Azoren, Inseln, Reportagen

Der schweflige Odem des Teufels


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Stille Kraterseen, dschungelartige Wälder und verwunschene Gärten: Die Azoren sind ein Himmelreich für Naturanbeter. Auf dem Archipel im Nordatlantik tut sich aber auch der Einstieg zur Hölle auf – bei den dampfenden und stinkenden Quellen von Furnas, die wie die Vorboten des Leibhaftigen erscheinen.

Es blubbert, dampft und zischt aus Dutzenden von Schwefelquellen. Weißgelbe Schwaden wabern über die fauchenden Felsspalten, der Gestank macht uns ganz schummrig. Wir sind in Furnas, einem Kurort mit Wunderwasser, Heilschlamm und gesunder Luft, doch eigentlich sieht alles nach der Küche des Teufels aus. Und es würde uns nicht wundern, wenn in Kürze der Höllenfürst höchstpersönlich aus den Nebelfahnen träte. Seinen schlechten Odem riechen wir ja schon. Sollte er versuchen, uns mit niederträchtigen Verheißungen in sein Schattenreich zu locken, wären wir immun: Wenige Tage auf der Azoreninsel Sao Miguel haben gereicht, um uns Stadtmenschen wieder in überzeugte Naturanbeter zu verwandeln. Nichts und niemand wird unseren Glauben in die Schönheit der Schöpfung erschüttern können, schon gar nicht so ein pferdefüßiger Stinkstiefel.

Auf den Azoren, diesen neongrünen und lavaschwarzen Landklecksen mitten im Atlantik, über Tausend Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt und fast Dreitausend Kilometer von Nordamerika, liegen Himmel und Hölle so dicht beisammen wie an kaum einem anderen Ort. Aus den urgewaltigen Kräften dreier Kontinentalplatten geboren, durch Vulkane und Wasser geformt und von Wind und Wetter gegerbt, ist der Archipel bis heute nicht zur Ruhe gekommen. Vor Jahrmillionen tauchten die Inseln, die nur die Spitzen eines gigantischen Meeresgebirges sind, nacheinander aus den Fluten auf – zuerst Santa Maria und zuletzt Pico, dazwischen noch sieben andere. Zusammen ist die Inselfamilie etwas kleiner als das Saarland, versprengt über mehr als 600 Kilometer.

Azoren Furnas
Heiße Quellen in Furnas

In Europa ist der Archipel sehr positiv besetzt, denn wenn im Wetterbericht vom Azorenhoch die Rede ist, bedeutet das, es ist Schönwetter im Anmarsch. Die Azoren haben allerdings nichts davon. Kaum hat sich irgendein Wetter über den Inseln zusammengebraut, sei es nun schön oder schlecht, hat es der Wind auch schon wieder über den Ozean fortgetrieben. Beständig ist auf den Azoren nur der Wechsel zwischen blankem Blau und elefantösen Wolkenbergen, dichtem Nebel und versöhnlichen Regenbögen, karibischen Regenschauern und scheinheiligem Sonnenschein – gerade so, als wäre nichts gewesen. Die Temperaturen schwanken auf den ungeschützten Inseln dagegen nur wenig – zwischen 15 Grad im Winter und 26 Grad im Sommer. Der Atlantik mäßigt die Hitze, der Golfstrom die Kälte.

Für die Pflanzenwelt sind das natürlich Prachtbedingungen, und das finden wir auf Sao Miguel auch überall bestätigt. Die Wiesen sprießen in irischem Supergrün, an dem sich viele Kühe gütlich tun, in den Gewächshäusern gedeihen saftige Ananas, an der Nordküste gibt es die einzige Teeplantage Europas, und die Wälder wuchern wie in Tropenzonen. Im Naturpark Caldeira Velha spannen palmengroße Farne einen seidig schimmernden Baldachin über dampfende Quellen und rauschende Wasserfälle, hier und da fallen Sonnennadelstreifen durch das grüne Dach. Mehr Naturromantik geht nicht.

Azoren Wiesen
Sattgrüne Wiesen auf Sao Miguel

Geht doch, weil wir auf den Azoren sind. In Sete Cidades erfahren wir, dass die beiden Kraterseen auf eine steinerweichende Romeo-und-Julia-Geschichte zurückgehen. Da gab es eine blauäugige Prinzessin und einen grünäugigen Hirten, deren Herzen füreinander entflammten. Doch die Liebe durfte nicht sein, denn die Zukunft der Prinzessin war bereits verplant und der mittelose Hirte keine Option. Aus Kummer vergossen die beiden riesige Tränensturzbäche, so dass sich zwei Seen bildeten: ein grün schillernder und ein größerer blauer, weil Mädchen für gewöhnlich mehr weinen. In Wirklichkeit haben die Farben damit zu tun, dass sich im blauen Teil des Gewässers der Himmel spiegelt und im grünen Teil der dicht mit Bäumen bestandene Kraterrand.

Wir sehen aber bloß zwei Seen, deren Schattierung ungefähr so sensationell ist wie das Fell einer Maus. Petrus scheint sein gesamtes Wolkenheer in den Westen von Sao Miguel befohlen zu haben, jedenfalls türmt sich über uns gerade ein Weltuntergangswetter auf. Die Azoren, das steht fest, sind keine klassischen Badeinseln, auch wenn sie neben schroffen Steilküsten einige Buchten mit schwarzsandigen Stränden bieten. Wer hierher kommt, will sich betätigen, will Wandern, Reiten, Radeln oder Delfine und Wale beobachten. Mehr als 20 Walarten legen in den Gewässern um die Azoren einen Zwischenstopp ein, darunter auch der Blauwal, der Fleischberg aller Fleischberge. Unsere Exkursion vom Hafen in Ponta Delgada fällt jedoch aus, weil der Atlantik zu wilde Wellen schlägt.

Azoren Sete Cidades
Die Kraterseen von Sete Cidades

Bis vor drei Jahrzehnten wurden die Wale gefangen und in Fabriken zerkleinert. Denn nachdem der äußerst lukrative Handel mit Orangen eingebrochen war, wurden andere Einnahmequellen umso wichtiger. Zumal die Azoren auch als Anlaufpunkt zwischen Alter und Neuer Welt an Bedeutung verloren. Über Jahrhunderte kamen die Seefahrer zum Proviantaufladen vorbei, 1493 auch Kolumbus. Dann spielten die Eilande eine wichtige Rolle bei der Verlegung des Transatlantik-Kabels und später als Tankstopp für Interkontinentalflüge. Ihren Namen haben die Ilhas dos Acores von dem portugiesischen Entdecker Diogo de Silves, der auf den Inseln Habichte (Acores) gesehen haben will, aber aller Wahrscheinlichkeit nach waren es Bussarde.

Aus den goldenen Orangenzeiten des 19. Jahrhunderts geblieben sind prunkvoll verzierte Kirchen, stattliche Residenzen und Gärten voller exotischer Pflanzensammlungen, mit denen die Orangenbarone ihren Reichtum ausstellten. Besonders üppig ist der Parque Terra Nostra in Furnas, der kurz vor unserem Besuch eine kräftige Himmelsdusche abbekommen hat. Frisch gewaschen glänzen Sicheltannen, Araukarien und der Pflanzenpelz einer Horde tierischer Dekorationselemente in einer Landschaft aus Grotten, Teichen und Thermalschwimmbecken.

Azoren Garten
Der Parque Terra Nostra in Furnas

Nicht weit davon entfernt dampfen und zischen die schwefligen Fumarolen. Das Wasser von Furnas enthält viele Mineralien und soll Rheuma und Hautleiden lindern. Wir glauben ja immer noch, dass das hier eher der Einstieg zur Hölle ist. Oder zu den Gedärmen von Mutter Erde, in denen es mächtig zu rumpeln scheint. Die Einheimischen sehen das diabolische Naturschauspiel ganz pragmatisch und nutzen die Erdhitze zum Kochen. Dafür graben sie zwei Meter tiefe Löcher in den Boden, versenken darin große Pötte mit Fleisch und Gemüse, buddeln die Löcher wieder zu und nach sechs Stunden wieder auf – fertig ist das Nationalgericht Cozido, schonend und ganz ohne Strom gegart.

Manchmal richten die Naturgewalten auf den Azoren aber auch ganz furchtbare Dinge an. Auf Sao Miguel hat ein Erdbeben die ganze Hauptstadt platt gemacht, heute ist Ponta Delgada das Zentrum der Azoren. Im Kontrast zur ungezügelt wuchernden Vegetation ringsum wirkt der Ort fast ein wenig förmlich. Alles ist hier gepflegt und vieles Schwarz-Weiß: das Kopfsteinpflaster in den Straßen und auf den Plätzen, außerdem die kalkweißen Häuser mit ihrem Zierwerk aus schwarzem Basalt.

Azoren Ponta Delgada
Der Hauptort Ponta Delgada
Fotos: pa

Etwa 60.000 Menschen leben in Ponta Delgada, fast die Hälfte der Inselbevölkerung. Hektisch ist trotzdem nichts, und als wir uns am Abend nach einer angesagten Location erkundigen, stranden wir in einer Spelunke, die in einer deutschen Kleinstadt wahrscheinlich „Erika’s Eck“ hieße. Nur am Hafen verliert sich für wenige Meter der provinzielle Charakter. Schneidige Segelschiffe und gewaltige Kreuzfahrtschiffe machen auf dem Weg über den Atlantik in Ponta Delgada fest und verströmen den Geist der großen, weiten Welt.

ZU SCHWEFELQUELLEN UND MÄRCHENHAFTEN GÄRTEN
Das Fremdenverkehrsamt der Azoren bietet Informationen unter www.visitazores.com/de.

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