Afrika, Lesotho, Reportagen

Im Himmel ohne Götterspeisen


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Viele Touristen verweilen nur wenige Stunden in Lesotho. Sie lassen sich ihren Reisepass stempeln, kehren im höchsten Pub von Afrika ein und kurven danach auf dem Sanipass wieder hinunter nach Südafrika. Ein bisschen kann man das verstehen, denn das kleine Königreich bereitet seinen Besuchern eine barsche Begrüßung: Über die Hochebene fegt ein kalter Wind, und die Menschen auf ihren Ponys zeigen kein Interesse an Fremden.

The Kingdom in the Sky, das Königreich im Himmel, wird Lesotho wegen seiner Höhenlage auch genannt. Es ist das einzige unabhängige Land der Erde, dessen gesamtes Staatsgebiet sich jenseits der 1.000 Meter erstreckt. Doch als wir nach unzähligen Schotterpistenserpentinen endlich den Grenzposten passieren und wenig später das Hochland erreichen, reiben wir uns ungläubig die Augen: So ungemütlich hatten wir uns den Himmel nicht vorgestellt. Der Boden ist aus kargem Basaltgestein statt aus weicher Wolkenwatte. Es weht ein bissiger Wind statt einer lieblichen Brise. Und statt Engeln in zarten Gewändern sehen wir Menschen in dicken Decken. Sie kauern auf verstrubbelten Ponys, führen Esel herum oder scheuchen Schafe über das spärliche Grasland.

Niemand nimmt Notiz von uns. Nur ein kleiner Junge wackelt auf uns zu und bettelt mit piepsendem Stimmchen um „Sweets“. Denn im Lesotho-Himmel gibt es auch keine Götterspeisen und Wolkenschlösser, sondern bittere Armut. Das Königreich steht im Human Development Index von 2013 auf Platz 158. Nur 29 Länder weltweit schneiden in dem Ranking noch schlechter ab. Lediglich elf Prozent der Landfläche von Lesotho lassen sich landwirtschaftlich nutzen. Jeder zweite der zwei Millionen Einwohner ist ohne Arbeit.

Wir erklären uns das Desinteresse damit, dass die Touristen an diesem Ort recht zahlreich eintrudeln. Sie kommen mit Jeeps, Kleinbussen oder Quads über den Sanipass herauf, eine der steilsten Passstraßen der Welt und die einzige Verbindung zwischen der Ostgrenze Lesothos und Südafrika. Wir hatten uns für Quads entschieden, die sich recht wacker durch die staubigen und schlammigen Serpentinen pflügten. In mancher Steilkurve waren wir uns sicher, dass bis zum Überschlag höchstens noch kleiner, frecher Gegenwind fehlte. Und so waren wir auch ein wenig stolz, als wir ohne größere Vorkommnisse vor dem Schild auf dem Plateau stoppten: „Sani Pass 2.873 Meter“.

Lesotho Sanipass
Sonnig, aber zugig: das Ende des Sanipass in Lesotho

Diese Marke ist ein Grund, weswegen sich Touristen in diese graubraune, nackte und zugige Einöde begeben: Nirgendwo sonst in Afrika kann man in einem höher gelegenen Pub einkehren. Ländersammler reizt auch die Grenze: Sie wollen in ihrem Reisepass den Lesotho-Stempel. Und dann sind da auch noch die Drakensberge, die in Südafrika beginnen, sich wie eine Sichel durch Lesotho ziehen und mit dem 3.482 Meter hohen Thabana Ntlenyana den höchsten Berg des südlichen Afrikas bilden. Als wir unterwegs halten, um den Blick von der Schlangenlinienschotterpiste auf die Aussicht zu lenken, sind wir hin und weg: Der Faltenwurf der Drakensberge ist mindestens so formvollendet wie die Gewänder griechischer Statuen. Bis zum Horizont wellen sich die moosgrünen Hügel.

Lesotho Drakensberge
Formvollendeter Faltenwurf: die Drakensberge

Oben in Lesotho bleibt uns Tagesausflüglern nur Zeit für das Standardprogramm. Wir legen im Pub eine Pause ein, schauen in einer Scheune beim Schafe scheren zu, dann müssen wir schon wieder auf die Quads, um vor Einbruch der Dunkelheit zurück in Südafrika zu sein. Wir knattern mit einem schlechten Gefühl von dannen, denn die Reise durch Lesotho hätte erst hinter dem Stillleben aus klapprigen Wohnwagen, Hütten, Pferden, Eseln und Menschen, die wie Statisten wirkten, begonnen.

Wenn wir hinter die Fassade getaucht wären, hätten wir vielleicht verstehen können, warum wir nicht mit offenen Armen empfangen wurden. Von einem Land, das bis 1966 Basutoland hieß und erst seitdem unabhängig ist. Das sich gegen andere Bantuvölker, Zulus, Buren und Briten zur Wehr setzen musste. Das nur so groß wie Belgien ist und damit ein Winzling auf dem afrikanischen Kontinent. Ein kleiner Klecks im großen Südafrika.

Lesotho Grenze
Die Grenzstation zwischen Südafrika und Lesotho
Fotos: pa

Im Pub erfahren wir, dass Lesotho noch einige Sehenswürdigkeiten für uns bereitgehalten hätte: den Sandsteintafelberg Thaba Bosiu nahe der Hauptstadt Maseru, auf dem die Basotho einst Schutz vor Feinden suchten, die zweithöchste Talsperre Afrikas, das Skiresort Afri-Ski und den Sehlabathebe-Nationalpark in den Maloti-Bergen. Der Park wurde 1969 gegründet und in diesem Jahr zum Unesco-Welterbe ernannt. Er besteht aus Grasland, Flüssen, Wasserfällen, Sandsteinformationen und bis zu 2.900 Meter hohen Basaltbergen.

MEHR ALS EIN STILLLEBEN AUS HÜTTEN, SCHAFEN UND PFERDEN
Weitere Informationen gibt es bei der Lesotho Tourism Development Corporation unter www.ltdc.org.ls.

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