Deutschland, Europa, Reportagen

Kling, Kasse, klingelingeling


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Alle Jahre wieder tummeln sich auf deutschen Weihnachtsmärkten massenhaft Menschen und bescheren der Branche Milliardenumsätze. Doch was ist an den Budenburgen eigentlich so bezaubernd? Das Gedränge und Gedudel? Der grottige Glühwein? Die unchristlichen Preise? Das Immergleiche? Ein Bummel über den Wiesbadener Sternschnuppenmarkt auf der Suche nach Antworten.

Ein Rempler von schräg vorne und schwapp, da hat man die Bescherung. Der Becher mit Glühwein ist beinahe leer und man selbst voll mit dem klebrigen Zeug. Wieder einmal ist es nicht gelungen, die dampfende Tasse vom Schankstand des Weinguts Johannes Ohlig durch die Menschenmassen in ruhigere Randlagen zu manövrieren, um gefahrenlos daran nippen zu können. An diesem späten Nachmittag Anfang Dezember ist auf dem Wiesbadener Schlossplatz zwischen den himmlisch mit Monden und Sternen illuminierten Holzhütten die Hölle los. Dass sich eine Pandemie anbahnt und dann in Europa ein Krieg mitsamt Energiekrise ausbricht, ahnt man in Deutschland zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Corona bringt man lediglich mit einer mexikanischen Biermarke in Verbindung und nicht mit einer mysteriösen Lungenkrankheit. Events dürfen noch ohne rigorose Einschränkungen stattfinden.

Es ist einer dieser Tage, an denen es gar nicht richtig hell werden will und die Stimmung zwischen mystisch und melancholisch changiert. Für die hessische Landeshauptstadt sind das beste Bedingungen, um mit dem Markenzeichen ihres Weihnachtsmarktes zu brillieren: der Beleuchtung mit großen Lilien an allen vier Eingangsportalen und vielen weiteren kleineren Lilien auf dem übrigen Marktgelände. Die filigranen Gebilde ähneln Kometen, weshalb der Weihnachtsmarkt von Wiesbaden vor einigen Jahren in Sternschnuppenmarkt umgetauft wurde.

Die Stammkundschaft von Weihnachtsmärkten weiß: Glühwein- oder Feuerzangenbowleduschen zählen ebenso zu den klassischen Erlebnissen dieser alljährlich in der Adventszeit abgehaltenen Festivitäten wie der unfreiwillige Kleider- oder sogar Körperkontakt mit heißen Bratwürsten, Reibekuchen oder Waffeln. Selbst mit der größten Vor- und Rücksicht lassen sich derartige Kollisionen in dem heillosen Gewühl nicht vermeiden. Deshalb legen Weihnachtsmarktprofis für den Budenbummel auch niemals den feinsten Zwirn an, sondern immer abgetragene Wintersachen, bei denen Kontaminationen durch Fett und Flüssigkeiten kein Drama sind. Bei den Preisen, die je nach Bekanntheits- und Barmherzigkeitsgrad des Christkindelmarktes zwischen gepfeffert und unchristlich variieren, ist es trotzdem höchst unerfreulich, wenn die Getränke und Speisen auf anderen Leuten landen statt im eigenen Magen. Schon klar, in die Kalkulationen der Veranstaltenden fließen nicht nur die ganzen Betriebskosten von Standmiete bis Steuern ein. Man zahlt auch für das zauberhafte Ambiente. Seit jeher okkupieren Weihnachtsmärkte nämlich allerorten stets die romantischsten, historischsten oder imposantesten Plätze: solche, die gerahmt sind von märchenhaften Fachwerkfassaden, geschichtsträchtigen Gotteshäusern oder einschüchternden Prachtbauten.

Das Wiesbadener Weihnachtsmarktepizentrum flankieren drei stattliche Bauwerke: die neogotische Marktkirche, das Rathaus im Stil der Neorenaissance und das klassizistische Stadtschloss der nassauischen Herzöge, in dem seit 1946 der Hessische Landtag residiert. Wenn man nicht gerade die Statur eines Hünen besitzt, sieht man zu den Stoßzeiten abends und an den Wochenenden allerdings kaum etwas von den Buden und der Architektur ringsum, sondern fast ausnahmslos andere Besucher und Besucherinnen, die sich mit von der Kälte, vom Glühwein oder von beidem geröteten Gesichtern von irgendwo nach irgendwo durch die Menge zwängen und zu fortgeschrittener Stunde mit ihren Alkoholausdünstungen eine ernsthafte Konkurrenz für den Duft nach Räucherkerzen, Spekulatius und gebrannten Mandeln darstellen. Man muss schon großes Glück haben oder die Ellenbogen einsetzen, um in diesem Getümmel einen freien Blick auf das historische Pferdekarussell, die Weihnachtskrippe mit den lebensgroßen Holzfiguren, den mit tausenden Schleifchen und Leuchtdioden geschmückten Weihnachtsbaum oder die Bühne mit ihrem weltumspannenden Kraut-und-Rüben-Programm von Alpenhorn-, Orgel- und Rockmusik bis zu Zirkus und Zauberei erhaschen zu können.

Früher oder später fragt man sich dann: Warum tun sich Millionen von Menschen diese überfüllten, überteuerten und gänzlich überraschungsfreien Veranstaltungen an? Immer wieder, Jahr für Jahr, aus vollkommen freien Stücken? Deutschlandweit stehen Jahr für Jahr rund 1500 kommunale und ungefähr noch einmal so viele privat organisierte Weihnachtsmärkte zur Auswahl. Die Bandbreite reicht von Minimärkten, die mit einer Handvoll Buden für ein paar Stunden an irgendeiner Ecke aufpoppen, bis zu Megamärkten mit Dutzenden von Ständen, die von Ende November bis Ende Dezember und teils sogar in den Januar hinein ganze Innenstädte belegen, von Märkten, die ihre Tradition als unschlagbares Qualitätsmerkmal anpreisen, bis zu solchen, die mit Innovationen beeindrucken wollen, von Märkten, die altvertrauten Budenzauber vor malerischen Altstadtkulissen zelebrieren, bis zu solchen, die alles in ein Thema einbetten, Mittelalter, Märchen oder Maritimes beispielsweise, oder sich an besonderen Orten in Szene setzen, etwa tief unten in Kellergewölben oder hoch droben auf Burgen. Die Globalisierung hat „Deutschlands Exportschlager Nr. 1 für typisch deutsches Brauchtum und Kulturgut“, um eine Beschreibung des Deutschen Schaustellerbundes für Weihnachtsmärkte zu verwenden, längst auch über den ganzen Erdball verstreut. Von Chicago über Kapstadt bis Tokio gibt es vorweihnachtliche Märkte nach deutschem Vorbild.

Um es an dieser Stelle einzuflechten: Die Verfasserin dieser Zeilen besucht jedes Jahr im Dezember mindestens einmal, manchmal sogar zweimal einen Weihnachtsmarkt, obwohl sie sich klaustrophobische Tendenzen, eine Abneigung gegen Artifizielles und eine kritische Haltung gegenüber Konventionellem und Mainstreamigem attestiert. Darum soll es im Folgenden keineswegs um pauschales Weihnachtsmarkt-Bashing gehen, sondern um eine ergebnisoffene Spurensuche, was so viele Leute dazu antreibt, sich in diese synthetischen Glitzerwelten mit ihrer merkantil motivierten Gefühlsduselei zu begeben – und ja, wie eine Weihnachtsgans ausnehmen zu lassen. Nach Angaben der ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH generieren die deutschen Weihnachtsmärkte alle Jahre wieder mit ihren fast 160 Millionen Gästen aus dem In- und Ausland einen Umsatz von knapp 2,9 Milliarden Euro.

Die drastischste Diskrepanz zwischen Preis und Leistung betrifft erfahrungsgemäß den Verkaufshit unter den Weihnachtsmarktprodukten, den Glühwein. In Internet-Foren stößt man in Diskussionen, ob ein Weihnachtsmarktbesuch angesichts von Krawallen, Krankheiten und Krisen überhaupt noch angemessen sei oder nicht, auf die durchaus einleuchtende Empfehlung, doch besser gleich beim Lebensmitteldiscounter eine Flasche Billigglühwein zu kaufen und sich diese daheim über die Jacke zu kippen. Das wäre vom Genusswert vergleichbar, nur eben sicherer, klimafreundlicher und viel, viel günstiger. Ganz richtig ist die Rechnung nicht: Erstens sind die Kopfschmerzen, die sich anderntags recht zuverlässig einstellen, sobald man auf dem Weihnachtsmarkt die Konsumgrenze von zwei Bechern Glühwein überschreitet, bei dieser Sparversion nicht inbegriffen. Zweitens muss man auf die begleitende Übelkeit verzichten, die gemeinhin von einer Überdosis Zucker herrührt. Denn wer schafft es schon, das ganze Weihnachtsmarktnaschwerk eisern zu ignorieren – all die Waffeln, Crêpes und Poffertjes, die Zuckerwatte, Zimtsterne und Lebkuchenherzen, die Schokobananen, Schaumküsse und Stollen. Und drittens gerät man bei der Inszenierung von Glühweinmalheuren in den eigenen vier Wänden nicht in das Vergnügen, sich eine Erkältung zuzuziehen. Schnupfen und Husten gehören zu den typischen Mitbringseln von Weihnachtsmärkten. Glühwein besitzt nämlich die tückische Eigenschaft, auch dann noch innere Wärme vorzutäuschen, wenn sich die Füße vom langen Herumstehen bereits in Eisklötze verwandelt haben.

In Wiesbaden ist der Glühwein eine Nuance unplörriger als anderswo – zumindest dann, wenn man sich an jenen Schankständen anstellt, die von Winzern aus dem nahen Rheingau betrieben werden. Ein Geheimtipp ist das nicht, weshalb der Andrang hier besonders arg ist. Manchmal geht es an diesen Engstellen weder vor noch zurück. Der vollständige Stillstand hat immerhin den Vorteil, dass die anderen Menschenkörper um einen herum sämtliche Erschütterungen abpuffern und man es dann wagen kann, den Glühweinbecher mal kurz an den Mund zu führen – vorausgesetzt, man kann in dem eingekeilten Zustand den Arm noch bewegen. Hat man es geschafft, sich den kostspieligen Trunk ohne allzu große Verluste einzuverleiben, muss man sich für das Pfand wieder zum Ausschank zurückkämpfen. Nicht aus Sammelleidenschaft für die mit wechselnden Wiesbadener Sehenswürdigkeiten verzierten Glühweintassen, sondern aus Kapitulation vor diesem Kraftakt hat man deshalb schon manches Exemplar mitgehen lassen.

Nach dem ersten Stopp an der Bude des Weinguts Johannes Ohlig aus Oestrich-Winkel lautet die nächste Mission, sich zum Plätzchenstand des Backhauses Schröer durchzuschlagen. Dort verführen die besten Zimtsterne der Welt: optisch von ungeheuerlicher Makellosigkeit, geruchlich unbeschreiblich zimtig-bittermandelig und geschmacklich von sagenhaft softer Konsistenz, wie man sie in der eigenen Weihnachtsbäckerei auch nach vielen Jahren des Herumexperimentierens mit etlichen Rezepten nicht hinbekommen hat. Eine Tüte dieses grandiosen Gebäcks muss jedes Mal sein. Meistens sind die Zimtsterne sogar noch ofenwarm, was ein vorzügliches Argument dafür ist, sie allesamt umgehend aufzuessen. Und natürlich wäre es eine Sünde, die Spezialität des Hauses zu verschmähen, den Rieslingstollen mit weingetränkten Früchten umhüllt von dunkler Kuvertüre. Ein paar Meter weiter wird man am Stand von A & M Hübsch beim Anblick der aus belgischer Schokolade kreierten Pralinen schwach. Wiederum einige Schritte weiter verführt ein Stand mit Rothenburger Schneebällen in allen möglichen Variationen auf eine regelrecht aggressive Weise. Komplett willenlos lässt man sich zu einer Kostprobe hinreißen.

Hernach breitet sich im Magen ein ungutes Gefühl aus. Sollte man sich als nächstes vielleicht besser zu einem Stand mit Herzhaftem durchwinden und sich mit Pommes, Reibekuchen oder Maronen neutralisieren? Nein, lieber gleich weiter zur Töpferei Bauer, um sich dort wie jedes Jahr mit ätherischen Ölen in Heimeligkeit verströmenden Holznoten wie Fichtennadel, Edeltanne und Cedernholz einzudecken – zu vernünftigen Preisen sogar, wenn man den Mengenrabatt einstreicht. Das in der 14. Generation geführte Familienunternehmen aus Lauterbach im mittelhessischen Vogelsbergkreis verkauft auf dem Sternschnuppenmarkt Duftlampen, Räucherfiguren und nach historischen Vorbildern gefertigte Lichthäuschen – alles in reiner Handarbeit geformt und glasiert.

Bei der Zierkeramik der Traditionstöpferei handelt es sich folglich um ein kunsthandwerkliches, weihnachtsbezogenes und vergleichsweise regionales Erzeugnis, was man mitnichten vom gesamten Sternschnuppenmarktsortiment behaupten kann. Viele Sachen muten zwar manuell und nicht maschinell hergestellt an, doch weder die nepalesische Wollkleidung noch die tunesische Keramik, die indonesischen Korbwaren oder die weißrussischen Matrjoschkas stammen aus örtlichen Werkstätten. In Anbetracht dieser internationalen Produktpalette in Kombination mit dem Karnevalistischen und Kirmesartigen, das die deutschen Weihnachtsmärkte mehr und mehr durchdringt, wären Jahr- oder Weltmarkt weitaus treffendere Bezeichnungen für das vorweihnachtliche Handels- und Halligalligeschehen.

Nicht immer waren Weihnachtsmärkte – je nach Gegend auch Christkindlmarkt oder Adventsmarkt genannt – solche Stätten des Überflusses hinsichtlich Schlemmen, Shoppen und Bespaßung. Ursprünglich waren Weihnachtsmärkte einmal dafür gedacht, sich mit Lebensnotwendigem für den Winter und das bevorstehende Weihnachtsfest auszurüsten, mit Gebrauchsgegenständen und Nahrungsmitteln. Im Spätmittelalter erhielten allmählich auch Korbflechter, Schuster, Spielzeugmacher und Zuckerbäcker das Recht, im Markttreiben mitzumischen. Fahrende Musikanten sorgten für Unterhaltung. Der Wandel vom schnörkellosen Versorgungsmarkt zum flimmernden Weihnachtswunderland begann.

Heutzutage bieten die Budenansammlungen alles, was das Herz begehrt, aber kein Mensch braucht: Weihnachtsartikel wie Christbaumkugeln, Krippen und Schwibbögen aus dem Erzgebirge nebst allerhand anlass- und jahreszeitenunspezifischem Tand. Auf dem Sternschnuppenmarkt reicht das Spektrum von Schmuck und Seifen über Glastiere und Heufiguren bis zu Edelsteinen und Windfängern. Die Imbissauswahl auf den Weihnachtsmärkten hat inzwischen schlaraffenlandähnliche Dimensionen angenommen, obwohl die Adventswochen früher als Fastenzeit galten, um sich auf die Ankunft von Jesus Christus vorzubereiten. Und das obligatorische Nostalgiekarussell, sei es nun echt antik oder nur auf antik getrimmt, genügt nicht mehr. Längst müssen weitere Fahrgeschäfte und Amüsierangebote her – Achterbahnen, Riesenräder, Schlittschuhbahnen und Pferdekutschfahrten, Mitmachbuden zum Plätzchenbacken, Kerzenziehen und Weihnachtskugeln dekorieren, Rahmenprogramme wie Konzerte, Krippenspiele, Märchenstunden und Auftritte von Geschenke verteilenden Christkindern oder Nikoläusen.

Der Wiesbadener Sternschnuppenmarkt begegnet dem Spagat zwischen Besinnlichkeit und Belustigung mit folgendem Konzept: Der Weihnachtsmarkt auf dem Schlossplatz konzentriert sich auf festliches Flair, die Entertainmentzonen befinden sich – wenn sie nicht gerade wegen Corona oder Energieeinsparungen ausgesetzt werden – auf drei Nebenschauplätzen: dem Luisenplatz mit einem Kindersternschnuppenmarkt, hinter dem Staatstheater mit dem als „Eiszeit“ bezeichneten Wintervergnügen inklusive großer Schlittschuhbahn und dem Mauritiusplatz, auf dem sich ein Riesenrad dreht und die mit Wolldecken, geblümten Vorhängen und Weihnachtsschmuck detailreich ausstaffierte „WinterStubb“ Hüttengaudi auf Hessisch verspricht. Unter dem Motto „Ganz viel Worscht un ebbes fer de Dorscht“ kommen hier Handkäsknacker, Schmalzbrot und Ebbelglühwein auf die Theken und Tische, dazu plärrt Partymusik.

Früher orientierten sich die Marktdekorationen vornehmlich an weihnachtlich-christlicher Symbolik, mittlerweile kommen statt Heiligenfiguren, Krippendarstellungen und Kometen vermehrt winterliche oder Lokalkolorit verkörpernde Elemente zum Einsatz – Rentiere, Schneeflocken, Tannengrün, Wichtel oder im Fall des Sternschnuppenmarkts die leuchtenden Lilien. Als Inspiration diente das Wiesbadener Wappen, das aus drei goldenen Lilien auf blauem Grund besteht und bei der Marktgestaltung sowohl farblich als auch motivisch verschiedentlich aufgegriffen wird.

Um sich gegen die kolossale Konkurrenz durchzusetzen, garnieren sich die Weihnachtsmärkte gerne mit irgendeinem Superlativ: mit der längsten Historie, den meisten Buden, dem höchsten Weihnachtsbaum, dem größten begehbaren Schwibbogen, dem längsten Adventskalender und so weiter. Da bleiben Machtkämpfchen nicht aus. So zankten sich Dresden und Bautzen lange Zeit darum, wer den älteren Weihnachtsmarkt hat: Dresden mit dem Striezelmarkt, der im Jahr 1434 erstmals urkundlich Erwähnung fand, oder Bautzen mit dem Wenzelsmarkt. Der Name des Weihnachtsmarkts geht auf den böhmischen König Wenzel IV. zurück, der die Stadt bereits 1384 mit einem Marktrecht ausstattete. Vor ein paar Jahren hat sich dann das Rekord-Institut für Deutschland folgenden Schlichtungsvorschlag für die beiden Streithähne ausgedacht: Dresden darf sich mit „Deutschlands ältestem beurkundeten Weihnachtsmarkt“ brüsten – und Bautzen mit „Deutschlands ältestem in einer Chronik genannten Weihnachtsmarkt“.

Der Wiesbadener Sternschnuppenmarkt will mit seinen Lichterlilien und einem 45 Meter hohen Riesenrad, das als „höchster Weihnachtsmarkt Hessens“ vermarktet wird, aus der Masse der Mitbewerber herausragen. Man hat von dort oben tatsächlich eine fantastische Aussicht auf die weihnachtlich strahlende Stadt – und in der Gondel wenigstens mal für ein paar Minuten relative Ruhe und einen Sitzplatz. Jedes zweite, dritte Jahr gönnt man sich deshalb dieses Vergnügen.

Warum so viele Städte und Gemeinden ihr Image mit einem Weihnachtsmarkt aufwerten, liegt auf der Hand. Die Besuchermagneten sind wahre Wirtschafts- und Werbemotoren. Auf Platz eins im Ranking der am stärksten frequentierten Weihnachtsmärkte liegt Köln mit sechs Millionen Gästen, gefolgt von Stuttgart (3,5 Millionen) und München (drei Millionen). Weihnachtsmärkte bringen nicht nur den Marktbeschickern gutes Geld ein, an ihnen hängt ein ganzer Konsumrattenschwanz. Wer für einen Weihnachtsmarktbesuch in die Innenstadt kommt, der kauft im örtlichen Einzelhandel vielleicht auch das eine oder andere Geschenk ein, das ansonsten online bestellt worden wäre. Womöglich geht man davor oder danach noch ins Restaurant, Theater oder Kino. Und attraktive Weihnachtsmärkte eignen sich sogar als Zugpferd für Kurzreisen. Fast fünf Prozent der Weihnachtsmarktgäste treten ihre Reise aus dem Ausland an. Davon profitiert die städtische Hotellerie, der die Wintermonate normalerweise keine Spitzenauslastung verheißen.

Was ist denn nun aber das Erfolgsgeheimnis deutscher Weihnachtsmärkte? Der Deutsche Schaustellerbund behauptet: die jahrhundertealte Tradition. Mit ihrer felsenfesten Verankerung in der Vergangenheit und scheinbar unerschütterlichen Beständigkeit stehen Weihnachtsmärkte für Verlässlichkeit – also für etwas, wonach sich eine Gesellschaft überaus sehnt, der schon ganz schwindelig ist von der sich immer schneller drehenden Welt. Wenn alles zu wackeln scheint, etablierte soziale Ordnungen ebenso wie tradierte Rollenbilder, althergebrachte Bräuche ebenso wie unantastbar geglaubte Werte, dann braucht es dringend irgendwelche Konstanten, und sei es eben so etwas wie das auf Gleichförmigkeit basierende Veranstaltungsformat des Weihnachtsmarkts, das sich wie ein funkelnder Fels in einer Brandung aus lauter Ungewissheiten ausnimmt und glanzvolle Gelegenheiten für die Flucht aus dem Alltag schafft. Mit seiner starken Betonung von altbewährten und regionalen Inhalten erfüllt der heutige Weihnachtsmarkt deswegen vielmehr eine identitätsstiftende und gemeinschaftsfördernde Funktion als eine festlich-religiöse.

Mit ihrem Traditionstamtam befriedigen Weihnachtsmärkte jedoch nicht nur nostalgische Bedürfnisse auf gesellschaftlicher Ebene. Weihnachtsmärkte stimulieren auch die individuelle Rückschau – mit visuellen Reizen wie dem ganzen festlichen Flitter von Leuchtsternen bis zu Lametta, mehr noch aber mit den süßen und deftigen Gerüchen der Weihnachtsbäckereien und -bratereien, die das olfaktorische Gedächtnis aktivieren und einen emotional in die Kindheit katapultieren, auf diese wohlige Gefühlswolke aus Geborgenheit, Glückseligkeit und freudiger Erregung, auf der man alle Jahre wieder an den Weihnachtsfeiertagen schwebte. Man erinnert sich wieder einmal daran, wie schön es doch war, mit Mama, Papa, der Geschwisterschar und angereister Verwandtschaft um den Weihnachtsbaum zu sitzen, von schiefen Blockflötentönen begleitet „O du fröhliche“ zu schmettern, „Die Weihnachtsmaus“ von James Krüss aufzusagen, selbstgebackene Plätzchen zu schmausen und in einem stundenlangen Auspackmarathon den gigantischen Geschenkeberg abzutragen.

Nach dem Schlenker zum Stand der Töpferei Bauer steht als nächstes eigentlich ein Besuch der 15 Meter hohen, vierstöckigen Weihnachtspyramide am östlichen Ende des Sternschnuppenmarkts auf dem Plan. An dem stimmungsvollen Stand locken hausgemachte Getränkespezialitäten, auch mehrere Sorten Glühwein. Man ist dort wie jedes Jahr mit Freunden verabredet. Doch die orientalischen Mosaiklampen gehen einem nicht aus dem Kopf. Zu magisch hatten die handgefertigten Stücke vorhin beim Vorbeigehen geleuchtet. Also noch einmal zu dem Stand zurückquetschen und schnell eine Lampe auswählen.

Warum sich auf Weihnachtsmärkten so viel Krempel unters Volk bringen lässt, muss mit dem vom Glühweingenuss vernebelten Verstand in Verbindung stehen. Das Heißgetränk scheint die Kauflust anzuheizen und die Widerstandskräfte auszuschalten, anders kann man sich das eigentlich nicht erklären. Oder liegt es etwa daran, dass auf Weihnachtsmärkten alle Angebote zeitlich und quantitativ limitiert sind und durch diesen Umstand wie beim Schlussverkauf plötzlich die Schnäppchenjägerin in einem erwacht, die niederen Instinkten folgend blindlings Beute machen will?

Jetzt aber auf zur Weihnachtspyramide. Der Weg dorthin gehört auf dem Sternschnuppenmarkt zu den traditionellen Nadelöhren, in denen man Jahr für Jahr garantiert steckenbleibt. Psychologen meinen, dass die gewimmelbedingte Kuschelkomponente von Weihnachtsmärkten überhaupt nicht nachteilig gedeutet werden müsse. Weihnachten sei als Familienfest in unserer Kultur verankert, und gerade in den Adventswochen fühle man sich umso einsamer, wenn man keine Verwandtschaft um sich habe. Dementsprechend wirke sich die Gemeinschaft auf dem Weihnachtsmarkt positiv auf die Gemütsverfassung aus. Weihnachtsmärkte als Familienersatz? Hm, nun ja, damit mutet man den gewinnorientierten Verkaufsausstellungen vielleicht doch etwas zu viel zu.

Was man aber mit Sicherheit von Weihnachtsmärkten behaupten kann: Sie bringen mit ihrem Gefunkel stimmungsaufhellendes Licht ins Dezemberdunkel, schmeicheln der Seele und wärmen das Herz mit ihrer anrührenden und aufwendigen Aufmachung – angefangen bei den Buden mit ihrer Fachwerksimulation, Frakturbeschriftung und den liebevoll drapierten Waren bis hin zu den mannigfaltigen Showeinlagen wie Kutsche fahrenden Christkindern, Engeln auf Stelzen und fliegenden Weihnachtsmännern. Geschenkt, dass alles kommerziell und künstlich ist. Schließlich gilt Weihnachten als das Fest der Nächstenliebe, da muss man Gnade walten lassen und verzeihen – das Geknuffe, die Gesöffqualität vieler Getränke, die ambitionierten Preise und das unästhetische Gebaren der zumeist an Nikolausmützen oder blinkenden Rentiergeweihen identifizierbaren Personengruppen, die Weihnachtsmärkte als Legitimation für öffentliche Trinkgelage nutzen.

An der Glühweinpyramide sind inzwischen auch die Freunde eingetroffen. Man sieht sich das Jahr über viel zu selten, immer wieder kommt irgendetwas dazwischen. Aber das Treffen auf dem Weihnachtsmarkt, das ist gesetzt und klappt zuverlässig. Man bestellt eine Thermoskanne mit rotem und eine mit weißem Glühwein und zieht sich aus dem Rummel etwas abseits zurück. Das Geplapper der anderen Glühweintrinkenden ist von hier nur noch als Gemurmel zu vernehmen – und der Glühwein lässt sich ganz ohne Angst vor Zusammenstößen schlürfen.

Zeit für eine kurze Reflexion. Der Weihnachtsmarkt hat sich wieder einmal als Meister der Manipulation erwiesen. Mit seinem blinkenden Blendwerk, dem Plunderpotpourri und dem Kaleidoskop an kulinarischen Köstlichkeiten hat er es geschafft, einen derart zu zerstreuen, dass Stress und Sorgen vorübergehend vergessen sind und man sich dem zur Weihnachtszeit besonders viel Nestwärme spendenden Kindheitskokon ein Stück näher fühlt. Das Beisammensein mit den Bekannten fühlt sich rundum schön und sogar auch ansatzweise besinnlich an. Man erfreut sich an seinen Weihnachtsmarkteinkäufen. Mit den Holznotenölen kann man sich daheim ein bisschen Waldfeeling vorgaukeln, bis der Frühling mit milden Lüften und betörenden Blütendüften wieder zu langen Spaziergängen durch die Natur verlockt. Und die orientalische Lampe schafft bestimmt eine bezaubernde Beleuchtung im Wohnzimmer. Die höllischen Preise für die Plätzchen und Pralinen bereut man nicht. Dafür waren die Geschmackserlebnisse einfach zu himmlisch. Und doch: Bis zum nächsten Jahr hat man von all dem Geglitzer, Gedufte, Gedudel und Geschubse erst einmal wieder genug.

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