Unterirdisch, oberirdisch, überirdisch: Das rheinhessische Städtchen Oppenheim begeistert auf allen Ebenen mit einmaligen Erlebnissen. Eine Erkundungstour voller Höhen und Tiefen.
Hansjürgen Bodderas hat für seine Gruppe die nächste Quizfrage parat. Er möchte wissen, an welcher Stelle in Oppenheim wir uns gerade befinden. Im Grunde wäre die Antwort darauf nicht sonderlich knifflig. Mit rund 7.500 Einwohnern ist das Städtchen am Oberrhein vergleichsweise übersichtlich. Malerisch bettet es sich zwischen Wiesen, Weinberge und den Fluss. Obendrein kann man sich in Oppenheim optimal an der Katharinenkirche orientieren. Das elegante Bauwerk thront mit seinen vier Türmen als weithin sichtbarer Blickfänger am oberen Ortsrand. Doch in diesem Moment hilft uns das alles nichts. Wir stehen mehrere Meter tief unter der Erde im Oppenheimer Kellerlabyrinth, einem mehr als 40 Kilometer langen Geflecht aus Gängen und Gewölben. Nach mehreren Abzweigungen und Abstiegen hat uns jedes Gefühl für Himmelsrichtungen verlassen. Unter dem Marktplatz, unter dem Gautor, unter der Bartholomäuskirche, rätseln die Teilnehmenden. Alles daneben. Bodderas klärt auf: „Dort hindurch“, sagt er und deutet auf eine Holzpforte, „gelangt man ins Café Klatsch in der Krämerstraße.“
Bereits seit 23 Jahren geleitet Bodderas Touristen und Touristinnen durch dieses einzigartige Kulturdenkmal. Anfangs habe er auch manchmal nicht genau gewusst, wie er wieder zurückfinden soll, berichtet Bodderas. Doch mittlerweile kennt er in den schummrig beleuchteten Tunneln und Kammern jede Treppenstufe mit Stolperpotenzial, jede Kalklinse, an der man sich den Kopf stoßen kann, jedes Loch in den Wänden und alle Schiefersteine, die man einst als Gefahrenmelder in die Gemäuer eingelassen hatte. Und Bodderas kann wahrscheinlich nahezu sämtliche Geschichten und Geschichtchen erzählen, die sich um das Oppenheimer Kellerlabyrinth ranken. Angesichts dieses geheimnisvoll bis gespenstisch wirkenden steinernen Irrgartens neigt die Fantasie sogleich dazu, sich Schauermärchen rund um Tod und Teufel auszumalen: Diente die unterirdische Konstruktion einmal als Kerker oder Gruft? Wurde sie vielleicht als Versteck oder Fluchtweg genutzt?
In Wirklichkeit ist der Grund für die Ausschachtungen ganz profan: Oppenheim hatte im Mittelalter ein handfestes Platzproblem. Die einstige Reichsstadt war im Besitz des Stapelrechts und konnte von allen durchreisenden Kaufleuten verlangen, ihre Waren in Oppenheim zu deponieren und feilzubieten. Und da sich die Stadt an einem Knotenpunkt bedeutender Fernhandelswege befand, liefen die Geschäfte hervorragend. Irgendwann wusste man nicht mehr, wohin mit dem Wein, dem Getreide, den Stoffen und all den anderen Gütern. Eine Expansion jenseits der Stadtmauern erschien sicherheitstechnisch nicht ratsam. Also begann man damit, sich Lagerflächen ins Erdinnere zu graben – immer weiter, immer tiefer, immer planloser. Einige Jahrhunderte später verfügte fast jedes der etwa 500 Grundstücke über einen Eingang zu den auf bis zu sieben Ebenen verlaufenden Kelleranlagen. Dank der geologischen Gegebenheiten waren für das ungezügelte Gebuddel keine großartigen bergmännischen Fachkenntnisse erforderlich. Der Untergrund von Oppenheim besteht aus einem feinkörnigen Löß-Kalk-Gemisch, das ähnliche Eigenschaften wie Lehm aufweist: recht weich einerseits, aber auch relativ standfest andererseits.
Die Führung durch die Oppenheimer Unterwelt beginnt an der Touristeninformation in der Merianstraße. Alle Teilnehmenden erhalten grüne Schutzhelme. Die größte Person wird zum Schlusslicht auserkoren und mit einem roten Helm ausgestattet. Sie soll dafür sorgen, dass niemand zurückbleibt. Ein paar Meter weiter unterhalb der Katharinenkirche schlüpfen wir durch ein unscheinbares Törchen in die als „Stadt unter der Stadt“ beworbene Attraktion. Wie kalt, wie eng und wie miefig würde es in dem Kellerkomplex werden? Diese Fragen hatte man sich als zum Frösteln und zu Klaustrophobie tendierendes Wesen mit sensiblem Geruchssinn im Vorfeld gestellt. Sollte man sich für den Abstieg vorsichtshalber selbst im Frühjahr noch in einen Wintermantel hüllen? Und was, wenn einen dort unten plötzlich Beklemmungen oder Übelkeit befallen?
In allen drei Angelegenheiten kann man sich entspannen. Ganz gleich, ob Oppenheim von Gluthitze oder Eiseskälte gepeinigt wird – unter Tage herrscht das ganze Jahr über ein prima Klima zum Aufbewahren von Lebensmitteln und anderen Sachen: um die 15 Grad mit angenehmer Luftfeuchtigkeit. Von einer kellertypischen Moderduftnote ist nichts zu bemerken, eher riecht es dezent nach Staub und Steinen. Als mittelgroßer Mensch braucht man sich in den Gängen nur selten zu ducken und schon gar nicht muss man irgendwo zum Krabbeln auf alle Viere gehen – zumindest nicht in jenem klitzekleinen Teil von einigen hundert Metern rund um das Rathaus, der für Besichtigungen freigegeben ist. Die wahren Ausmaße der Kelleranlagen sind trotz umfassender Analysen bis heute ungewiss. Mehr als 15 Millionen Euro haben die Forschungs- und Sanierungsarbeiten schon verschlungen und ein Ende ist nicht in Sicht. „Das können wir mit unseren Führungen niemals wieder reinholen“, scherzt Bodderas.
Zwischen der chaotischen Entstehung des mittelalterlichen Warenlagers und dessen Umgestaltung in einen kulturellen Erlebnisraum Ende des 20. Jahrhunderts ereignete sich in Oppenheim so einiges. Die Stadt wurde im Laufe der Jahrhunderte dutzendfach angegriffen, okkupiert und verwüstet, mal vom Mainzer Erzbischof Adalbert von Saarbrücken, mal von den Franzosen, mal von den Spaniern, mal von den Schweden, dann wieder von den Franzosen. In solchen Notzeiten bewährte sich das unterirdische Gängesystem für die Oppenheimer Einwohner nicht nur als Vorratskammer, sondern auch als Zufluchtsort und Fluchtweg. Im Pfälzischen Erbfolgekrieg wurde Oppenheim am 31. Mai 1689 von französischen Truppen unter General Mélac mit gnadenloser Gründlichkeit in Schutt und Asche gelegt. An die turmbewehrte Stadtbefestigung mit ihren ehemals sechs Toren erinnern heute lediglich noch das Gautor und eher mickrige Mauerreste.
Das Kellerlabyrinth hat alle diese Attacken unbeschadet überstanden. Doch dann ereilte die Gewölbe ein unter Speicherräumen überaus verbreitetes Schicksal: Sie verwandelten sich in Rumpelkammern und Müllhalden. Allmählich gerieten die vollgestopften Keller in Vergessenheit – mit fatalen Folgen für die Stabilität des Stadtkerns. Fehlende Belüftung und eindringendes Wasser ließen die Mauern über die Jahre marode werden.
Im November 1986 passiert schließlich das, was irgendwann passieren musste: Es kommt zum ersten Erdeinbruch. Die Details der Umstände klingen fast zu sehr nach einem Touristenmärchen, um wahr zu sein. Mitten in der Nacht vernimmt eine Frau in der Pilgersberggasse verdächtige Geräusche und alarmiert die Polizei. Während die Ordnungshüter nach Einbrechern fahnden, tut sich plötzlich das Pflaster auf und verschluckt den Streifenwagen. Gleich am Anfang der Führung durch das Oppenheimer Kellerlabyrinth illustrieren Fotos dieses filmreife Ereignis. Verwirrt wirkende Polizisten und Anwohner stehen um das eingebrochene Fahrzeug herum.
Wenige Jahre später starten die kostspieligen Instandsetzungsmaßnahmen. Abmauerungen werden geöffnet, um dahinter liegende Hohlräume zu inspizieren, Schotter wird verfüllt und Leichtbeton eingespritzt, Abstützungen durch Backsteinpfeiler werden errichtet und an besonders kritischen Stellen Stahlbetonplatten eingearbeitet. Denn manche Keller befinden sich gerade einmal einen Meter unter den Straßen. Nach den Zerstörungen hatte man sich beim Wiederaufbau der Stadt nicht an den ursprünglichen Fundamenten orientiert, sondern die neuen Gebäude vielerorts versetzt zu den alten errichtet. Um das Risiko weiterer Tagesbrüche zu reduzieren, dürfen größere Lastwagen darum nur mit Ausnahmegenehmigung in die Oppenheimer Altstadt.
Auf unserer Besichtigungstour durch das Kellerlabyrinth sind wir nun am tiefsten Punkt angelangt. „Was glauben Sie: Wie weit unter der Erde sind wir hier?“, fragt Bodderas in die Runde. Die Teilnehmenden liegen mit ihren Schätzungen teils knapp, teils komplett daneben. Richtig ist: ungefähr neun Meter. Ein paar Abbiegungen, Anekdoten und Rätselaufgaben später tauchen wir aus dieser Unterwelt durch den Ausgang unterhalb der Touristeninformation wieder ans Tageslicht auf.





Nicht einmal fünf Minuten sind es von hier bis zur mit Abstand herausragendsten oberirdischen Sehenswürdigkeit von Oppenheim: der Katharinenkirche. Der Sakralbau aus Sandstein wird als schönstes gotisches Gotteshaus am Rhein zwischen Straßburg und Köln gepriesen und schmückt die Ortschaft wie eine rostrote Riesenkrone. Mit ihren vollkommen überdimensioniert anmutenden Ausmaßen und der reichen Ausstattung erinnert die in mehreren Etappen zwischen dem 13. und 15. Jahrhundert errichtete Katharinenkirche daran, dass Oppenheim im Mittelalter wirtschaftlich exzellent dastand. An der mit kunstvollen Fenstern verzierten Südfassade schweift der Blick hinauf zu den Türmen, die sich im frühlingsfrischen Blau des Himmels verlieren. Den knapp 64 Meter hohen Vierungsturm kann man über eine Wendeltreppe bis zu einer Plattform erklimmen. Über die Dächer der Stadt und weit in die oberrheinische Tiefebene reicht die Sicht von dort oben. Mindestens ebenso märchenhaft ist in der Katharinenkirche die Besichtigung des Westchors, wenn Sonnenstrahlen durch die aus mehreren Jahrhunderten stammenden Glasfenster fallen und bunte Lichter auf den Steinboden malen.







Möchte man sich einen unvergesslichen Schaudermoment ersparen, dann sollte man sich nun am besten geradewegs zum Ausgang des Kirchenareals begeben. Andernfalls kann man noch durch den mit biblischen Pflanzen und alten Rosensorten bestandenen Kirchgarten promenieren und einen Halt an der Michaelskapelle riskieren. Im Untergeschoss des zweistöckigen spätgotischen Gewölbes türmen sich Schädel und Gebeine von rund 20.000 Skeletten aus dem Spätmittelalter und der frühen Neuzeit – kein anderes Beinhaus nördlich der Alpen kann diese Knochenberge mengenmäßig überbieten. Im frühen 15. Jahrhundert sorgten Kriege, Seuchen und Hungersnöte für Engpässe auf den Friedhöfen. Aus diesem Grund war den Verstorbenen nur eine begrenzte Ruhezeit von zehn bis fünfzehn Jahren in den Gräbern vergönnt, danach bettete man ihre Gebeine in die Friedhofskapelle um. Mittendrin in den elfenbeinfarbenen Skelettstapeln schimmert ein vergoldeter Totenkopf – kein sterblicher Überrest eines schwedischen Königs, wie manche Quellen behaupten, sondern schlicht ein zurückgelassenes Requisit von Dreharbeiten, die Studierende vor einigen Jahren hier durchführten. Wenige Meter links neben der Kapelle befindet sich etwas versteckt der Einschlupf zu einem Lapidarium mit Fragmenten der Katharinenkirche, darunter Wasserspeier, Schlusssteine und andere baugeschichtlich relevante Gesteinsbrocken.
Wenn man von dem Kirchplateau noch eine Ebene höher in die Weinberge steigt, bietet sich abermals reichlich von dem reizenden Land-Fluss-Panorama. Auf dem von Mainz bis nach Worms verlaufenden Rheinterrassenweg könnte man jetzt entweder in nördliche Richtung nach Nierstein oder gen Süden nach Dienheim flanieren und sich unterwegs an etlichen umwerfenden Ausblicken erfreuen. Doch der Gedanke an einen anderen Genuss zieht mit aller Macht zurück in die Oppenheimer Altstadt. In einer Gasse nicht weit vom Marktplatz entfernt hält das Altstadtcafé überirdisch köstliche Kuchen, Torten und Pralinen bereit.
Auf dem Weg dorthin empfiehlt sich ein Stopp an der Burg Landskron. Das Gemäuer aus dem 13. Jahrhundert hat ein bewegtes Dasein mit allen burgentypischen Turbulenzen hinter sich gebracht, von glanzvollen Zeiten als Schloss über das schmähliche Ende als Steinbruch bis zu jüngsten Wiederbelebungsmaßnahmen der Ruine als Freiluftbühne, dazwischen diverse Aufbau- und Umbauarbeiten im Zuge von Bränden, Pfändungen, Zerstörungen und Besitzerwechseln.







Wer zu der seltenen Art von Menschen zählt, die Bildung vor Backwerk favorisieren, der kann sich nun noch im Stadtmuseum an der Touristeninformation und im Deutschen Weinbaumuseum in der Wormser Straße mit geistiger Nahrung versorgen. Für die Kuchen-vor-Kultur-Fraktion führt die Route hingegen direkt über den Marktplatz ins Altstadtcafé in der Mainzer Straße. Unterwegs sollte man jedoch wenigstens dem Rathaus von 1621 mit seinem doppelten Staffelgiebel, der aus einem Franziskanerkloster aus dem 13. Jahrhundert hervorgegangenen katholischen Pfarrkirche St. Bartholomäus und den adretten Fachwerkfassaden der Bürgerhäuser und Weingüter kurz seine Aufmerksamkeit schenken.
Zu sehr ablenken lassen sollte man sich davon wiederum nicht. Ansonsten ist man an dem Ziel aller Schleckermäulerträume schnell vorbeigelaufen. Denn so ungekünstelt wie der Name des Altstadtcafés ist, so bescheiden präsentiert sich die kleine Konditorei auch optisch. Angesichts des zwischen Beige- und Brauntönen changierenden Interieurs möchte man meinen, dass der Familienbetrieb seit der Eröffnung 1968 auf jedwedes Umstyling selbstbewusst verzichtet hat und sich stattdessen immerfort kompromisslos auf seine Kernkompetenz konzentrierte: das Anfertigen der cremigsten, fruchtigsten und saftigsten Kuchen und Torten weit und breit. Nichts wirkt dem aktuellen Oma-Café-Trend gehorchend auf retro getrimmt, alles scheint ganz natürlich in die Jahre gekommen zu sein. Ja, man kann sagen, dass dieser Ort die Unaufgeregtheit in Reinform ist und mit seiner liebenswürdigen Gestrigkeit ungemein viel Behaglichkeit verströmt.
Dass sich die Backwaren in den Kühltheken vor diesem dezenten Hintergrund umso fürstlicher und verführerischer ausnehmen, steht darum gewiss nicht im Zusammenhang mit einer subtilen Marketingstrategie, sondern mit einer sympathischen Resistenz der Cafébetreiber gegenüber irgendwelchen Moden und bedauernswerten Zwängen zur Neuerfindung. Von klassisch bis saisonal reicht das Altstadtcafé-Sortiment, im Frühjahr und Sommer mit der Tendenz zum Obstigen und Fluffigen, im Herbst und Winter zum Schokoladigen, Marzipanigen und Nussigen, dazu ganzjährige Konstanten wie Schwarzwälder Kirschtorte, Sachertorte und Bienenstich. Dass die unfassbar leckeren Kreationen in ausnehmend großzügigen Stücken auf den Teller kommen und zwar zu Preisen, die gleichfalls aus vergangenen Zeiten zu stammen scheinen, sei auch noch erwähnt.
Voller Dankbarkeit nimmt man deshalb die Schilder mit den Sprüchen zur Kenntnis, die um diese ungeheuerliche Versuchung herum an den Wänden hängen und zum zügellosen Schlemmen jenseits aller Kalorienkalkulationen anspornen. „Eine ausgewogene Diät ist ein Kuchen in jeder Hand“, ist dort zu lesen. Und eine andere Ernährungsweisheit wirbt mit einem Anti-Aging-Effekt für den unbekümmerten Verzehr von Gebäck: „Kuchen macht nicht dick, er zieht nur die Falten glatt!“ Bei der unverschämt üppigen Auswahl glaubt man diese Behauptungen nur zu gerne und gönnt sich noch einen Nuss-Sahne-Torte-Nachschlag.
Ein Kommentar
Danke für den schönen Bericht, klingt nach viel Erlebnis auf kleinem Raum un dmacht Lust auf einen Rundgang. Nierstein ist m. E. auch einen Besuch wert, zum Weintrinken v.a.