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Brügge sehen … und weiterreisen nach Gent!


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In Brügge ballen sich Besucher aus aller Welt. Die belgische Bilderbuchstadt betört mit mittelalterlicher Baukunst, malerischen Grachten und märchenhaften Chocolaterien. Gent bietet das alles ebenfalls – sogar im Großformat. Dennoch boomt der Tourismus in der einstigen Handelsmetropole Flanderns nicht gerade. Warum eigentlich?

Bei der zweihundertvierundsiebzigsten Stufe setzt der Schwindel ein. Die Wendeltreppe, die sich immer steiler und schmaler den Brügger Belfried hinaufwindet, scheint sich in ein Karussell zu verwandeln. Obwohl aus Sicherheitsgründen maximal 50 Personen gleichzeitig das gertenschlanke Gebäude erklimmen dürfen, kann es weiter oben schrecklich eng werden. Um den Gegenverkehr passieren zu lassen, muss man sich fest an die mittelalterlichen Mauern pressen. Wer zu Bequemlichkeit, Klaustrophobie oder mangelhafter Kondition neigt, wird die Erkundung des 366 Stufen zählenden Wahrzeichens von Brügge darum wohl wenig vergnüglich finden.

An diesem sonnigen Oktobertag hatte es an der Kasse dennoch großen Andrang gegeben. Über die Treppe bis hinunter in den Innenhof der Stadthallen ringelte sich die Warteschlange. Wahrscheinlich ahnten die Brügge-Besucher noch nicht, wie strapaziös die Besteigung des 83 Meter hohen Glockenturms ist. Oder die Erwartung, für die Kraxelei mit einem phänomenalen Panoramablick auf die flämische Stadt belohnt zu werden, war stärker gewesen. Vielleicht hatte die Touristen aber auch die Angst vor der Schmach getrieben, später verkünden zu müssen, die Must-see-Attraktion aus dem 13. Jahrhundert nicht bewundert zu haben. Und in der Tat ist die Sicht vom Brügger Belfried sagenhaft: Da im historischen Herz der Stadt nicht höher als der Glockenturm gebaut werden darf, verunstalten keinerlei Hochhausriesen die Bilderbuchskyline aus Kirchen und Kaufmannshäusern. Seit 1999 trägt der Belfried von Brügge – wie auch 32 andere Belfriede in Belgien – das Weltkulturerbeprädikat der UNESCO. Im Mittelalter symbolisierten die Bauwerke das Unabhängigkeitsstreben des Bürgertums gegenüber Adel und Klerus. Zugleich fungierten die Türme als Archiv, Brandwache, Schatzkammer, Zeitansage mittels Glockenläuten und mitunter auch als Gefängnis.

Ein gänzlich anderes Szenario ereignete sich einen Tag zuvor am Belfried der etwa 50 Kilometer entfernten Nachbarstadt Gent. An der Kasse und im Turm herrschte eine Leere, wie sie gähnender nicht sein könnte. Bis auf das Personal und zwei Asiatinnen beim emsigen Selfie-Shooting ist keine Menschenseele zu sehen. Dabei übertrumpft der Genter Belfried die Brügger Konstruktion gleich mehrfach: mit seiner Höhe (95:83 Meter), der Größe der Glockenspiele (54:47 Glocken) und der dekorativeren Turmspitze, auf der ein Drache in feuerspeiender Pose über die Altstadt wacht. Von unten wirkt das 400 Kilogramm schwere Fabelwesen aus Edelstahl allerdings wie ein Nippesfigürchen und wenig furchterregend.

Obendrein ist die Besichtigung des Belfrieds von Gent wesentlich komfortabler. Von der ersten Ebene kann man mit einem Aufzug nach oben schweben, sodass einem die Puste nicht schon wie im Brügger Belfried auf der Wendeltreppe ausgeht, sondern erst beim atemberaubenden Ausblick auf die Prachtbauten und Kanäle des ehemals reichen Handelszentrums. Und anders als im Brügger Belfrieds, auf dessen Aussichtsplattform man das Kameraobjektiv durch ein Gitter zwängen muss, lässt sich von der Balustrade des Genter Glockenturms uneingeschränkt durch die Rundbögen fotografieren. Im Nordosten dominiert die St.-Nikolaus-Kirche, im Südwesten fällt der Blick auf die Fassade der St.-Bavo-Kathedrale mit ihrem Mix aus romanischen, gotischen und barocken Elementen. Zusammen mit den beiden Gotteshäusern bildet der Belfried das Ensemble der bekannten Genter Dreiturmreihe.

Das Gästeaufkommen an den Glockentürmen ist symptomatisch für den Tourismus der beiden flämischen Nachbarstädte generell: Flut in Brügge, Flaute in Gent. Während im kleineren Brügge (118.000 Einwohner) jährlich mehr als acht Millionen Besucher für Gewimmel in den Gassen und Grachten sorgen, hat man im deutlich größeren Gent (260.000 Einwohner) mit etwas Glück eine Sehenswürdigkeit noch fast für sich allein.

Warum aber ist das bloß so, dass viele Belgien-Reisende Brügge beharrlich bevorzugen? Was ist es, womit die Stadt ihre Besucher betört? Was hat Brügge, was Gent nicht hat? Am Belfried kann es schon einmal nicht liegen. Beide Städte besitzen außerordentlich stattliche Exemplare, in denen man Spieltrommeln, Glocken und im Genter Belfried auch ausgediente Drachen in Augenschein nehmen kann, die ab 1377 auf der Turmspitze die Stellung hielten, bis 1980 das aktuelle Modell mit einem Hubschrauber hinaufgeflogen wurde.

Beim weiteren Vergleich der kulturellen Reichtümer wird die touristische Schieflage der zwei Städte nur noch rätselhafter. Zwar ist die Altstadt von Brügge, die im Jahr 2000 von der UNESCO zum Weltkulturerbe gekrönt wurde, eine mit funkelnden Schmuckstücken angefüllte Schatztruhe. Um nur einige davon zu nennen: der von Palästen und opulent ornamentierten Patrizierhäusern flankierte Marktplatz, in dessen Mitte das Denkmal der Volkshelden Jan Breydel und Pieter de Coninck steht, die Brügge 1302 gegen die Franzosen verteidigten; der Burgplatz mit dem Justizpalast im Renaissancestil, dem gotischen Rathaus von 1376 und der Heilig-Blut-Basilika, in der eine Ampulle mit dem Blut Christi gehütet wird; das Hanseviertel mit bildhübschen Bürgerhäusern, blumengeschmückten Bogenbrücken und einer Statue von Jan van Eyck, dem berühmtesten Vertreter der altniederländischen Malerei; der Rozenhoedkaai, der mit seinem postkartenperfekten Panorama schon lange ein Lieblingsmotiv von Malern und Fotografen und heute Schauplatz von Selfie-Orgien ist; der Beginenhof, dessen von weißen Stiftshäusern gerahmter und mit windschiefen Ulmen bestandener Klostergarten eine Oase der Ruhe im Touristengetümmel bildet; die St.-Salvator-Kathedrale mit ihrer Formenvielfalt von Scheldegotik bis Neoromanik und natürlich die Liebfrauenkirche mit dem edelsten Kunstwerk aller Brügger Kunstwerke: Michelangelos weltberühmter Madonna aus milchweißem Marmor.

Die Pracht verweist auf Brügges Blütezeit im Mittelalter, als die Stadt durch den Handel mit Wolle aus England, Wein aus der Gascogne, Gewürzen aus Italien und Pelzen aus Russland beträchtlichen Wohlstand erlangte. Ende des 15. Jahrhunderts, als der Zugang zur Nordsee immer mehr versandete und die Handelsschiffe nicht mehr anlegen konnten, ging es mit Brügge jedoch bergab – im Rückblick aus touristischer Sicht ein Glück, weil die Stadt auf diese Weise in Vergessenheit geriet und weder durch die industrielle Entwicklung noch durch Weltkriege beschädigt wurde.

Und dennoch: Gent verfügt mit fast 10.000 geschützten Baudenkmälern über ein noch gigantischeres Repertoire an wertvollen Hinterlassenschaften. Im Mittelalter avancierte die am Zusammenfluss der Leie und Schelde gelegene Handelsstadt zum europäischen Zentrum der Textilproduktion und expandierte enorm. Lediglich Paris war damals wirtschaftlich noch bedeutender. In den goldenen Zeiten von Gent entstanden imposante Stadtpaläste, mächtige Sakralbauten, Kanalstraßen mit Lagerhallen und Kopfsteinpflastergassen voller Kaufmannshäuser, eines verschwenderischer verschnörkelt als das andere. Viele Straßenzüge sehen saniert aus – allerdings nicht derart perfekt, dass man der Illusion verfallen müsste, durch die Kulissen eines mittelalterlichen Themenparks zu wandeln. Eine Ausnahme ist die Burg Grafenstein, die ziemlich burguntypisch inmitten der Stadt thront und mit ihren 24 Türmen von geradezu disneyhafter Makellosigkeit ist. Die Bastion, deren Verteidigungssystem nahezu vollständig erhaltenen ist, stammt aus der Zeit, als die flämischen Grafen mit den einflussreichen Kaufmannsfamilien um Macht und Prestige rangen und sich außerdem mit dem aufmüpfigen Volk herumplagten. In den Kellergewölben der Festung wurden schwere Delikte und Majestätsbeleidigungen mit Foltermethoden wie Auspeitschen und Streckbank bestraft. Es heißt, dass die Grafenburg im Laufe der Jahrhunderte nur ein einziges Mal eingenommen werden konnte: von Studenten, die gegen steigende Bierpreise protestieren.

Der beste Startpunkt für die Erkundung von Gent ist der von majestätischen Bauwerken gesäumte Korenmarkt, der so etwas wie das Pendant zum großen Markt in Brügge darstellt. Im Mittelalter florierte auf dem weitläufigen Platz der Kornhandel, später kamen hier die Postkutschen an. Blickfänger am Korenmarkt sind die neogotische Post, die heute ein Einkaufscenter und das Boutique-Hotel „1898 The Post“ beherbergt, und die aus grauem Tournai-Kalkstein im Stil der Scheldegotik erbaute St.-Nikolaus-Kirche gegenüber. Man kann den Platz nicht verfehlen, denn gleich hinter dem hohen Sakralbau ragt der noch höhere Belfried auf. An den Glockenturm schließt sich die in feinster Brabanter Gotik gestaltete Tuchhalle an, die den Industriezweig repräsentiert, der Gent im Mittelalter zu einer im wahrsten Sinne des Wortes betuchten Stadt gemacht hat. Schräg hinter dem Belfried wiederum animiert ein weiteres Gebäude dazu, den Kopf in den Nacken zu legen: das 51 Säle zählende Rathaus, an dem man sowohl eine spätgotische Fassade als auch einen von italienischen Renaissancepalazzi inspirierten Anbau bewundern kann.

Wie Brügge mit der Michelangelo-Madonna kann sich auch Gent mit einem Kunstschatz von Weltrang schmücken: dem Genter Altar. Gleich links vom Eingang der St.-Bavo-Kathedrale befindet sich der Zugang zu einer schummrigen Kapelle mit dem Meisterwerk aus dem 15. Jahrhundert. Auf zwölf Eichentafeln haben die Brüder Hubert und Jan van Eyck einen Reigen aus biblischen Szenen erschaffen, der mit seiner Detailliertheit, Plastizität und den leuchtenden Farben eine magische Ausdruckskraft hat. Es verwundert darum kein bisschen, dass der Flügelaltar allzeit heiß begehrt war und als das am häufigsten geraubte Kunstwerk gilt. Um nur zwei Ereignisse zu nennen: Während der Französischen Revolution wurde das Gemälde nach Paris verfrachtet und im Zweiten Weltkrieg von den Nazis verschleppt, bevor es schließlich nach Gent zurückkehrte. Nur die Tafel „Die Gerechten Richter“ ist nicht wieder aufgetaucht und musste durch eine Kopie ersetzt werden. Heute schützt dickes Panzerglas das Altarbild gegen Anbeter mit Antatschdrang und Kunstdiebe.

Ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern sich Gent und Brügge auch mit ihren Museumslandschaften. Brügge hat ein Diamantmuseum, ein Volkskundemuseum, ein Archäologiemuseum, ein Kunstmuseum mit Meisterwerken der „Flämischen Primitiven“ aus dem 15. und 16. Jahrhundert, das Gruuthuse-Museum in einem türmchen- und zinnenverzierten Stadtpalais, der an sich schon sehenswert ist und mit 600 Exponaten wie Wandteppichen, historischer Spitze und Silber zu einer Reise durch die wichtigsten Perioden der Brügger Geschichte einlädt, ein Spitzenmuseum, ein Schokoladenmuseum, ein Frittenmuseum, ein Biermuseum und ein Foltermuseum. Gent kontert mit einem Stadtmuseum in einem ehemaligen Krankenhaus aus dem 13. Jahrhundert, den Kunstmuseen MSK und S.M.A.K., einem Designmuseum in einer im Rokokostil erbauten Stadtresidenz, einem Industriemuseum in einer einstigen Baumwollspinnerei, dem in der ältesten Nervenheilanstalt Belgiens befindlichen Museum Dr. Guislain zur Geschichte der Psychiatrie und dem Huis van Alijn, das einmal eine wohltätige Einrichtung war und heute mit einem Sammelsurium an Alltagsgegenständen das Leben der Genter im 20. Jahrhundert veranschaulicht.

Während Stadtkerne mit so viel historischer Herrlichkeit anderswo nicht selten zu Freilichtmuseen mit einer auf touristische Bedürfnisse reduzierten Infrastruktur aus Beherbergungsbetrieben, Restaurants und Souvenirshops versteinern, kann davon in Gent keine Rede sein. Ganz im Gegenteil sogar. Die mit 70.000 Studierenden größte Universitätsstadt des Landes ist quicklebendig bis in den hintersten Winkel. In den Cafés, Kneipen und Restaurants findet man oft nur schwer einen Platz, obwohl es etliche Einkehrmöglichkeiten gibt; selbst bei nasskaltem Herbstwetter chillen die Genter auf den Plätzen und an den Uferterrassen Graslei und Korenlei, an denen einst die Binnenschiffe zum Be- und Entladen festmachten; durch die vom Autoverkehr weitgehend befreite Innenstadt sausen Ströme von Fahrradfahrern – und an allen Ecken und Enden sprießt und sprudelt die Kreativität mit Ateliers, Straßenmalerei und originellen Geschäftskonzepten. Man kann in Gent 100 Street-Art-Bilder ausfindig machen und durch die knallbunte „Graffitigasse“ spazieren oder dort auch selbst die Spraydose schwingen, denn es gilt nur die eine Regel: „Respektiere Werke, die besser sind als Deine eigenen!“ Man kann in Galerien, Designerlädchen und verwinkelten Antikdepots auf die Suche nach Unikaten gehen und Konsumhybride austesten wie „t’Velootje“ (eine Kneipe mit Fahrradwerkstatt), „Le Bal Infernal“ (ein Café, in dem sich Bücher tauschen lassen), „Bookz & Booze“ (eine Buchhandlung mit Spirituosenausschank), „Fleur de Lee“ (ein Kaffeehaus mit Frisörsalon) und die „Wasbar“ (ein Bistro mit Wäscherei, Bar und Veranstaltungen).

Brügge wirkt ebenfalls höchst vital und erst dann museal, wenn man durch abgelegene Gassen flaniert. In der Stadt tummeln sich zwar im Vergleich zu Gent weit mehr Touristen im Rentenalter und weit weniger Studierende. Gleichwohl sind in Brügge die Einheimischen vielerorts in der Altstadt präsent. Dass es den Brüggern wie den Gentern nicht an Einfallsreichtum mangelt, belegen höchst eindrücklich die sagenhaften Sortimente der mehr als 50 Schokoladenmanufakturen. Für besonders gewagte Kompositionen ist die Chocolaterie „The Chocolate Line“ von Dominique Persoone bekannt. Der renommierte Geschmacksakrobat experimentiert in seinem Pralinenlabor mit nicht weniger abenteuerlichen Zutaten als Rote-Beete-Gelee, japanischem Reiswein, Wasabi, Speck und frittierten Zwiebeln. Anderswo in den Vitrinen der Schokoladengeschäfte kann man frappierend echt aussehende Stöckelschuhe, Spielkonsolen, Lippenstifte, Geschlechtsteile und rostige Schrauben aus Schokolade bestaunen. Auch die mit Seesternen, Windmühlen oder Manneken Pis verzierten Schokoladentafeln sind dermaßen formvollendet, dass man hin- und hergerissen ist, ob man sie sich wirklich einverleiben oder nicht lieber als Dekoration aufbewahren sollte.

Wenn es also weder kulturelle Kostbarkeiten noch kreative Kräfte sind, mit denen Brügge Gent überbieten kann – was ist es dann? Wie schneiden die beiden Konkurrenten hinsichtlich Erreichbarkeit, Preisen, Shopping, Kulinarik, Nachtleben, Events und Flair ab – allesamt Faktoren, die bei der Anziehungskraft von Städtereisenzielen eine entscheidende Rolle spielen?

Sowohl das grüne Gewissen als auch die begrenzten Parkplatzkapazitäten in den Altstädten legen für Gent und Brügge die Anreise mit der Bahn nahe. Reist man vom DB-Drehkreuz Frankfurt über Brüssel nach Gent an, so dauert die Zugfahrt rund vier Stunden. Nach Brügge braucht man aus dieser Richtung eine halbe Stunde länger. Kreuzfahrttouristen dagegen, die am Hafen Zeebrugge vor Anker gehen, sind wesentlich schneller in Brügge. Mit dem schöneren Bahnhof punktet wiederum Gent. Das eklektische Gebäude, das sich die Stadt zur Weltausstellung 1913 spendiert hat, ähnelt mit seinen Backsteintürmen und den farbenfrohen Wandmalereien eher einem Märchenschloss als einer Verkehrsanlage. In Brügge kommen Bahnreisende hingegen in einem 1960er-Jahre-Klotz an, der die filigranen Altstadthäuser nicht krasser kontrastieren könnte. Zum Glück befindet sich die Bausünde ein Stück außerhalb. Und was ergibt der innerstädtische Mobilitätscheck? Beide Altstädte lassen sich im Grunde problemlos zu Fuß durchstreifen. Alternativ kann man sich ein Fahrrad ausleihen oder natürlich auf Busse und Straßenbahnen ausweichen.

Der Standort verschafft Brügge somit keinen wesentlichen Vorteil. Besticht die Stadt dann vielleicht mit einem touristenfreundlicheren Preisniveau? Am Bahnhofsvorplatz nimmt Brügge die Gäste zwar mit einem kostenlosen Shuttlebus in Empfang, bittet sie aber alsbald umso beherzter zur Kasse. Fünf Euro muss man in den beliebten Cafés am Markt für einen kleinen Cappuccino berappen, das Ticket für den Belfried schlägt mit zwölf Euro zu Buche, und die Pferdekutscher verlangen für eine halbstündige Fahrt mit ihren auf historisch getrimmten Gespannen 50 Euro. Und was bekommen Touristen in Gent für ihr Geld? Bei der Bäckereikette „Le Pain Quotidien“ im noblen Ambiente des neugotischen Postgebäudes am Korenmarkt gibt es einen großen Cappuccino für 4,35 Euro, der Eintritt für den Belfried beträgt acht Euro, und die Kutschfahrten entziehen sich einer Gegenüberstellung, da sie nicht zum Gent-Programm gehören. Dafür bietet die Stadt ein anderes Fortbewegungsmittel als Zugabe. An den Wochenenden von April bis November pendelt auf den Grachten zwischen sechs touristisch relevanten Haltestellen eine Wassertram. Das Ticket, mit dem man nach dem Hop-on-hop-off-Prinzip an jeder Station an und von Bord gehen kann, kostet für einen Tag 13,50 Euro.

Und wie ist es um das Shopping-Angebot bestellt? Sowohl in Gent als auch in Brügge langweilen nicht nur gesichtslose Fußgängerzonen mit Allerweltsketteneinerlei. Es locken auch weniger bekannte Labels, die sich in ehemaligen Fabriken oder Verwaltungsgebäuden zu kleinen Einkaufszentren formiert haben. Und in beiden Städten kann man eine große Anzahl von Fach- und Familiengeschäften entdecken, in deren Produktpaletten Handarbeit, Herzblut und Tradition stecken. Praktisch in Brügge: Die Stadt vermarktet derlei Läden mit der Kampagne „Local Love“ und einem dazugehörigen Stadtplan. Für Kunst- und Raritätenliebhaber hält Brügge ebenso einen Plan bereit, der den Weg zu Galerien und Antiquitätenläden weist. Gent wirbt gleichfalls für Shopping abseits des Mainstreams – insbesondere für umweltschonende Einkaufsmöglichkeiten wie Bio-, Bauern- und Trödelmärkte sowie Vintage-Läden, in denen man sich mit individuellen Outfits ausstaffieren kann.

Weil Brügge auch in puncto Shopping nicht an Gent vorbeiziehen kann: Favorisieren Belgien-Besucher die Stadt womöglich aufgrund ihrer kulinarischen Verheißungen? Der Vergleich auf spitzengastronomischer Ebene ergibt, dass Brügge mit acht Sterne-Restaurants vor Gent mit sechs prämierten Restaurants liegt. Und in Brügge erscheint die Dichte der Chocolaterien und Waffelbuden noch höher als in der Nachbarstadt. Doch Gent kann diesen Rückstand mit anderen Gaumenfreuden wettmachen. Allein der kleine Groentenmarkt zwischen Korenmarkt und Grafenburg ist das reinste Miniaturschlaraffenland. Um den Platz gruppieren sich Leckereienläden wie das Pommesparadies „Frites Atelier“, in dem man zwischen frischen Soßen wie French Bearnaise, Trüffelmayonnaise und indonesischer Erdnusssoße mit Kaffernlimetten, Bratzwiebeln und Rosterdnüssen wählen kann, Gents älteste Bäckerei „Oud Huis Himschoot“, in der traumhafte Törtchen und kräftige Körnerbrote vollkommen willenlos machen, der Senfladen „Tierenteyn-Verlent“, in dem man den Krug für den Wunschsenf selbst auswählen kann, und schließlich die große Fleischerhalle aus dem 15. Jahrhundert. Damals, als der freie Handel mit Fleisch aus Hygienegründen verboten war, fungierte das „Groot Vleethuis“ als Prüfstelle und überdachter Marktplatz. Begüterte Bürger bekamen hier hochwertige Ware. Die Armen mussten sich hingegen mit Innereien begnügen, die getrennt in kleinen „Pansenhäusern“ verkauft wurden. Heute lädt in der Fleischerhalle das Zentrum für ostflämische Regionalprodukte zur Verkostung von Käse, Pasteten, Ganda-Schinken und weiteren traditionellen Delikatessen ein. Zu allem Überfluss haben sich am Groentenmarkt auch noch Cuberdon-Verkäufer mit ihren Wägelchen postiert. Die süßen Geleehütchen, die man am besten frisch verzehren sollte, sind längst nicht mehr nur in der klassischen Himbeerversion zu haben, sondern in vielerlei Farben und Geschmacksrichtungen. Eine vorzügliche Adresse zum Schlemmen in Gent ist auch das Viertel Patershol. Früher war es ratsam, um diese ärmste und gefährlichste Gegend der Stadt einen Bogen zu machen. Heute ist das Risiko, in dem Gassengeflecht einem Ganoven zu begegnen, deutlich geringer als jenes, sich von den vielen Restaurants mit internationalen Spezialitäten zur Völlerei verleiten zu lassen.

Wenn es offenbar auch die Gastronomie nicht ist: Hat Brügge vielleicht ein pulsierenderes Nachtleben als Gent? Ein Party-Hotspot mit Edelclubs und grellen Großraumdiskotheken ist Brügge nicht. Stattdessen kann man in der Stadt vortrefflich in bodenständigen Bars und behaglichen Pubs bei belgischem Bier versacken. Gent hat schon aufgrund der zahlreichen Studierenden eine lebhafte Amüsierszene mit mehreren Feierzonen. Als Epizentrum der Partylandschaft gilt der Vlasmarkt mit alternativen Clubs und Live-Musik-Locations. Wer bis zum Morgengrauen durchhält, kann am Wochenende sogleich zum Trödelmarkt vor der St.-Jakob-Kirche hinüberschwenken und an den Ständen nach Schätzen stöbern. Eine andere Sammelstelle für Nachteulen sind die trendigen Tanzclubs und Kneipen am Oude Beestenmarkt (alter Tiermarkt), der noch immer hält, was sein Name verspricht. Sonntagmorgens, wenn selbst die unverwüstlichsten Partypeople in Richtung Betten taumeln, rücken hier die Tierhändler mit Federvieh und Haustieren an. Auch die Overpoortstraat nahe dem Citadelpark hält alles für ausschweifende Feiermarathons bereit: Dutzende von Kneipen, Tanzschuppen, Pommesbuden, Pita-Imbisse und Spätkaufläden.

Und wie verhält es sich mit den Events der Städte? Hat Brügge möglicherweise einen schillernderen Veranstaltungsreigen als Gent? Zu den größten Festivitäten in Brügge zählen das Filmfest „MOOOV“ mit Filmemachern aus der ganzen Welt im Mai, die Heilig-Blut-Prozession am 21. Mai, bei der mit Bibelszenen dekorierte Prunkwagen und Menschen in prächtigen Mittelaltergewändern begleitet von Eseln, Kamelen und Raubvögeln durch die Straßen ziehen, das „Cactusfestival“ im Juli, bei dem alteingesessene Rocker ebenso wie Newcomer auftreten, und kulinarische Feste, die sich um Bier und Schokolade drehen.

Gent verfügt über einen mindestens ebenso bunten Festivalkalender. Um nur einige Termine zu nennen: Am letzten Juniwochenende verwandelt das „Copacobana Festival“ den Sint-Baafskouterpark mit Musik, Theater und Tanzworkshops in ein Party-Areal; im Juli tobt in der Stadt zehn Tage lang das Straßen- und Kulturfestival „Gentse Feesten“, das mit Musik, Theater, Ausstellungen, Jahrmarkt und Paraden zwei Millionen Besucher anzieht und damit zu den größten Volksfesten Europas zählt; gleichfalls im Juli findet das Festival „Gent Jazz“ mit nationalen und internationalen Größen des Musikgenres statt; im September steigt das „Ode Gand“ – ein Musikfestival auf den Genter Binnengewässern, bei dem man in Booten von einer Bühne zur anderen schippern kann. Daran schließt sich nahtlos das „Gent Festival von Flandern“ an, bei dem rund 1500 Künstler Stücke aus dem Spektrum von klassischer Musik bis zu Weltmusik spielen; im Oktober präsentiert das „Film Fest Gent“ flämische und internationale Filmperlen, Konzerte mit Filmmusik und Ausstellungen; alle drei Jahre rückt die Stadt mit ihrem „Lichtfestival“ ins Rampenlicht und in diesem Jahr kommt noch ein einmaliges Top-Event hinzu. Vom 1. Februar bis 30. April 2020 zeigt das Museum für Schöne Künste die Exposition „Van Eyck. Eine optische Revolution“, für die eine Auswahl der weltweit noch 20 existierenden Werke Jan van Eycks nach Gent reisen. Höhepunkt der Ausstellung ist die Enthüllung einiger frisch restaurierter Tafeln des Genter Altars.

Und was ist mit dem Flair der Städte? Brügge mutet kompakt und kleinstädtisch an, mit dem freundlichen Bimmeln des Belfrieds, dem Pferdekutschengeklapper auf dem Kopfsteinpflaster, den gepflegten Grachten und der kulissenhaften Vollkommenheit der Giebelhäuser sogar fast provinziell, wenn man sich den Touristenrummel von der Bildfläche denkt. Ist es diese Verträumtheit, diese Unversehrtheit, diese Heile-Welt-Heimeligkeit, mit der sich Brügge bei Belgien-Besuchern einschmeichelt? Gent erscheint mit den großen Plätzen, den Monumentalbauten, den Straßenbahnen und Fahrradkarawanen urbaner, cooler, unnahbarer. Aber auch Gent hat ein romantisches Gesicht. Es zeigt sich allabendlich, wenn die Stadt ihr international prämiertes Lichtkonzept einschaltet, das Gassen, Grachten und Gebäude in ein schimmerndes Märchenland verwandelt. Ein „Lichtplan“ leitet zu den 55 Stationen des zauberhaften Spektakels.

Wenn das alles nicht erhellt, warum Brügge Gent touristisch in den Schatten stellt: Bringt dann vielleicht der Blick auf das Tourismusmarketing die Erkenntnis? Schließlich bleibt selbst die größte Schönheit ohne Schwärmer, wenn niemand davon weiß. Die Antwort lautet: Nein. Die Fremdenverkehrsorganisationen Visit Bruges und Visit Gent rühren gleichermaßen professionell die Werbetrommel mit modernen Touristeninformationen, mehreren Social-Media-Kanälen und ansprechenden Internet-Auftritten voller inspirierender Informationen.

Einen Marketing-Trumpf besitzt Brügge allerdings, den Gent nicht hat: Die Stadt profitiert von dem erfolgreichen Gangsterdrama „Brügge sehen … und sterben?“, das ihr internationale Bekanntheit eingebracht hat. In dem Film von 2008 sollen die irischen Auftragsmörder Ray (Colin Farrell) und Ken (Brendan Gleeson) auf Geheiß ihres Bosses Harry (Ralph Fiennes) von London in die belgische Stadt reisen und dort wegen eines schiefgelaufenen Attentats für einige Zeit untertauchen. Während Ken begeistert durch die mittelalterliche Altstadt zieht und sich der Meinung seines Chefs anschließt, dass es in Brügge wie im Märchen ist, kann der jüngere Ray ganz und gar nicht nachvollziehen, was an dem „scheiß Kaff“ so besonders sein soll. „Wenn ich auf einem Bauernhof aufgewachsen und geistig zurückgeblieben wär’, würde mich Brügge vielleicht beeindrucken, aber das bin ich nicht, also tut’s das nicht“, kommentiert der Kulturbanause. Den Belfried bezeichnet Ray als „Schrott“ und rät anderen Touristen von dem Aufstieg eindringlich ab.

Kurzum: Die Tragikomödie, bei deren Showdown die malerischen Kulissen um den Belfried mit viel Blut besudelt werden, vermittelt höchst widersprüchliche Eindrücke von Brügge. Gerade deshalb regt der Film aber dazu an, die Koffer zu packen und sich selbst ein Bild von der Stadt zu verschaffen. Man kann nur vermuten, dass es Ray im großstädtischeren, hipperen, flippigeren Gent besser gefallen hätte. Was sich dagegen mit Gewissheit festhalten lässt: Belgien-Urlauber, die Kultur nicht kategorisch ablehnen wie der Profikiller, sollten unbedingt in beiden flämischen Städten verweilen, denn jede ist sehenswert auf ihre Weise. Brügge sehen … und weiterreisen nach Gent!

 

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