Waldkunstpfad in Darmstadt: Magisch, meditativ, morbid

Riesige blaue Tropfen, die vom Waldboden himmelwärts fallen, eine schwebende Holzhütte als Rückzugsort für die Seele und totenbleiches Geäst als Mahnmal für bedrohte Ökosysteme: Versteckt im Darmstädter Stadtwald warten entlang des Waldkunstpfades dutzende Werke von Kunstschaffenden aus aller Welt darauf, entdeckt, bewundert und gedeutet zu werden. Eine Erkundungstour zu ausgewählten Installationen.

Freiheit, Romantik, Identität, Wandel, Wasser: Seit 2002 veranstaltet der Verein für Internationale Waldkunst in Darmstadt alle zwei Jahre eine Freilichtausstellung zu wechselnden Themen. Auf rund drei Kilometern schlängelt sich der Waldkunstpfad zwischen Böllenfalltor, Goetheteich und Ludwigshöhe quer durch den Bessunger Forst. Manche der Kunstwerke sind schon von Ferne zu erspähen, andere verbergen sich zwischen Büschen und Bäumen. Mit jeder Waldkunstbiennale kommen neue Objekte hinzu, während ältere Exponate verwittern und zum Teil irgendwann ganz verschwinden. Das Spektrum an Zuständen der vorwiegend aus Naturmaterialien gefertigten Installationen reicht von erst kürzlich errichteten Hörbänken mit über QR-Code abrufbaren Audio-Inhalten bis hin zu morschen und moosüberzogenen Holzgebilden irgendwo zwischen Dornengestrüpp. Mehr als 35 Arbeiten internationaler Kunstschaffender haben sich inzwischen entlang dieser rund um die Uhr geöffneten Kunstmeile angesammelt.

Als Startpunkt für einen Streifzug über den Waldkunstpfad bietet sich der Waldparkplatz oben an der Marienhöhe an. Von dort erreicht man zu Fuß sogleich die Ludwigshöhe. Mit Aussichtsturm, Ludwigsklause, Terrassen und fantastischem Rheintalblick zieht der Hausberg von Darmstadt bei schönem Wetter wahre Menschenmassen an. Alternativ kann man den Spaziergang über den Waldkunstpfad am Waldparkplatz unten am Böllenfalltor beginnen.

„Versteckte Kinder“ (2012)
Vom Aussichtsturm auf der Ludwigshöhe sind es nur wenige Meter bis zu diesem dezenten Kunstwerk, das an ein Puppenhäuschen denken lässt. Die US-amerikanische Künstlerin Laurie Beth Clark hat es in Gedenken an die Kinder erschaffen, die sich in der Zeit des Holocausts im Wald versteckten und auf diese Weise überlebten. Zur Premiere des Internationalen Waldkunstpfades 2002 bestand das Konzept aus 100 Holzhäuschen. Zehn Jahre später wurde es in ein langlebiges Exponat aus Metall umgewandelt.

„Oyster Purifying Mandala“ (2024)
Der 12. Waldkunstpfad 2024 beschäftigte sich mit dem Thema „Kunst Natur Wasser“ – kritisch im Zusammenhang mit Klimawandel, Wassermangel und Waldsterben, aber auch künstlerisch im Hinblick auf den ästhetischen Reiz des flüssigen und flüchtigen Elements. Mit diesem Mandala aus Austernschalen, das wie eine Kreuzung aus Traumfänger und Windspiel zwischen den Bäumen klimpert, möchte die US-amerikanische Künstlerin Na Omi Judy Shintani auf die Filterarbeit hinweisen, die Muscheln für die Wasserreinigung leisten.

„Rain Mill“ (2024)
An manchen Stationen des Waldkunstpfades darf man selbst aktiv werden und die Kunstwerke ausprobieren. Das gilt zum Beispiel für diese aus Stahl und Holz erbaute Regenmühle des italienischen Künstlers Stefano Devoti. Setzt man die Mechanik mithilfe eines Drehgriffs in Bewegung, rauscht es ähnlich wie bei Starkregen. Das Projekt begreift Maschinen als Instrumente zur Beeinflussung spiritueller Kräfte. Es soll sowohl ein Tribut an die Weisheit der Vorfahren als auch ein zukunftsweisendes Experiment sein.

„Wald Canopy“ (2020)
Dieses Kunstwerk sieht nach einer echten Geduldsprobe aus. Mit ihrem penibel perforierten Baldachin aus Kupferblech möchte die deutsche Künstlerin Barbara Beisinghoff Einblicke in die Natur- und Kulturgeschichte eröffnen. Ihre „Lichtzeichen“ widmen sich allen erdenklichen Themen – angefangen von Schöpfungsmythen und Goethes Naturwissenschaft bis hin zu den chemischen und botanischen Gesetzen des Wachstums.

„Houses/nests (Alfabeto/abeto)“ (2016)
Für den 8. Waldkunstpfad zum Thema „Kunst Transformation“ hat die argentinische Künstlerin Laura Lio diese zwei Behausungen mitten in die Baumkronen gezimmert – dorthin, „wo die Äste geboren werden“, wie sie sagt. Die Kreation soll zum einen als Unterschlupf für Vögel dienen, zum anderen aber auch als Zuhause für die Fantasie.

„bioutopic unit“ (2014)
Beim Betrachten dieses Arrangements aus Moos, Gras und grünen Plastikschläuchen zum Thema „Kunst Biotope“ ist die erste Assoziation: Pilze. Der deutsche Künstler Thomas May hat die Grasinseln als geschlossene Bioeinheiten angelegt, die sich gegenseitig mit Wasser versorgen und vom übrigen Wald weitgehend unabhängig existieren können. Ein kleines Stück weiter gelangt man an einen Stein mit Bronzeplatte. Hierbei handelt es sich zur Abwechslung nicht um ein Kunstwerk, sondern um ein Denkmal namens Goethefelsen. Der Dichterfürst soll an jener Gesteinsformation seinen „Felsweihegesang (An Psyche)“ verfasst haben.

Wasserhörbänke“ (2024)
Spätestens jetzt könnte man eine kurze Rast gebrauchen. Da kommen die „Wasserhörbänke“ der österreichischen Foto- und Medienkünstlerin Sabine Maier gerade recht. Auf den Holzflächen kann man sich sitzend oder liegend niederlassen, den Blick in die Baumkronen oder über den silbrig grünen Goetheteich gleiten lassen und über einen QR-Code naturwissenschaftlichen oder philosophischen Vorträgen über Wasser und Wald lauschen. Im Anschluss bietet sich ein Abstecher zum Picknickplatz auf dem Herrgottsberg an. Bei der Gelegenheit kann man gleich noch die Teufelskralle in Augenschein nehmen. Obwohl als gesichert gilt, dass der Felsblock ein schnödes Überbleibsel früherer Steinbrüche ist, ranken sich um ihn allerlei Legenden: War er einmal eine heidnische Opferstelle? Wurde der Gesteinsbrocken von einem zornigen Satan auf den Berg geschleudert? Kann man nicht sogar Krallenspuren daran erkennen?

„Wolkenkuckucksheim“ (2020)
Eine grüne Raute mit weißem Baum zeigt die Strecke des Waldkunstpfades an. Zur 6. Auflage unter dem Leitmotiv „Kunst Natur Identität“ hat Fredie Beckmans aus den Niederlanden dieses irdische „Wolkenkuckucksheim“ beigetragen. Die drei Holzkästen sind mit lauter Vogelnamen aus aller Welt bemalt und symbolisieren, dass es einen Platz für alle gibt – für lokale Vögel ebenso wie für exotische, für Amsel, Elster, Meise, Spatz und Sperling ebenso wie für Aztekenmöwe, Brillenpinguin, Japanwachtel, Paradiesvogel und Turteltaube.

„Luftschloss“ (2012)
Seit dem 6. Waldkunstpfad zum Thema „Realität und Romantik“ schwebt dieses eher spartanisch gehaltene „Luftschloss“ an einem Hang zwischen den Bäumen. Die deutsche Künstlerin Anne Berlit wollte mit der hüttenartigen Konstruktion aus lose herunterbaumelnden Holzlatten einen Ort schaffen, an den sich die Seele zurückziehen kann und eine Pause von Konventionen und Alltagsfunktionalität erleben darf.

„Soundwave“ (2024)
Hier ist anfassen nicht nur erlaubt, sondern erwünscht: Das Kunstwerk „Soundwave“ möchte zum Musizieren animieren. Der deutsche Künstler Volker Staub hat es aus einer Vielzahl selbstklingender Objekte komponiert. Die Klangkörper aus Holz, Metall und Stein lassen sich mit Schlegeln oder den Händen in Bewegung versetzen, so dass sie sanft aneinander schlagen und Töne erzeugen. Aber auch Umweltkräfte wie Wind und Regen können der Klangwelle ein Konzert entlocken.

„Rain Altar“ (2024)
Haarbürsten von Riesen? Das Bett eines Fakirs? Ein Igelpärchen? Nein, alles weit gefehlt. Dieses stachelige Objekt der ungarischen Künstlerin Reka Szabo soll die Form eines Wassertropfens imitieren und einen Regenaltar repräsentieren. Der Ort möchte dazu anregen, über das Gleichgewicht des Regens zu meditieren und die Scheuklappen abzulegen, die bis dahin den Blick auf die Verantwortung für die Umwelt verdeckt haben.

„Forest Bleaching“ (2024)
Aus abgestorbenen Ästen hat die Darmstädter Künstlerin Kim Rathnau dieses Kunstwerk als Mahnmal für bedrohte Korallenriffe gestaltet. Mancherorts entdeckt man kleine rote Schlangen auf dem bleichen Geäst. Sie sollen Zuversicht spenden, indem sie auf einen Mythos zur Entstehung von Korallen verweisen. Als Perseus Medusa den Kopf abschlug, bildeten sich dort, wo ihr Blut ins Meer floss, Korallen.

„Breathing Tree“ (2024)
Diesen begehbaren Zirkel aus Ästen um einen Baumstamm herum hat der aus Taiwan stammende Umweltkünstler Lee Kuei-Chih modelliert. Die Naturskulptur soll den Atem des Waldes transformieren, die materielle Welt mit dem immateriellen Universum verbinden und die Beziehung zwischen Wasser, Erde und Mensch erforschen. Zu abstrakt? Egal. Zum Innehalten und einige Male tief frische Waldluft inhalieren inspiriert das Kunstwerk allemal.

„Drop Cycle“ (2024)
Das Gesetz der Schwerkraft ist bei dieser Arbeit von Lua Rivera außer Kraft gesetzt. Mit den aus leuchtend blauen Bändern geknüpften Tropfen, die in den Himmel zurückzufallen scheinen, möchte die in Mexiko geborene Künstlerin den ewigen Wasserkreislauf illustrieren – und zugleich darauf aufmerksam machen, dass sich die Zirkulation durch den Treibhauseffekt zunehmend verkürzt und aus dem Gleichgewicht gerät.


Dich interessiert vielleicht auch

2 Kommentare

  1. Wow, tolle Sache. So was gibt’s bei uns nicht. Werde mir den Ausflugstipp vormerken. Gelungener Beitrag mit sehr guten Bildern.

Kommentar verfassen