Nie wieder, Südafrika

Todesahnung am Tafelberg


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Nie wieder will ich wie eine Spinne am seidenen Faden von einer Klippe …

… baumeln. Das Seil war natürlich nicht seiden, sondern sehr solide. Doch meine Vernunft hatte sich zu diesem Zeitpunkt schon vollständig verabschiedet. Ich war nur noch ein einziges, adrenalingesteuertes Panikbündel, das sich mit aller Macht den Blick in den Abgrund verbieten musste, um nicht ganz ins schwarze Reich der Ohnmacht zu sinken.

Das Abenteuer nannte sich Abseiling und fand ganz oben am 1.087 Meter hohen Tafelberg in Kapstadt statt. Ich hatte noch ein Stoßgebet losgeschickt, dass uns doch bitte, bitte das Wetter einen Strich durch die Rechnung machen möge und die Seilbahn gar nicht fahren würde. Wenn es auf dem Tafelberg stürmt, was öfter vorkommt, wird das Plateau gesperrt. Doch leider war es in der südafrikanischen Metropole sonnig, windstill und die Seilbahn in Betrieb. Und so nahm der Alptraum seinen Lauf.

Ich hätte auf meine innere Stimme hören sollen, die mir eindringlich riet: „Lass es bleiben. Du tendierst zu Höhenangst.“ Stattdessen hörte ich aber auf meine Mitreisenden: Diese Chance könne ich unmöglich verstreichen lassen, Abseiling sei eine Once-in-a-lifetime-experience, und ich wolle mich doch wohl jetzt nicht als Feigling produzieren.

Ich verfluchte die Gruppendynamik, zog Helm und Klettergurt an, begab mich mit Gummiknien zur Bergkante, ließ mich von den Abseiling-Mitarbeitern anleinen und dann rückwärts in die Höllentiefe. Erst Schritt für Schritt, verkrampft vom Scheitel bis zur Sohle, dann Hüpfer für Hüpfer, indem ich mich mit den Füßen vom Felsen abstieß. Das hatte ich in Filmen so gesehen und erschien mir kräfteschonender. Trotzdem wurden meine Arme und Beine mit jedem Meter schlapper. Das Abseiling-Team konnte ich nun nicht mehr sehen, und nach unten zu schauen, wo irgendwo andere Abseiler hängen mussten, das wagte ich nicht. Es gab nur noch den rauen Fels und mich.

Gerade als ich dachte, so könnte ich die Chose ganz gut überstehen, hörte die Steinwand plötzlich auf. Meine Füße schwebten im Nichts. Das war also die Überraschung, von der die Abseiling-Guides gesprochen hatten. Als dann auch noch das Seil zu rotieren begann, schloss ich geschockt die Augen. Über den angeblich umwerfenden Blick auf den glitzernden Atlantik kann ich daher nichts berichten. Eine gefühlte Ewigkeit später – in Wirklichkeit waren es nur einige Minuten und 112 Meter – verspürte ich wieder festen Boden unter den Füßen. Nie hatte sich das fantastischer angefühlt! Dass wir danach auf einem steinigen Pfad zurück auf den Berg steigen mussten, empfand ich als regelrechte Wohltat und willkommene Wiederbelebungsmaßnahme.

Es gibt zwei Sorten von Grenzerfahrungen: Aus den einen geht man euphorisch und mit dem Gefühl hervor, dass alles möglich ist, wenn man es nur will. Nach den anderen fühlt man sich einfach nur jämmerlich. So erging es mir beim Abseiling.

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