Flauschige Fabelwesen mit Umweltschutzmission

Grummelnde Bäume, scheue Wildkatzen und athletische Wichtel: Die Region um den Nationalpark Hainich in Thüringen vermarktet sich als ein mystisches Wunderland mit uralten Buchenwäldern, seltenen Tieren und allerlei Fantasiegestalten. Tatsächlich wähnt man sich mancherorts in einer anderen Welt weit weg von allen Widrigkeiten der Wirklichkeit. Zehn Stationen, an denen das besonders gut gelingt.

Grün, grün, grün, ringsumher nichts als dieser Farbton in vielerlei Schattierungen. Ahorngrün, Buchengrün, Eichengrün, Elsbeerengrün, Eschengrün, Lindengrün. Ganz gleich, in welche Himmelsrichtung wir den Blick auch schweifen lassen – Baumwipfel über Baumwipfel bis zu den Feldern, Wiesen und Hügeln am Horizont. Wir stehen mitten im Nationalpark Hainich auf dem 44 Meter hohen Aussichtsturm des Baumkronenpfades und bewundern Deutschlands größten zusammenhängenden Laubwald von oben. Er erstreckt sich über einen Muschelkalkhöhenzug am Westrand des Thüringer Beckens und wirkt aus dieser sensationellen Perspektive wie ein monumentales Moospolster. Im Osten des Hainichs befindet sich die Kur- und Rosenstadt Bad Langensalza, im Süden kommt erst Eisenach mit der Wartburg und dahinter der Thüringer Wald, im Westen grenzt Hessen an, und gen Norden sind es nur etwa dreizehn Kilometer bis nach Niederdorla, wo ein Gedenkstein den geografischen Mittelpunkt der Bundesrepublik markiert.

Da liegt es für den Nationalpark Hainich nahe, sich als „Urwald mitten in Deutschland“ zu vermarkten. Den Aufstieg in die höchste Liga der Naturschutzgebiete hat die Gegend ihren wertvollen Beständen an naturnahen Altbuchenwäldern zu verdanken. Am 31. Dezember 1997 wurde der südliche Teil der 130 Quadratkilometer großen Waldfläche zum Nationalpark deklariert. Seit 2011 darf sich die Schutzzone obendrein mit dem begehrten Welterbe-Prädikat der UNESCO schmücken. Im Bündnis mit 94 anderen Buchenwäldern in 18 Ländern bildet der Nationalpark Hainich das grenzübergreifende UNESCO-Weltnaturerbe „Alte Buchenwälder und Buchenurwälder der Karpaten und anderer Regionen Europas“.

Dass sich der Hainich über lange Zeit unbehelligt zur Wildnis entwickeln konnte, beruht keineswegs auf Zufall, sondern auf seiner Geschichte. Jahrzehntelang war das Areal für Truppenübungen der sowjetischen Streitkräfte und der Nationalen Volksarmee gesperrt. Noch heute deuten Schneisen auf die einstigen Panzermanöver und Schießbahnen hin. Doch weite Bereiche des Waldes blieben militärisch ungenutzt. Hier konnte die Natur ganz und gar ihren ureigenen Gesetzen folgen – dem ewigen Kreislauf aus Werden, Wachsen, Vergehen. Im Zusammenspiel mit der traditionell auf forstliche Nachhaltigkeit ausgerichteten Waldbewirtschaftung rundherum ist der Nationalpark Hainich darum heute ein Musterbeispiel für ein vielfältiges Lebensraummosaik: beweidete Magerrasen mit Kleingewässern, Gebüschen und Gehölzgruppen in den Randbereichen, daran anschließend großflächige Verbuschungen und Offenland mit Sträuchern, Hecken und jungen Bäumen, im Zentrum dann arten- und strukturreiche Laubholzbestände mit einem reichhaltigen Alt- und Totholzangebot für Spechte, Fledermäuse, Insekten und Kleinstlebewesen.

Im „Artenbericht“ von 2010 sind für den Nationalpark Hainich bereits 8.596 Tier-, Pflanzen- und Pilzarten erfasst – und immerfort werden noch weitere entdeckt. Ein winziger Auszug aus den Zwischenergebnissen der ellenlangen Flora- und Fauna-Listen: 1.646 Pilzarten, 813 Farn- und Blütenpflanzenarten, 221 Moosarten; 2.144 Käferarten, 806 Schmetterlingsarten, 343 Wildbienenarten. Fachleute schätzen die biologische Mannigfaltigkeit des Schutzgebiets auf weit mehr als 10.000 Spezies.

Unter den Bewohnern und Bewohnerinnen des Nationalparks Hainich soll sich auch ein Geschöpf befinden, das es sonst nirgendwo auf der Welt gibt: das Fagati. Allzu viel ist nicht bekannt über dieses sonderbare Fabelwesen. Es soll klein und kugelig sein, ein flauschiges Fell, schwarze Kulleraugen und tütenförmige Ohren haben, in Höhlen unter knorrigen Buchen hausen, für sein Wohlbefinden eine reizarme Umgebung und Ruhe benötigen, sich am liebsten von Bärlauchröllchen mit frischen Rotbuchenblättern ernähren und eine monströse Mission verfolgen: die Welt zu retten. Gemeinsam mit den anderen Kreaturen des Waldes, den Elfen, Feen und Kobolden, will das Fagati pädagogisch wertvolle Strategien ersinnen, wie sich die Menschen für eine konsequent umweltbewusste Lebensweise begeistern lassen.

Ja, wir können bestens nachvollziehen, warum das Fagati den Nationalpark Hainich zu seinem favorisierten Aufenthaltsort auserkoren hat. Vom Baumkronenpfad genießen wir die Aussicht auf den blickdichten Blätterbaldachin der mächtigen Buchen, Eichen und Eschen. Jetzt, zur Sommerzeit, leuchtet es in sattgrünen Nuancen. Und tatsächlich spüren wir all das, was die Farbpsychologie der Farbe Grün an Symbolik und Wirkung zuschreibt: Erholung, Hoffnung, Glück, Gelassenheit – und das göttliche Gefühl, dass sich Körper, Geist und Seele im Einklang befinden.

Unterhalb des Baumkronenpfades treten wir in ein grünes Gewölbe mit kathedralenartigen Dimensionen ein. An glatten, silbrig-grün glänzenden Buchenstämmen gleitet unser Blick hinauf zu den ausladenden Kronen. Nur wenig Licht dringt auf den Waldboden. Es ist die Saison der Schatten- und Halbschattenpflanzen. Entlang der Wanderpfade entdecken wir wilde Orchideen, 26 Arten wurden bislang im Hainich gesichtet. Die größte Pracht der Pflanzenwelt hält der Nationalpark naturgemäß im Frühling bereit. Frühblüher wie Märzenbecher, Hohler Lerchensporn, Leberblümchen, Buschwindröschen und Türkenbund werfen sich zu dieser Jahreszeit mit kunstvollen und farbenprächtigen Blütenkleidern in Schale.

Als wären dieser ganze Reichtum, die Schönheit und die Ursprünglichkeit nicht schon märchenhaft und magisch genug, haben sich lokale Touristiker, Naturschützer und Umweltpädagogen zahlreiche weitere Anreize rund um den Hainich ausgedacht, um kleine und große Gäste anzulocken und für einen achtsamen Umgang mit der Natur zu gewinnen. Das soll aber keineswegs mit erhobenem Zeigefinger von oben herab geschehen, sondern anschaulich, unterhaltsam und spielerisch auf Augenhöhe. Deswegen amtieren als Botschafter allerlei Fantasiegestalten. In Besucherzentren, entlang von Erlebnispfaden und auf Spielplätzen sind neben dem Fagati unter anderem auch Waldgeister, Wichtel und Wurzelzwerge mit umweltpädagogischem Auftrag im Einsatz.

Eine Tour durch die Gegend zu zehn Orten, die mit ihrem natur- oder menschengemachten Zauber dazu verführen, vollkommen im Moment zu sein und alles drumherum für eine Weile zu vergessen.

1. Baumkronenpfad

Der Baumkronenpfad zwischen Craula und Zimmern bietet optimale Bedingungen, um sich einen ersten Überblick über die Umgebung zu verschaffen. Da die Attraktion zu den touristischen Höhepunkten der Hainich-Region zählt, ist es ratsam, den Besuch antizyklisch zu den Stoßzeiten zu planen. Das bedeutet: Am besten trifft man gleich morgens um zehn Uhr ein oder zwei Stunden vor Kassenschluss. Ansonsten muss man damit rechnen, dass das Menschenaufkommen das Verzauberungspotenzial des Wipfelwegs erheblich schmälert.

Auf einer Länge von 540 Metern schlängelt sich die brückenartige Konstruktion vom unteren Kronenbereich in zehn Metern Höhe allmählich hinauf bis zu den Spitzen der Baumriesen auf 24 Meter. Unterwegs laden Plattformen mit Bänken und Infotafeln zum Rasten und Rätseln ein. „Kennen auch Sie mehr Automarken als Baumarten?“, thematisiert ein Schaubild die fortschreitende Entfremdung von Mensch und Natur. Anhand von Steckbriefen lernen wir die Hainich-Baumarten mit ihren Charaktereigenschaften kennen, an anderer Stelle erfahren wir, dass das Baumkronenökosystem eines der vielfältigsten Lebensräume der Erde ist und dort ein gewaltiges Gewimmel herrscht. Spinnen, Wanzen und Käfer wandern über das zusammenhängende Laubdach, Schmetterlinge, Vögel und Fledermäuse tummeln sich in den Baumwipfeln. Ja, auf dem Baumkronenpfad wird ungemein viel Aufklärungsarbeit geleistet – niemals abstrakt oder oberlehrerhaft, sondern stets lebensnah und anschaulich.

Es kommt uns vor, als wären wir hier oben in einer anderen Sphäre. Die Luft wirkt reiner. Das Vogelgezwitscher ertönt lauter. Und wenn der Wind durch die Äste streicht, beginnen die Bäume sachte zu rauschen und zu schwanken. Wir haben das Gefühl, nicht nur räumlich über den Dingen zu stehen, sondern auch mental. Alles Alltägliche erscheint uns weit entfernt und banal.

2. Erlebniswelt „Wurzelhöhle“ im Nationalparkzentrum Thiemsburg

Nachdem wir dem Urwald aufs Dach gestiegen sind, tauchen wir im nahegelegenen Nationalparkzentrum Thiemsburg hinab in die „Wurzelhöhle“. Eine überdimensionierte Baumwurzel und eine durch pulsierende Leuchtringe angedeutete Schrumpfungsschleuse bilden den Eingang in die multimediale und interaktive Erlebniswelt, die das Erdreich aus Sicht eines kleinen Lebewesens in etwa von der Größe eines Maulwurfs simuliert.

Als gefühlte Minimenschen wandeln wir durch riesige Wurzelgebilde, gucken in die Gänge von Dachsen, Füchsen und Wühlmäusen, krabbeln in Höhlen, betasten ein Regenwurmmodell und testen die Kommunikationswege der Pflanzen, wir öffnen Kläppchen, drücken Knöpfe, fassen in Kisten und schauen Filme.  Es ist schummrig und wohlig warm hier unten. Alles vermittelt Geborgenheit pur. Genau so muss es sich anfühlen im Leib von Mutter Natur. Zurück im Tageslicht dauert es ein bisschen, bis wir uns wieder mit unseren wahren Körperausmaßen in der Wirklichkeit zurechtfinden.

3. Abenteuerlandschaft „Im Reich des Fagati“

Das Sandbergwerk der fleißigen Waldwichtel scheint eben noch in Betrieb gewesen zu sein. Irgendwo zwischen den Kränen und Stollen ist der Transport ins Stocken geraten. In der Praxis der Zahnfee deuten verstreute Instrumente darauf hin, dass die letzte Behandlung nicht lange zurückliegt. Und die „Wiesenschule“ sieht aus, als wären gerade noch kleine Eleven in Erdkunde unterrichtet worden. Wo wir auch hinschauen in der Abenteuerlandschaft „Im Reich des Fagati“ – alles erweckt den Anschein, als hätten die hier heimischen Fabelwesen erst vor wenigen Minuten die Bildfläche verlassen. Wir erkunden die Wichtelwelt mit dem ausgeklügelten Sandabbausystem, den Feengarten mit thematischen Hütten, die zu Rollenspielen animieren, die Elfenbaumhäuser mit luftigen Hangelementen und Röhrenrutschen, die Koboldwildnis mit Kletterlabyrinth und das Versteck der finsteren Eibel mit Bäumen, die bei Berührung zu ächzen und zu grummeln beginnen. Zum Pausieren und Picknicken lassen wir uns auf den Bänken des „Thingplatzes“ nieder, einem burgartigen Gebilde aus mit Metallspitzen und türkisen Glasklunkern dekorierten Holzpalisaden.

Der wildnisartige Spielplatz „Im Reich des Fagati“ befindet sich gleich gegenüber vom Nationalparkzentrum Thiemsburg. Wie der Name besagt, soll auf dem 4000 Quadratmeter großen Gelände auch das Fagati ansässig sein. Während der Öffnungszeiten tagsüber wird man den nachtaktiven Hainich-Ureinwohner jedoch nicht antreffen. Doch es heißt, seine Spuren könne man entdecken. Und wirklich, in dem sandigen Boden am Waldrand sichten wir frische Pfotenabdrücke. Vielleicht stammen sie von einem Hund, vielleicht aber auch von einem Wildtier oder von einem Fagati? Nach dieser Fülle an fantasiebeflügelnden Eindrücken erscheint uns fast alles im Bereich des Möglichen.

4. Wildkatzendorf Hütscheroda

Im Hainich eine Wildkatze in freier Wildbahn anzutreffen ist fast genauso unwahrscheinlich wie eine Begegnung mit einem Fagati. Wie das Fabelwesen ist auch das Wappentier der Nationalpark-Region äußerst scheu und vorwiegend nachts unterwegs. Wir wollen mehr über die streng geschützte Spezies wissen und unternehmen einen Ausflug zum Wildkatzendorf Hütscheroda. Die Fahrt auf der kurvigen Landstraße führt vorbei an Laub- und Mischwäldern mit Lichtungen und heckenreichen Rändern – genau die Mischung, wie sie Wildkatzen lieben. Die Tiere kletterten und jagten schon in den hiesigen Wäldern, lange bevor die ersten Hauskatzen von den Römern über die Alpen eingeführt wurden. Heute zählt die Europäische Wildkatze bei uns zu den gefährdeten Arten, deutschlandweit gibt es schätzungsweise noch 6.000 bis 8.000 Exemplare. 

Auf den ersten Blick ähneln sich Wild- und Hauskatze. Doch beim genaueren Hinschauen lassen sich feine Unterschiede ausmachen: Wildkatzen sind tendenziell größer und kräftiger, haben immer eine verwaschen wirkende grau-beige Fellzeichnung, einen buschigeren Schwanz und kräftige weiße Schnurrhaare. Und im Gegensatz zu ihren häuslicher veranlagten Artverwandten sind sie nicht im Geringsten verschmust und menschenbezogen.

All das und noch viel mehr erfahren wir in dem Themendorf in Hütscheroda. In einer Ausstellung in der Wildkatzenscheune können wir uns auf Schauwänden mit Mitmachelementen und anhand von Filmen über die Lebensweise der Wildkatzen informieren – angefangen von ihrer Leibspeise (Mäuse) über ihr Sozialverhalten (Einzelgänger) bis hin zu ihrem Fortpflanzungsverhalten (zwei bis vier Junge pro Wurf). Auf einem Display lassen wir uns das BUND-Naturschutzprojekt „Rettungsnetz Wildkatze“ erklären: Grüne Korridore aus Büschen und Bäumen sollen es den Wildkatzen und anderen Tieren ermöglichen, geschützt von einem Wald zum anderen zu ziehen.

Wir spazieren im Wildkatzendorf weiter hinauf zur Wildkatzenlichtung mit den großen Gehegen für Wildkatzen und Luchse. Mehrmals täglich finden hier oben Schaufütterungen statt. Spätestens wenn die Tierpfleger mit dem Fressen erscheinen, kommen die kleinen Tiger aus ihren Verstecken hervor. Wir könnten uns ewig in die Beobachtung dieser geschmeidigen Geschöpfe und ihrer ästhetischen Akrobatik versenken und an nichts anderes denken. Wie federleicht die Wildkatzen durchs Gebüsch tänzeln, wie graziös sie durchs Geäst balancieren und mit welch sagenhaft elastischen Strecksprüngen sie sich zielsicher ihre Beute schnappen. Um uns den Abschied leichter zu gestalten, erwerben wir im Souvenirshop des Wildkatzendorfes noch einige Postkarten und eine Plüschtierwildkatze.

5. Wildkatzenpfad

Vielleicht sind wir aber doch mit ganz viel Glück gesegnet und können einen Blick auf die Wildkatze in ihrem natürlichen Lebensraum erhaschen? Ungefähr 60 bis 80 Tiere sollen im Hainich unterwegs sein. Auf dem Wildkatzenpfad dürten die Voraussetzungen für dieses seltene Ereignis vergleichsweise günstig sein. Der sieben Kilometer lange Wanderweg beginnt direkt hinter der Wildkatzenlichtung und führt mitten durch ein ideales Terrain für Wildkatzen und Luchse.

Wir folgen der Holzplakette mit dem Wildkatzensymbol in nördlicher Richtung. Rechts und links der Strecke, die zugleich als „Skulpturenweg“ bezeichnet wird, lenken Kunstwerke von der Schönheit der Natur ab. Die Objekte sind in den vergangenen Jahren von internationalen Künstlern im Zuge von Bildhauersymposien entstanden. Nach einem kurzen Stück durch jungen Laubmischwald mit Birken und Aspen erreichen wir mitten auf dem früheren Truppenübungsplatz Kindel die „Dicke Eiche“ – eine malträtiert wirkende, etwa 400 Jahre alte Baumgestalt, die vermutich einmal als Zielscheibe herhielt und deshalb bei den Kahlschlägen in den 1960er und 1980er Jahren verschont blieb.

Wenig später stehen wir auf dem Hainichblick. Der künstlich aufgeschüttete Hügel hieß einst „Generalsblick“ und diente der Manöverüberwachung. Heute dokumentiert die Nationalparkverwaltung an dieser Stelle die dynamische Wiederbewaldung des durch die militärischen Aktionen, aber auch durch Überweidung geschädigten Gebiets. Wir erklimmen den 20 Meter hohen Aussichtsturm und begutachten den Zwischenstand. Noch immer ziehen sich kahle Flächen wie Narben durch den Wald. Doch die Fotos aus den vergangenen Jahren belegen: Das war mal deutlich schlimmer, vieles ist schon verheilt. Weiter geht es über Offenland mit Heckenstrukturen aus Schwarz- und Weißdorn, dazwischen eine betörende Blütenpracht umschwärmt von Schmetterlingen. Wir erfreuen uns an Wilder Möhre, Wiesen-Pippau, Scharfgarbe und Wegwarte, Silberdisteln, Fransenenzian und Tausendgüldenkraut – eine Augenweide in Weiß, Gelb, Rosa und Lilanuancen von pastellig bis kräftig.

Die letzte Passage führt durch die grünen Hallen des Urwaldes. Wir stellen fest, dass der Hainich ein Mehrgenerationenwald aus lichtgrünen Baumkindern, kraftvollen Baumerwachsenen und runzeligen Baumgreisen ist, blinzeln in das Licht- und Schattenspiel zwischen den Baumkronen, atmen die frische Luft ein, sehen schwarz schillernde Käfer über grellgrüne Moosteppiche krabbeln, studieren an absterbenden Bäumen knorrigen, graubraunen Zunderschwamm, dessen Form und Farbe eher an Fossilien denken lassen als an einen Pilz, hören es im Unterholz knacken, vielleicht eine Wildkatze? Nein, zwei Rehe huschen davon. Der Wildkatzenpfad endet am historischen Hotel „Zum Herrenhaus“. Im parkähnlichen Biergarten des zertifizierten Nationalpark-Partners stärken wir uns mit thüringischen Spezialitäten aus regionalen Erzeugnissen.

6. Wildkatzenschleichpfad

Für Familien mit Kleinkindern und eingeschränkte Menschen ist der nur 1,5 Kilometer lange und nahezu barrierefreie Wildkatzenschleichpfad eine empfehlenswerte Alternative. Der Rundweg mit dem Tatzen-Symbol schlängelt sich von der Wildkatzenlichtung erst durch Jungwald und dann vorbei an Alteichen, Totholz und einem Kletterparcours. Wir testen unsere Künste. Nein, mit der Anmut der Wildkatzen kann unsere Darbietung wahrlich nicht konkurrieren. Über blumenbestandene Offenflächen gelangen wir wieder hinunter zur Wildkatzenlichtung. Dort halten wir an den Picknickbänken inne und lassen die kontemplative Stimmung des Waldes nachwirken. Wundervoll war’s im Revier der Wildkatzen, auch ohne Blickkontakt mit denselben.

7. Silberbornpfad „Alrunas Waldgeheimnisse“

Eine ganz individuelle Verbindung zwischen Mensch und Natur zu erschaffen – dieses Ziel verfolgt der Erlebnispfad Silberborn am westlichen Rand des Nationalparks Hainich. Vom Wanderparkplatz „Mallinde“ bei Berka starten wir auf den knapp drei Kilometer langen Rundkurs mit dem Lindenblatt-Symbol. Ein Tor zeigt an, dass wir uns nun ins Reich der Seherin Alruna bewegen. An neun Erlebnisstationen will sie uns die Geheimnisse des Waldes offenbaren. Wir absolvieren einen Tiersprachkurs und versuchen, die Stimmen von Eichelhäher und Waldkauz nachzuahmen, lauschen den Geräuschen einer Windharfe, linsen durch ein Feenfenster, das sich als Baumspalte entpuppt, in den bezaubernden Buchenwald, erspähen oben in den Ästen Tierattrappen, die uns heimlich beobachten, und lernen, welchen Charakter die verschiedenen Baumarten haben und welcher davon unserem Naturell am nächsten ist.

Zwischendurch passieren wir die namensgebende Silberbornquelle und die mächtige, mindestens 300 Jahre alte Silberbornlinde. Ihr hohler und kelchförmiger Stamm ist derart beschaffen, dass es sich darin eine ganze Wichtelfamilie bequem machen könnte. Zuletzt befragen wir das Waldorakel des Silberbornpfades. Es entlässt uns mit einem weisen Spruch von Goethe: „Dem Aufmerksamen ist die Natur nirgends tot noch stumm.“ Da möchten wir vollends zustimmen. Der Silberbornpfad hat uns dafür sensibilisiert, noch etwas genauer hinzuschauen und hinzuhören als bisher. Kurz darauf stehen wir wieder am Ausgangspunkt, leicht benebelt von all der Mystik und Märchenhaftigkeit.

8. Erlebnispfad Wilde Weide und Nachtigallenweg

Wilde Weide – das klingt irgendwie nach Wildem Westen, nach Freiheit, Unabhängigkeit und unendlicher Weite. Doch hinter dem Begriff verbirgt sich ein höchst konkretes Naturschutzkonzept mit festgelegten Vorgaben und Zielen. Nach einem Besuch des Erlebnispfades Wilde Weide sind wir bestimmt schlauer. Der 600 Meter lange Lehrpfad, dessen Kennzeichen ein Rinderkopf ist, beginnt am Wanderparkplatz „Kindel“ an der B84 zwischen Großenlupnitz und Behringen. Gleich neben dem Parkplatz geben Tafeln erste Auskünfte zum Thema Offenland und Beweidung im Nationalpark Hainich. Auf den Wilden Weiden arbeiten robuste Weidetiere sozusagen als Landschaftspfleger, ähnlich wie es früher einmal wilde Huftiere in der Naturlandschaft taten. Werden die Weidetiere in der richtigen Kombination und Dosierung eingesetzt, gestalten sie durch Fraß und Tritt eine vielfältige Landschaft aus Weiderasen, Hochstaudenfluren, offenen Böden, Gebüschen und Wäldern – Lebensräume, in denen auch gefährdete Tier- und Pflanzenarten ihre Nischen finden.

Durch ein Holztor betreten wir das geschützte Gelände. Das erste Stück des Themenweges verläuft gemeinsam mit dem 2,5 Kilometer langen Nachtigallenweg. Vorbei an Erlebnisstationen gelangen wir zu einem Holzturm. Von der Aussichtsterrasse lassen wir den Blick wandern: im Norden und Osten die Weiden mit Exmoor-Ponys, Gelbvieh und Schottischen Hochlandrindern, dahinter Wald- und Wiederbewaldungsflächen, im Westen die Weiden mit Schafen und Ziegen, in der Ferne die Silhouette der Wartburg. Nach diesem Schlenker schlüpfen wir durch eine hölzerne Besucherschleuse in die Sommerweide der Schafe und Ziegen. Ein Schild weiste darauf hin, dass Hunde ab jetzt an die kurze Leine zu nehmen sind und das Füttern der Weidetiere zu unterlassen ist. Vor uns erstrecken sich Bilderbuchblumenwiesen mit Hecken und Gebüschgruppen, darüber wölbt sich ein blendend blauer Himmel mit perfekt in Form gezupften Wattewölkchen. Nur mit Mühe können wir unsere Aufmerksamkeit von dieser liebreizenden Landschaft auf die Schautafeln am Wegesrand lenken. Wir werden über die Weidetiere aufgeklärt, die seltene Gelbbauchunke und den stark gefährdeten Goldenen Scheckenfalter, eine braun-beige gemusterte Schmetterlingsart. An der Sitzraufe „Am Schlangengraben“ legen wir trotz des wenig vertrauenserweckenden Namens eine Trinkpause ein. Auf der Freifläche brennt die Sonne schonungslos. Im Hainich soll es allerdings nur harmlose Ringelnattern geben, keine giftigen Schlangen.

Bald darauf kommt die Beobachtungskanzel am Silbersee in Sicht. Das Gewässer wurde einmal als Rückhaltebecken angelegt und diente zu Zeiten der militärischen Nutzung als Panzerwaschanlage. Heute ist der Silbersee das größte Stillgewässer im Nationalpark und bietet eine bunte Wasservogelwelt. Von der Beobachtungskanzel treten wir den Rückweg an. Die tierischen Landschaftspfleger bekommen wir an diesem Tag nicht zu Gesicht, haufenweise Hinterlassenschaften belegen ihre Existenz jedoch zweifelsfrei.

Und dann sind wir auch schon am Ausgangstor, durchqueren eine Bachaue mit einem Weidenwäldchen, in dem im Frühjahr das stimmgewaltige Nachtigallmännchen konzertiert, und haben bei einem Pavillon noch einmal die Gelegenheit, uns über die Naturschutzinitiative NATURA 2000 zu informieren. Mit europaweit rund 27.000 Schutzgebieten gilt es als größtes grenzüberschreitendes Schutzgebietsnetz weltweit. Das NATURA 2000-Gebiet „Hainich“ erfüllt die strengen Richtlinien als Flora-und-Fauna-Habitat (FFH) und als Vogelschutzgebiet. Es kann solche selten gewordenen Arten wie Bechsteinfledermaus, Mittelspecht, Braunkehlchen, Grauammer und Feldlerche vorweisen. Nach wenigen Schritten erreichen wir den Wanderparkplatz. Neben wertvollen Informationen und wunderbaren Impressionen nehmen wir von dieser Exkursion auch noch folgendes Zitat des Wissenschaftsjournalisten Dirk Steffens mit: „Sie müssen sich das Leben auf der Erde wie ein Netz vorstellen, das uns alle trägt. Jede Art hat eine Funktion, so wie ein einzelner Faden. Wenn zu viele Fäden reißen, bricht alles zusammen.“

9. Wichtelwald

Wie ist es eigentlich um unser Wichtelwissen bestellt? Eher mager, wie wir uns eingestehen. Ehrlich gesagt, können wir nicht einmal die Unterschiede zwischen Wichteln, Gnomen, Kobolden und Zwergen korrekt benennen. Also auf zum Wichtelwald bei Weberstedt. Vom Wanderparkplatz unmittelbar neben dem „Waldresort am Nationalpark Hainich“ führt ein etwa ein Kilometer langer Trampelpfad durch Gestrüpp zu dem verborgen im Wald liegenden Wichteldorf.

Als erstes erfahren wir: Wichtel sind außerordentlich athletische Wesen mit übermenschlichen Fähigkeiten. Sie können sich unsichtbar machen und pfeilschnell fortbewegen. Zur Förderung ihrer Superkräfte müssen die Wichtelkinder allerdings in der aus Balken und Seilen bestehenden Trainingswildnis „Kletter-Wirr-Warr“ ab dem zweiten Lebensjahr bis zur Einschulung im Alter von 70 Jahren täglich sechs Stunden üben. Erst wenn sie die Abschlussprüfung bestehen und die Strecken mit geschlossenen Augen in weniger als fünf Sekunden überwinden, dürfen sie die Ausbildung in der Waldschule beginnen. Dort stehen neben klassischen Fächern auch Knoten- und Zopfkunde auf dem Lehrplan.

Hinter der Waldschule gewähren runde Hüttchen mit Spitzdächern einen Einblick in den Alltag der hier wohnhaften Wichtelfamilien Hagebuttenstolz, Himbeermeier, Eichelbrauer und Pilzmüller. In der Kräuterapotheke bereiten die Wichtel ihren lebenswichtigen Kümmelabwehrtrank zu. Das Gewürz wirkt sich überaus schädlich auf ihr geistiges Leistungsvermögen aus. Die vollausgestattete Spezialitätenküche dient der Blaubeerkuchenproduktion, denn Wichtel sind verrückt nach Kuchen. In der Waldwerkstatt lassen sich Metalle mit Säge und Hammer bearbeiten. Wichtel lieben und sammeln Schätze und Edelmetalle. Anders als Zwerge betreiben sie jedoch keinen Bergbau. Und wie lassen sich Wichtel von den anderen kleinwüchsigen, menschenähnlichen Erd-, Haus- und Waldgeistern abgrenzen? Gnome sind weniger hübsch als Wichtel mit ihren sorgsam geflochtenen Zöpfen. Und Kobolde leben im Gegensatz zu Wichteln nicht im Familienbund. Sie sind Einzelgänger und beschäftigen sich sowohl mit dem Schutz eines Hauses als auch mit dem Necken der darin wohnenden Menschen.

Und wo steckt nun die gesamte Wichtelsippe? Weit und breit ist kein einziges Zipfelmützchen zu erblicken. Sind alle verreist? Oder im Außendienst mit dem Verteilen von Weihnachtsgeschenken beschäftigt? Nein, es ist Hochsommer, das kann nicht sein. Ach richtig, Wichtel sind doch nachtaktiv. Gewiss liegen sie gerade irgendwo schnarchend in den Betten.

10. Feensteig

Doch wozu überhaupt dieser ganze Hokuspokus im Hainich, wo der Wald selbst schon ein einziges riesiges Wunderland ist? Die pädagogischen Grundlagen der Bildungsarbeit mit Kindern liefern eine Antwort. Volksmärchen und Sagen stammen aus vergangenen Jahrhunderten, als sich der Mensch noch existenziell mit dem Kosmos verbunden fühlte, sich als Teil eines großen Ganzen betrachtete und die Natur achtete anstatt sich als ihr Beherrscher zu gerieren. Aus einer Zeit also, in der man glaubte, dass alles mit allem irgendwie zusammenhängt und es keineswegs abwegig erschien, wenn sich Pflanzen, Tiere, Steine und Menschen ineinander verwandelten, im Austausch miteinander standen, einander beschützten und unterstützten.

Nicht selten spielt in Märchen der Wald eine zentrale Rolle. Im dunklen Forst wird über Wohl und Wehe der Helden und Heldinnen entschieden. Meist geraten die Märchengestalten aus Arglosigkeit, Verzweiflung oder irgendeiner akuten Mangelsituation in den Wald, dessen Zauber sie als unheimlich oder sogar als bedrohlich empfinden. Doch dann erfahren sie auf einmal Beistand, Heilung oder Läuterung und kommen reicher, stärker, weiser wieder heraus. Aus diesen Gründen gelten Märchen als ein vortreffliches Medium, um zu einem wertschätzenden Umgang mit Tieren und Pflanzen anzuregen. Das spielerische Mystifizieren fördert die schöpferische Seite von Kindern, so dass sie Kraft ihrer Fantasie ihre eigene Verbindung zur Natur entwickeln können.

Auf dem Feensteig wird dieser Ansatz ausgesprochen ideen- und detailreich umgesetzt. Der drei Kilometer lange Rundweg startet am Wanderparkplatz „Weberstedt“. Sein Symbol ist ein Täubchen, das einen Schlüssel im Schnabel trägt. Frau Holle, die als Beschützerin des Feensteigs fungiert, galt in alten Zeiten auch als Feenkönigin. Sie hatte die Angewohnheit, sich dann und wann in eine Taube zu verwandeln. In der Feensteig-Broschüre haben wir gelesen, dass Feen diejenigen Menschen lieben, „die noch imstande sind, innezuhalten und sich an den kleinen Dingen zu erfreuen – an den zarten Adern eines Lindenblatts, einem schillernden Tautropfen, dem Duft eines unscheinbaren Veilchens, das in der Mauerritze wächst“. Dieser Gruppe möchten wir natürlich auch gerne angehören und begeben uns auf den aus 14 Stationen bestehenden, mit Märchenzitaten und Naturobjekten ausgeschmückten Prüfungsparcours von Frau Holle. Das Täubchen-Symbol leitet uns an einem Schild mit einem Dornröschen-Textauszug vorbei durch ein zugewuchertes, verwunschen wirkendes Tor in den Hainich. Dort stoßen wir auf allerlei Magisches und Rätselhaftes – sprechende Sperlinge, weiße Frauen im Nebel und wispernde Zweige, eine Schatztruhe, einen Jungbrunnen und einen Irrwald. Während der Hainich sonst überall so unglaublich abwechslungsreich ist, führt das Labyrinth durch einen gänzlich monotonen Tannenwald. Nirgends bizarre Baumstämme, markante Totholzformationen oder leuchtende Blumen, an denen wir uns orientieren könnten. Nach etlichen Sackgassen schaffen wir es endlich hinaus.

Zuletzt stehen wir vor dem Zauberspiegel. Die Aufgabe lautet, dass wir hineinschauen und unser wahres Selbst erkennen sollen. Längst nicht alle Dinge seien so, wie sie es uns auf den ersten Blick vorgaukeln. Wir öffnen die hölzernen Klappläden und prüfen unser Spiegelbild eingehend. Rein äußerlich scheint alles beim Alten zu sein. Doch innerlich fühlen wir uns nach den Streifzügen durch den Hainich verändert – gelassener, frohgemuter, kraftvoller und wissender als zuvor.



Transparenz-Anmerkung: Die Reise erfolgte auf eigene Kosten. Für die Veröffentlichung des Beitrags hat die Verfasserin kein Honorar erhalten.

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9 Kommentare

    1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Die meisten der vorgestellten Wanderwege eignen sich im Grunde für Menschen aller Altersgruppen, die konditionell dazu in der Lage sind, sich zwei bis drei Kilometer zu Fuß fortzubewegen. Der Wildkatzenschleichpfad (6. Station) ist außerdem auch nahezu barrierefrei und kinderwagentauglich. Der Baumkronenpfad, die Ausstellungen im Nationalparkzentrum und das Wildkatzendorf dürften eher etwas ältere Kinder (ca. ab vier Jahre) ansprechen. In den Abenteuerlandschaften (Reich des Fagati unf Wichtelwald) kommen wahrscheinlich vor allem Kinder im Alter zwischen drei und zwölf Jahren auf ihre Kosten. Aber auch Erwachsenen, die ihren Spieltrieb noch nicht vollends wegrationalisiert haben, dürfte ein Besuch dieser Erlebniswelten Vergnügen bereiten. Ich hoffe, dass das Ihre Frage beantwortet.

  1. Thüringen? Klasse! Feenwald, Einhörner und Co.? Sorry, da bin ich raus. So viel Empathie schaff‘ ich nicht, mich in siebenjährige Kinderseelen, zumal weibliche, zu versetzen. Ja, ich finde es interessant, einen Dachsbau zu studieren. Dennoch Frage: Wann kommt denn mal was Neues hier, he? Ich kenne Sie als gediegene Edelfeder mit einem souveränen Blick für die richtigen Kamerawinkel und -einstellungen, dabei hinreichend abgefuckt, um nicht ins Intellektuelle abzudriften. Bitte verschwenden Sie nicht anderweitig Ihr Talent, wenn Sie zu jonglieren vermögen mit dem Handwerkszeug der Sprache! – Irgendjemand stichelte hier mal, ob Sie denn Geld bekämen für Artikel. Meine Meinung: Ich hoffe, dass Sie das tun! Denn wenn jemand gut ist, hat er das verdient. Man braucht nicht zu beteuern, das sei für lau. Und man braucht sich nicht zu entschuldigen, wenn es nicht so wäre. Frei lesen war gestern – wie man auf jedwedem Portal sieht, wo Löhne gezahlt werden müssen und Technik bereitgestellt werden muss.

    1. Vielen Dank für Ihre Rückmeldung. Es tut mir leid, dass Sie hier offenbar nicht die erhofften Themen vorfinden. Vielleicht könnten Sie „was Neues“ präzisieren, damit ich überlegen kann, ob ich Ihren Wünschen ggf. entsprechen kann? Mehr Beiträge über Fern- statt Nahziele? Mehr Kultur statt Natur? Sollte es um Fernziele gehen, muss ich Sie allerdings schon jetzt enttäuschen: Aus mehreren Gründen kommt es für mich nicht mehr infrage, andauernd um den Planeten zu jetten.
      Was den Nationalpark Hainich betrifft, so möchte ich klarstellen: Er ist eine Erscheinung und eine ausführliche Berichterstattung in Wort und Bild allemal wert – ganz gleich, ob man das Märchen-Marketing gutheißt oder nicht. Im Übrigen sind lediglich zwei der vorgestellten Stationen explizit für Kinder konzipiert (Wichtelwald und Reich des Fagati). Alle anderen acht Stationen lassen sich auf verschiedenen Ebenen erleben und richten sich an alle Menschen, die sich für Umwelt/Natur interessieren.
      Zur Verschwendung von Talent: Das müssen Sie schon mir überlassen, an welcher Stelle in unserer Gesellschaft ich meine Arbeitskraft einsetzen möchte. Es gibt meines Erachtens durchaus wichtigere und sinnstiftendere Aufgaben, als den (weltweiten) Tourismus anzukurbeln.
      Und zuletzt: Ich finde es in Ordnung, wenn jemand wissen möchte, wer meine Reisen bezahlt. Gerade im Bereich des Reisejournalismus ist die Frage nach der Unabhängigkeit berechtigt. Denn welcher Verlag kann seinen Mitarbeitenden schon ständig Luxusreisen ans Ende der Welt finanzieren. In der Regel erfolgen die Reisen auf Einladung von Akteur:innen aus der touristischen Wertschöpfungskette, und das kann man dann ruhig auch entsprechend kennzeichnen.

      1. PS: Ausgesprochen spannend in Sachen Tourismus und dessen organisatorische Hintergründe / Akteure wären auch Hintergrundanalysen. Ohne Frage brisant, da man sich geschaffene Netzwerkstrukturen schnell zerschneiden kann. Da darf man wahrscheinlich nur mit gesicherter Rückendeckung arbeiten. Warum ich gerade darauf komme? Las eben einen Artikel über den Dehoga-Präsidenten Mecklenburg-Vorpommerns und dessen im massenmedialen Betrieb kategorisch gestellten Aussagen, wie bestimmtes Wahlverhalten der Bürger die Tourismus-Entwicklung des Bundeslandes beeinflusse. Problematisch an der Geschichte: Der Landespräsident sei gleichzeitig selbst in einer Partei politisch aktiv, folge in seinem Handeln mithin einer bestimmten Agenda, im Wettbewerb um Wählerstimmen.
        Der Tourismus-Verband des Bundeslandes dementiere übrigens die Aussagen des Landes-Dehoga-Chefs.

      2. Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass Reisejournalismus grundsätzlich auch wirtschaftliche/politische Themen bearbeiten sollte und diese selbstverständlich spannend sein können. Allerdings kann ich die dafür notwendigen Recherchen im Rahmen dieser unentgeltlich nebenbei betriebenen Website zeitlich leider nicht leisten. Ihrem Wunsch nach Berichten über alte Gemäuer werde ich allenfalls gelegentlich nachkommen können, da meine Interessen etwas anders gelagert sind. Es gibt aber sicherlich gute Kultur-/Architektur-Blogs, die Ihren Vorlieben mehr entsprechen.

  2. Gerne Nahziele. Gern alte Gemäuer diversen Alters, diverser Machart, ganz gleich, ob intakt oder Ruine. Kombi Natur-Kultur! Der Wechsel bringt die Spannung, m.M.nach. Bzgl. des weltweiten Tourismus darf ich zustimmen. Danke für freundliche Antwort. Und sorry, ja, wie und ob eigenes Talent umgesetzt wird, obliegt jedem selbst.

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