Französische Fachwerkperlen mit geballtem Heile-Welt-Flair

Als Kind findet man Fachwerkstädte sterbenslangweilig, im Jugendalter boykottiert man solche uncoolen Reiseziele samt und sonders. Wenn man dann aber erwachsen ist, sehnt man sich plötzlich nach heimeligen Orten wie diesen – und möchte gar nicht mehr weg. Auf einer Tour durch Colmar und die umliegenden Dörfer im nördlichen Elsass kann genau das passieren. 

Spätestens beim Flanieren durch die dritte oder vierte Fachwerkgasse dürfte bei den meisten Kindern die Frustrationstoleranzgrenze erreicht sein. Höchstens mit altbekannten Bestechungsmethoden wie der Aussicht auf irgendwelches Naschwerk, ein neues Spielzeug oder eine Extrarunde Medienkonsum mag es den Eltern dann eventuell gelingen, den Nachwuchs ohne Gequengel und Sitzstreiks noch weiter durch eine Stadt wie Colmar zu manövrieren.

Der Hauptort des Départements Haut-Rhin im Nordwesten Frankreichs besitzt eine Altstadt mit Fachwerkromantik von unbeschreiblicher Märchenhaftigkeit. Wo man sich auch hinwendet in den Straßen und Sträßchen – allüberall erblickt man hexenhaushafte Spitzgiebel, geschmackvoll kolorierte Fassaden mit dunklem Gebälk, Heimeligkeit verströmende Gauben, Sprossenfenster und Klappläden, verträumte Erker und Erkerchen, verwunschen anmutende Türmchen und Tore, künstlichen oder echten Blumenschmuck in Hülle und Fülle nebst anderer Dekoration im Spektrum zwischen Kunst und Kitsch: Geschnitztes, Geschmiedetes und Getöpfertes, Herzen, Fahnen und Schleifen, Störche, Schmetterlinge und die regionale Weckmännchenversion namens „Mannele“, ja sogar ganze Gießkannen, Hocker und Räder zieren die Schauseiten.

In dieser Szenerie wäre es vollkommen stimmig, wenn irgendwo eine Fee von den Schindeldächern schwebt, ein König mit seiner Kutsche über das Kopfsteinpflaster rumpelt, eine holde Prinzessin von einer Holzgalerie winkt, ein stolzer Ritter hoch zu Ross durch einen Torbogen trabt, eine hutzelige Hexe aus einem der pfefferkuchenhausähnlich ornamentierten Gemäuer späht oder ein Gaukler seine Kunststücke auf einem der pittoresken Plätze präsentiert.

Garantiert wären auch junge Besucher und Besucherinnen von dem herausgeputzten Wunderland mittelalterlicher Baukunst magisch angezogen, wenn dieses herbeifabulierte Treiben wirklich stattfinden würde. Freilich ist nichts von alledem der Fall, sodass das bloße Betrachten des historischen Zentrums von Colmar lediglich bei Erwachsenen mit Fachwerkfaible blanke Verzückung auslösen dürfte, bei Kindern mit Action- und Abenteuerhunger dagegen mehr oder minder Langeweile. Jugendliche haben den Familienurlaub im Elsass wahrscheinlich radikal abgelehnt und sitzen gerade mit Gleichaltrigen im Reisebus zu einer Zeltfreizeit, einer Sprachreise oder einem Partyziel an südeuropäischen Stränden.

Colmar entfaltet diese sagenhafte Atmosphäre nicht sogleich. Nähert man sich der drittgrößten Stadt im Elsass aus nördlicher Richtung an, muss man sich zunächst durch eine gesichtslose Industriezone mit mehreren Kreisverkehren winden. Unterwegs erlebt man eine sonderbare Sinnestäuschung. Mitten auf einer der Verkehrsinseln ragt plötzlich die Freiheitsstatue auf und streckt ihre Fackel empor. Doch dann stellt sich heraus: Die Skulptur ist gar kein Trugbild, sie existiert wirklich. Im Vergleich zum Original im New Yorker Hafen misst sie zwar lediglich zwölf statt 46 Meter und besteht aus Kunstharz statt aus Kupfer, ansonsten ist die Ähnlichkeit aber frappierend.

Den Grund für diese bizarre Begegnung erfährt man später beim Stadtspaziergang in der Rue des Marchands. Hier befindet sich das Geburtshaus und Museum von Frédéric-Auguste Bartholdi – jenem Bildhauer, der einst die Liberty Lady entwarf. Das kolossale Kunstwerk war ein Geschenk Frankreichs an die Vereinigten Staaten und wurde am 28. Oktober 1886 eingeweiht. Seit der Gedenkfeier zum 100. Todestag Bartholdis 2004 thront am Stadtrand eine detailgetreue Kopie des weltberühmten Monuments.

Was man am besten schon vor dem Colmar-Besuch weiß: Schaut man in den Straßen und auf den Plätzen nicht immerfort bewundernd zu den beeindruckenden Bauwerken nach oben, sondern regelmäßig auch auf den Boden, wird man dort früher oder später eine metallene Plakette mit der Freiheitsstatue bemerken. Von dem dreieckigen Symbol kann man sich ganz komfortabel zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten leiten lassen. Nach Angaben des Tourismusbüros sollte man für die rund sechs Kilometer lange Strecke zweieinhalb Stunden veranschlagen. Es ist anzunehmen, dass in dieser Kalkulation weder Zeiten zum ausführlichen Bestaunen und Besichtigen noch zum Kaffeetrinken, Gugelhupfessen, Flammkuchenknuspern, Weinnippen oder sonst wie genussvollen Verweilen inbegriffen sind – allesamt Programmpunkte, auf die man bei einem Bummel durch Colmar keinesfalls verzichten sollte.

Steht man vor dem Musée Bartholdi, dann ist man schon im historischen Herz von Colmar angekommen. Die 70.000-Einwohner-Stadt verfügt über eine der größten Fußgängerzonen in Europa, sodass man sich vergleichsweise gefahrenlos in den Anblick der kulturellen Kostbarkeiten ringsumher versenken kann: etwa das Musée Unterlinden, das in einem Dominikanerkloster aus dem 13. Jahrhundert untergebracht ist und mit seinem weltberühmten, aus elf beweglichen Lindenholztafeln gefertigten Isenheimer Altar von Mathias Grünewald zu den meistbesuchten Museen Frankreichs zählt; oder die Stiftskirche Saint Martin, die ein im 13. und 14. Jahrhundert erschaffenes Glanzstück der Gotik ist und mit ihren kathedralenartigen Dimensionen das Stadtbild dominiert; oder das im Stil der Gotik und Renaissance gestaltete Zollhaus (Koifhus) aus dem 15. Jahrhundert, das im Laufe der Jahrhunderte für unterschiedlichste Zwecke genutzt wurde. Erst verkörperte es als Lager, Markt und Zollamt den Hauptschauplatz der florierenden Wirtschaft der Stadt, die sich strategisch günstig am Knotenpunkt der Handelsstraßen von Flandern bis Italien und von der Donau bis in die Champagne befand, dann tagten darin die Abgeordneten des elsässischen Zehnstädtebundes, später diente das Gebäude unter anderem als Theater, Standort der Industrie- und Handelskammer, katholische Jungenschule und schließlich bis heute als Location für öffentliche Veranstaltungen.

Ein weiterer Blickfänger ist das Pfisterhaus an der Ecke Rue des Marchands/Rue Mercière. Mit seinem schlanken Türmchen, dem zweistöckigen Erker, der Holzgalerie und dem mit biblischen und weltlichen Motiven geschmückten Mauerband sieht es mehr wie ein mystisches Märchenschlösschen aus als wie der Wohnsitz eines vermögenden Bürgers, was jedoch der Fall ist. Ein aus Besancon stammender Hutmacher namens Ludwig Scherer, der durch den Handel mit Silber zu Reichtum gekommen war, ließ den Sandsteinbau 1537 errichten. Auch der Colmarer Kaufmann Anton Burger zeigte sich bei der Realisierung seines Traumhauses 1609 nicht kleinlich. Das Bauwerk steht in der Rue des Têtes und ist aufgrund seiner mit mehr als hundert Köpfen, Figuren und fratzenhaften Masken ausgestatteten Fassade als Maison des Têtes (Kopfhaus) bekannt. Heute residieren in dem Schmuckstück der rheinischen Renaissance ein Fünf-Sterne-Hotel mit Brasserie und Gourmetrestaurant.

Tatsächlich ist es in der verkehrsberuhigten Altstadt von Colmar unwahrscheinlicher, beim Studieren und Fotografieren der architektonischen Attraktionen mit einem Auto zu kollidieren als mit der im 30-Minuten-Takt zirkulierenden grünen Bimmelbahn oder mit anderen Touristen. Denn man darf sich dieses Gebiet, das wegen seiner Makellosigkeit auf Bildern geradezu museal erscheint, keineswegs leblos vorstellen. Durch Colmar strömen Menschenmassen aus aller Welt, in 16 verschiedenen Sprachen kann man sich im Petit Train die Fahrt über Kopfhörer kommentieren lassen.


Das Gedränge wird immer dichter, je weiter man zum Quartier „La Petite Venise“ (Klein-Venedig) am südlichen Altstadtrand vordringt. Die namentliche Anlehnung an die Strahlkraft der italienischen Lagunenstadt mag man nicht unbedingt originell finden, denn weltweit behaupten noch ungefähr 18 weitere Orte von sich, ein Miniaturvenedig zu sein. Werbetechnisch scheint die Rechnung dennoch voll aufzugehen, wahre Touristenscharen pilgern in Richtung des Viertels rund um den kanalförmigen Fluss Lauch. Auf dem Weg dorthin passiert man die Rue des Tanneurs durch das einstige Gerberviertel. Dem Malraux-Gesetz zum Schutz kulturellen Erbes ist es zu verdanken, dass dieser Stadtteil knapp dem Abriss entging und stattdessen zwischen 1968 und 1974 eine sorgsame Sanierung erleben durfte. So lässt sich die besondere Bauweise der mehrheitlich im 17. und 18. Jahrhundert errichteten Häuser bis heute nachvollziehen: schmale Konstruktionen auf steinernen Grundplatten und mit Nischen auf den Dächern, in denen die Gerber ihre im nahegelegenen Wasserlauf bearbeiteten Häute trocknen konnten.

Dann erreicht man den Quai de la Poissonnerie – einen Straßenzug, in dem früher Fischer und Fährmänner lebten. Gegenüber auf dem anderen Ufer lockt die Markthalle in einem Ziegelsteingebäude aus dem 19. Jahrhundert mit hochwertigen Produkten von Biohändlern und Bauern aus der Region. Und nun ist man mittendrin in Klein-Venedig, diesem Destillat elsässischer Idylle, das eingangs bereits ausführlich geschildert wurde. Mit der Weitläufigkeit venezianischer Wasserstraßen haben dieses farbenfrohe Fachwerkschmuckkästen und sein Flüsschen zwar nicht viel zu tun. Dafür strahlt der Ort an jeder Ecke Liebreiz und Beschaulichkeit pur aus.

Die ursprüngliche Bezeichnung des Viertels lautet weit weniger mondän schlicht „Krutenau“, was auf die ehemalige Funktion als Umschlagplatz für Kräuter, Gemüse und Wein verweist. In flachbödigen Booten konnten die Bauern und Winzer aus der Gegend ihre Waren über die Lauch bis in die Stadt transportieren. Heute werden in den gondelähnlichen Kähnen nicht Weißkohl und Rebensaft herumgeschippert, sondern fotografierende und filmende Touristen.

Wenn man bei einer solchen Flussfahrt an Restaurants und Weinstuben mit verschnörkelten Schildern und lauschigen Terrassen vorbeischaukelt, in einem Straßencafé sitzend auf das anmutige Arrangement aus farbenprächtigen Fassaden und verschwenderisch mit Blumenkästen bestückten Balustraden an Brücken und Balkonen schaut oder einfach nur irgendwo versonnen innehält und alles auf sich wirken lässt, dann kommt immer wieder die Frage auf: Was macht denn nun die Faszination solcher Fachwerkstädtchen genau aus? Es ist ja nicht einmal so, dass diese Bauweise immerfort en vogue war, im Gegenteil sogar. Zum Ende des 19. Jahrhunderts galten Fachwerkhäuser als bäuerlich, hinterwäldlerisch, armselig. Bisweilen verschwand das bildhübsche Balkenwerk unter Mörtel und Putz, um ein stattliches Steinhaus vorzutäuschen.

Warum also übt diese Architektur auf erwachsene Menschen im 21. Jahrhundert eine derartige Anziehungskraft aus? Ist es allein die Ästhetik, die sich aus dem vollendeten Zusammenspiel von Baukunst, Materialien, Farben und Schmuckelementen ergibt? Oder sind nicht vielmehr auch allerlei Sehnsüchte im Spiel, die sich beim Eintauchen in Fachwerkwelten besänftigen lassen? In Zeiten, in denen alles immer noch schneller, unberechenbarer und komplexer zu werden scheint, das starke Bedürfnis nach Beständigkeit, Klarheit und Überschaubarkeit? In Zeiten, in denen Mainstream und Massenproduktion immer noch weiter zunehmen, das wachsende Verlangen nach Authentischem, Handgemachtem, Einzigartigem? In Zeiten, in denen Nachrichten von Krisen und Kriegen dank multimedialer Entwicklungen eine bedrohliche Präsenz im Alltag erlangt haben, der stille Wunsch nach Harmonie und Sicherheit suggerierenden Kulissen für die dringend benötigte Illusion, alles wäre doch irgendwie gut?

Kinder mit ungestörtem Urvertrauen gehen davon aus, dass das vollständig zutrifft und begeistern sich wahrscheinlich aus genau diesem Grund hellauf für Abwechslung in Gestalt von künstlichem Grauen – für das Horrorhalligalli rund um Halloween, die Gruselkabinette und Geisterbahnen auf Jahrmärkten und in Themenparks. Es kann ihnen gar nicht hoch, schnell und weit genug gehen, wohingegen man als Erwachsener vielmehr nach Entschleunigung strebt und sich immer wieder vornimmt, jenen Punkt zu priorisieren, der ganz oben auf der To-do-Liste steht: sich öfter mal mit Nichtstun zu beschäftigen. Im Gegensatz zu Kindern verzichtet man gerne auf jedwedes zusätzliches Bangemachen, denn die Realität liefert schon Gänsehautmomente genug. Stattdessen gönnt man sich lieber hin und wieder eine Portion Eskapismus und reist zu Zielen mit geballtem Heile-Welt-Flair – zu eben solchen Orten wie dem Klein-Venedig von Colmar.

Wie können Eltern es also bewerkstelligen, ihre meuternden Sprösslinge durch dieses fantastische Fachwerkviertel zu dirigieren? Colmar hält tatsächlich wesentlich mehr Stimmungsaufheller für kleine Gäste parat, als man vielleicht erwartet haben mag. Da gibt es allem voran mannigfaltige Möglichkeiten zum Einlösen von Zuckerzeugversprechen. Boulangerien, Chocolaterien, Crêperien, Glacerien, Konfiserien und Patisserien verführen mit Baisers, Bonbons, Eclairs, Eis, Gugelhupfen, Hefemännchen, Lebkuchen, Macarons, Pralinen und Tartelettes in etlichen Variationen. Auch ein neues Spielzeug lässt sich in den zahllosen Krimskrams- und Souvenirgeschäften der Stadt mühelos beschaffen: Darf es vielleicht ein Schmusestorch, eine Schneekugel mit Hefemännchen oder ein Fachwerkhaus im Puppenstubenformat sein?

Im Hinblick auf Amüsement und Bildung hat Colmar gleichfalls einiges zu bieten. Eine Fahrt mit der Bimmelbahn oder mit dem Boot auf dem Kanal dürfte die meisten Kinder erfreuen. Und es stehen gleich mehrere Ausstellungen zur Wahl, die thematisch voll auf den Geschmack junger Touristen und Touristinnen zielen: das Musée Jouet, das in einem ehemaligen Kinogebäude in der Rue Vauban auf drei Etagen die Entwicklung des Spielzeugs von Holz- über Plastik- bis zu Elektronikspielsachen zeigt und mit interaktiven Exponaten zum Mitmachen animiert, das Museum Choco Story Colmar an der Place de la Cathédrale, das durch die Geschichte der Schokolade führt, eine zwei Meter hohe und 300 Kilogramm schwere Schokoladenfreiheitsstatue zu seinen Highlights zählt und den Aufenthalt mit kleinen Verkostungen versüßt, und das Hansi-Dorf und Museum in der Rue des Têtes, das sich dem Leben und Werk des 1873 in Colmar geborenen Illustrators, Karikaturist und Heimatforschers Jean-Jacques Waltz – bekannter unter dem Pseudonym „Hansi“ – mit zahlreichen Originalstücken widmet. Auf den ersten Blick erscheinen die Darstellungen von einem ländlichen Elsass idyllisch, arglos und ein wenig naiv. Schaut man jedoch genau hin, entdeckt man darin bissige Botschaften, die von der antideutschen Haltung des Künstlers künden. In den Jahren, in denen die Region unter deutscher Herrschaft stand, wurde er deshalb immer wieder von den deutschen Sicherheitsbehörden verfolgt und mehrfach angeklagt. Kinder erkennen den versteckten Spott in den Zeichnungen zwar nicht, können sich aber an den bunten und detailliert ausgearbeiteten Dorfszenen erfreuen.

Obendrein hat Colmar auch einen perfekten Platz für Familien, die zwischendurch eine Verschnaufpause benötigen: den Parc du Champ de Mars. Auf der von fast 200 Linden gesäumten Grünanlage laden Spielgeräte, Springbrunnen, Bänke und Rasenflächen zum Toben, Planschen und Picknicken ein. Obendrein dreht sich am Parkrand ganzjährig ein nostalgisches Fahrgeschäft – das Carrousel 1900, eines der ältesten und größten Salonkarussells von Frankreich. Das alles sollte genügen, um Kinder gut gelaunt durch die Stadt zu navigieren.


Wer sich jetzt noch nicht an elsässischem Fachwerk sattgesehen hat, kann sich mit einer Fahrt ins Umland problemlos Nachschlag verschaffen. Ja, man möchte sogar eben das unbedingt empfehlen. Denn nach Colmar zu reisen ohne auch durch die Winzerstädtchen drumherum zu streifen – das wäre ungefähr so, wie wenn man eine köstliche Hauptspeise genießt und auf das krönende Dessert verzichtet.

Verlässt man Colmar wieder in nördlicher Richtung, tauchen schon nach wenigen Kilometern die ersten mittelalterlichen Fachwerkperlen auf. Von Ferne erwecken die Ortschaften den Anschein, als hätte man den Altstadtkern von Colmar aus seiner Hülle aus Industrie- und Neubaugebieten herausgestanzt und mitten in die liebliche elsässische Provinz verpflanzt, in diese sanft gewellte Landschaft aus Wiesen, Wäldern und Weinbergen mit der Vogesen-Silhouette am Horizont. Beim näheren Betrachten erkennt man natürlich allerorten kleine oder auch größere Unterschiede zu Klein-Venedig.

Doch wie soll man sich bei diesem reichhaltigen Angebot an reizenden Städtchen und Dörfern entscheiden? Orientiert man sich daran, welche Orte überall als die malerischsten unter den malerischen entlang der Elsässischen Weinstraße gepriesen werden, bietet sich Kaysersberg als erste Station an. In der 2.400-Einwohner-Gemeinde stellt man sogleich fest: Im Vergleich zu Colmar ist der Touristentrubel geringer. Wenn man bereits am Morgen eintrifft, kann es in den Gassen annähernd still sein. Mit etwas Glück erhascht man sogar gänzlich menschenfreie Aufnahmen von den Sehenswürdigkeiten – von den opulent mit Blumen und schmiedeeisernen Schildern geschmückten Fachwerkbauten, von der aus rosa Vogesensandstein gefertigten Brücke über den Fluss Weiss, von der Kirche Sainte-Croix mit ihrem romanischen Portal, dem Albert-Schweitzer-Geburtshaus und der Ruine der kaiserlichen Burg, die sich am Ortsrand auf einem Felsvorsprung zwischen Weinbergen erhebt. Im Mittelalter diente die Festung dazu, das Tal der Weiss als einstmals wichtige Durchgangsstraße zwischen dem Oberelsass und Lothringen zu beschützen und zu kontrollieren. Während man auf der alten Brücke pausiert, auf das von Fachwerkhäuschen flankierte Flüsschen schaut und dessen Rauschen lauscht, denkt man: Mehr Bilderbuch-Elsass geht nicht. Oder doch?


Von Kaysersberg sind es gerade einmal elf Kilometer bis zum meistbesuchten Ausflugsziel der Region: Riquewihr. Taucht man in den mittelalterlichen Weinbauort am oberen Ende durch den hervorragend erhaltenen Verteidigungsturm ein, dann meint man, in einem Freizeitpark mit Elsass-Themenbereich gelandet zu sein. In der rund 1.200 Einwohner zählenden Gemeinde, die mit dem begehrten kulturtouristischen Prädikat „Les Plus Beaux Villages de France“ ausgezeichnet ist, sind sämtliche Elsass-Klischee-Komponenten im Überfluss vorhanden: fachwerkliche Baukunst, Farben, Blumen, Schmuckelemente sonstiger Art.

Ja, Riquewihr mutet gewissermaßen an wie die Essenz der Essenz von all jenem, was man klassischerweise mit elsässischen Weinstädtchen assoziiert, es ist ein einziger Augen- und Gaumenschmaus mit seinen herausgeputzten Häuserzeilen, den buckligen Pflastergassen und alten Stadtmauern, den Toren mit Weinranken und wallendem Blauregen, den Höfen mit Brunnen, Holzfässern und riesigen Weinpressen; Weinstuben laden zu Verkostungen der lokalen Spitzenweine Schoenenbourg und Sporen ein, aus Kellergewölben dringt Käseduft, in Delikatessenläden stapeln sich Branntwein, Honig, Konfitüren, Munsterkäse, Pasteten aus Lothringen und Räucherschinken aus den Vogesen, Bäckereien und Konditoreien locken mit überbordenden Auslagen voller Gugelhupf-, Gewürzkuchen- und Nougatkreationen, Restaurants machen mit ihren auf regionale Spezialitäten konzentrierten Speisekarten den Mund wässrig: Munsterkäse-Spätzle-Gratin mit Schinken, Sauerkraut mit Zander und Rieslingsauce, Wildschwein in Rotwein mit Steinpilzen. Verführerischer stellt man sich selbst das Schlaraffenland nicht vor.

Trotz all dieser appetitlichen Ablenkungen sollte man auch den kulturhistorisch bedeutsamen Stellen von Riquewihr gebührend Aufmerksamkeit schenken: etwa dem gelben, fünfstöckigen Fachwerkhaus in der Rue du Général de Gaulle Nr. 14, das aufgrund seiner Giebelhöhe von 25 Metern den Spitznamen „Wolkenkratzer“ trägt, der Place des Trois Églises, an der heute allerdings nur noch eine von ehemals drei Kirchen ihrer ursprünglichen Funktion als Gotteshaus dient, dem Tour des Voleurs (Diebesturm) mit Museum, das die einstige Folterkammer nebst Folterinstrumenten zeigt, und dem Château des Wurtemberg, eine im Stil der rheinischen Renaissance erbaute Herzogsresidenz mit Zinnengiebel und Sprossenfenstern.

Heute muss das wehrhafte Winzerstädtchen nicht mehr dem Ansturm von Feinden standhalten, stattdessen aber dem von Feriengästen. In der Hochsaison wird Riquewihr von asiatischen und amerikanischen Touristen regelrecht überflutet. Deshalb ergreift man trotz aller Reize des Kleinods beizeiten die Flucht und rettet sich aus dem Gewimmel und Geschnatter durch das Stadttor wieder hinaus in die Weinberge. Hier kann man zur Erholung noch eine Runde auf dem „Sentier viticole des Grands Crus“ wandeln. Der 4,5 Kilometer lange Rundweg gilt als einer der berühmtesten Winzerpfade Europas.


Nach wiederum nur wenigen Kilometern gelangt man nach Ribeauvillé. In dem 4.600-Einwohner-Städtchen entpuppt sich die Orientierung als ein Kinderspiel. Alle bedeutenden Baudenkmäler gruppieren sich unmittelbar um die rund ein Kilometer lange Grand’Rue, die sich ungefähr parallel zum Strengbach einmal quer von Ost nach West durch den Ort zieht. Ribeauvillé ist nicht von dieser unfassbaren, ja beinahe schon künstlich wirkenden Vollkommenheit wie der Architekturkomplex von Riquewihr, liefert jedoch auch Postkartenmotive und Touristengetümmel zur Genüge. An der Hauptstraße reihen sich blumengeschmückte Fachwerkhäuser aus dem 15. bis 18. Jahrhundert aneinander, eines entzückender als das andere. Man kann sich an besonderen Gebäuden wie dem Minnesängerhaus, der alten Getreidehalle und dem 29 Meter hohen Metzgerturm aus dem 13. Jahrhundert erfreuen, in Cafés, Wirtshäusern, Weinstuben und Feinkostläden einkehren, auf kleinen Plätzen mit plätschernden Renaissance-Brunnen verweilen und bei Winzern an Kellerbesichtigungen und Weinproben teilnehmen, gleich drei berühmte Grand-Cru-Lagen sind in der Nähe zu finden: Geisberg, Kirchberg und Osterberg.


Als Krönung der Elsass-Exkursion bietet sich ein Abstecher zum rund sieben Kilometer langen Drei-Burgen-Rundweg („Circuit des trois Châteaux“) an, der hinter der Place de la République am Ortsende von Ribeauvillé beginnt. Ausgerüstet mit erlesener Marschverpflegung aus den hiesigen Geschäften – Baguette, Käse, Pastete, Törtchen, Wein –, geht es hinauf zu den Ruinen der drei Schlösser der Herren von Ribeaupierre: der Ulrichsburg, Burg Girsberg und Burg Hohrappoltstein. Unterwegs kann man zwischen Weinreben oder Mauerresten ein Picknick einlegen und zu den lokalen Leckereien den prächtigen Panoramablick über die elsässische Tiefebene und die Vogesenkämme genießen. Alles Alltägliche scheint nun weit weg zu sein. Hier ist man Mensch, hier will man bleiben.


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13 Kommentare

  1. Wenn die Frau nicht so gut schreiben könnte, wäre sie Fotojournalistin geworden, denk ich mir – nach wie vor. Ich schau bis heute gern hier rein. Hängen blieb ich am Foto eines Weserrenaissancegiebels (der mit dem zweigeschossigen Erker, der nach meinem Empfinden eigentlich eine Auslucht hätte werden sollen).

    Übrigens: Nicht alle Kinder finden Fachwerkorte sterbenslangweilig. Möge jeder Ort seine Käsebrote bereithalten! (frei nach Al Capone, Sketch History).

    1. Danke für die wohlwollende Einschätzung. Um als Fotojournalistin zu bestehen, braucht es allerdings nicht nur ein Händchen zum Fotografieren, sondern eine herausragende Begabung. Bei dem erwähnten Motiv handelt es sich wahrscheinlich um das Maison des Têtes? Die Aussage zu den Fachwerkgeschmäckern bezog sich natürlich nur auf die Mehrheit.

      1. „Bei dem erwähnten Motiv handelt es sich wahrscheinlich um das Maison des Têtes?“

        Jepp. In einigen Proportionsebenen der Fassade gemutmaßt mit dem Goldenen Schnitt gearbeitet (ca. 3/5tel zu 2/5tel im Längen- und/oder Flächeneindruck). Was viele Gebäude der Renaissance (oder hier: Weserrenaissance) elegant und spannungsgeladen wirken lässt – im Gegensatz zur sturen Symmetrie des Barock.

        Zugegeben: Das Roll- und Bandelwerk mit den Obelisken, nahezu Standard bei einem Weserrenaissance-Giebel, vermag dem heutigen Auge leicht süßlich zu erscheinen.

        Speziell das hier dargestellte Fachwerk ist übrigens auch nicht mein Fall. Weder, was die forciert bunten Anstriche der Fachen betrifft noch betreffs der Bautechnik. Die grünen, roten, rosa und blauen Anstriche der Fachen schmerzen am Auge. Vielleicht wollte man da einen auf mediterran machen. Aber an der Amalfi-Küste kann man das erstens, und zweitens wählt man gemäße Farben und Farbkombinationen.

      2. Es ist freilich alles Geschmackssache – und ich verstehe gewissermaßen, was gemeint ist. Aus meiner Sicht ergibt es jedoch keinen Sinn, eine Gegend in Nordfrankreich mit einem Küstenstrich in Süditalien zu vergleichen. Wenn man möchte, kann man den Fassadenfarbspektren beider Regionen gleichermaßen Schönheit abgewinnen, zumal sie jeweils perfekt mit den sonstigen Gegebenheiten korrespondieren und harmonieren: im Elsass die intensiven, gesättigten, heiteren Farbtöne mit der sattgrünen Landschaft, dem kühleren Licht und dem zuweilen wolkenverhangenen Himmel, an der Amalfiküste (und auch in anderen südlicheren Gefilden wie Algarve, Provence, Kalabrien etc.) die dezenten, pastelligen, erdigen Nuancen mit der sanftgrünen Vegetation, dem goldenen Licht und dem oftmals azurblauen Himmel/ultramarinblauen Meer. Für mich sind das beides stimmige Gesamtkompositionen. Man macht hier eben nicht auf „mediterran“, sondern auf „elsässisch“ (die Farben haben teils auch einen historischen Hintergrund – sie zeigten einstmals die Zünfte an, damit sich Unbelesene zurechtfanden). Und wie langweilig wäre es schließlich, wenn es in Colmar und Umgebung genauso aussehen würde wie in der Altstadt von Amalfi.

  2. Ermüdend, langatmig und manieristisch. Es ist zu vermuten, dass Dr nach der Anzahl von Zeichen entlohnt wurde. Ich empfehle, diese Torte mit Pausen zu genießen und sich den einen oder anderen Absacker zu gönnen. So schläft es sich dann auch besser.

    1. Das klingt entsetzlich und tut mir ungemein leid. Vielleicht als Empfehlung: Wenn Sie beim nächsten Mal auf einen Text stoßen, der Sie derart strapaziert, dann brechen Sie doch am besten gleich ab. Zum Thema Reisen gibt es viele andere Blogs/Online-Magazine etc., die Ihnen kurz und knackig die Top-Ten-Highlights und oft auch noch sogenannte „Geheimtipps“ zum jeweiligen Reiseziel präsentieren – ganz ohne Detailreichtum und Differenziertheit. Das entspricht womöglich eher Ihrem Geschmack und Durchhaltevermögen.

      Und noch als Transparenz-Hinweis: Weder hat man mir die Elsass-Reise gesponsert noch wurde ich für die Veröffentlichung des Beitrags bezahlt.

      1. Wie wärst denn mit einem Bericht vom radlerischen Erklimmen des Mont Ventoux? Über die verschiedenen Charaktere der Mitradler könnte Frau einen ganzen Roman schreiben. Die Aussicht ist grandios und ebenso das Glücksgefühl wenn Frau das geschafft hat. Eine Reise mal anders ins Innere zum Schweinehund. Der Wein vor Ort ist mehr als trinkbar und zur richtigen Reisezeit gibt’s Kirschen aus Carpentras und Melonen aus Cavaillon. :-)

  3. Danke für den schönen informativen u. umfassenden Bericht. Wir fühlen uns in unserem Plan bestärkt Colmar und Umgebung im Herbst einen Besuch abzustatten. Gibt’s noch weitere empfehlenwerte Orte in der Gegend ausser den genannten Riquewir, Kayserberg und Ribeauville? Wir wollen viel Zeit mitbringen.

  4. Das mit den Zünften, bzgl. der Fachwerkfarben, wusste ich nicht. Danke fürs Schlauermachen! Wirkliche körperliche Schmerzen am Auge hatte ich auch nur bei der Farbkombination Grün-Rot an einem einzigen Gebäude. Sei es dahingestellt, ob die Schmerzen woanders aufgetreten wären, wäre es nicht um konkrete, sondern um symbolische Farben gegangen. :-)

    1. Ja, die recht wilde Farbkombination an erwähntem Gebäude (das Restaurant Le Médiéval in Riquewihr) harmoniert auch nicht gerade mit meinem persönlichen Geschmack. Es scheint sich dabei um Komplementärfarben zu handeln, was die Sache nicht unbedingt besser macht. Solche grellen Experimente sind in den hier vorgestellten elsässischen Orten allerdings die Ausnahme.

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