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Bis zur Sonne muss ich nicht


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Zu einem Bekannten, der in seiner Freizeit gerne mit Ultraleichtflugzeugen durch die Lüfte schwebt, hatte die reisekorrespondentin einmal leichthin gesagt: „Irgendwann fliege ich mit, wenn ich darf.“ Und irgendwann war irgendwann dann plötzlich da. Schauplatz der Premiere: der Himmel über Rheinhessen.

Ikarus hätte wahrscheinlich keine Sekunde gefackelt, mit dem Ultraleichtflugzeug, das wir gerade auf dem Flugplatz bei Langenlonsheim aus dem Hangar gezogen haben, nach irgendwohin durchzustarten. Schließlich trägt es nicht nur den Namen der griechischen Sagengestalt auf der Heckflosse, sondern wirkt auch ein wenig robuster als die Feder-Wachs-Konstruktion aus den frühen Anfängen der Vision, Menschen könnten wie Vögel durch die Lüfte segeln. Laut dem Mythos fabrizierte Ikarus mit den Schwingen, die sein ingeniöser Vater Dädalus nach dem Vorbild der Tiere modelliert hatte, einen Absturz mit Todesfolge. Das Fluggefühl euphorisierte ihn dermaßen, dass er das Briefing des Vaters missachtete: Nicht zu tief und nicht zu hoch fliegen, hatte der gewarnt. Das Kunstflügelgestänge würde weder die Feuchte des Meeres noch die Hitze der Sonne aushalten. Ikarus flatterte jedoch immer weiter in Richtung Feuerball.

Nun gibt es zwischen Ikarus und mir gewisse Unterschiede. Er tendierte zum Übermut und zur Abenteuerlust. Ich tendiere auch zur Abenteuerlust, allerdings gepaart mit einiger Vorsicht und Mimosenhaftigkeit. Ikarus befand sich in einer Notlage, genauer gesagt in Gefangenschaft auf der Insel Kreta, alle Seewege waren abgeriegelt, einzige Fluchtoption: Fliegen. Ich befinde mich zum reinen Freizeitvergnügen auf dem Gelände des Aero-Clubs Rhein-Nahe irgendwo zwischen Bingen und Bad Kreuznach und bin mir überhaupt nicht mehr sicher, ob das alles so eine gute Entscheidung war. Seit einer temporären Faszination für die federlosen Riesenvögel in Kindertagen bedeutet Fliegen für mich nichts anderes als ein notwendiges Übel, um ans Ziel zu gelangen. Die Kontrollen beim Ein- und Aussteigen finde ich nervenaufreibend, die Kontrollabgabe über den Wolken an den Flugkapitän sowieso. Als Mensch von der Ostsee verabscheue ich die Sardinenbüchsenenge an Bord und die trockene Luft, die immer entweder eisig wie am Polarkreis oder stickig wie in einer versmogten Großstadt ist.

Dass ich trotzdem hier stehe, hängt mit einem Bekannten zusammen, der sich für Ultraleichtfliegen begeistert. Die schillernden Erzählungen hatten mich zu der Behauptung verleitet, das auch mal ausprobieren zu wollen. Irgendwann. Bis gestern Abend hatte ich das fast vergessen. Aber da kam eine SMS: „Hast du Lust zu fliegen?“ Wann und wo? Morgen Nachmittag von Langenlonsheim nach Idar-Oberstein. Oha. Hatte ich nicht bereits irgendetwas anderes vor? An diesem Juli-Wochenende lockt in meiner Stadt so viel Pläsir, dass man sich kaum entscheiden kann – Theater, Filme, Musik, Essen, Trinken, alles unter freiem Himmel. Warum also in denselben entschweben? Andererseits … vielleicht gerade deswegen. Neugier und Muffensausen führen einen kurzen Ringkampf: Okay, ich bin dabei.

So mache ich mich nun mit dem Fluggerät vertraut. Die Musterung ergibt: Das Ultraleichtflugzeug vom Typ C42B kommt ohne großen Schnickschnack aus, was als Pluspunkt gelten kann – wo nicht viel ist, kann auch nicht viel kaputtgehen. Bedenklich finde ich, dass es trotz des Gewichts von 280 Kilogramm so filigran wie eine Modellbausatzminiatur aussieht. Dass sich der Hersteller auf den Namen „Ikarus“ verlegt hat, interpretiere ich jetzt mal so: Man soll damit keine Bruchlandungen assoziieren, sondern authentische, archaische Fluggefühle und womöglich auch Heldentum.

Ernsthaft beunruhigend sind die Platzverhältnisse. Normalerweise sitze ich wegen meiner Neigung zur Klaustrophobie immer am Gang und marschiere dort zum Missfallen des Kabinenpersonals gerne auf und ab. In dem Ultraleichtflugzeug gibt es nur zwei Fensterplätze auf einer Kubikmeterzahl, die allenfalls der einer Airbustoilette in der Economy Class entsprechen dürfte. Herumturnen ist definitv nicht angebracht und hätte schlimmstenfalls zur Folge, dass man gegen den roten Griff an der Decke kommt, was nur im Notfall geschehen sollte, weil dann ein Fallschirm aufpoppt.

Langenlonsheim_Ikarus
Das Ultraleichtflugzeug vom Typ Ikarus C42B …
Langenlonsheim_Ultraleicht_Flieger
… wirkt ungefähr so filigran wie eine Modellbausatzminiatur.

Mein Bekannter hat derweil den Tank aufgefüllt, Fassungsvermögen 50 Liter. Wie weit würde man damit kommen? Je nach Wetterlage und Geschwindigkeit 400 bis 500 Kilometer. An diesem schwülen Samstagnachmittag regt sich kein Lüftchen. Die Windhose am Turm des Vereinsheims hängt schlaff vom Mast wie eine ausgediente Ringelsocke. Geschlossene, graue Wolkendecke, nur ganz hinten am Horizont ein schmales blaues Band. Nicht gerade attraktive Bedingungen zum Genießen der Vogelperspektive, aber perfekt für eine Ultraleichtflugdebütantin wie mich, die nicht einschätzen kann, wie es bei Turbulenzen in der zierlichen Maschine um ihre Magenstabilität bestellt sein mag und nun ruhige Flugbedingungen erwarten kann. Zwar bin ich schon wirklich viel durch die Weltgeschichte geflogen, mein CO2-Fußabdruck hat längst Goliath-Schuhgröße erreicht. Doch nur ein einziges Mal habe ich in einem kleinen Flugzeug gesessen, einer Cessna in Namibia. Und die war immer noch fast doppelt so groß wie das Ultraleichtmodell C42B.

Im Flugzeug-Tower des Clubs melden wir unseren Flug an. Auf der Terrasse sitzen Fluglehrer mit ihren Schülern zusammen. Für die Lizenz zum Ultraleichtfliegen müssen sie 30 Flugstunden und 150 Landungen absolvieren und sich einen ganzen Batzen Spezialwissen aneignen – zu Luftrecht, Meteorologie, Flugfunk, Navigation und Technik. Das Stärkungsangebot im Aufenthaltsraum, Schokoladentorte und Streuselkuchen, selbstgebacken von Mitgliedern, lehne ich dankend ab. Lieber nicht, also jetzt nicht. Später gerne. Appetit und Adrenalin schließen sich bei mir aus. Und dann rollen wir auf die 450 Meter lange Graspiste hinaus. Anschnallen, Headset aufsetzen, letzte Instruktionen, Armaturen-Check und los.

Langenlonsheim_Flugplatz_Windhose
Perfekte Windverhältnisse für das erste Mal
Langenlonsheim_Start
Start auf der 450 Meter langen Graspiste in Langenlonsheim

Der Start ist kein Problem, aber kaum sind wir oben, breitet sich ein komisches Gefühl in meinem Bauch aus – etwa so, als würden sich Hummeln darin tummeln. Und irgendwie erinnert es auch an die Schwerelosigkeit in einer Schiffschaukel am Wendepunkt. Die Flugzeugnase tänzelt nervös herum, das Panorama aus Ortschaften, Flüssen und Wäldern schwankt bedenklich. Vielleicht sollte ich lieber zur Seite rausschauen? Schon viel besser. Ich versuche mich auf meine Atmung zu konzentrieren und auf das, was es zu sehen gibt: die Nahe, die sich in leichten Schleifen durch einen grüngelben Patchwork-Teppich aus hochsommerlichen Wiesen und Getreidefeldern legt. Hübsch, sehr hübsch.

In einem Bogen fliegen wir über den Rhein – Bingen diesseits, Rüdesheim jenseits, wie Architekturmodelle wirken die Orte aus der Höhe von etwas über 2.300 Fuß. Das wuchtige Niederwalddenkmal mit der Germania hat die Größe einer Schachfigur, die Seilbahn hinunter durch die Weinberge erinnert an eine Perlenkette. Rechtskurve über die Häuserklötzchen von Ingelheim, dann kommt wieder die Nahe in den Blick, der wir noch ein Stück folgen. Mein Flugkapitän späht nach links und rechts, wir kreuzen die Einflugschneise von Mainz-Finthen. Kurz darauf breiten sich unter uns die Wälder des Hunsrücks aus, dunkelgrün und buschig wie ein riesiges Mooskissen. Ich beginne mich zu entspannen und Vertrauen in die Technik und die Kompetenzen meines Bekannten zu fassen. Die Enge in unserem Minicockpit vergesse ich immer wieder, weil es so viel zu gucken gibt. Und die Luft, die durch zwei Öffnungen in den Fenstern hereinströmt, ist viel besser als in den großen Fliegern, nämlich frisch. Bis vor einigen Jahren orientierten sich die Ultraleichtflieger ausschließlich mit Karten und den Anzeigen auf den Armaturen, heute gibt es auch Flugprogramme für Tablets und Smartphones.

Das Display zeigt 134 km/h an, als wir ein Airtrike von Langenlonsheimer Fliegerkollegen überholen, mit denen wir über Funk kommunizieren können. Trikes sehen ein bisschen freakig aus. Man hängt in einer Art Dreirad unter einem Segel, das sich mit einem Bügel vor der Brust lenken lässt. Wir passieren Anhöhen mit Windparks, Treibhäuser und Steinbrüche, die selbst von hier oben gigantisch erscheinen. Dann wieder Weinberge, von denen mein Bekannter sagt, dass sie für Notlandungen nicht so komfortabel seien. Anfangs hätte ich derlei Kommentare nicht so gerne vernommen. Jetzt kann ich sie vertragen, genauso wie das Geradeausschauen auf das Propellerschwirren. Vom Sternzeichen bin ich Zwilling, der ebenso zum Element Luft zählt wie der Sanguiniker, als den man mich früher in der Waldorfschule nach der anthroposophischen Temperamentelehre klassifizierte und mich deshalb bevorzugt neben komplementären Melancholikern oder Phlegmatikern platzierte. Der Ikarus-Typ bin ich trotzdem nicht. Unsere Reisehöhe reicht mir vollkommen, bis zur Sonne muss ich nicht.

Und dann melden wir uns auch schon zur Landung in Idar-Oberstein an, mein Pilot murmelt irgendetwas von Delta, Mike und Hotel in sein Mikrofon – unsere Flugzeugkennung im Fliegeralphabet, wie ich lerne. Im Slip, was im Fliegerfachjargon einen Seitengleitflug meint, schwenken wir auf den Flugplatz ein, setzen sacht auf dem Grasfeld auf und rollen direkt vor die Gaststätte. In der Parallelwelt der Freizeitflieger sind Flugplätze funktional vergleichbar mit Autobahnraststätten. Man entspannt sich, schüttelt die Glieder aus, sucht die Toilette auf, isst, trinkt, tankt. Nur haben die Flugplätze schönere Ausblicke und eine familiärere Atmosphäre. Und in Idar-Oberstein kann sich auch das Speisenangebot sehen lassen. Die Leute sitzen vor Kirschnusskuchen, Forelle oder Holzfällerschnitzel. Manche chillen auch einfach nur in der Sonne. Flieger scheinen ein Faible für die Leichtigkeit des Seins zu haben, aber das legt ja schon ihr Hobby nahe.

Langenlonsheim_Nahe_Rhein
Die Flugzeugnase tänzelt, der Horizont schwankt, deshalb …
Langenlonsheim_Felder
… besser zur Seite rausschauen.
Langenlonsheim_Trike
Wir überholen ein Airtrike, …
Langenlonsheim_Hunsrueck
… fliegen über die dichten Wälder des Hunsrücks, …
Langenlonsheim_Steinbrueche
… passieren gigantische Steinbrüche und …
Langenlonsheim_Windpark
… Anhöhen mit Windparks.

Auf dem Rückflug wirft die Abendsonne ihre Strahlen wie ein Riesenscheinwerfer auf die rheinland-pfälzische Sommerlandschaft. Goldgelb leuchten jetzt die Felder, flaschengrün die Wälder. Wunderschön. Ich verspüre keine Euphorie wie Ikarus, aber Unbeschwertheit, Freude und Dankbarkeit, dass mich mein Bekannter zum Ultraleichtfliegen animiert hat. In Langenlonsheim legen wir eine Landung hin, die er scherzhaft als Känguru-Variante bezeichnet – eine perfekt getroffene Bodenwelle lässt die Maschine beim Aufsetzen sanft über die Piste schwingen. Es sei die Rekordhopserlandung seines Fliegerlebens gewesen, bekundet mein Pilot und scheint damit keine Glanzleistung zu meinen. Mir hat’s gefallen.

Langenlonsheim_Landung
Kurz vor der Kängurulandung in Langenlonsheim
Fotos: pa

Als die anderen Fliegerkollegen eingetrudelt sind, versammeln wir uns auf dem Campingplatz hinter den Hangars am Lagerfeuer. Und weil die Gesellschaft so nett ist, erträgt man irgendwie auch die flug- wie stechlustigen Mücken (am nächsten Morgen sehen meine Waden wie der Streuselkuchen im Clubhaus aus, nur röter). Beim Fliegen gilt die Null-Promille-Grenze, jetzt gibt es Bier und Southern Comfort. Im Schein der Flammen lausche ich der Fachsimpelei über „Gurkenschneider“ (ein durch Autorotation getragenes Fluggerät namens Gyrokopter), die Einstellwinkel von „Verstell-Props“ (Verstellpropeller) und tückische Wellenwolken an den Apenninen auf einer Reise nach Sardinien. Manche fliegen mit ihren kleinen Maschinen bis dorthin oder sogar noch weiter.

Später holt jemand mobile Boxen hervor und spielt Reinhard Meys „Über den Wolken“ an. „Alle Ängste, alle Sorgen, sagt man, / Blieben darunter verborgen und dann / Würde, was uns groß und wichtig erscheint, / Plötzlich nichtig und klein.“ „Ist das so?“, frage ich in die Runde. Die Antwort ist ein einhelliges, schwärmerisches „Jaaah“. Fliegen bedeute, für kurze Zeit dem Alltag zu entschweben. Da oben sehe man alles viel klarer.

18 Comments

  • Juiii … immer wieder toll wie dudich in neue Abenteuer/Themen wirfst und mitreissend und mit Infomehrwert für den Leser aufbereitest!! Ne Frage hätt ich noch. Warum nennen die das Gyroding nun Gurkenschneider?

  • Für Maximilian:
    Zu den gängigen Insiderbegriffen in der lokalen Fliegerszene kann ich beitragen, obwohl sie eigentlich wertfrei sind und eher eine Abgrenzung und Abfälligkeit gegenüber der jeweils anderen Sparte darstellen:
    „Gurkenschneider“ sind die Tragschrauber oder Gyrokopter, angetrieben von einem schiebenden Propeller hinten und getragen von einem frei drehenden großen Rotor oben, der mit seiner Rotationsenergie auch einen großen Kürbis locker teilen würde.
    „Paraglider oder Gleitschirmflieger“ fallen in die Kategorie der fliegenden „Teebeutel“. Auch hier ein Hilfsmittel und Begriff aus dem Reich der Nahrungszubereitung – warum auch immer.
    Dreiachser, wie die beschriebende und abgelichtete C42 nennt man (wie könnte es anders sein): „Joghurtbecher“. Wohl wegen der dünnen Plastikverkleidung.

    Wahrscheinlich stammen die seltsamen Wortkreationen von Piloten, die auch gerne kochen und frotzeln als immer nur fliegen – aber so ist die Welt nunmal (:-).

  • „Nur fliegen ist schöner“ heißt es im Volksmund. Oder deine wunderbaren Berichte lesen – weiter so. Mögen deinen literarischen Höhenflügen immer heile Landungen folgen ohne Verletzungen.

    • Stimmt. Ich habe eine neue Back-up-Kamera, mit der ich auf dem Flug in verschiedenen Modi experimentiert habe und am Ende nur eine brauchbare Serie mit dem graustichigen Drama-Modus beisammen hatte. Bleibt eine Ausnahme, that’s for sure!

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