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Abseits der Hipness-Hitparaden (Teil 1): Darum mal nach Speyer fahren


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Nichts gegen trendige Metropolen, die sich voller Experimentierfreude unentwegt neu erfinden. Aber manchmal kann das auch auf die Nerven gehen. Dann bietet sich ein Ausflug dorthin an, wo sich noch Beständigkeit und eine Prise Piefigkeit vermuten lassen. Eine Reihe über ungehypte Reiseziele. Zum Auftakt: Speyer. Von Kaisergräbern, Brezelbuben, Teufelsmaschinen und Weltraumtoiletten.

Eigentlich wollten wir nur schnell die Speisekarte haben. Doch der Kellner im Biergarten des Domhofs entpuppt sich als Paradebeispiel der vielzitierten pfälzischen Geselligkeit, erzählt dieses und jenes, ganz egal, dass die Tische rundherum an diesem Spätsommertag dicht besetzt sind, die Gäste auf Würste mit Weinsauerkraut und Frischgezapftes aus der Hausbrauerei warten, und fragt dann: „Was glauben Sie, passt der Kölner Dom in unseren?“

Gar nicht so leicht abzuwägen. Hätte uns der Kellner das Rätsel aufgegeben, als wir den Kaiserdom zu Speyer von Ferne erblickten, diesen langgestreckten, mit sechs Türmen gespickten Riesen in der Rheinebene, dessen Reich aus einer gerade mal 50.000 Einwohner zählenden Kleinstadt besteht, wäre die Antwort „ja“ gewesen. Als wir dann allerdings vor dem Wahrzeichen standen, wirkte es wie von Zauberhand geschrumpft: immer noch massig, das schon, aber nicht mehr monströs, und wir hätten garantiert verneint.

Hernach waren wir in die Vorhalle eingetreten, die im Westen einen wuchtigen Brustpanzer gegen die Seite des Sonnenuntergangs und des Bösen bildet, hatten die schweren Türen des Bronzeportals aufgestemmt und das von vierundzwanzig Säulen getragene Mittelschiff der größten romanischen Kathedrale der Welt erblickt, deren Errichtung ab 1030 fast 100 Jahre dauerte. Und da wäre die Antwort „ja, vielleicht …“ gewesen.

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Fassade des Kaiserdoms Richtung Westen
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Das Mittelschiff ruht an jeder Seite auf zwölf Säulen.

Selbstverständlich nicht von der Höhe, aber vom Volumen her könne man den Kölner Dom gerade so in den von Speyer zwängen, versichert unsere leutselige Bedienung. Das wäre noch durch andere Überlieferungen zu verifizieren, denken wir uns, widmen uns jedoch zunächst dem profanen Problem der Speisewahl. Doch siehe da, es droht überhaupt keine Qual – zumindest nicht Vegetariern, die auf der Karte lediglich ein Hauptgericht entdecken: Kartoffeltaschen mit Frischkäsefüllung. Das kann man in Zeiten, in denen andernorts rein vegetarische und vegane Restaurants wie Sojasprossen aus dem Boden schießen, schon eine kleine Sensation nennen.

Allerdings sind wir eben nicht irgendwo in einer flippigen, fiebrigen Metropole, die sich ihren Hipness-hungrigen Anhängern unablässig als Trendgenerator beweisen muss, sondern im geruhsamen Speyer, zu dem wahrscheinlich schon wenige hundert Kilometer weiter den meisten nur noch der Dom und die Pfälzer Weine einfallen, im besten Fall auch Fragmente der Stadthistorie, denn der Flecken war ja wahrlich nicht immer so unbedeutend für die Geschicke des Landes wie heute. Und deshalb geht es auch vollkommen in Ordnung, dass sich das Restaurant in der Großen Himmelsgasse auf regionale Hausmannskost konzentriert – mit Rostbratwürsten, Leberknödeln, Saumagen und was sonst noch dazugehört.

Nach der Überdosis Erhabenheit, die so ein Kaiserdom seinen Besuchern verabreicht, erscheinen solche Angelegenheiten ohnehin nichtig und klein. Und so fügt man sich als Vegetarier, der das Vegetariertum aus einer geschmacklichen Abneigung gegen Fleisch betreibt und nicht als Weltverbesserreligion, die notfalls mal eine Saumagensünde verzeiht, klaglos in sein kulinarisches Schicksal der Kartoffeltaschen, die mutmaßlich bis gerade eben in der Tiefkühltruhe auf ihren Einsatz harrten.

Mehr als eine Million Besucher aus nah und fern strömen jedes Jahr in den Dom – Wallfahrer, Butterfahrer und sonstige Touristen, von denen einige womöglich nur das Technikmuseum oder das Sea-Life-Aquarium am Hafen besichtigen möchten, das ehrwürdige Unesco-Weltkulturerbe aber trotzdem mit einem Abstecher bedenken, weil sie alles andere als Frevel empfänden. Schließlich steht das Monument für eine jahrtausendealte Geschichte, in der sich lichteste Sternstunden mit finstersten Tiefpunkten abwechselten, Aufbrüche mit Zusammenbrüchen, Glanz und Gloria mit Schmach und Schande.

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Oldtimer-Halle im Technikmuseum
Sea Life Speyer, 06.08.03, Foto&Copyright : Thomas Lohnes
Exotische Unterwasserwelten im Sea Life Speyer

Im Zeitraffer geht das Ganze etwa so: Bereits ein Jahrtausend war seit der Gründung des römischen Noviomagus und späteren Spiras ins Land gegangen, als Speyer im Mittelalter zu einem der wichtigsten Schauplätze des Römischen Reiches deutscher Nation avancierte. Die salischen Herrscher hatten die Stadt als Standort für einen Dom auserkoren, in welchen sie sich über Generationen hinweg in vorbestimmte Gräber legen wollten. Fortan rollten also regelmäßig gekrönte Häupter über eine neue Triumphstraße heran, um die Baufortschritte ihrer ewigen Ruhestätte in Augenschein zu nehmen.

Aus heutiger Sicht wirkt der kaiserliche Domzubringer, der mitten durch das fächerförmige Gassengeflecht der Altstadt verläuft, etwas überdimensioniert. Seit der Verkehrsberuhigung im Zuge eines Faceliftings zum 2000-jährigen Stadtjubiläum 1990 eignet sich die Avenue, die offiziell Maximilianstraße und bei den Einheimischen schlicht „Hauptstrooß“ heißt, nun aber fabelhaft als Bühne für Volksfeste. Feste Größen sind das Frühlingsfest im März/April und das Brezelfest im Juli, anlässlich dessen sich auch mal eine Dirndl-Lederhosen-Polonaise auf Weltrekordmission durch die 600 Meter lange Straße am Dom vorbei bis hinunter zum Festplatz ringelte. Im August lädt dann die „Kaisertafel“ unter dem Motto „Kochkunst, Trinkkultur und Speyerer Lebensfreude“ zum Schlemmen ein, und im Advent beschließt ein Weihnachtsmarkt den Zyklus der Zelebrierungen.

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Die Maximilianstraße, von den Einheimischen auch Hauptstrooß genannt.

Doch zurück in die Kaiserzeit. Der ranghohe Besuch war beim Volk stets hochwillkommen, bescherte er der Stadt neben Ruhm und Ehre doch auch diverse Privilegien: das Markt- und Münzrecht, später das Stadtrecht und den Status der Freien Reichsstadt. Nicht weniger als 50 Hof- und Reichstage wurden zwischen dem 9. und 16. Jahrhundert in Speyer abgehalten – darunter jene zwei gewichtigen von 1526 und 1529, bei denen Fürsten und Reichsstädte aus dem protestantischen Lager gegen die Verhängung der Reichsacht über Martin Luther aufbegehrten, woraus die Spaltung der Christenheit und später ein regelrechtes Gotteshäuserwettbauen in der Stadt resultierten.

Die Protestanten ließen die Heiliggeistkirche (1700 bis 1702), die Dreifaltigkeitskirche (1701 bis 1717) und die Gedächtniskirche (1893 bis 1904) mit dem höchsten Turm der Pfalz (100 Meter) errichten, die sich mit ihrem neugotischen Baustil deutlich vom romanischen Dom unterscheiden sollte. Die Katholiken verstärkten ihre Präsenz daraufhin mit St. Joseph (1912 bis 1914). Der Baustil der Kirche (zwei Türme, je 90 Meter hoch) spielt mit den Formen des Jugendstils, der Spätgotik, des Barocks und der Renaissance, sollte er sich doch wiederum deutlich von der Gedächtniskirche abheben, die schräg gegenüber aufragt.

Dazwischen ereigneten sich allerdings noch die schwärzesten Stunden von Speyer. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg rückten 1689 die Truppen des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. an und legten die Stadt in Schutt und Asche. Von den 68 Türmen der Stadtbefestigung blieb nur das Altpörtel stehen, der Dom brannte bis auf den östlichen Teil nieder. Selbst bis in die Gruft, in der sich zu diesem Zeitpunkt die Gräber mehrerer salischer, staufischer und habsburgischer Herrscher befanden, angefangen vom Domgründer Kaiser Konrad II. über die Heinriche III. bis V. bis zu König Albrecht von Österreich, drangen die Soldaten vor. Kaum war der Wiederaufbau abgeschlossen, begann die Französische Revolution und der aufgeputschte Pöbel richtete die nächste Verwüstung an. Die Kathedrale wurde zum Viehstall und Materiallager umfunktioniert und kurz darauf von Napoleon der Abriss verfügt, was sich aber glücklicherweise gerade noch abwenden ließ.

In den folgenden Jahrhunderten veränderte der Dom sein Antlitz immer wieder. Mitte des 20. Jahrhunderts wurden bei einer Großsanierung alte Ausmalungen abgeschlagen, Sandsteinquader geschliffen und die Säulen mit Zementinjektionen gefestigt. Kritiker sprechen von einem Musterbeispiel einer aus denkmalpflegerischer Sicht missglückten Reromanisierung. Bereits 1996 startete die nächste Restaurierung, Kostenpunkt 21 Millionen Euro. Der Domputz war so gründlich, dass nun alles frisch und makellos ist – gerade so, als wäre nichts gewesen: keine Brände, keine Plünderungen, keine Verwüstungen.

Speyer_Dom_Fresken
Alles frisch, alles makellos seit dem Großputz

Man kann das Resultat mögen oder nicht: Unstreitbar ist, dass es Gigantisches zu bestaunen gibt. Sechs Gewölbe überspannen das Mittelschiff, was auf die Tage der Schöpfung rekurriert, dahinter schließt sich die achteckige Vierung als Symbol für die Vollendung des göttlichen Werks an, unter der gewaltigen Kuppel steht der Hauptaltar. Im Südwestturm gelangt man hinauf zu einer Aussichtsplattform in 60 Metern Höhe, durch die Krypta hinunter zu den Gräbern der Kaiser und Könige.

Seit der Zerstörung der Abtei Cluny im Zuge der Französischen Revolution ist der Kaiserdom wieder die größte romanische Kirche weltweit. Wir hatten den Kopf weit in den Nacken legen müssen, um hoch droben über den mächtigen Arkaden die Fresken mit Szenen aus dem Leben Mariens betrachten zu können, der Schutzpatronin des Doms und des Saliergeschlechts. Oder die Apsis mit einem Gemälde der Marienkrönung. Oder die Hauptorgel über dem Bronzeportal, das man sich gut als Kulisse für einen Mittelaltermonumentalfilm vorstellen kann, wenngleich es – wie so vieles im Dom – neueren Datums ist. Fotografisch lässt sich bei solchen Dimensionen ohne die richtige Ausrüstung jedenfalls gar nichts ausrichten (Pardon an dieser Stelle für die miserablen Bilder).

Speyer_Dom_Portal_Orgel
Die Hauptorgel über dem Westportal

Nach der Rast im Biergarten des Domhofs sind wir bereit für weitere Attraktionen. Das Spektrum ist bunter als erwartet: Historisches Museum der Pfalz, Judenhof, Technikmuseum, Fasnachtmuseum, das Sea-Life-Aquarium mit Haien, Rochen, Seepferdchen und anderen exotischen Meeresbewohnern, außerdem mehrere Kunstgalerien und kleine Ausstellungen wie das „Elwedritsche“-Museum, das laut Eigenwerbung alle Fragen rund um das gleichnamige pfälzische Fabelwesen klärt, einem biologischen Kuriosum aus Federvieh und Elfe.

Bevor wir uns entscheiden, lassen wir uns erst einmal durch die einstige Via Triumphalis treiben. Der Kaiserdom, der die Altstadt so vehement vom Rhein abschottet, dass man die anmutige Flussschleife dahinter glatt vergessen kann, liegt nun hinter uns. Ebenso der Vorplatz mit dem Domnapf, auf dem eine lateinische Inschrift prangt, die nach einer lyrischen Übersetzung besagt: „So oft ein Bischof, hoch zu Ross, begleitet von führnehmem Tross, erstmals in diese Stadt sich wendet, er seinen Willkommtrunk draus spendet.“

Man kann davon ausgehen, dass die Bischofsweihen ein allseits beliebtes Ereignis waren, fasst der Domnapf doch 1580 Liter – und bei dem Einstandsgetränk, an dem sich jeder Bürger laben durfte, handelte es sich um Wein aus den sonnenverwöhnten Lagen der Pfalz. Auch Halunken fanden sich gerne an der Sandsteinschale ein, markierte sie doch die Grenze zwischen weltlicher und kirchlicher Gerichtsbarkeit. Gelang es einem Delinquenten, sich in das Hoheitsgebiet des Bischofs hinüberzuretten, konnte er den Schergen ein Schnippchen schlagen und sich dem vielfältigen wie drakonischen Katalog mittelalterlicher Strafmaßnahmen entziehen.

In der Ferne ist schon das Altpörtel der mittelalterlichen Stadtbegrenzung zu sehen, mit 55 Metern eines der höchsten Stadttore Deutschlands. Auf dem Weg dorthin passieren wir Bürgerhäuser mit gepflegten Barockfassaden, die Skulptur eines Jakobspilgers und den St. Georgsbrunnen vor der Alten Münze, Eisdielen, Apotheken, Ämter und Gaststätten mit Frakturschrift – ganz die Versonnenheit, wie man sie mit dem Klischee deutscher Kleinstädte assoziiert. Das können Lokale mit gewichtigen Namen („Tor zur Pfalz“, „Café Triumphalis“) genauso wenig relativieren wie Freizeiteinrichtungen mit Maximalamüsementversprechen (Erlebnisbad „Bademaxx“, Filmtheater „IMAX Dome“).

Allerdings, wer sagt denn, dass sie das sollen. Denn die einstige „Metropolis Germaniae“ vermittelt nicht den Eindruck, ein ernsthaftes Geltungsproblem zu haben – von wegen gefallener Star oder so. Viel lieber als Profilneurosen scheint man hier die süße Lebensart zu pflegen, wofür das milde Klima, die Eiscafés und Weinstuben natürlich beste Bedingungen schaffen. Es heißt, die Pfälzer erzählen jedem, der es hören will: „In Speyer fängt die Pfalz an, Italien zu werden.“

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Der St. Georgsbrunnen, drumherum gepflegte Fassaden

Wir verlassen die Maximilianstraße über eine der kleinen Seitengassen, gelangen zum Königsplatz mit dem Handwerksbrunnen, auf dem ein Vertreter des zweiten Wahrzeichens der Stadt steht: ein Brezelbub. Schon im Mittelalter wurden in Speyer Brezeln gebacken, damals als Wegzehrung für das Gefolge der Bischöfe und Fürsten. Seit 1910 steht die Laugenschlinge im Zentrum eines Volksfestes, das zum größten am Oberrhein aufgestiegen ist – mit Umzügen, Feuerwerk, Karussells und medienwirksamen Programmpunkten wie die genannten Dirndl-Lederhosen-Prozessionen (Randnotiz: Der Trachtenlindwurm zählte 2.697 Teilnehmer, womit die von Nürnberg vorgelegte Bestmarke geknackt werden konnte).

Als Tourist kann man solche Rivalitäten natürlich ganz unbefangen sehen und sich an der Vielgestaltigkeit der Brezeln erfreuen, die in Speyer einem ganz anderen Schönheitsideal folgen als im Freistaat Bayern, zu dem die Pfalz bis vor 70 Jahren noch gehörte. In Speyer ist das Kultgebäck dünn, knusprig und mit reichlich Salz bestreut, nicht so wulstig und aufgedunsen, vielleicht sogar aufgeplatzt und ungeniert weißen Teig zur Schau stellend wie bei den Nachbarn im Süden.

In der Kleinen Pfaffengasse biegen wir rechts in den Judenhof ein. Bestehend aus einer Männer- und Frauensynagoge und dem rituellen Kaltbad (Mikwe) bildete er einst den kulturellen Mittelpunkt der jüdischen Gemeinde von Speyer. Diese war ab dem 11. Jahrhundert entstanden, als jüdische Fernkaufleute und Bankiers aus Frankreich und Italien angelockt von Sonderrechten in die Stadt kamen, und zählte zu den bedeutendsten nördlich der Alpen. Mit ihrer Weltgewandtheit und den weitreichenden Handelsverbindungen gehörten die Zugereisten alsbald zur wirtschaftlichen und intellektuellen Elite. Gelehrte aus aller Welt suchten die Begegnung mit den „Weisen von Speyer“, an die im Judenhof eine Bronzeplastik erinnert.

Speyer_Judenhof_Weisen
Im Judenhof erinnert ein Denkmal an die Gelehrtesten der Gelehrten.

Die infernalischen Stadtbrände haben von der Synagoge nur einige Mauerreste übrig gelassen, fast vollständig erhalten ist hingegen das Tauchbad aus dem 12. Jahrhundert. Für die Reinigung nach Krankheiten, Geburten und Monatsblutungen oder vor Hochzeiten und Konversionen brauchte es „lebendiges Wasser“ aus Flüssen oder Brunnen, weshalb sich das Becken zehn Meter unter der Erde auf dem Niveau des Grundwassers befindet. Am Zugang zum Badeschacht verweisen Fenster und Säulen auf die Formensprache des Doms – möglich, dass hier dieselben Baumeister am Werk waren.

Durch den Domgarten, in dem im Sommer das Mittelalterfestival „Spectaculum“ mit Gauklern, Musikern und altem Handwerk zu einem gesitteten Eskapismus in die Epoche einlädt, spazieren wir zum Festplatz und weiter in Richtung Kontrastprogramm – dem Technikmuseum auf dem alten Gelände der Pfalz-Flugzeugwerke, ein Zeitsprung zu den Errungenschaften der Moderne. Der Ableger des Auto- und Technikmuseums in Sinsheim kombiniert in denkmalgeschützten Industriehallen und auf 150.000 Quadratmetern Außengelände ein buntes Sammelsurium von Exponaten mit einer Idee von Freizeitparkvergnügen.

Blitzblanke Oldtimerkarossen, Feuerwehrfahrzeuge und Lokomotiven stehen neben Tanzorgeln und einem Mefistofeles-Mobile (auch „Nichtsnutzigkeitsmaschine“ genannt), die nach Euro-Fütterung zu spielen und zu stampfen beginnen. Letztere mit allem, was zu einer klassischen Nichtsnutzigkeitsmaschine so dazugehört: Gießkannen, Hirschgeweihe, Ledergeschirre, Hackebeilchen, Schweinchen, chinesische Schirmchen.

In der Raumfahrtausstellung ist „Buran“ das Highlight, ein russisches Shuttle, das vor einigen Jahren von Bahrain über Rotterdam und weiter auf einem Ponton rheinaufwärts an den Ort seiner Bestimmung gelangte und dort nun unter der Hallendecke mit seiner schwarzweißen Bemalung wie ein fliegender Orca-Wal hängt. Darunter ist die Entwicklung der Raumfahrt dokumentiert – mit Raumanzügen, Astronautennahrung, einer Sojus-Landekapsel (original), dem Wostok-1-Raumschiff, mit dem Juri Gagarin 1961 als erster Mensch in den Weltraum flog (Replik), einem Stück Mondgestein (Souvenir einer Apollo-Mission, echt) und Toiletten, die der Schwerelosigkeit mit einem Saugmechanismus trotzen.

Draußen lagert ein 466 Tonnen schweres U-Boot der Bundesmarine wie ein gestrandeter Pottwal zwischen einem Seenotkreuzer und dem Hausboot der Kelly Family. Allesamt kann man begehen, ebenso eine schräg auf ein riesiges Stahlgerüst montierte Boeing 747 der Lufthansa. Der Weg nach unten lässt sich alternativ zu den Treppen in einer Röhrenrutsche zurücklegen (Taschen besser unten lassen und das Rutschkissen nicht vergessen).

Speyer_Technikmuseum_Oldtimer_Isetta
Zu den Exponaten in der Oldtimerhalle zählen Knutschkugeln wie diese Isetta, …
Speyer_Technikmuseum_Oldtimer_Mercedes
… Mercedes-Benz-Karossen, …
Speyer_Technikmuseum_Oldtimer_NSU_DelphinIII
… Rekordfahrzeuge wie die NSU Delphin III und …
Speyer_Technikmuseum_Mefistofeles_Mobile
… das Mefistofeles Mobile, eine so genannte „Nichtsnutzigkeitsmaschine“.
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Die Raumfahrthalle mit einer Ausstellung zum Mond
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Das Außengelände, im Hintergrund die alten Industriehallen der Pfalz-Flugzeugwerke
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Viele der Exponate lassen sich auch von innen inspizieren, …
Speyer_Technikmuseum_U_Boot
… beispielsweise das Untersee-Boot der Bundesmarine.
Speyer_Technikmuseum_U-Boot_innen
Blick in die Eingeweide
Fotos: pa, Sea Life Speyer/Thomas Lohnes (1)

„Macht euch auf nach Speyer“: So steht es schon in Goethes „Götz von Berlichingen“. Heute mag der Appell für all jene gelten, die sich für den Kontrast einer bewegten Vergangenheit und einer geruhsamen Gegenwart interessieren, für Dolce Vita innerhalb der deutschen Landesgrenzen, für künstliche Unterwasserwelten, Raumfahrttechnologie, Teufelsmaschinen, Mittelalterspektakel und die Geheimnisse der scheuen Entenelfe Elwedritsche – oder zumindest für einen Teil davon.

KAISERGRÄBER, UNTERWASSERWELTEN UND RAUMFAHRTTOILETTEN
Mehr Informationen zu Speyer und dem Dom gibt es unter www.speyer.de und unter www.dom-zu-speyer.de. Das Technikmuseum ist unter www.technik-museum.de und das Sea Life Centre unter https://www.visitsealife.com/speyer zu finden.

14 Comments

  • Schöne Idee – eine Serie über Städte, die man nicht so auf dem Schirm hat und vllt. zu unrecht im Schatten stehen.
    Unterhaltsamer und lesenswerter Bericht!
    Allein die Quiz-Frage bleibt unbeantwortet …;-)

  • Den Spiritualitätsfaktor betreffend, stellt der Speyrer Dom den Kölner bei weitem in den Schatten. Was weniger an Romanik versus Gotik liegt als an dem Umstand, dass man einfach interessantere Gotik in Frankreich findet. Dass Speyer einen Mehrtagesausflug lohnt, wird bereits klar, wenn man nur auf der Autobahn dran vorbeifährt – mit Bedauern.

    Das Bild mt der BMW-Isetta: Link davon steht gemutmaßt ein BMW-Barockengel. Aber welches edle Fahrzeug ist – leider nur mit dem Popo – rechts davon zu sehen?

    Schöne, wunderbare und offenbar bodenständige Stadt (m.E. übrigens im Gegensatz zum nahen Worms, dessen Dom leider ein Barockinnenleben führt. Romanik und Barock, das passt zusammen wie die Farben orange und rosa, also gar nicht).

    Der Artikel ist schön. Obwohl es schwer ist, einen häßlichen Artikel über einen schönen Gegenstand zu schreiben. Ich vermisste noch ein Wort über die Reste von Stadtbefestigung (?) hinter dem Dom. Was davon ist Nachbau, was Original?

    • Fange ich mal von hinten an: Die wenigen Reste der ersten Stadtbefestigung – sie muss wirklich gewaltig gewesen sein – sind an verschiedenen Stellen zu finden (Altpörtel, Heidentürmchen im Domgarten, Mauerruinen in mehreren Straßen).

      Bei dem edlen Fahrzeug rechts neben der BMW-Isetta handelt es sich um dieses Modell (leider auch hier nicht komplett im Bild):

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      Und zu den Vergleichen: Von mir aus müssten die gar nicht angestellt werden. In ihrer Verschiedenheit und Einzigartigkeit sind die Bauwerke doch allesamt einen Besuch wert.

  • Okay, eine reine BMW-Ecke. Siehe Emblem auf Felge. Ein 507-er ist es nicht. Käme m.E. dann nur noch ein 503-er infrage. Passt aber beides letztendlich nicht.

    Ein Glas?

    Baujahr, geschätzt: zwischen 1959 und 1962.

    Vielleicht vermag ein anderer Leser zu helfen. Es würde mich wirklich sehr interessieren.

    Zum Heidentürmchen / Domgarten: Nähere Informationen über genauen Bauzeitraum vorliegend? Wiederaufgebaut oder so original erhalten geblieben?

    Zu Bauwerk-Vergleichen: Wenn man „große“ Gotik sehen will, im Sinne von Volumen, dann ist nichts gegen den Kölner Dom zu sagen. Interessante Nischen findet man auch dort. Allerdings vornehmlich im original gotischen Bereich, weniger in der neugotischen Fertigstellung. Es dauert bei den Kölnern ja alles ein wenig länger, egal, ob es ums Bauen geht oder um intellektuelles Erfassen von Sachlagen oder schlüssigen Ableitungen daraus.

  • PS: Es ließ mir jetzt keine Ruhe. Das Fahrzeug hat keine B-Säule, aber bereits den Hofmeister-Knick. Darüber fand ich es dann auch.
    Es handelt sich um einen BMW 3200 CS „Bertone“. Eine der ersten Automobildesign-Arbeiten von Giugiaro – der in ästhetischen Fachkreisen selbstredend als Heiliger gilt. Das Fahrzeug wurde von 1962 bis 1965 gebaut.

  • Gelungenes Stadtportrait – amüsant und informativ. Ich war vor einigen Jahren in Speyer gewesen, aber nicht im Technikmuseum. Btw: Interessante Fachfragendebatte hier … man kann sich nur wundern.

    • Das ist eine verdammt schwierige Frage mit Blick auf die Auswahl. Ich würde wohl zu einem der erdgebundenen Fahrzeuge aus der Liller Halle tendieren – vielleicht das blau-schwarze Packard-Coupé (Baujahr 1929), der antikweiße Mercedes 300 SL oder die rot-weiße Isetta?

  • Typisch Frau, kann sich mal wieder nicht entscheiden ;-) Gab es noch mehr Seefahrzeugen als dieses Kelly Family Boot (vermutlich verwanzt)? Falls nicht, nehme ich das U-Boot. Schönen Gruß auch an „Bernward“ nach Bonn.

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