Fotoreportagen, Russland

Sankt Petersburg, Einblicke in die russische Seele


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Keine Frage, die Eremitage gehört zu den Must-see-Attraktionen von Sankt Petersburg. Doch auch jenseits dieser gewaltigen Kunstsammlung in mehr als 350 Sälen des Palast-Ensembles an der Newa bietet die Zarenmetropole einmalige …

… Museen. Eines davon, das ERARTA-Museum für zeitgenössische Kunst auf der Wassiljewski-Insel, gewährt unmittelbare Einblicke in die russische Seele. So sagte es zumindest unsere Touristenführerin Irina Netschajewa, als wir in der Ausstellung ein Gemälde mit einem Elefanten betrachteten. Der Dickhäuter lehnt mit seinem feisten Rücken an einer zarten Birke und blickt auf ein Gewässer, neben sich im Gras eine leere Wodka-Flasche. „Motherland“ heißt das Werk des in Sankt Petersburg geborenen Malers Nikolay Kopeikin.

Das ERARTA wurde vor vier Jahren eröffnet und ist das größte private Museum für zeitgenössische Kunst in Russland. Die Dauerausstellung umfasst mehr als 2.300 Arbeiten von 250 Künstlern aus dem ganzen Land – Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Kollagen, Installationen, Animationen und Science Art. Der Museumsname ist eine Verschmelzung von „Era“ und „Arta“, was „Zeit der Kunst“ bedeutet. Während der Sowjet-Ära gingen viele der Werke nicht durch die Zensur.

Spezialität des Museums sind die „U-Spaces“ – kleine Räume, in denen man sich für 200 Rubel eine Viertelstunde lang intensiven Kunstbegegnungen hingeben kann. Einer der U-Spaces führt seine Besucher zurück in die „Kindheit“, als alles noch so viel größer und wundersamer erschien. Frieden, Freude und Frühlingsgefühle sind das Thema des Raumes „Kirschgarten“. Von der Decke baumeln unzählige Fäden mit transparenten Perlen wie gefrorener Regen. Der Zerbrechlichkeit des persönlichen Raumes widmet sich der U-Space „Mein Haus ist meine Festung“. Inmitten von Baumstämmen steht ein Fernseher, vor dem kleine Elefanten paradieren. Was kann mehr Sicherheit gewähren: Dicke Wände oder das Erfassen dessen, was um einen herum geschieht, fragen die Installationserschaffer.

Wer sich nicht so gerne mit moderner Kunst konfrontiert, weil er eine Kapitulation des Verstandes befürchtet, wird im ERARTA zum Lockermachen animiert. Auf einer Tafel heißt es, dass jeder ein Künstler ist, wenn er es denn geschehen lässt. Und weiter: „As a rule, if someone says they don’t understand art, it just means he or she doesn’t feel any personal connection to it.“ Wir werden hier also nicht als intellektuelle Idioten herausgehen müssen, sondern schlimmstenfalls mit der Erkenntnis, resonanzlose Menschenwesen zu sein? „We wish you a happy journey of self-discovery!“ Dann mal los.

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Aus der Elefanten-Serie von Nikolay Kopeikin: ein offenkundig sehr zorniger Elefant mit Melone unterm Arm. Was er wohl in seinen Reisetaschen transportiert?

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Nein, da möchte man nicht dazwischengeraten, auch wenn die Elefanten nur Stummelstoßzähne haben, sonst hätten sie sich bestimmt schon blutig gepiekst.

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Hier würde man ja gerne vermitteln, aber dafür müsste man wissen, was überhaupt der Grund für die ungemütliche Stimmung ist.

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Dass die Frau trotz ihres desolaten Zustandes noch so selig lächeln kann …

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Dieser Eishockey-Spieler scheint ein Brillenputztuch zu benötigen – und einen Ort, an dem er seinen Hund deponieren kann.

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Ein ähnlicher Background schafft doch schon mal gute Voraussetzungen, um sich näherzukommen. Oder nicht?

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Das kann passieren, wenn man sich zu stark an etwas anschließt?

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Und noch ein Kunst gewordener Alptraum …

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Nastrovje, ihr süßen Kleinen. Wollt ihr auch ein Schlückchen oder einen Zug vom Pfeifchen? Oder was mögen die Zeilen sonst bedeuten?

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Viele der Werke hätten während der Sowjet-Zeit nicht ausgestellt werden dürfen, erzählt der Künstler Aleksandr Kosenkov. Von ihm stammt dieses Gemälde mit den nackten, Hanteln stemmenden Skifahrerinnen.

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Im Souvenirshop des Museums kann man nicht nur Ausstellungskataloge, Kunstbände und Postkarten erwerben, sondern auch Kurioses wie Uniformbären …

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Fotos: pa

… und Hippie-Engel mit struppigen Haaren und Häkelkleidchen.

Das ERARTA bietet selbstverständlich auch Führungen und Audio-Guides an – empfehlenswert für alle, die sich den Exponaten dann eben doch nicht nur emotional annähern wollen.

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