„Wo war es denn am schönsten?“

Wenn man zum Personenkreis der Vielreisenden gehört, wird man immer mal wieder mit dieser Frage konfrontiert. Warum eine geistreiche Antwort darauf vollkommen unmöglich ist.

Sobald man erwähnt, dass man in seinem Leben vergleichsweise viel in der Welt herumgekommen ist, erfolgt recht zuverlässig die Frage: „Wo war es denn am schönsten?“ Man sollte den Menschen, die jene Erkundigung artikulieren, keineswegs böse Absichten unterstellen. Sie verhalten sich lediglich im Sinne ihrer sozialen Programmierung für ein manierliches Miteinander und bedienen sich der hierfür gängigen Methode des Small Talks, also der Konversation über ein möglichst unverfängliches Thema, das sich für alle Beteiligten schadlos ausgestalten lässt. Und womöglich mag bei der einen oder anderen Person sogar ernsthaftes Interesse an einer Auskunft bestehen, um sich Inspirationen für den nächsten Urlaub zu holen.

Doch dieses vermeintlich harmlose Geplänkel ist eine hochkomplexe Angelegenheit. Nicht umsonst steht beim Besuch im Reisebüro zunächst eine gründliche Bedürfnisanalyse an, bevor man mit konkreten Vorschlägen rechnen kann. Und nicht umsonst verfügen Online-Buchungsportale über feine Filtereinstellungen, damit man passende Angebote extrahieren kann. Um eine Auswahl an Kategorien zu nennen: Möchte man individuell reisen oder in der Gruppe? Möchte man die Wahrscheinlichkeit für Abenteuer maximieren (z.B. mit einer Rundreise durch exotische Gefilde) oder eher minimieren (z.B. mit einem Pauschalurlaub in eine massentouristische Zone)? Möchte man fahren oder fliegen? Ans Meer oder in die Berge? In die Sonne oder in den Schnee? Kultur oder Natur? Service oder Selbstversorgung? Luxus oder Low-Budget? Kids Club oder Adults-only? Ruhe oder Remmidemmi? Authentisches oder Artifizielles?

Das Dilemma beginnt schon damit, dass „schön“ ein ungemein schwammiges Attribut ist. Es kann sich auf Konkretes beziehen wie Naturerscheinungen, Menschen, Kunstwerke oder Gebrauchsgegenstände, aber auch auf Abstraktes wie Erlebnisse, Erinnerungen oder Beziehungen. Auf der Suche nach einer universalen Definition von Schönheit wird sogleich offenkundig: Es gibt sie nicht – und wird sie auch niemals geben können. Seit ewigen Zeiten ringen alle möglichen wissenschaftlichen Disziplinen sinnierend und forschend um Erklärungen und Bestimmungen. Etliche Sichtweisen aus Biologie, Psychologie, Soziologie, Philosophie und Kunstwissenschaften konkurrieren miteinander, die Zahl der Aphorismen, Gedichte, Theorien und sonstigen Abhandlungen rund um den Schönheitsbegriff ist gänzlich unüberschaubar. Beruht Schönheit auf persönlichem Empfinden, ist sie eine Eigenschaft von Objekten oder formiert sie sich aus einem Zusammenspiel von beidem? Oder ist noch etwas ganz anderes entscheidend? Ein Schwenk in das weite Spektrum an Perspektiven.

Das wahrscheinlich bekannteste Zitat in diesem Kontext besagt: „Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“ Es wird dem griechischen Geschichtsschreiber Thukydides (454 v. Chr. bis 396 v. Chr.) zugeordnet und repräsentiert den subjektiven Ansatz. Eine ähnliche Ansicht vertrat der US-amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson: „Und wenn wir die ganze Welt durchreisen, um das Schöne zu finden: Wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.“ Der deutsche Schriftsteller Heinrich Martin verortete die Entstehung von Schönheit ebenso im Einzelwesen: „Es gibt kein Maß und Gesetz für Auffassung der Schönheit, weil ihre Beschaffenheit, je nach der Individualität des Menschen, in dessen Seele verschiedene Abspiegelungen findet.“ Und auch Immanuel Kant war der Auffassung, dass Schönheit kein objektives Merkmal der Dinge ist, sondern aus der ästhetischen Anmutung eines Gegenstandes für den Einzelnen resultiert. Der Philosoph konstatierte, dass sich das Geschmacksurteil frei von jeder Zweckmäßigkeit aus der reinen sinnlichen Wahrnehmung begründe, die wiederum auf der Wechselwirkung mit vorhergehenden Reflexionen basiere.

Als wäre die Auslotung von Schönheit im Spannungsfeld zwischen Subjekt und Objekt nicht schon knifflig genug, sind obendrein weitere Einflussfaktoren wie kulturelle Prägung, sozialer Status und Zeitgeist zu bedenken. Seit jeher variieren Schönheitsideale zwischen verschiedenen Epochen und Kulturen mitunter deutlich. Sogar innerhalb einer Kultur können die Vorstellungen schwanken. Der französische Soziologe Pierre Bourdieu stellte fest, dass Geschmack keine naturgegebene Eigenheit des Menschen sei, sondern ein Produkt der sozialen Herkunft. Geschmack besitze stets auch eine soziale Funktion. Man ordnet sich darüber einer bestimmten Gruppe zu und grenzt sich gegen eine andere ab. Jede Klasse entwickelt demnach ihre eigenen Moden und Maßstäbe. Beispielsweise bevorzugen Besserverdienende ein natürliches Aussehen, während Angehörige einkommensschwacher Schichten ihre Körper oftmals augenfällig in Szene setzen – etwa mit Tattoos, greller Schminke oder künstlicher Bräune. Zugleich ist aus den Natur- und Kunstwissenschaften hinreichend bekannt, dass gewisse Parameter und Prinzipien von einer Mehrheit fortwährend und übergreifend als schön empfunden werden – Symmetrie, Kennzeichen von Jugendlichkeit oder die Proportionen des Goldenen Schnitts beispielsweise.

Angesichts dieser ausgeprägten Vielschichtigkeit von Aspekten kann man bestens nachvollziehen, wenn jemand auf einen eigenen Standpunkt verzichtet und lieber auf die Kompetenz einer höheren Instanz verweist. Diese Vorgehensweise wählte der deutsche Maler Albrecht Dürer, indem er befand: „Was Schönheit ist, weiß nur Gott.“

Die Problematik geht damit weiter, dass man die Frage im Grunde nicht einmal für sich selbst beantworten kann, welchen Flecken der Erde man denn tatsächlich am schönsten von allen fand. Viel zu einmalig sind die bereisten Orte und viel zu unterschiedlich waren die jeweiligen Voraussetzungen, unter denen die Besuche stattfanden. Zur Veranschaulichung einige Beispiele:

Wie soll man einen Vergleich anstellen zwischen …

  • … einer Exkursion zu Meeresechsen, Riesenschildkröten und Seelöwen auf den Galapagos-Inseln und einer Safari zu Elefanten, Giraffen und Löwen im südlichen Afrika?
  • … der Betriebsamkeit einer angesagten Millionenmetropole und der Beschaulichkeit einer minikleinen Malediveninsel?
  • … den stillen Tempelanlagen in Asien und den prunkvollen Kathedralen in Europa?
  • … dem Bummel über einen bunten Basar im Orient und einem Streifzug über einen duftenden Markt in mediterranen Regionen?
  • … einer Rentierschlittenfahrt durch das glitzernde Winterwunderland in Finnisch-Lappland und einer Offroadtour durch die glühende Wüste von Dubai?

Und darf man einer Destination bei der Bewertung ihrer Schönheit zusätzliche Punkte geben, bloß weil man sie unter idealen Vorzeichen erleben konnte? Weil die Reiseorganisation exzellent war und man ausnahmslos die Schokoladenseiten einer Gegend serviert bekam? Weil das Wetter perfekt mit den geplanten Aktivitäten harmonierte? Weil ein üppiges Reisebudget für jede Menge Luxuserlebnisse zur Verfügung stand? Weil man sich am Aufenthaltsort problemlos akklimatisieren konnte und der körperliche Wohlfühlfaktor hoch war? Weil es in der Reisegruppe ein herzliches Miteinander und einen bereichernden Austausch gab? Weil fantastische Höhepunkte die gesamte Reise überstrahlten? Die Antwort darauf lautet eindeutig: nein.

Oder darf man einem Reiseziel umgekehrt Punkte abziehen, bloß weil schlechte Rahmenbedingungen den Erlebniswert schmälerten? Weil die Reiseleitung irgendetwas zwischen miserabel und katastrophal war? Weil die ersehnten Unternehmungen durch unpassende Witterung vereitelt wurden? Weil die Reisekasse knapp bemessen war? Weil man das Beförderungsmittel, den Zeitzonenwechsel oder die lokalen Speisen nicht vertragen hat und sich durchweg fühlte wie auf einer Achterbahnfahrt? Weil man auf der Reise von lauter miesepetrigen Mitreisenden umgeben war – also jener Sorte Mensch, der irgendwann jede Begeisterungsfähigkeit abhanden gekommen ist, sofern sie überhaupt jemals welche besaß? Oder weil irgendwelche unerwarteten Ereignisse die gesamte Reise überschatteten? Erfahrungen, nach denen man sich schwört: einmal und nie wieder? Die Antwort lautet abermals: nein.

Und damit ist man bei der nächsten Schwierigkeit: Auf welchen Betrachtungszeitraum genau bezieht sich eigentlich die Frage, wo es denn am schönsten oder war? Sollen einzelne Erlebnisse miteinander verglichen werden oder gesamte Reisen von Anfang bis Ende? Sind magische Momente gemeint oder tagelange Aufenthalte als Summe aller Geschehnisse?

Zugegeben: Als vielreisende Person ist es für die Psychohygiene unerlässlich, die zahllosen Eindrücke sorgsam zu selektieren und strukturieren. Um sich vor unentwegter Reizüberflutung zu schützen, muss man alle Beobachtungen konsequent kategorisieren. Und ja, in diesem Speicher der Reiseerinnerungen gibt es Länder, die entweder in der Schublade „zauberhaft“ oder „grauenhaft“ abgelegt sind, und solche, die sich irgendwo in der Grauzone dazwischen befinden. Eine grobe Trennung zwischen schöneren und unschöneren Orten, wenn man so will. Dennoch würde man niemals auf die Idee kommen, daraus pauschale Empfehlungen oder Warnungen für eine Region, geschweige denn für ein ganzes Land abzuleiten. Um es wieder anhand einiger Beispiele aus dem eigenen Repertoire zu beleuchten:

Sollte man etwa …

  • … Frankreich wärmstens ans Herz legen, nur weil man selbst an die Atlantikküste des Landes die seligsten und intensivsten Urlaubserinnerungen aus Kindertagen hat?
  • … Südafrika euphorisch anpreisen, nur weil man selbst zu Luxusreisen dorthin eingeladen war, die sich längst nicht jeder leisten kann? Mit Business-Class-Flug, Übernachtung in exklusiven Safari-Resorts und Erlebnissen wie einem Helikopterflug übers Kap?
  • … von Island, Finnland, Kanada, Namibia und Norwegen schwärmen, nur weil man selbst durch und durch Naturliebhaberin ist und die menschenleeren Landschaften dieser Länder umwerfend fand?
  • … Ecuador, die Kapverden, Myanmar, Usbekistan und Vietnam begeistert bewerben, nur weil man selbst von der märchenhaften Andersartigkeit dieser Reiseziele restlos hingerissen war?
  • … Deutschland zur Nummer eins erklären, nur weil man hierhin die meisten Reisen unternommen hat und infolgedessen ungezählte wundervolle Begebenheiten und Begegnungen stattfanden?

Oder sollte man etwa …  

  • … von Marokko abraten, nur weil man einmal auf einer Marrakesch-Tour seine Reisegruppe verlor, den Rückflug verpasste und mutterseelenallein dastand, ohne Geld und irgendwelche Kontaktdaten?
  • … einen Bogen um Bulgarien nahelegen, nur weil einmal auf einer Reise an die Schwarzmeerküste allerorten bergeweise Fettgebackenes und viel zu viele Gläser Rakija auf den Tisch kamen und permanente Übelkeit verursachten?
  • … die Malediven verdammen, nur weil man einmal bei einem Aufenthalt in einem Luxusresort die Monotonie aus Palmen, Sand und Wasser belanglos und das feuchtheiße Klima furchtbar fand?
  • … schlecht über Florida sprechen, nur weil einmal auf einer Reise nach Orlando das vorgegebene Programm – ein Marathon durch Shoppingmalls und Freizeitparks – dem eigenen Naturell zuwider war?
  • … vor Nicaragua warnen, nur weil es einmal auf einer Rundreise außerordentlich viele Begegnungen mit Spinnen gab und man selbst eine ausgeprägte Arachnophobie hat?

Nein, auf keinen Fall. Um die Schönheit einer Gegend fair zu bewerten, müsste man die dorthin unternommenen Reisen zwingend von sämtlichen Umständen bereinigen, die sich in irgendeiner Weise verzerrend auf die Wahrnehmung auswirken. Und eben: Wie soll das in der Praxis funktionieren, wenn man doch ein fühlendes Geschöpf und kein wandelndes Statistikprogramm mit systematischer Fehlerbereinigung ist? Darum bleibt es unausweichlich bei diesen singulären und subjektiven Sinneseindrücken – sprich, bei einer überaus defizitären Datenlage. Was ferner einzukalkulieren ist: Da man als Einzelperson unmöglich überall zugleich auf dem Globus sein kann, liegen manche Reisen schon länger zurück. Die Aktualität der Angaben ist also keineswegs zu gewährleisten.

Doch nicht allen Weltenbummelnden scheint es gleichermaßen Kopfzerbrechen zu bereiten, sich mit einem eindeutigen Ranking zu positionieren. Man findet etliche Webseiten, Blogs und Social-Media-Plattformen, auf denen ausgebildete oder selbsternannte Reisefachleute teils mehr, teils weniger differenziert oder auch ohne jegliche Begründung Listen mit den schönsten Reisezielen weltweit verbreiten. Mitunter enthalten diese Zusammenstellungen die Einschränkung, dass es sich dabei um persönliche Vorlieben handelt. Damit möchte man sich wohl vom Anspruch auf Allwissenheit distanzieren und eine gewisse Bescheidenheit bekunden. Der breiten Leserschaft nützt diese Zusatzinformation herzlich wenig. Denn man muss einen Menschen schon in- und auswendig mit all seinen Ansprüchen, Neigungen und Lebensgewohnheiten kennen, um dessen Aussagen über eine Reiseregion präzise interpretieren zu können. Andernfalls fehlt der entscheidende Referenzpunkt.

Man müsste beispielsweise wissen, ob jemand eher Überraschungen favorisiert oder Sicherheit, ob jemand eher Alleinsein schätzt oder Geselligkeit, ob jemand für seine Erholung eher Komfort, Kulinarik und ein mildes Klima benötigt oder Survival-Szenarien mit Campen, Konservennahrung und kälteren Temperaturen, ob jemand einen Traumstrand eher mit einem tropischen Palmenparadies assoziiert oder mit einer wilden Nordseeküste, ob jemand eher ein Stadtmensch ist, der am liebsten zwischen Kneipe, Konzerten und Kunstausstellungen kreiselt, oder ein Landei mit Sinn für Ruhe und Reizarmut, also ob sich jemand vermutlich mehr von der Schönheit einer kulturellen Attraktion oder eines Naturschauspiels beeindrucken lässt. Faszinierend kann im Grunde alles sein, von Menschenhand erschaffene Bauwerke der Superlative wie Pyramiden, Pagoden oder Paläste ebenso wie von Naturgewalten geformte Sensationen wie Canyons, Gletscher oder Höhlen.

Doch Faszination ist nicht gleich Faszination. Es gibt jene Verzauberung, die sich mehr auf einer rationalen Ebene vollzieht, als eine Reaktion reiner Ungläubigkeit, und jene, die ein Ganzkörpergänsehautgefühl und manchmal sogar auch einige Tränen auslöst, sei es aus Ergriffenheit oder vor lauter Dankbarkeit oder wegen allem zugleich. Die eine Art von Schönheit imponiert dem Geist, die andere berührt Herz und Seele. Und damit ist man wieder bei der anfangs skizzierten Malaise, dass sich die Bestimmung des Begriffs auf keinen gemeinsamen Nenner bringen lässt. Wie und wo entsteht Schönheit und was umfasst sie?

Nein, wie man es auch dreht und wendet. Es kann keine gescheite Erwiderung auf die Frage geben, wo auf Erden es am schönsten war. Und man möchte alle ernsthaft Interessierten um Verständnis bitten, wenn man sich dazu kategorisch ausschweigt und sie stattdessen ermuntert, selbst auf die Reise nach einer Antwort zu gehen.


Transparenz-Anmerkung: Die Veröffentlichung des Beitrags erfolgte unentgeltlich. Bei den Abbildungen handelt es sich ausnahmsweise um KI-generierte Motive.

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