin Anja

Bei Heimweh oder anderem Kummer steht den Kindern ein Schulpsychologe zur Verfügung. Und für Wünsche hängen auf den Fluren kleine Briefkästen. Dascha und Anja haben auf ihren Zettel geschrieben, dass sie zu Weihnachten gerne einen Weihnachtsbaum hätten.

IN DIE RUSSISCHE HAUPTSTADT DES BALLETTS
Weitere Informationen zu Sankt Petersburg gibt es auf der Seite des städtischen Tourismusamts unter www.visit-petersburg.ru. Zum Programm des Eifman-Balletts geht es hier: www.eifmanballet.ru.

2 Comments

  • Schöner Bericht und ein gelungener Vergleich – St. Petersburg, die Primaballerina. Wurde das erste Foto eigentlich am Spiegel aufgenommen oder nachträglich gespiegelt? Der Schriftzug auf dem T-Shirt ist nämlich verkehrt herum …

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