Sprintstrecke im Schneckentempo

Nie wieder möchte ich eine schwankende Hängeseilbrücke überqueren, …

… denn danach fühlte ich mich keineswegs hochgestimmt und heldenhaft, sondern einfach nur matt.

Als ich vor vielen Jahren in Frankfurt den ersten Marathon meines Lebens lief, hielt ein Zuschauer bei Kilometer 38 ein Pappschild mit folgender Botschaft hoch: „Jetzt umzudrehen wäre auch blöd.“ Kilometer 38 bedeutet, dass man sich in jener Phase des legendären Langstreckenlaufs befindet, in der die Kohlenhydratspeicher im Körper vollständig aufgebraucht sind, sämtliche Muskeln brennen und der innere Schweinehund ein einziges jaulendes Wesen ist, das um sofortigen Abbruch bettelt. Man muss seinen ganzen Kampfgeist bündeln, um noch die restlichen vier Kilometer zu bezwingen.

An diesen Moment fühle ich mich erinnert, als ich auf der Hängeseilbrücke Geierlay mitten im Hunsrück stehe. Mehr als die Hälfte der 360 Meter langen Strecke über das Mörsdorfer Bachtal liegt hinter mir. Im Vergleich zur Marathondistanz ein Witz. Allerdings gibt es bedeutende Unterschiede. Statt festem Asphalt habe ich schwankende Holzbohlen unter den Füßen. Nicht anfeuerndes Publikum säumt den Weg, sondern luftiges Maschendrahtgeländer, das mir gerade einmal bis zur Schulter geht. Rechts und links des 85 Zentimeter breiten Steges geht es 100 Meter in die Tiefe. Mir ist schwindelig. Meine Beine haben sich in Gummi verwandelt. Ich habe Angst. Doch auf dem letzten Stück noch umkehren? Nein, das wäre großer Unsinn. Also tief durchatmen und langsam weiter, Schritt für Schritt, den Blick nicht in den Abgrund schweifen lassen, sondern fest auf die Planken richten.

Die Geierlay-Hängeseilbrücke zwischen den Gemeinden Mörsdorf und Sosberg in Rheinland-Pfalz ist eine Touristenattraktion der Superlative. Sie ist zwar inzwischen nicht mehr die längste Hängeseilbrücke von Deutschland, laut Eigenwerbung aber weiterhin die schönste. Seit der Eröffnung 2015 haben rund 3,2 Millionen Menschen das nach dem Vorbild nepalesischer Hängeseilbrücken gestaltete Bauwerk besucht. Darum denkt man erst einmal: So schlimm wird’s schon nicht werden. Was Hinz und Kunz kann, kann man auch. Eine irrige Annahme.

Die ersten Meter sind noch harmlos. Doch irgendwann beginnt die Brücke zu schwingen und der Abstand nach unten wirkt plötzlich gewaltig. Ob die Aussicht tatsächlich atemberaubend ist, wie es die Geierlay-Reklame verspricht, kann ich beim besten Willen nicht beurteilen. Während ich mich Meter für Meter über die Brücke taste, treiben mich ganz andere Fragen um als die, was man ringsum erblickt oder aus welcher Perspektive sich das spektakulärste Foto ergattern lässt. Ein dicker Mann mit Rollator und Hund kommt mir entgegen und quetscht sich an mir vorbei. Ich gerate ins Wanken und muss mich ans Geländer klammern. Hunde und sogar Fahrräder sind auf der Geierlay-Hängeseilbrücke erlaubt. Ich überlege, wie viel Gewicht die Konstruktion wohl verträgt und wann man sie zuletzt auf Schäden kontrolliert hat. Könnten die Balken im Laufe der Jahre nicht schon etwas morsch, die Schraubverbindungen locker und die Stahlseile rostig geworden sein? Und wie hat man es überhaupt bewerkstelligt, die Brücke mitten im Wald in dieser Höhe zu installieren? Waren Riesenkräne im Einsatz? Bauarbeiter mit Zusatzqualifikation in Akrobatik?

Höhenangst ist irrational. Es wäre deshalb kein Vorteil gewesen, wenn ich die Informationen im Besucherzentrum von Mörsdorf vor der Brückenbegehung studiert hätte und nicht erst danach. Wenn ich schon gewusst hätte, dass die Geierlay-Hängeseilbrücke eine Last von 50 Tonnen verträgt, was in etwa 600 Personen entspricht. Dass die Verankerungen der Tragseile bis zu 25 Meter tief in den Felsen einzementiert wurden, alle Stahlteile feuerverzinkt und damit dauerhaft gegen Korrosion geschützt sind, der Laufsteg aus besonders langlebigem und widerstandsfähigem Douglasienholz besteht und das Bauwerk selbstverständlich regelmäßig gewartet wird.

Im Besucherzentrum illustriert eine kleine Fotoausstellung die Entstehung der Geierlay-Brücke. Bei der Montage der Bohlen mussten die Bauarbeiter auf dünnen Brettern balancieren, nur gesichert mit einem Seil. Für Menschen mit Akrophobie eine Alptraumarbeit. Mir schwindelt allein beim Betrachten der Bilder. Und dann lese ich noch, dass das Ausmaß der Schwingungen variieren kann, abhängig von Temperatur, Witterung und der Anzahl der Personen, die sich auf der Hängeseilbrücke aufhalten. Da kann ich von Glück sprechen, dass ich einen windstillen Hochsommertag erwischt hatte. Auf der Geierlay-Brücke und den Wanderwegen drumherum war bei der Hitze kaum jemand unterwegs. Den Hunsrück-Touristen stand der Sinn sicherlich mehr nach Abkühlung in irgendeinem Gewässer als nach schattenlosem Adrenalinkick.

Als ich mein Marathondebüt in einer passablen Zeit absolviert hatte, fühlte ich mich unbesiegbar und wahnsinnig euphorisch. Nach der Überquerung der Geierlay-Hängebrücke verspüre ich dagegen lediglich Erschöpfung infolge der mentalen Anspannung – und Erleichterung, nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder auf festem Grund zu stehen. Ermattet von einer Sprintstrecke im Schneckentempo. Nicht gerade eine glorreiche Bilanz.

Ängste lassen sich am besten mit Konfrontation besiegen. Man stellt sich der gefürchteten Situation oder dem angsteinflößenden Objekt. Bei mir hat diese als Expositionstherapie bekannte Behandlungsform nicht angeschlagen – zumindest nicht nach einmaliger Anwendung. Wahrscheinlich müsste ich etliche Wiederholungen einlegen, um eine Linderung zu erzielen. Da ich in meinem Alltag allerdings nicht ständig mehrere hundert Meter lange, über tiefe Schluchten führende, wackelnde Hängeseilbrücken überwinden muss, habe ich beschlossen: Diese spezifische Angst darf bleiben.

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2 Kommentare

  1. Spannend … Wusste nicht dass es eine solche Wackelbrücke im Hunsrück gibt. Sollte man sich mal anschauen denke ich. Vorausgesetzt man hat keine Höhenangst.

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