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Im Bann der provenzalischen Dorfschönheiten


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Im Süden Frankreichs dürfen sich etliche Orte mit dem touristenträchtigen Titel „Les Plus Beaux Villages de France“ schmücken. Wer dort hinreist, geht ein Risiko ein: Die gekrönten Gemeinden können süchtig machen. Hat man sich von der Bilderbuchhaftigkeit erst einmal verzaubern lassen, will man immer mehr davon haben.

Die Straßenschilder sind kleine Störfaktoren. Auch die Frau, die im knappen Kostüm statt in wallenden Gewändern über die Straße spaziert, passt nicht recht ins Bild. Zudem erinnern einige Autos daran, dass längst das 21. Jahrhundert dahinrast. Alles in allem muss man an diesem Hochsommertag in Venasque aber nicht viel Fantasie aufwenden, um die Zeichen der Gegenwart auszublenden und sich vollends der Illusion vom Zeitsprung ins Mittelalter hinzugeben. Derart wohlerhalten präsentiert sich das südfranzösische Örtchen mit seinem harmonischen Gefüge aus Festungsmauern, Türmen, Kopfsteinpflastergassen, Terrassen und brunnengeschmückten Plätzen, dass man ohne große Vorbereitungen mit den Dreharbeiten für einen Historienfilm beginnen könnte. Inhaltlich würde sich eine Epoche aus der langen Geschichte von Venasque anbieten. Man könnte zum Beispiel das 5. Jahrhundert beleuchten, als sich die Bischöfe von Carpentras in dem auf einem steilen Felssporn gelegenen Dorf vor den Sarazenen verschanzten. Man könnte sich mit dem 8. Jahrhundert befassen, als die Grafen von Toulouse die Herrschaft in der Region Vaucluse übernahmen. Man könnte das 13. Jahrhundert inszenieren, als die Albigenserkreuzzüge mordend durch Südfrankreich tobten. Man könnte die Hugenottenkriege im 16. Jahrhundert thematisieren oder auch die jüngere Vergangenheit ab dem 18. Jahrhundert, als es in Venasque zusehends ruhiger wurde. Mitte des 20. Jahrhunderts zählte die Gemeinde nur noch 371 Einwohner.

An diesem glutheißen Mittag im Juli wirkt Venasque durch und durch verschlafen – geradewegs so, als ob auch noch die letzten Menschen ihre Behausungen verlassen hätten. Es herrscht jener Siestastillstand, wie er für die heißen Gefilde Frankreichs charakteristisch ist, ­mit verrammelten Fensterläden und Ladentüren, als würde in den Gemäuern niemals wieder Leben einkehren. Nur das Ratschen der Zikaden zerschneidet die fast schon heilig anmutende Stille. Parkflächen am Ortsrand deuten jedoch darauf hin, dass dieser Geisterdorfzustand eher temporär ist. Und alles andere wäre auch überaus verwunderlich. Denn Venasque darf sich mit dem Titel „Les Plus Beaux Villages de France“ schmücken – eine kulturtouristische Auszeichnung für die allerschönsten unter den schönen Dörfern Frankreichs, mit der sich blendend um Besucher werben lässt.

Doch was meint denn das eigentlich: Schönheit. Beruht die Wahrnehmung, ob etwas schön oder abstoßend ist, nicht auf einem hochgradig subjektiven ästhetischen Empfinden, das sich über Variablen wie Zeitgeist, Kulturkreis und einem durch individuelle Erfahrungen geprägten Geschmack konfiguriert? Liegt Schönheit darum nicht, wie schon der Geschichtsschreiber Thukydides im antiken Griechenland befand, einzig und allein im Auge des Betrachters? Christian Morgenstern meinte, dass im Grunde alles schön sei, sofern man es nur mit genügend Liebe betrachte. Daraus schlussfolgert der Dichter, dass man es selbst in der Hand habe, die Schönheit der Welt zu maximieren: „Je mehr jemand die Welt liebt, desto schöner wird er sie finden.“ Oder verhält es sich etwa genau anders herum – nämlich so, dass Schönheit vollkommen unabhängig davon existiert, wer sie wahrnimmt beziehungsweise ob sie überhaupt wahrgenommen wird?

Und einmal abgesehen von diesem unentwegten Spannungsverhältnis philosophischer Anschauungen zwischen Subjektivismus und Objektivismus: Was macht wahre Schönheit wirklich aus? Kommt sie von innen, wie der vielzitierte Spruch eines freien Autors namens Karl Feldkamp besagt? Georg Wilhelm Friedrich Hegel hätte sicherlich zugestimmt, stammt doch dieser Aphorismus von ihm: „Das Schöne ist wesentlich das Geistige, das sich sinnlich äußert.“ Für den österreichischen Dramatiker Franz Grillparzer bedeutete Schönheit die „vollkommene Übereinstimmung des Sinnlichen mit dem Geistigen“. Euripides vertrat gleichfalls den Standpunkt, dass eine schöne Hülle ohne ein Leuchten von innen wertlos ist. Die Empfehlung des griechischen Tragödiendichters lautete, dass man auf den Geist schauen solle, denn was nütze ein schöner Körper, wenn darin keine schöne Seele wohne. Der schwedische Schriftsteller August Strindberg war der Auffassung, dass echte Schönheit erst in Kombination mit Güte existiert, „denn es sind nicht die Züge allein, sondern es ist der Ausdruck, der den Zügen ihren übernatürlichen Reiz gibt“. Für die Stilikone Coco Chanel musste sich zur Schönheit auch Persönlichkeit gesellen, um nachhaltig zu sein: „Schönheit reicht, um ins Auge zu fallen. Aber man benötigt Charakter, um im Gedächtnis zu bleiben.“ Albrecht Dürer, der als einer der größten Ästhetikexperten aller Zeiten gelten kann und seine Aufgabe darin sah, absolute Schönheit zu schaffen, hält sich mit einer Definition von Schönheit dagegen gänzlich zurück.  Der Superstarkünstler verweist diesbezüglich kurz und knapp auf eine höhere Instanz: „Was die Schönheit ist, weiß nur Gott.“

Nach diesem eher Konfusion als Klarheit stiftenden Slalom durch das immense Spektrum an Weisheitssprüchen zum Stichwort Schönheit kann man zuletzt noch den Versuch unternehmen, den Begriff über sein semantisches Umfeld einzukreisen. Doch leider hilft das auch nicht weiter. Anmut, Attraktivität, Eleganz, Grazie, Liebreiz – alle diese Wortverwandten sind ebenso relativ wie Schönheit.

Wie kann es dem Verband der Plus Beaux Villages de France angesichts dieser evidenten Schwammigkeit also gelingen, Schönheit zu konkretisieren und zwischen schönen und schönsten Orten zu trennen? Mit akribischer Selektion auf der Grundlage eines umfangreichen Kriterienkatalogs, der sich aus drei Kernkriterien und 27 Subkriterien zusammensetzt. Um in den Kreis der Dorfschönheiten aufgenommen zu werden, müssen folgende Anforderungen zwingend erfüllt sein: Die Dorfbewohner stehen mehrheitlich hinter der Bewerbung um die Mitgliedschaft, die Ortschaft zählt nicht mehr als 2000 Einwohner und verfügt über mindestens zwei denkmalgeschützte Bauwerke. Daneben spielen für die Auswahl solche Kategorien wie Architektur, Erbe, Umwelt, ästhetische Verbesserungen, Bemühungen zur Regulation der Besucherströme und Zukunftspläne eine Rolle. So sollen sich die Orte weder zu vergnügungsparkartigen Halligallihochburgen noch zu museal erstarrten Anlagen entwickeln und natürlich auch keinesfalls verlottert anmuten – eine Gratwanderung, die allerdings nicht abzuschrecken scheint. Wohl weil mit dem Prädikat „Les Plus Beaux Villages de France“ die Erwartung einhergeht, dass der Fremdenverkehr prächtig floriert, ist es überaus begehrt.

Etwa zehn Dörfer bewerben sich jedes Jahr um den Titel, doch nur knapp 20 Prozent der Anwärter sind auch erfolgreich. Zur Qualitätssicherung rücken Experten in die Ortschaften an – und zwar nicht nur zwecks Inspektion für eine Aufnahme, sondern auch für kontinuierliche Kontrollen alle sechs Jahre. Denn die Mitgliedschaft ist keineswegs für die Ewigkeit.  Wer gegen die Vorschriften verstößt, fliegt wieder raus. Zweimal jährlich tritt die Qualitätskommission zusammen und entscheidet über die Ein- oder auch Herabstufung der Dörfer. Wenn die Dorfschönheiten beispielsweise auf Biegen und Brechen um eine juvenile Ausstrahlung ringen, riskieren sie Punktabzüge. Sie sollten sich kein Facelifting mit farbenfrohen Fassaden verpassen, nicht mit einem grellen Amüsierangebot von ihren Altersanzeichen ablenken, nicht an ihrer Figur durch Begradigungen von Gassen, Plätzen oder Wasserläufen herumlaborieren und ihren Gästen auch besser nicht statt lokaler Spezialitäten von alteingesessenen Handwerksbetrieben und Traditionswirtshäusern den immer gleichen Konsumeinheitsbrei internationaler Konzerne servieren – sprich, sie sollten keinen fragwürdigen Schönheitsidealen nachjagen, an denen der Blick gelangweilt abperlen muss.

Pluspunkte können die Orte im Umkehrschluss sammeln, wenn sie ihr Antlitz möglichst unsichtbar restaurieren und dezent dekorieren – mit Pastelltönen, Natursteinen, gusseisernen Schnörkelschildern, Weinranken, Blumenkübeln. Die Dörfer dürfen allerdings gerne auch ein paar Ecken und Kanten haben, über die Jahrhunderte hier und da etwas krumm und schief geworden sein – eben jene Spuren besitzen, die auf eine lange und ereignisreiche Geschichte verweisen. Nur eines sollten die Ortschaften tunlichst vermeiden, um nicht das Einwohnerlimit zu überschreiten: mit dem Alter in die Breite zu gehen. Laut dem Verein ist das Auswahlverfahren zwar äußerst streng, für die Glaubwürdigkeit der Marke aber unbedingt notwendig. Kostenlos ist der ganze Aufwand freilich nicht: Je nach Größe des Dorfes variiert der jährliche Mitgliedsbeitrag zwischen 1.200 und 4.800 Euro.

Die Idee für das Signet hatte Charles Ceyrac, Bürgermeister von Collonges-la-Rouge in der Region Nouvelle-Aquitaine am westlichen Rande des Zentralmassivs. Das 486-Seelen-Örtchen mit seinen mittelalterlichen Bauwerken aus rotem Sandstein überwölbt von Schieferdächern ist eine Bilderbuchschönheit wie es bilderbuchhafter kaum geht. Ceyrac wollte mit seiner Initiative bewirken, dass die Schönheit und Vielfalt des ländlichen Frankeichs bewahrt bleibt. Planvoll und behutsam sollte der Tourismus in kleinen Kommunen mit reichem historischem Erbe gefördert werden. Dafür entwickelte der Verband eine Strategie, die auf drei Säulen basiert: Qualität, Bekanntheit und Entwicklung. Schon im Gründungsjahr 1982 schlossen sich dem Netzwerk 66 Gemeinden an. Heute dürfen sich zwischen Picardie und Provence landesweit 162 Orte als schönste Dörfer Frankreichs etikettieren.

Keine Voraussetzung für die Krönung zur Dorfschönheit, aber charakteristisch für die sieben prämierten Gemeinden im Vaucluse ist die Lage auf einem Berg oder zumindest auf einem Hügel. Venasque sticht in dieser Hinsicht besonders heraus. Das mauern- und turmbewehrte Dorf thront auf einem Plateau, dessen Felswände zu drei Seiten teilweise fast senkrecht ins Tal abfallen. Für die Bischöfe war dieser Standort strategisch außerordentlich günstig, um sich ungebetene Gäste vom Leib zu halten. Auch heute noch ist die Anfahrt nach Venasque über enge Serpentinen etwas unbequem. Hat man es dann aber nach oben geschafft, ist die Belohnung sagenhaft. Von der Esplanade vor der Festungsmauer eröffnet sich ein Panoramablick über Wälder, Weinberge, Kirschbäume und Lavendelfelder bis zur gezackten Silhouette der Gebirgskette Dentelles de Montmirail und zum Mont Ventoux, dessen 1912 Meter hoher kahler Kalksteingipfel das ganze Jahr über schneeweiß schimmert.

Wenn man sich ausgerechnet zur heißesten Zeit des Tages in den Gassen von Venasque aufhält und nicht, was deutlich raisonabler erscheint, in einem klimatisierten Ferienapartment, im Vollschatten eines Restaurants oder in einem kühlen Wasserbassin, dann hat das immerhin einen wesentlichen Vorteil: Man hat die Dorfschönheit selbst in der Hochsaison beinahe für sich allein und kann sich in aller Ruhe ihrer Anbetung hingeben. Entdeckt man Venasque von außen nach innen, dann kann man zunächst die gut erhaltene Dorfbefestigung aus wuchtigen Mauern und drei Türmen bestaunen. Alles stammt aus römischer Zeit, womit Venasque bereits das vorgeschriebene Soll an historischer Bausubstanz erfüllt. Taucht man anschließend in die mittelalterlichen Gassen ein, durch die sich stellenweise nicht einmal Kleinstwagen zwängen können, gelangt man alsbald zum minikleinen, brunnenbestandenen Dorfplatz. Von dort sind es wiederum nur ein paar Schritte bis zur Kirche Notre-Dame. Zu den Kostbarkeiten des mehrfach umgestalteten Gotteshauses gehören ein geschnitzter Altaraufsatz aus dem 17. Jahrhundert, ein Kreuzigungsgemälde aus der Schule von Avignon aus dem Jahr 1498 und ein Baptisterium, das lange Zeit als eines der ältesten vorromanischen Kirchenbauten Frankreichs galt. Inzwischen ist die Datierung des Bauwerks ebenso umstritten wie dessen Funktion als Taufkapelle. Eher handelt es sich dabei wohl um eine Grabkapelle. Pausiert man in der angenehm kühlen Kirche und lässt die Atmosphäre auf sich wirken, dann möchte man der Phrase, dass Mauern Geschichte atmen können, vollumfänglich zustimmen. Augenblicklich fühlt man sich in dem schummrigen Gewölbe aus der Gegenwart ins Mittelalter gebeamt. Blinzelt man draußen in den Sonnenschein, kann man diese Vorstellung relativ problemlos noch eine Weile aufrechterhalten. Keine Touristen, die mit ihren Handys hemmungslos herumknipsen, und keine Neonreklame nirgends, die auf die Jetztzeit verweist. Die Läden und Lokale, von denen es im alten Ortskern von Venasque nur wenige gibt, sind zum Teil derart unsichtbar in die Gemäuer integriert, dass man fast daran vorbeispaziert.

Wäre man ein Qualitätsmanager des Dorfschönheitenvereins, dann müsste man sich im Fall von Venasque schon einigermaßen anstrengen, um einen Grund zum Herummäkeln aufzustöbern. Vielmehr würde man die Gemeinde gerne zu einem Mitglied mit Vorbildfunktion ernennen. Denn Venasque hat sich ganz im Sinne der Vorgaben hergerichtet – nicht zu wenig, aber eben auch nicht zu viel. In dem von honiggelbem Naturstein dominierten Erscheinungsbild setzen Oleander, grüne Wandteppiche aus wildem Wein und bunte Fensterläden wohldosierte Farbakzente. Alles wirkt gepflegt, aber keineswegs aggressiv aufgetakelt oder bis zur Künstlichkeit glattgebügelt. Mit seinen derzeit etwa 1.000 Einwohnern passt das Dorf größenmäßig perfekt ins Raster, und im Hinblick auf Besucher- und Verkehrsleitung kann man ebenfalls nichts beanstanden. Man muss sich auch ganz bestimmt nicht darüber streiten, ob Venasque das gewisse Etwas hat, das einem anmutigen Äußeren eine betörende Aura verleiht, nenne man es nun Charakter, Würde, Geist oder Güte. Venasque hat es zweifellos. Vielleicht lässt es sich am ehesten als eine Art Erhabenheit beschreiben. Das Bergdorf scheint fest in sich zu ruhen und zugleich über den Dingen zu schweben. Wenn ein Sonnentag zu Ende geht und das provenzalische Abendlicht alles golden glasiert, legt Venasque sogar noch eine Schippe Schönheit obendrauf. Und die phänomenale Aussicht von der Ortschaft über den Luberon mit seinen zerklüfteten Felsen und dichten Eichenwäldern müsste man eigentlich mit Zusatzpunkten honorieren.

Nach einer solchen Portion Postkartenprovence sollte man davon ausgehen, dass Südfrankreich-Sehnsüchtige nun rundum gesättigt weiterreisen können. Doch das Gegenteil ist der Fall. Hat man sich von der Bilderbuchhaftigkeit erst einmal verzaubern lassen, möchte man immer mehr davon haben. Zum Glück sind die nächsten Dorfschönheiten nicht fern. Gerade einmal eine knappe halbe Stunde dauert die Fahrt hinunter nach Gordes. Allerdings ist es empfehlenswert, sich dem Ort nicht von Norden, sondern von Südwesten anzunähern. Auf dem letzten Stück möchte man am liebsten andauernd anhalten, um das Dorf aus möglichst vielen Perspektiven zu bewundern und zu fotografieren. Die Häuser aus hellem Sandstein drapieren sich derart kunstvoll um den Berg, dass man ernsthaft überlegt, ob man sich nicht besser nur in diesen umwerfenden Anblick versenken sollte als mitten in das Gewühl zu steuern, das der immer dichter werdende Verkehr ankündigt.

Tatsächlich schieben sich in Gordes wahre Menschenmassen durch die verschlungenen Gassen und verscheuchen selbst aus dem hintersten Winkel jeden Hauch von lauschigem Flair. Sogar zur Siestazeit kehrt keine wirkliche Beschaulichkeit ein. Als eines der bekanntesten Provence-Motive besitzt die Dorfschönheit internationalen Bekanntheitsgrad und muss infolgedessen Busladungen von Verehrern und Verehrerinnen aus der ganzen Welt über sich ergehen lassen. Überdies befindet sich im Zentrum des knapp 1.700 Einwohner zählenden Ortes ein Verkehrsknotenpunkt, was für die Romantik ebenfalls nicht besonders förderlich ist. Die topografischen Gegebenheiten, das muss man zugeben, gewähren allerdings auch wenig Spielraum für eine alternative Verkehrsführung. In Gordes ist nämlich so ziemlich alles eng oder steil oder beides zugleich. Ohne den touristenbedingten Trubel und Tinnef der Andenkenläden wäre das verschachtelte Dorf mit seinen holprigen Treppchen, alten Türportalen, Gewölbedurchgängen, Trockensteinmauern und blumengeschmückten Balkons höchstwahrscheinlich auch ausgesprochen bezaubernd und auf der Bilderbuchhaftigkeitsskala weit oben einzusortieren. Auf jeden Fall handelt es sich bei Gordes nicht um eine Nullachtfünfzehnschönheit. Dafür ist schon die Lage an der Südflanke der Monts de Vaucluse viel zu exzeptionell.  

Die Anzahl der Sehenswürdigkeiten ist in Gordes äußerst überschaubar, was wegen der geringen Größe aber auch für andere Dorfschönheiten gilt und nicht das Schlechteste sein muss. Nach ein paar Stunden kann man ohne wehe Füße und überreizten Geist mit dem Gefühl von dannen ziehen, alles Wesentliche erlebt zu haben – ein Zustand der Zufriedenheit, der sich nach dem Besuch einer mit Must-see-Attraktionen gespickten Metropole eher nicht einstellt. Gleich neben dem zentralen Verkehrskreisel erhebt sich das Château de Gordes. Das überdimensioniert wirkende Bauwerk, das heute das Touristenbüro und ein Kunstmuseum beherbergt, ist ein architektonisches Hybrid aus Mittelalterburg und Renaissanceschloss. Rechnet man noch das mit einer Parkanlage und Gewölbekellern ausgestattete Hôtel Saint-Firmin aus dem 15. Jahrhundert, die Chapelle des Pénitents Blancs aus dem 17. Jahrhundert und die farbenfroh ausgestaltete Église Saint-Firmin aus dem 18. Jahrhundert dazu, dann hat Gordes die vom Dorfschönheitenverein geforderte Menge an denkmalgeschützten Bauwerken bereits überboten. Und für den Panoramablick müsste man eigentlich auch an dieses Dorf einige Extrapunkte vergeben: Wiesen, Wälder, Weiler und Weinfelder, so weit das Auge reicht. Als Qualitätsbeauftragter des Verbandes hätte man Gordes trotzdem auf dem Kieker. Zwar ist die Dorfschönheit nicht geschmacklos aufgedonnert. Doch das für die Gästescharen installierte Shopping- und Schlemmerangebot dämpft die authentische Ausstrahlung der Ortschaft drastisch. Würde man Gordes aus der Schönste-Dörfer-Vereinigung ausschließen, wäre das aber vermutlich kein allzu herber Verlust. Die Bekanntheit der Gemeinde dürfte ausreichen, um auch ohne das Gütesiegel bei Provence-Pilgern ein angesagter Wallfahrtsort zu bleiben.

Unter einer Flut von Touristen ächzte eine Zeit lang auch eine andere Dorfschönheit namens Ménerbes. Die 1.000 Einwohner zählende Gemeinde erstreckt sich rund elf Kilometer südlich von Gordes auf einem Bergrücken. Doch nicht etwa die Aufnahme in den Verband verursachte den Ménerbes-Hype, sondern vielmehr Peter Mayle. Mit seinem 1989 erschienenen Bestseller „Mein Jahr in der Provence“ animierte der britische Auswanderer eine begeisterte Leserschaft zu einem Aufenthalt oder sogar Immobilienkauf in der südfranzösischen Region. Anstatt seinen heiter-ironisch grundierten Reisebericht über Ameisenplagen, Behördengänge, südfranzösische Esskultur, wunderliche Nachbarn und den garstigen Mistral mit ein wenig Fiktion zu anonymisieren, nannte Mayle sowohl Schauplätze als auch Personen beim Namen. Selbst aus dem Standort seines Landhauses zwischen Ménerbes und Bonnieux machte der Erfolgsautor kein Geheimnis. Mayles Privatsphäre war damit passé. Denn seine Fans wollten sich von ihrem Ménerbes-Besuch gerne auch ein Autogramm mitbringen und zogen nicht nur durch die Ortschaft mit ihren blumenberankten Häusern aus dem Mittelalter und der Renaissance, sondern bis zu Mayles Domizil. Der Schriftsteller hatte den Rummel bald satt und verlagerte seinen Lebensmittelpunkt in die Vereinigten Staaten.

Mittlerweile hat der Run auf Ménerbes merklich nachgelassen. Zu manchen Tageszeiten wirkt der Ort regelrecht ausgestorben, so dass man sich die Invasion von einst kaum mehr vorstellen kann. Die Vereinsvorgabe hinsichtlich denkmalgeschützter Bauten erreicht Ménerbes schon mit der Zitadelle (im 13. Jahrhundert zerstört, im 16. und 19. Jahrhundert wieder aufgebaut), den Stadttoren Porte Saint-Sauveur und Porte Notre-Dame, der Kirche Saint-Luc (14. Jahrhundert), dem Glockenturm (15. Jahrhundert) und der Kapelle Sainte-Blaise (18. Jahrhundert). Auf dem Weg zu diesen Sehenswürdigkeiten passiert man noch eine Reihe anderer Bauwerke aus vergangenen Jahrhunderten. Während der Religionskriege im 16. Jahrhundert befand sich Ménerbes für einige Jahre fest in hugenottischer Hand und wurde erbittert von den Katholiken belagert. Heute strahlt die Ortschaft überall Friedlichkeit aus. Die mit kleinen Restaurants, Cafés und Galerien bestückten Gassen sind aufgeräumt und adrett, aber keineswegs steril oder überkandidelt. Vielmehr setzt die Dorfschönheit mit ihren efeubewachsenen Torbögen und über Mauern wallender Blumenpracht auf natürlichen Schmuck. Und Ménerbes bezirzt mit regionalen Köstlichkeiten. Das „Maison de la Truffe et du Vin du Luberon“ an der Place de l’Horloge lädt von April bis Oktober zu Verkostungen ein.

Sollte man die Schönheit von Ménerbes präzisieren wollen: Es ist diese Melange aus Wehrhaftigkeit und Lieblichkeit, die dem Ort seinen einmaligen Charme verleiht. Wenn die Abendsonne alles weichzeichnet, steigert das die Fotogenität des Dorfes noch einmal deutlich. Mindestens ebenso schön wie Ménerbes selbst ist die Aussicht von den Stadtmauern über das grasgrün-rebengrün-zederngrüne Patchwork der Luberon-Vegetation. Extrapunkte würden dafür also auch dieser Dorfschönheit gebühren. Mayle trieb die Sehnsucht nach Südfrankreich übrigens schon wenige Jahre später zurück in die Region. Diesmal ließ er sich jedoch auf der anderen Seite des Luberon-Gebirges bei Lourmarin nieder und behielt seine Adresse für sich.

Lourmarin ist gleichfalls als eines der schönsten Dörfer Frankreichs zertifiziert. Wie für viele Dorfschönheiten der Region gilt auch für diese: Wer hinfahren will, sollte serpentinenfest sein. Mehrere Kilometer windet sich die Straße in engen Kurven durch schattige Schluchten. Dafür bettet sich die Ortschaft selbst aber flach zwischen Zypressen und Olivenhaine, so dass man auch mit vollen Einkaufstaschen nicht gleich außer Atem geraten muss. Dieser Aspekt ist nicht ganz unwichtig in Lourmarin. Denn das Dorf ist ein wahres Shoppingparadies – jedenfalls für all jene, die Stangenware verschmähen und Besonderes wertschätzen. In dem verschachtelten Gassengeflecht reihen sich Ateliers, Kunstgalerien und Boutiquen dicht an dicht. Leinenwäsche, Töpferwaren, Schmuck oder Gemälde – alles ist auf Kisten, Karren, Kleiderständern oder Staffeleien ansprechend arrangiert und meistens entweder ein Unikat oder mindestens limitiert, wenn man von den klassischen Souvenirläden mit ihren lavendeldominierten Standardproduktpaletten rund um Seifen und Säckchen einmal absieht.

Freitagvormittags schafft außerdem ein Markt echte Schlaraffenlandverhältnisse. Dann wird es in dem Ort, der auch sonst schon einige Lebendigkeit versprüht, richtig wimmelig. Mehr als 140 Stände starten mit ihren Farben und Gerüchen einen Angriff auf die Sinne. Um einen kleinen Vorgeschmack zu geben: Es locken Pyramiden aus Melonen, Aprikosen und Lavendelhoniggläsern, Herbes de Provence geschnitten oder gebündelt, Bottiche mit Oliven gefüllt und mariniert in vielerlei Variationen, Käse von Kuh, Schaf und Ziege mit oder ohne Schimmel in allen Größen und Reifegraden paniert in Kräutern der Provence oder ummantelt mit Kastanienblättern, Würste von Ente, Hirsch und Wildschwein verfeinert mit Nüssen, Blauschimmelkäse oder getrockneten Tomaten …

Während die anderen Dorfschönheiten von Ferne mehr oder weniger unnahbar erscheinen und sich auch auf den zweiten Blick nicht unbedingt als extrovertiert erweisen, hat Lourmarin ein eher sonniges Gemüt. Die Lage am Südhang des Luberon-Gebirges bewahrt das Dorf vor bissigen Mistralwinden. Man fühlt sich hier gleich willkommen – vielleicht auch deswegen, weil sich unter den rund 1.000 Einwohnern viele Zugezogene befinden, die keine großen Besitzansprüche anmelden können oder einfach dankbar sind, dass man sie selbst so freundlich aufgenommen hat. Vorrichtungen für Geselligkeit wie Brasserien, Bars und schattige Plätze sind in Lourmarin zahlreich zu finden, wie übrigens auch Immobilienagenturen. Der bekannteste Neubürger der Gemeinde wurde 1960 viel zu früh auf dem örtlichen Friedhof zu Grabe getragen. Gerade einmal 46 Jahre alt war Albert Camus, als er bei einem Autounfall auf der Fahrt von Lourmarin nach Paris ums Leben kam. Der Schriftsteller und Philosoph hatte von dem Geld, das ihm 1957 durch den Literaturnobelpreis zuteilwurde, ein Haus in Lourmarin erworben. Schon länger hatte sich Camus, der für Paris keine Passion entwickeln konnte, nach dem Süden Frankreichs gesehnt. Viel Zeit blieb ihm nicht, das Leben in seiner neuen Wahlheimat zu genießen.

Die Schönheit von Lourmarin definiert sich über den regionstypischen Kontrast aus Natursteinfassaden und den Farbtupfern in Form von Fensterläden, Blumendekor und Kletterpflanzen. Zwei Kirchen (einmal katholisch, 11. Jahrhundert, einmal protestantisch, 19. Jahrhundert) und Brunnen perfektionieren das Postkartenidyll. Für spektakuläre Ausblicke kann Lourmarin keine Sonderpunkte einstreichen. Stattdessen besitzt die Dorfschönheit aber mit dem ältesten Renaissanceschloss der Provence einen herrlichen Hingucker. Das Bauwerk thront am westlichen Ortsrand und wird auch als „Villa Medici der Provence“ bezeichnet. Man kann sicherlich unterschiedlicher Meinung sein, was die Passgenauigkeit dieses Beinamens betrifft. Eine bewegte Vergangenheit hat das Château de Lourmarin allemal. Im Laufe der Jahrhunderte wurde es mehrmals eingerissen, wieder aufgebaut, umgebaut, erweitert, restauriert und umfunktioniert: von der Festung (12. und 13. Jahrhundert) zur Adelsresidenz (15. und 16. Jahrhundert) zum Bauernhof (17. und 18. Jahrhundert) zum Zigeunerunterschlupf (19. Jahrhundert) und schließlich zum Sitz einer Stiftung für Kunst und Wissenschaften (20. Jahrhundert). Man kann das Schloss Lourmarin ganzjährig besichtigen. In den Sommermonaten sind die Terrassenanlagen auch Kulisse für Kunst und Konzerte.

Wer jetzt von der Schönheitsschwelgerei immer noch nicht genug hat: Mit Ansouis, Roussillon und Séguret gibt es in der näheren Umgebung drei weitere Schönste-Dörfer-Titelträger. Und überhaupt: Es bedeutet umgekehrt ja nicht, dass jene Ortschaften, die nicht offiziell als Dorfschönheiten gelten dürfen, unansehnlich sind. Vielleicht steckt lediglich dahinter, dass eine Gemeinde nur ein denkmalgeschütztes Gebäude vorweisen kann, dass sie ein paar Einwohner zu viel hat oder zu viele davon gegen einen Vereinsbeitritt stimmen – sei es, weil sie die Auflagen ablehnen oder den Touristenansturm, der den klassifizierten Dörfern blühen kann, nicht gerade reizvoll finden.

Man selbst ist heilfroh keiner Jury anzugehören, die zu entscheiden hat, welches der Dörfer im Vaucluse besonders schön oder gar am allerschönsten ist. Denn die gekrönten Gemeinden betören allesamt mit individuellen Facetten, die jeden Vergleich absurd erscheinen lassen. Ohnehin ist im Grunde die gesamte Gegend mit ihrem Überfluss an Meeren aus Sonnenblumen, Weinreben und Lavendel eine einzige Bilderbuchschönheit, bei der die Grenzen zwischen schön, superschön und megaschön verschwimmen.

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