Vogelgezwitscher statt Verkehrsgetöse

Inmitten der geschäftigen Metropolregion Rhein-Main liegt Hessens größtes Naturschutzgebiet Kühkopf-Knoblochsaue. Wer sich nach einer Pause vom Großstadtlärm sehnt, ist in dem grünen Refugium aus Sumpflandschaften, Streuobstwiesen und urwaldartigen Auenwäldern goldrichtig.

Ein Schauder erfasst uns und schaltet den Verstand aus. Direkt über uns an der Gewölbedecke lauert eine Stechmücke von albtraumhaften Ausmaßen. Das Insekt hat seinen Rüssel angriffslustig ausgestreckt und sieht aus, als wolle es sich jeden Moment auf uns herabstürzen. Nichts wie weg, ist der erste Impuls bei diesem Anblick. Doch dann meldet sich der Verstand zurück: Bitte keine Panik. Die Monstermücke ist gar nicht echt, sondern nur das überdimensionale Abbild einer Rheinschnake.

Wir stehen im Umweltbildungszentrum Schatzinsel Kühkopf und betrachten den gigantischen Vertreter der Stechmückenspezies Aedes vexans. In Wirklichkeit werden die Tiere etwa sechs Millimeter lang. Das Exemplar über unseren Köpfen misst schätzungsweise zwei bis drei Meter. Wegen ihres Brutgebiets in gefluteten Auwäldern und Wiesen zählen Rheinschnaken zu den Überschwemmungsmücken. Hier, auf dem Kühkopf, herrschen für die in Deutschland am häufigsten vorkommende Stechmückenart geradezu paradiesische Zustände. Die Schleife eines Altrhein-Arms umschließt dieses größte zusammenhängende Überschwemmungsgebiet entlang des hessischen Rheinufers, das mit seinem alten Baumbestand und der unregulierten Hochwasserdynamik fantastische Lebensräume für seltene Tiere und Pflanzen schafft – und optimale Bedingungen für eine Stechmückenplage.

Die Rheinschnake ist gewissermaßen der Haken an dem grünen Himmelreich, als welches man den Kühkopf ohne Übertreibung anpreisen kann. Mit der nördlich angrenzenden Knoblochsaue bildet die Flussinsel das größte Naturschutzgebiet Hessens, einen 2400 Hektar umfassenden Zufluchtsort aus Sümpfen, Obstwiesen und lieblichen bis wildnisartigen Auenwäldern inmitten des Gewimmels und Getöses der geschäftigen Metropolregion Rhein-Main. Fast sechs Millionen Menschen leben im Umkreis von nur etwa einer Autostunde in dem Ballungsgebiet.

Zwei Brücken führen in die bei Darmstadt gelegene Kühkopf-Idylle: eine von Stockstadt und eine vom Riedstädter Stadtteil Erfelden. Wir haben den Zugang von Stockstadt gewählt und sind erst einmal den Schildern links zum Hofgut Guntershausen mit dem Umweltbildungszentrum gefolgt. Kaum waren wir auf dem anderen Ufer des Altrheins angekommen, wähnten wir uns sogleich in einer anderen Welt – jenseits von Abgasen, Motorenlärm, Betonlandschaften und Rastlosigkeit, stattdessen der Duft von Bärlauch und Schwarzpappeln, das Trällern und Tirilieren von Drosseln und Meisen, der Anblick von dichtem Grün mit Silberweiden und blühenden Rosskastanien, deren zartrosa Blütenstände an kleine Zuckerwattebüschel erinnern, und überall entschleunigt, entspannt und zugewandt wirkende Mitmenschen mit Fahrrädern, Wanderrucksäcken und Ferngläsern.

Nicht die Kräfte der Natur haben den Kühkopf erschaffen, wie man vielleicht denken mag. Nein, das Gebiet wurde maßgeblich von Menschenhand modelliert. Einst vollführte der Rhein an dieser Stelle eine sechzehn Kilometer lange Schleife. Die Landzunge war königliches Jagdrevier und wurde mit mehreren Hofgütern landwirtschaftlich genutzt. Aus der Funktion des Geländes (Königsland) und der Form der Rheinschlinge (einem Kopf ähnelnd) lässt sich die althochdeutsche Bezeichnung „Kunigskopf“ herleiten, die sich im Laufe der Zeit zu Kühkopf abgeschliffen hat. Seine heutige Gestalt verdankt der Naturpark einem Rheindurchstich im Jahr 1829, wodurch das Gebiet vollständig vom linksrheinischen Festland abgetrennt und die Halbinsel zu einer Flussinsel wurde.

Doch was war der Grund für diesen Eingriff? Und welche Folgen brachte die Umgestaltung für Mensch und Natur mit sich? Antworten auf diese und andere Fragen rund um den Kühkopf gibt es in der Dauerausstellung „Mitten im Fluss“ im Umweltbildungszentrum. In einem ehemaligen Kuh- und Schweinestall des denkmalgeschützten Hofguts Guntershausen untergebracht, kombiniert das Bildungszentrum historisches Ambiente mit modernster interaktiver Museumstechnik und -methodik. Wir schlüpfen in einen riesigen Kühkopf-Apfel, lauschen in einem hohlen Baum den Klopflauten verschiedener Spechtarten, jagen in einem simulierten Fluss nach Rheinfischen, tauchen in einem begehbaren Aquarium in die Unterwasserwelt von Haupt- und Altrhein ein, fluten auf Knopfdruck ein Kühkopf-Modell und gruseln uns vor der riesigen Rheinschnake, die hoffentlich sicher an der Decke befestigt ist.

In den oberen Stockwerken wird uns in den Ausstellungsteilen „Geschichte im Fluss“ und „Welt im Fluss“ auf Tafeln und in Filmen erklärt, dass die Rheinbegradigung Anfang des 19. Jahrhunderts zum Ziel hatte, die Schiffbarkeit des Flusses zu verbessern und Hochwassergefahren zu bannen, dass es ohne Wasser kein Leben gibt und umgekehrt ein Übermaß davon Leben vernichtet, dass intakte Auen-Ökosysteme vielerlei Funktionen für den Schutz der Umwelt übernehmen, dass der Kühkopf mit 1.500 Käferarten, 700 Pflanzenarten, 400 Großschmetterlingsarten, 250 Vogelarten, 47 Libellenarten, 40 Fischarten und 13 Fledermausarten ein Hotspot der Biodiversität ist und sich als Träger des Prädikats „Europareservat“, Eingangstor zum UNESCO-Geopark Bergstraße-Odenwald und Bestandteil des europaweiten Schutzgebietsnetzes Natura 2000 Naturschutzzielen auf europäischer und globaler Ebene verpflichtet sieht.

Welche Konsequenzen hat der Artenrückgang? Wie lässt sich Biodiversität erhalten? Solche komplexen Themen werden hier mit Exponaten wie einem aus Frachtkisten und Informationsdisplays gestalteten „Artenspeicher“, einem Erdbebenmodell, einem Kühlschrank mit Eiszeit-Fundstücken und einem alten Förderband, das durch die Landschaftsgeschichte des Oberrheingrabens führt, plastisch aufbereitet. Mit all dem möchte das Umweltbildungszentrum zur Reflexion über Naturschutz und Gesellschaft anregen – nirgends mit einem an Disziplin oder Verzicht gemahnenden Zeigefinger, sondern immer über spannende, spielerische und sinnfällige Wissensvermittlung.

Bevor wir uns derart umfassend informiert auf die weitere Erkundung des Kühkopfs begeben, schauen wir uns noch kurz auf dem dreiflügeligen Hofgut Guntershausen um. Wir werfen einen Blick in das frühere Verwalterhaus, in dem sich heute ein Museum zur Regionalgeschichte befindet, lassen uns an den Tischen im lauschigen Innenhof nieder, beobachten auf dem Scheunendach eine Storchfamilie und beschließen, uns später an Speis und Trank aus dem Schafstall zu laben, wie sich die aus Kiosk-Café und Restaurant bestehende und auf eine moderne Auslegung hessischer Klassiker spezialisierte Hofgastronomie nennt. Dann schlagen wir den Weg ins Herz des Kühkopfs ein.

Wir wandern auf schnurgeraden Asphaltbändern durch Offenland dahin, vorbei an Obstbäumen, blumengeschmückten Stromtalwiesen und Röhrichten, über uns ein leuchtend blauer Himmel, an dem federförmige Wolkenfetzen schweben. Mal ist die Landschaft steppenartig, mal sumpfig. Dann wieder streifen wir durch duschengelartiges Dickicht, wo die Natur schalten und walten darf wie sie will. Moosüberzogene Baumstämme liegen kreuz und quer verstreut am Boden, Totholz modert in aller Seelenruhe vor sich hin, dazwischen knorpelige Kopfweiden mit zerzausten Schöpfen. Unordnung ist hier nicht nur erlaubt, sondern erwünscht.

Und immer wieder passieren wir Plaketten, Tafeln und Stelen. Denn umweltpädagogisch hat sich auf dem Kühkopf in den vergangenen Jahren viel bewegt. Da gibt es den Natura Trail, der mit einem Hirschkäfersymbol zu hessischen Naturschätzen geleitet, einen kleinen Barfußpfad, der ein ausgetrocknetes Flussbett mit Lehm, Sand und Kieseln imitiert, drei Lehrpfade, auf denen man via App oder QR-Code Informationen über Auen, Bäume und Obst abrufen kann, und zehn nach Vogelarten benannte Wege, deren Distanzen zwischen gemütlich (Graugansweg, 2,2 Kilometer) und sportlich (Haubentaucherweg, 16 Kilometer) variieren. Mehr als 60 Kilometer umfasst das Wander- und Radwegenetz des Naturparks Kühkopf-Knoblochsaue insgesamt. Für Vogelliebhaber wurden die Beobachtungsstände Schlappeswörth, Krönkesarm und Aquarium eingerichtet, die in der Brut- und Zugzeit bei nahezu allen Wasserständen lohnende Aussichten verheißen.

Auf den naturkundlichen Lehrpfaden lernen wir die unterschiedlichen Landschaftselemente des Kühkopfs genauer kennen: die gehölzfreie Aue mit Schilfrohr, Igelkolben und Wasserkresse, wo Rohrsänger nisten und sich Gänse, Enten und Schnepfenvögel zur Nahrungsaufnahme einfinden; die Weichholzaue, die mehrmals im Jahr für längere Zeit unter Wasser steht, bei Blaukehlchen und Weidenmeisen beliebt ist und sich aus Anpassungskünstlern wie verschiedenenen Pappel- und Weidenarten zusammensetzt, denen nasse Füße nichts ausmachen und deren elastische Zweige strömungsresistent sind; die periodisch geflutete Hartholzaue, die durch Stieleichen, Ulmen und Eschen geprägt ist, im Frühjahr mit Bärlauch- und Blausternblütenteppichen verzaubert, Greifvögeln als Brutstätte dient und seltene Käfer wie Eremit, Hirschkäfer und Heldbock beherbergt; die anmutigen Auenwiesen mit ihrer bunten Blumenpracht und die Streuobstwiesen, auf denen allein 30 Apfelsorten und alles in allem mehr als 2000 Obstbäume zu finden sind.

Unterwegs treffen wir auf Graureiher, Störche, Enten und etliche andere Menschen. An Spitzentagen tummeln sich bis zu 10.000 Naturinteressierte auf dem Kühkopf. Doch durch die Weitläufigkeit des Geländes verteilt sich der Andrang erstaunlich gut. Und ist das nicht ein Schwarzmilan, der dort oben elegant seine Kreise zieht? Der dunkelbraune Raubvogel ist an seinem schwach gegabelten Schwanz zu erkennen und gilt als Symboltier des Kühkopfs. Nirgendwo sonst in Europa erreicht er eine höhere Brutdichte als hier. Begegnungen mit echten Rheinschnaken bleiben dagegen aus. Besonders traurig stimmt uns das nicht.


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