Hoch droben thront die monumentale Wartburg, drunten liegt die mystische Drachenschlucht – und dazwischen lockt die Altstadt mit hochkarätigem Kulturerbe: Eisenach beglückt seine Gäste auf mehreren Ebenen mit unvergesslichen Erlebnissen. Wie geht man da am besten vor?
Rechts und links tropft es von den moosigen Steinen, in einer Felsspalte plätschert ein Wasserfall. Unter den Holzstegen und Gitterrosten, über die wir gerade staunend spazieren, tost der Steinbach. Wenn wir die Arme ausstrecken, können wir zu beiden Seiten flauschiges Moos an den Steilwänden berühren. Wir atmen die unbeschreiblich frische und reine Waldluft ein. An heißen Sommertagen ist ein Streifzug durch die Drachenschlucht eine wahre Wohltat. Es herrscht ein himmlisch kühles Mikroklima in dem schaurig-schönen Schlund, der gleichwohl aussieht, als würde er direkt in die Höhle eines Ungeheuers führen. Zur Winterzeit muss das Naturspektakel auf eine gänzlich andere Art mystisch anmuten, wenn das Getropfe, Gerinne und Geplätscher zu einem glitzernden Reich aus bizarren Eisgebilden erstarrt.
Mit der Erkundungstour des Touristenmagneten im Süden von Eisenach beginnt man am besten ganz früh am Tage. Auf diese Weise kann man sich bereits auf dem Rückweg befinden, wenn die Menschen scharenweise in das von Naturgewalten in Jahrmillionen langer Schwerstarbeit geformte Nadelöhr im Thüringer Wald strömen. Etwa 100.000 Besucher und Besucherinnen zählt die Drachenschlucht jährlich – und der Ansturm ist vollkommen verständlich. Die Klamm ist ein wildromantisches Meisterwerk aus Strudelnischen, Wasserfällen und Erosionskesseln, erschaffen von einem Gewässer, das sich fast zehn Meter tief in die harten Felsen aus Granit, Glimmerschiefer und Quarzporphyr unterhalb der Wartburg eingegraben hat. Seit 2015 gehört die Drachenschlucht zum Naturschutzgebiet „Wälder mit Schluchten zwischen Wartburg und Hohe Sonne“ und seit 2019 zu den Nationalen Geotopen im Freistaat Thüringen.
Wir haben die 2,6 Kilometer lange Schlucht am nördlichen Ende durch ein mit einem geschnitzten Drachen geschmücktes Holzportal betreten. Am Bachlauf entlang führt der Pfad vorbei an Farnen und seltenen Gewächsen wie Teufelskralle und Zahnwurz in die immer enger zusammenstehenden Felsformationen. An der schmalsten Stelle beträgt der Abstand von einer Seite bis zur anderen nur noch 68 Zentimeter. Niemals zuvor haben wir so viel Moos auf einmal gesehen, ringsherum nichts als Grün in Nuancen von grellem Neongrün bis zu beruhigendem Dunkelgrün, je nachdem, wie Licht und Schatten darauf fallen. Mal gleicht die Beschaffenheit weichen Kissen, mal eher zottigen Bärten oder Kurzfloreppichen.
Es würde perfekt ins Bild passen, wenn jetzt irgendwo zwischen den Steinen ein grünes Scheusal hervorkäme. Die Drachenschlucht-Sage, dass hier einmal vor langer Zeit der Heilige Georg einen riesigen Lindwurm bezwungen haben soll, erscheint deshalb gar nicht so weit hergeholt. Als ungleich wahrscheinlicher gilt jedoch, dass das Gefecht lediglich in der Drachenschlucht verortet wurde, um einen werbewirksamen Kunstnamen für eine neue Fremdenverkehrsattraktion zur Hand zu haben. Lange Zeit hieß die Felsenlandschaft im Mariental nämlich unspektakulär Steingraben und war weitgehend unzugänglich. Erst als Anfang des 19. Jahrhunderts wilde Wälder romantisiert wurden und die hohen Herrschaften der Wartburg ihre Lust am Wandern entdeckten, entstanden Spazierwege und Jagdschneisen. Später entwickelte sich das Tal zur Villenkolonie und zum Erholungsgebiet für die breite Bevölkerung.








Nach der Drachenschlucht, die jederzeit und kostenfrei zugänglich ist, empfiehlt sich als nächstes der Aufstieg auf die Wartburg. Denn auch dieses zweite Highlight von Eisenach besucht man am besten in den Morgenstunden, sobald die schweren Tore Einlass gewähren. In aller Ruhe kann man dann durch den Burghof wandeln und die hier lebenden weißen Pfautauben bewundern, bevor die Reisegruppen eintreffen und die Wartburg in einen menschlichen Taubenschlag verwandeln. Mehr als 480.000 Touristen jährlich verbucht die fast 1000 Jahre alte Festungsanlage, die 1999 als „ein hervorragendes Denkmal der feudalen Epoche in Mitteleuropa“ von der UNESCO zum Weltkulturerbe gekürt wurde.
Wenn man die 220 Meter über Eisenach thronende Wartburg erklommen hat, bietet sich eine Verschnaufpause auf der Aussichtsplattform vor dem Eingang an. Nur schwer können wir uns von dem sprachlos machenden Panoramablick auf die langgestreckte Burgsilhouette und das Thüringer Bergland lösen – ein gewaltiges Gebäudeensemble aus romanischem Palas, Fachwerkbauten, rekonstruierten Gemäuern, Türmen und Wällen inmitten waldiger Hügelketten bis zum Horizont. Doch als wir den Südturm im zweiten Burghof besteigen, stellen wir fest: Es geht noch besser. Von dem 22 Meter hohen Bauwerk aus dem 14. Jahrhundert kann man einen berauschenden Rundumblick auf das Umland genießen und die Burganlage aus der Vogelperspektive studieren – diese architektonische Melange aus Historischem und Historisierendem, die ihre Anziehungskraft aus einer Reihe bedeutender Persönlichkeiten bezieht, welche mit der Wartburg in Verbindung gebracht werden oder sich im Laufe der Jahrhunderte dort aufhielten.
Die Wartburg soll im frühen Mittelalter den Minnesängern Walther von der Vogelweide und Wolfram von Eschenbach als Bühne gedient haben, war im 13. Jahrhundert Wohn- und Wirkungsstätte der Heiligen Elisabeth, hielt 1521 als Versteck für den Augustinermönch Martin Luther vor der Kirche und dem Kaiser her, wurde 1777 zum ersten Mal von Johann Wolfgang von Goethe besucht, der danach noch mehrmals zurückkehrte und die Gegend um Eisenach als „überherrlich“ beschrieb, und inspirierte Richard Wagner zu der Oper „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“, Franz Liszt zu einem Oratorium, Moritz von Schwind zu Fresken und Ludwig Bechstein zu Sagen und Märchen. Unser Blick fällt auf das aus dem 12. Jahrhundert stammende Landgrafenhaus, das zu den schönsten und besterhaltenen romanischen Profanbauten nördlich der Alpen zählt, auf den erneuerten Bergfried aus dem 19. Jahrhundert, die Zisterne und die südliche Wehrmauer.
Auf geführten Rundgängen durch die Innenräume kann man tiefer in das „steinerne Geschichtsbuch“ eintauchen, als welches sich die Wartburg bezeichnet. Ob klassisch, kindgerecht oder speziell wie Besichtigungen zum Sonnenuntergang, auf den Spuren von Sagen oder in Reimform – all das ist im Angebot. Fester Bestandteil der Führungen ist die berühmte Lutherstube in der Burgvogtei. Der Legende nach wurde Luther hier bei seiner Arbeit an der deutschen Bibelübersetzung vom Teufel höchstpersönlich behelligt. Daraufhin soll der Reformator ein Tintenfass nach dem Störenfried geschleudert und einen blauen Fleck an der Wand neben dem Ofen hinterlassen haben. Lange Zeit wurde die Geschichte mit regelmäßigen Farbauffrischungen der betroffenen Stelle weiter befeuert. Heute ist von dem Klecks allerdings nichts mehr zu erkennen.










Mit der Drachenschlucht und der Wartburg haben sich Eisenachs touristische Trümpfe noch nicht erschöpft. Die 40.000 Einwohner zählende Stadt hat den deutschlandweit zentralsten ICE-Bahnhof und kann darum mit guter Erreichbarkeit punkten. Eisenach besitzt eines der größten gründerzeitlichen Villenviertel voller schmiedeeiserner Gartentorkunst, märchenhafter Jugendstilornamentik und eleganter Erkervariationen. Wohlhabende Geheimräte, Fabrikbesitzer und Pensionäre ließen sich die schlossartigen Residenzen mit löwenbewachten Torbögen, blütenumrankten Glasfenstern und opulenten Gärten Ende des 19. Jahrhunderts unterhalb der Wartburg errichten. Bescheidenheit statt Pomp zeichnet eine andere Superlativsehenswürdigkeit von Eisenach in der Altstadt aus. Am Johannisplatz steht zwischen einem Bekleidungsgeschäft und einem Spielzeugladen eines der schmalsten Fachwerkhäuser Deutschlands, ein gerade einmal 2,05 Meter breites und 8,50 Meter hohes Bauwerk, das die Eisenacher mit dem Beinamen „Handtuch“ bedacht haben.
Vom Wartburghügel begeben wir uns hinunter ins Stadtzentrum, wo sich im Lutherhaus noch mehr über das Leben des weltbekannten Theologen erfahren lässt. Das Museum befindet sich in einem der ältesten Fachwerkhäuser Thüringens, in dem Luther von 1498 bis 1501 bei den Familien Cotta und Schwalbe wohnte. Zur Vorbereitung auf sein Studium an der Universität in Erfurt besuchte er in Eisenach die Lateinschule zu St. Georgen. In der Dauerausstellung „Luther und die Bibel“ kann man an interaktiven Medienterminals Luthers unvergleichlichen Werdegang vom Schüler und Kurrendesänger zum Reformator und Schöpfer einer welthistorischen Übersetzung der Heiligen Schrift verfolgen, digital durch die Luther-Bibel blättern und sein Geschichtswissen beim Lösen von Rätseln auf den Prüfstand stellen.
Einer anderen lokalen Berühmtheit wird gleich ums Eck im Bachhaus gehuldigt. Johann Sebastian Bach wurde am 21. März 1685 in Eisenach geboren, erhielt in der Stadt seinen ersten Musikunterricht und sang in der Georgenkirche. Seit der Eröffnung 1907 durch die Neue Bachgesellschaft hat sich das Bachhaus mit über 300 originalen Exponaten auf 600 Quadratmetern zu einem der größten deutschen Musikermuseen entwickelt. Der alte Teil in einem gelben Fachwerkhaus wurde um einen grauen Neubau ergänzt und die Ausstellung mit Installationen wie einem begehbaren Musikstück, schwebenden „Bubble-Chairs“ und stündlichen Konzerten auf barocken Tasteninstrumenten zu einem sinnlichen Erlebnis ausgeweitet.
Flaniert man weiter durch die Innenstadt, stößt man immer wieder auf die Spuren der Eisenacher Persönlichkeiten. Die am Marktplatz befindliche Hauptkirche St. Georgen war Schauplatz der Vermählung der 14-jährigen ungarischen Königstochter Elisabeth mit Ludwig IV, der Predigten von Luther und der Taufe von Bach. Die für ihre grenzenlose Barmherzigkeit verehrte Heilige Elisabeth von Thüringen ist namentlich mit der römisch-katholischen Pfarrkirche St. Elisabeth gegenwärtig, Luther als Bronzefigur mit Bibel im Arm auf dem Karlsplatz, Bach mit einem Denkmal am Frauenplan, das den Komponisten mit Schreibfeder und Notenpult inszeniert, und der Stadtheilige St. Georg als vergoldeter Drachentöter über dem Becken des vom barocken Stadtschloss, dem Rathaus und der Georgskirche umringten Marktbrunnens. Und natürlich begegnet man diesen strahlenden Gestalten der Eisenacher Geschichte auch vielfach in der touristischen Angebotslandschaft – in Form von Hotels (Lutherhotel Eisenacher Hof), Gastronomie (Erlebnis-Restaurant Lutherstuben, B-A-C-H-Restaurant, Café Kantate) und Andenken (Plüschdrachen, Wartburg-Bastelsets, Heilige-Elisabeth-Sammelfigürchen von Papo, „Luthers Tintenfleck“-Kräuterlikör und „Bach-Bussi“-Pralinen).
Der Vollständigkeit halber ist noch etwas anderes zu erwähnen, wofür die thüringische Stadt weithin bekannt ist: ihre mehr als hundertjährige Automobilbautradition. Auf dem ehemaligen Gelände des VEB Automobilwerks an der Wartburgallee bereitet die Automobile Welt Eisenach in einem denkmalgeschützten Industriegebäude die bewegte Geschichte der Eisenacher Ingenieurkunst auf. In den Ausstellungshallen repräsentieren etliche Originalfahrzeuge die gesamte Markenpalette des Standorts – AWE/EMW, BMW, DIXI, IFA, Opel und Wartburg. Das nach dem Trabant beliebteste PKW-Modell der DDR dokumentiert eindrücklich den Wandel des Autodesign-Zeitgeschmacks: schnörkelige, kurvige Karossen in den Anfangsjahren, später dann immer schlichtere, kantigere Ausführungen.
Man kann Eisenachs Top-Attraktionen im Schnelldurchlauf abhaken, muss man aber nicht. Eine Wanderung durch die Drachenschlucht lässt sich wunderbar mit einem Abstecher zur Elfengrotte oder zur Landgrafenschlucht ausbauen, auf der Wartburg kann man mühelos mehrere Stunden verweilen, und im Stadtzentrum locken neben den geschilderten kulturellen Sehenswürdigkeiten auch noch Orte zum reinen Entspannen – zum Beispiel der 26 Hektar große Stadtpark und der Kartausgarten mit exotischen Gehölzen und Pflanzen neben der Wandelhalle von 1906, die ein prunkvolles Relikt der gescheiterten Karriere Eisenachs als Kurstadt ist. Wenn man also einen strategischen Tipp für den Besuch der Stadt geben kann, dann diesen hier: Man sollte nicht den Fehler begehen, zu wenig Zeit mitzubringen.







HOCH HINAUF UND TIEF HINUNTER
Informationsmaterial
Stadtplan von Eisenach
Magazin „Auf nach Eisenach & in die Wartburgregion“
Magazin „Kultur in Eisenach & in der Wartburgregion“
Magazin „Aktiv in Eisenach & in der Wartburgregion“
Magazin „Familienzeit in Eisenach & in der Wartburgregion“
Flyer zum Lutherhaus
Flyer zur Drachenschlucht
Stadtführungen und Wanderungen
Die Thüringer Tourismus GmbH schlägt für den Besuch der Eisenacher Top-Attraktionen die 14 Kilometer lange Wanderung „Von der Burg zur Klamm“ vor (Dauer 4,5 Stunden). Streckenverlauf: Marktplatz Eisenach – Wartburg – Sängerwiese – Wilde Sau – Hohe Sonne – Drachenschlucht – Bachhaus – Lutherhaus – Marktplatz Eisenach. Geführte Wanderungen durch die Drachenschlucht sind bei der Eisenach-Wartburgregion Touristik GmbH buchbar, ebenso verschiedene Führungen durch die Eisenacher Altstadt. Tickets für geführte Rundgänge durch die Wartburg können online oder an der Tageskasse erworben werden.
Gut zu wissen
Nach Sturm, Starkregen oder wegen Vereisung kann es zu vorübergehenden Sperrungen der Drachenschlucht kommen. Aktuelle Auskünfte erteilen die Tourist-Information (03691-79230) oder das Forstamt (03691-26800).
Transparenz-Anmerkung: Der Beitrag wurde unentgeltlich erstellt und veröffentlicht.
2 Kommentare
Danke für die wundervolle Reiseanregung in Wort und Bild. Die Empfehlung am Ende merken wir uns für die Planung. Wir wollen im Spätsommer evlt. in die Gegend.
Danke ebenfalls für die schöne Rückmeldung und viel Spaß bei eurer geplanten Thüringen-Reise. Den Nationalpark Hainich kann ich euch auch noch wärmstens empfehlen, der ist ganz nahebei.