Abseits der Hipness-Hitparaden (Teil 7): Darum mal nach Bad Langensalza fahren

Blühende Gärten, heilsame Quellen und eine Altstadt mit mediterranem Ambiente: Die Kurstadt im Nordwesten von Thüringen umgarnt ihre Gäste mit einem Rundumverwöhnprogramm für Körper, Geist und Seele. Mit Zeitdruck sollte man darum besser nicht anreisen.

Als wir von unserem Parkplatz etwas außerhalb von Bad Langensalza in Richtung Innenstadt spazieren, fahle Fassaden mit bröckelndem Putz und milchigen Fensterscheiben passieren, verlassene Geschäfte, verlotterte Kneipen und nirgends andere Touristen sehen, sind wir noch der Meinung, alles richtig geplant zu haben. Die thüringische Kleinstadt, so dachten wir, ließe sich gewiss an einem Vormittag abhaken und danach vielleicht noch eine Weiterfahrt zur mittelalterlichen Reichsstadt Mühlhausen ins Auge fassen. Typisch Kurort würde es eine überschaubare, gepflegte, altbackene und tendenziell belanglose Altstadt geben, einen schattigen Park mit altem Baumgestand und genügend Verschnaufgelegenheiten für Menschen unterschiedlicher Genesungsgrade, gastronomische Einrichtungen mit überraschungsfreien Speisekarten für eine traditionsorientierte Kundschaft und selbstverständlich medizinisch-therapeutische Angebote rund um irgendein natürliches Heilmittel wie Moor oder Mineralwasser.

Über den Augustinerplatz, an dem sich das ehemalige Augustinerkloster mit dem Stadtmuseum befindet und davor ein im Volksmund „Nackter Reiter“ bezeichnetes Denkmal an die gefallenen Soldaten des Thüringischen Ulanen-Regiments Nr. 6. erinnert, gelangen wir in den historischen Kern von Bad Langensalza. Dort stellen wir im Abgleich mit den gängigen Kurort-Klischees alsbald fest: Die Altstadt erfüllt alle Ansprüche an eine adrette Augenweide mit gesundheitsförderndem Ambiente. Die Gassen und Plätze sind mit schmucken Fachwerk- und Renaissancebauten in angenehmen Farben bestückt, nicht zu blass, nicht zu bunt. Plätschernde Brunnen und Kübel mit Palmen, Olivenbäumen, Wandelröschen und Lorbeersträuchern verleihen dem Ganzen einen mediterranen Anstrich.

Palastartige Patrizierhäuser mit kunstvoll dekorierten Fassaden und imposanten Portalen zeigen an, dass Bad Langensalza auf goldene Zeiten zurückblicken kann. Im mittelalterlichen Thüringen gehörte Bad Langensalza zu jenen fünf Städten, die auf ihren Märkten mit Färberwaid handeln durften – ein lukratives Geschäft, das den Bau prächtiger Häuser und stattlicher Kirchen ermöglichte. Zum Schutz des Wohlstandes investierte Bad Langensalza in eine wehrhafte Stadtmauer mit sieben Toren und mehr als 30 Wachtürmen. Da die 50 Hektar große Altstadt im Laufe der Jahrhunderte keine allzu massiven Zerstörungen erlitten hat und jedwede Schäden stets sorgsam behoben wurden, ist sie heute die drittgrößte in Thüringen, als Flächendenkmal ausgewiesen und eine Station der Teilstrecke „Vom Harz zum Thüringer Wald“ der Deutschen Fachwerkstraße.

Wir flanieren die zentrale Marktstraße entlang, durch die einst überregionale Handelswege und Postrouten verliefen, streifen Wirtshäuser mit gutbürgerlicher deutscher Küche, aber auch Restaurants mit internationaler Ausrichtung und alternativ angehauchte Cafés, pausieren am Brunnen auf dem Neumarkt mit Blick auf das freistehende barocke Rathaus und gelangen zur Marktkirche St. Bonifacii. Das mächtige Bauwerk wurde in mehreren Phasen zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert aus heimischem Travertin errichtet und besitzt mit 74 Metern den zweithöchsten Kirchturm thüringenweit.

Gleich hinter der Marktkirche erstreckt sich der Kurpark mit akkurat getrimmten Hecken, frisch geharkten Beeten, Palmen und großzügiger Promenade. Seitdem Bad Langensalza die Mühlströme in den 1990er Jahren zu einer Mischung aus offenen Rinnen und verdeckten Kanälen umwandelt hat, gurgelt im Kurpark an der Stelle des früheren Wallgrabens ein munteres Bächlein. Mit den von der Salza gespeisten Mühlströmen wurden einmal 27 Mühlen vor und in der Stadt betrieben. Für die gelungene Neugestaltung der Wasserläufe erhielt Bad Langensalza im Jahr 2000 den Thüringer Landschaftsarchitekturpreis.

Am Rande des Kurparks fällt das gelb-weiße Friederikenschlösschen ins Auge. Als sich die Herzoginwitwe Friederike von Sachsen-Weißenfels das zierliche Rokoko-Lustschloss mit Kavaliershäuschen, Wagenhaus und Stallungen 1751 für die Sommerfrische errichten ließ, deutete noch nichts auf Langensalzas Zukunft als Heilbad hin. Erst sechs Jahrzehnte später läutete die Entdeckung von schwefelhaltigen Quellen diese Entwicklung ein. Kurz darauf eröffnete das erste Schwefelbad im Badewäldchen. Bis die Stadt den Namenszusatz „Bad“ erhielt, dauerte es allerdings noch bis zum 28. Juni 1956. Wiederum vier Jahrzehnte gingen ins Land, bis die Erschließung von Sole und Mineralwasser Bad Langensalza endgültig zum Aufstieg in die Liga der staatlich anerkannten Kurorte nach bundesdeutschen Kriterien verhalf. Durchschreitet man heute die terrassierte Parkanlage hinter dem Friederikenschlösschen, entdeckt man im hinteren Teil des Gartens einen Pavillon, in dem aus einem Bronzebecken Schwefelwasser sprudelt.

Thermalsole, Schwefelwasser und Trinkheilwasser – mit dieser Konstellation besitzt Bad Langensalza innerhalb Thüringens ein Alleinstellungsmerkmal. Das Zentrum für das Kur- und Wellnessprogramm rund um die drei lokalen Heilmittel bildet die 1999 eröffnete und vor einigen Jahren für 17,5 Millionen Euro modernisierte Friederiken Therme. In dem gläsernen Wohlfühltempel reichen die Gesundheits- und Wellnessanwendungen von Schwefelwannenbädern, Trinkwasserkuren und Moorpackungen über Sauerstoff-, Wärme- und Kältetherapien bis hin zu Wassergymnastik und Massagen, bei denen alle möglichen Essenzen wie Hanföl, Rosenöl oder Schokoladenöl und mannigfaltige Hilfsmittel wie Bambusstäbe, Ohrkerzen, Schröpfgläser, Wasserdruck und heiße Lavasteine zum Einsatz kommen.

Damit wären im Grunde schon alle Erwartungen an das touristische Angebot eines deutschen Kurortes erfüllt. Doch Bad Langensalza kann noch einen weiteren Trumpf ausspielen. Seit 2011 trägt die Stadt einen Beinamen, den wir für übertrieben gehalten und entsprechend unterschätzt hatten: „blühendste Stadt Europas“. Vor Ort offenbart sich zu unserer Freude, dass das ein Fehler war. Ein grünes Band aus Parks und Gärten mit regionaler bis exotischer Ausrichtung umspannt Bad Langensalza. Nach dem Kurpark und dem Schlösschenpark geht es hinter dem Klagetor aus dem 14. Jahrhundert direkt mit dem Rosengarten, dem BUND-Naturgarten, dem Japanischen Garten, einem Magnoliengarten und dem Botanischen Garten weiter. Obendrein gibt es neben dem Thüringer Apothekermuseum in der Altstadt einen Apothekergarten mit mehr als 80 Heilkräutern und im Nordwesten zwischen Nordturm und Schanzturm ein Arboretum, das die Präsentation von 219 Gehölzarten mit Skulpturen aus Holz und Muschelkalk kombiniert.

Wenn man, wie wir, zu wenig Zeit für Bad Langensalza mitgebracht hat, muss man angesichts der breiten Palette an Grünanlagen Prioritäten setzen. Wir geben der Königin aller Blumen den Vorrang und beginnen mit dem Rosengarten. Auf dem 18.000 Quadratmeter großen Areal, das früher ein Fabrikgelände war, tauchen wir in ein Blütenmeer aus Farbnuancen von Weiß, Gelb und Orange bis Rot, Rosa und Pink ein, bewundern heimische und ausländische Rosen, Wildrosen und Edelrosen, Rosenhochstämme und Kleinstrauchrosen, wandeln durch Rosenbögen und Laubengänge, berauschen uns an Düften, die uns an Apfel, Pfirsich, Honig und Vanille erinnern, und begegnen der Büste der Rosenzüchterin Anni Berger, die in Bad Langensalza die Leidenschaft ihres 1960 verstorbenen Mannes Walter Berger fortführte und innerhalb von 30 Jahren mehr als 50 neue Rosensorten in den Handel brachte. Heute wachsen in dem Rosengarten der „Rosenstadt“, wie sich Bad Langensalza seit 2002 offiziell bezeichnen darf, rund 10.000 Pflanzen von fast 450 Rosenarten. Nach diesem opulenten Augenschmaus wollen wir auch den Gaumen verwöhnen und kehren im angrenzenden Rosencafé auf ein Stück hausgemachten Kuchen ein.

Einen Hauch von Japan inmitten von Thüringen erleben zu können – diese Chance wollen wir uns nicht entgehen lassen und begeben uns in den nur wenige Meter entfernt gelegenen Japanischen Garten. Ein Schild am Eingang verheißt uns nichts weniger als einen „Garten der Glückseligkeit“. Wir betreten ein Arrangement aus Bäumen, Sträuchern, Steinen, Teichen, Wasserfällen, Stegen und Rundbrücken, das harmonischer nicht sein könnte. Der Platz der heiligen Bäume, Kirschgarten, Azaleenlandschaft, Trockenlandschaftsgarten, Teegarten – alle Themenbereiche gehen fließend ineinander über. Wir studieren gewissenhaft in Wellenform geharkten Kies, hüpfen über eine Zickzackbrücke, die beim Abschütteln böser Geister behilflich sein soll, entdecken im Wasser zwischen Seerosen und Wasserlilien schillernde Kois und bestaunen ein Kuriosum – einen Mammutbaumwald im Bonsai-Format. In einem pagodenartigen Gebäude, das ein Teehaus und einen Pflanzenpavillon beherbergt und uns mit asiatischen Klängen, feuchtwarmem Klima und meterhohen Bananen-, Farnen- und Bambusgewächsen empfängt, stoßen wir auf ein Zitat eines Zen-Mönches namens Sen no Rikyu: „Da der Gartenpfad nichts anderes als ein Weg abseits des weltlichen Lebenswandels ist, wird er das Herz wohl von seiner Unreinheit befreien.“ Das sehen wir ähnlich. Streifzüge durchs Grüne lassen die Gedanken zur Ruhe kommen, erquicken den Körper und erleichtern der Seele.

Nach dieser kleinen Reise in die japanische Gartenkunst fühlen wir uns herrlich entspannt und beschließen, diesen Zustand nicht mit der hektischen Besichtigung einer weiteren Grünanlage zu gefährden, sondern besser erneut nach Bad Langensalza zu kommen.



Transparenz-Anmerkung: Die Reise erfolgte auf eigene Kosten. Für die Veröffentlichung des Beitrags wurde kein Honorar bezogen.

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