Inseln, Malta, Reportagen

Qaghaq tal-Gunglien und andere leckere Zungenbrecher


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Felsige Küsten, Häusermeere aus Kalkstein, dazwischen dürre Vegetation: Auf den ersten Blick erscheint Malta wie der Gegenentwurf zum Schlaraffenland. Doch der Eindruck täuscht gewaltig. Eine Inselrundfahrt mit Station bei einem Bienenzüchter, drei Bäckerbrüdern und einem leidenschaftlichen Olivenbauern.

Noch könnte ich einen Rückzieher machen. Wir stehen auf einer Anhöhe bei Mellieha am Eingang zu Arnold Grechs Heiligtum, einem großen, nach oben offenen Käfig voller Bienenstöcke. Unten in der Bucht schimmert das Mittelmeer verführerisch in Blau und Türkis. Badestrand oder Bienen, Wasserglitzern oder Giftstachelinsekten, Entspannung oder Spannung, ringe ich mit mir, doch dann siegt die Neugier: Ich will wissen, wie die Nektarsammler hausen.

Grech wirkt mit seinen freundlichen Augen und den bedächtigen Bewegungen zum Glück sehr vertrauenerweckend. Er sei schon seit sechs Jahrzehnten Bienenzüchter, erzählt der Malteser. Nachdem er uns in die Geschichte der maltesischen Honigproduktion eingeführt hat, werden wir mit grünen Imkerhüten ausgestattet. „Das schwarze Netz muss nach vorne“, erklärt Grech, derweil wir uns durch die Schleier und Gummistrippen wurschteln. Am Ende muss alles gut gespannt sein, damit kein Schlupfloch für die Insekten bleibt.

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die reisekorrespondentin ist bereit für den Bienenkäfig.

Wir sind nach Mellieha im Nordwesten von Malta gefahren, weil uns die Tourismuswerber davon überzeugen wollen, dass ihre Insel ein kleines Schlaraffenland ist – auch wenn sie auf den ersten Blick wie der Gegenentwurf wirkt. Das Land des Überflusses ist ja leider nur ein fiktiver Ort, den sich wohl jeder etwas anders vorstellt. Die einen mögen von fetttriefenden Braten mit Knusperhaut träumen, die ihnen geradewegs in den Mund segeln, Vegetarier wie ich fantasieren eher von Käse, Oliven und Schokoladenbrunnen, die niemals versiegen.

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Bucht von Mellieha

Doch gewiss stellt sich niemand das Schlaraffenland wie Malta vor. Denn so geschichtsträchtig die Mittelmeerinsel ist, auf der im Laufe der Jahrtausende aus geostrategischen Gründen alle möglichen Kulturen und Streitmächte Quartier bezogen, von den Phöniziern über die Römer und Araber bis zu Napoleon und den britischen Besatzern, so schütter ist die Vegetation.

Die Sommer sind heiß, es regnet wenig und windet viel. Von Flüssen kann also keine Rede sein, und schon gar nicht von solchen mit Milch, Honig und Wein. Die Häuser auf Malta sind auch nicht aus Kuchenteig gebaut, sondern aus Kalk- und Sandstein. Der ist zwar eher weich, trotzdem würde man sich bei Knusperversuchen die Zähne daran ausbeißen. Und bei den Felsbrocken handelt es sich nicht um Käsewürfel, auch wenn sie in der Sonne manchmal goudagelb leuchten. Es sind einfach nur Felsbrocken.

Unsere Schlaraffenland-Überzeugungsfahrt hatte in St. Julian’s begonnen, der Lasterhöhle Maltas, auch gastronomisch gesehen: In der Party-Hochburg ist die Dichte der Expressfressbuden ungefähr so hoch wie die der Bars und Discotheken. So konnten wir uns geschmacklich nur verbessern, als wir in Qormi den ersten Stopp einlegten. Der Ort ist bekannt für seine Traditionsbäckereien. „Die Malteser lieben Brot mit crunchy Kruste und weichem Inneren“, erzählt Touristenführerin Miriam.

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Außen knusprig, innen fluffig: So mögen die Malteser ihr Brot am liebsten.

Wir kehren in der Mill Street bei „Emmanuels Bakery“ ein. In der Backstube haben die Brüder Matthew, Joseph und Mark Mangion gerade ein Blech Qaghaq tal-Gunglien produziert, süße Sesamringe, die nun vor dem bullernden Ofen stehen, einer über 80 Jahre alten Antiquität aus Großvaters Zeiten. Der Boden des Ofens ist mit dem besonders harten Kalkstein der Nachbarinsel Gozo ausgelegt – laut Matthew der Grund, warum die Backwaren so schön knusprig geraten.

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Sesamringe vor dem Holzofen

Emmanuels Bakery ist auf Ftira spezialisiert, eine Art mediterraner Hamburger. Die sesambestreuten Fladen werden verschiedentlich befüllt, je nachdem, welche der Kreationen mit zungenbrecherischen Namen man wählt. Im Chawdxya-Doppeldecker zum Beispiel befinden sich Tomatensauce, Ziegenkäse, Zwiebeln, Anchovis, Artischocken und Thymian. Und ja, die Ftira sehen nicht nur köstlich aus, sie riechen und schmecken auch so. Sehr ansprechend sind auch die Kannoli, die in einer Ecke auf ihre Fertigstellung warten: frittierte, mit Schokolade umhüllte und mit Ricotta gefüllte Röllchen.

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Nicht nur Brot, auch süßes Naschwerk gibt es bei Emmanuels Bakery.
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Matthew und …
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… seine zwei Brüder bei der Herstellung von Ftira.

Qaghaq tal-Gunglien, Chawdxya, Kannoli – das klingt wie der Auswurf aus einem italienisch-arabischen Sprachenshaker. Malta ist ein Multikultigebräu, architektonisch, sprachlich und kulinarisch. Die typische Fischsuppe heißt Aljotta, Ravjuli sind gefüllte Teigtaschen, und das in Rotwein geschmorte Kaninchen nennt sich Fenek stuffat.

Rotwein? Ja, auch der wird auf Malta hergestellt, schon die Römer verlangten danach. Erst seit französische und italienische Rebsorten eingeführt wurden, finden die Weine jedoch internationale Beachtung. Das Weingut Marsovin hat Tropfen mit tragenden Namen im Sortiment, Caravaggio Chardonnay, Palazzo Verdala Rosé und La Torre Merlot. Auf dem Anwesen von Sam Cremona in Wardija dürfen wir einige Weine kosten, darunter die inseleigene Traubensorte Girgentina, doch etwas anderes interessiert uns viel mehr: die weißen Oliven. Sie sind die Perlen des 66-jährigen Maltesers, der früher mit Edelsteinen sein Geld verdiente und seine Leidenschaft für Oliven erst spät entdeckte.

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Eine Seltenheit: weiße Oliven

Sam hat ein Projekt ins Leben gerufen, das die Verbreitung der einheimischen Bidni-Olivenart zum Ziel hat. Warum sich das lohnt, erfahren wir kurz darauf: Der maltesische Olivenpapst verteilt eine Runde frisch gepresstes Öl – aus grünen Oliven, denn von den weißen gibt es nicht genügend. Die Flüssigkeit ist fast so trübe wie Entengrütze und schmeckt wie – ja, wie Geschmeidigkeit in ihrer ureigensten Form.

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Sam Cremona in seinem Element: Er erklärt den Olivenanbau.

Es wäre reinster Frevel, jetzt eines der anderen inseleigenen Getränke nachzukippen – Bier der Marken Cisk, Blue Label oder Hop Leaf, Likör aus Kaktusfrüchten oder Kinnie, die herbsüße Limonade mit Bitterorangengeschmack. Den Leckereien, die seine Frau und Kochbuchautorin Matty gebacken hat, können wir trotzdem nicht entsagen – den Keksen mit Mandeln und Orangenschalen, dem Weihnachtssoufflé mit Ricotta, Whisky und Marzipan, der San-Martin-Torte mit Walnüssen, Feigen, Datteln, Fenchel und Honig.

Dem natürlichen Süßstoff widmen wir uns nun bei Grech in Mellieha. Als wir das Reich der Bienen betreten, ist es verdächtig still. Kein Brummen, kein noch so leises Summen. Die weißen, unordentlich gestapelten Holzkisten wirken wie eine Bienengeisterstadt. Ist denn niemand zuhause? Das kann eigentlich nicht sein. Allein in den kleineren Stöcken leben Tausende von Drohnen, hat Grech erzählt. Der Imker holt seinen Smoker hervor, ein zylindrisches Behältnis mit Blasebalg. Der Rauch soll den Bienen vorgaukeln, dass ihre Hütte brennt, was sie dazu animiert, sich und ihren Honig in Sicherheit zu bringen. Sie schlagen sich eilig die Bäuche voll und sind, wenn sie herausgeflogen kommen, schön schwerfällig. So sinkt das Risiko, gestochen zu werden.

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Bienenkäfig von Grech

Grech pumpt einige Male vor den Kästen, und es dauert nur wenige Minuten, da surren die ersten Bienen heran. Mir kommt das Kinderlied in den Sinn, „Summ, summ, summ, Bienchen summ herum, ei, wir tun dir nichts zuleide …“ Ob die Stachelträger das umgekehrt auch so sehen? Grech hat keine Berührungsängste mit seinen Schützlingen und zieht mit bloßen Händen eine Trennwand aus der Kiste. Auf den Waben wimmeln die Bienen dicht an dicht.

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Grech hat keine Berührungsängste mit seinen Schützlingen.
Fotos: pa, hx

Anders als in den meisten anderen Ländern Europas haben Grechs Bienen ganzjährig zu tun. Los geht’s im Januar mit Borretsch, im Februar folgt roter Klee, im März weiße Disteln. Im April blühen die Orangenbäume, im Mai und Juni Thymian, im August Eukalyptus, und im Oktober beginnt die Saison der Johannisbrotbäume. Wer hätte das von dem kargen Eiland gedacht, das mit seinen 246 Quadratkilometern gerade mal so groß wie Frankfurt und damit das kleinste Mitglied im EU-Reigen ist.

Laut Grech produzieren die maltesischen Imker rund neun Tonnen Honig jedes Jahr. Sein Verkaufsschlager ist der Thymianhonig, der in Milch aufgelöst hervorragend gegen Stress und Erkältungen helfen soll. Ich glaube das gerne und kaufe ein Glas. Erst in Deutschland komme ich dazu, den bernsteinfarbenen Honig zu kosten. Er schmeckt wie eingemachte Sonnenstrahlen: weich und warm.

KÖSTLICHES MALTA
Weitere Informationen gibt es beim Fremdenverkehrsamt von Malta unter www.visitmalta.com. Das Weingut Marsovin ist unter www.marsovin.com zu finden. Emmanuels Bakery hat unter https://www.facebook.com/pages/Emanuels-Bakery/308149465977946 einen appetitlichen Auftritt.

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