Europa, Frankreich, Reportagen

Frontalangriff auf die Sinne und das Portemonnaie


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L’Isle-sur-la-Sorgue scheint auf den ersten Blick nicht mehr und nicht weniger zu sein als ein hübsches und harmloses Provence-Städtchen – mit Häuserfassaden in Ockertönen, lavendellila gestrichenen Fensterläden und Cafés unter Platanen. Doch wenn Markt ist, verwandeln sich die Gassen in eine gnadenlose Verführung zum Schlemmen und Shoppen.

Mit tänzerischer Leichtigkeit balanciert der junge Kellner große Teller mit Frittiertem, Paniertem und Salat durch den nicht abreißenden Passantenstrom hinüber zu den Tischen am Ufer der Sorgue, manövriert Tabletts mit Café Crème, Pastis und Wein im Slalom um tütenbeladene Touristen herum und bugsiert Geschirrberge gelassen vorbei an Kombis und Kleintransportern, die sich den Quai Jean Jaurès heraufzwängen und dabei nur um Haaresbreite nicht die Tische der Cafés und die Stände touchieren, auf denen sich Aprikosen, Melonen, Oliven, Strohhüte und Lavendelbündel türmen. Wer am Sonntagvormittag im Grand Café de la Sorgue bedient, muss über akrobatisches Geschick und buddhistischen Gleichmut verfügen, um nicht unverzüglich wahnsinnig zu werden. Denn dann ist Markt in L’Isle-sur-la-Sorgue und in der Altstadt die Hölle los. Scharenweise taumeln die Besucher in diesen Stunden durch die kopfsteingepflasterten Gassen und über die blumengeschmückten Brücken des knapp 20.000 Einwohner zählenden Städtchens südostlich von Avignon – betört von den Wohlgerüchen der Gewürze, Öle und Seifen, verzaubert von den Farben der Blumen, Fayence-Keramiken, Sommerkleider und Baumwollstoffe mit Oliven-, Sonnenblumen- und Zikadenmotiven, verführt von den Kostproben, die alle paar Meter an den Auslagen der mehr als 250 Händler rund um die Place de la Liberté locken: Käsehäppchen, Hartwurstscheibchen, Schinkenstreifen, Nougatwürfel, Schokoladenstückchen.

Schon nach wenigen Metern durch dieses Schlaraffenland provenzalischer Spezialitäten wird die Ahnung zur Gewissheit: Der Sonntagsmarkt von L’Isle-sur-la-Sorgue ist ein Frontalangriff auf die Sinne und den Geldbeutel, eine gnadenlose Verleitung zum Shoppen und Schlemmen, eine teuflische Anstiftung zur Maßlosigkeit. Ständig duftet irgendetwas – Brathähnchen, Paella-Pfannen und Oliven mit allen erdenklichen Marinaden und Füllungen. Und andauernd reizen Rabatte zum Großeinkauf: fünf Salamis für zehn Euro, sieben Seifen für zehn Euro, zehn Lavendelsäckchen für zehn Euro. Nur die Besinnung auf die begrenzten Kofferkapazitäten bewahrt jetzt noch davor, sich nicht niederen Sammel- und Schnäppchenjägertrieben hinzugeben und einem hemmungslosen Kaufrausch zu frönen.

Längst umfasst das Sortiment regionaler Produkte nicht nur Traditionelles wie das weiße Mandelnougat aus Montélimar, die orangefleischigen Melonen aus Cavaillon, sämiges, sattgoldenes Olivenöl aus Nyons, Honig, Töpferwaren und wunderschön gemaserte Schalen aus Olivenholz, sondern auch allerlei Experimentelles. Auberginenkaviar, schlumpfblauer Lavendelkäse, Seifen in allen Farben des Regenbogens mit Duftnoten wie Lotus, Monoi und Pastis nebst Tapenaden, Pistounaden und Marmeladen in den kühnsten Kräuterfrüchtekompositionen bestätigen die Erkenntnis, dass es nichts gibt, was es nicht gibt, aufs Fantasievollste.

Angesichts dieser massiven Verlockungen sollte man es dennoch nicht versäumen, den Blick immer mal wieder auch über die Marktschirme hinweg schweifen zu lassen. Mittelalterliche Häuserzeilen um den Tour d’Argent, den die Grafen von Toulouse im 13. Jahrhundert errichten ließen, gotische und barocke Baukunst, Renaissance-Fassaden und klassizistische Stadthäuser künden von einer langen Geschichte und einigem Wohlstand des Ortes. Ungefähr in der Mitte der birnenförmigen Altstadt steht die Stiftskirche Notre-Dame-des-Anges, ein besonders opulentes Exemplar südfranzösischen Barocks mit monduhrgeschmückter Fassade im Jesuitenstil, Kreuzbogengewölbe, Kapellen und Emporen, dazu ringsum Wandgemälde, 220 Engelsfiguren und zwölf Bögen mit 24 Holzstatuen, die Barmherzigkeit, Frieden, Hoffnung, Gerechtigkeit und vieles mehr symbolisieren.

Der Bauernmarkt von L’Isle-sur-la-Sorgue zählt zu den ältesten der Provence. Bis ins 12. Jahrhundert reichen die Dokumentationen der Handelsaktivitäten zurück. Damals war der Ort ein kleines Fischerdorf, das auf einem durch Kanäle nach und nach trockengelegten Sumpfgebiet erbaut worden war. Straßennamen wie Rue de l’Anguille (Aal), Rue de l’Ecrevisse (Flusskrebs) und Rue de la Truite (Forelle) erinnern heute noch an diese Zeit. Später machte man sich die natürliche Energie des Flusses zunutze, um Getreide- und Ölmühlen, Papier-, Leinen- und Seidenfabriken zu betreiben. Im 19. Jahrhundert drehten sich an den Armen und Ärmchen der Sorgue mehr als 60 Wasserräder. Ein Großteil der Erzeugnisse der Mühlen und Werkstätten wurde zur geistlichen Obrigkeit nach Avignon verfrachtet, denn bis zur Französischen Revolution befand sich L’Isle-sur-la-Sorgue wie die umliegende Grafschaft Venaissin zwischen Mont Ventoux und den Monts des Vaucluse in päpstlichem Besitz. Heute dienen die Schaufelräder in L’Isle-sur-la-Sorgue lediglich noch der Dekoration. Ein vom Office de Tourisme empfohlener Rundgang führt vorbei an 15 Mühlrädern – jahrhundertealte Riesen mit dichten Moospelzen, von denen ein feiner Sprühregen ausgeht, der an Hochsommertagen herrlich erfrischend ist.

Eine andere Möglichkeit der Abkühlung in dem von Marketing-Strategen auch als „Venedig der Provence“ titulierten Städtchens sind natürlich die Kanäle. An diesem Juli-Tag sitzen am Kai erschöpfte Marktbesucher dicht an dicht und halten die vom Einkaufsmarathon qualmenden Füße in den Fluss, der von der Quelle bei Fontaine-de-Vaucluse erst wenige Kilometer hinter sich hat und sowohl glasklar als auch eiskalt ist. Aus dem Jardin Public klingt Akkordeonmusik herüber. Jedes Jahr am ersten Sonntag im August wird an dieser Stelle auf der Sorgue ein schwimmender Markt abgehalten. Die Idee für den „Marché Flottant“ hatte in den 1960er Jahren der damalige stellvertretende Bürgermeister René Légier nach einem Besuch in Bangkok. Für das Spektakel kostümieren sich die Händler mit Trachten und gondeln in traditionellen „Nego-Chin“ hin und her – Barken mit flachem Boden, die sich auch für das Fahren und Fischen in seichten Gewässern und Sümpfen eignen. Auf Zuruf staken die Verkäufer mit ihren Produkten ans Ufer: Blumensträuße, Obst, Gemüse, Brot, Käse, Wein.

Gleich hinter den öffentlichen Gärten beginnt das Reich der Antiquitätenhändler. Es erstreckt sich von der Avenue des Quatre Otages über die Avenue de la Libération bis zum Bahnhof. Manche der Verkäufer präsentieren ihre Waren in wildem Durcheinander am Straßenrand – Schränke, ganze Sitzgruppen, Spiegel und Gemälde, Schmuck, Silberbesteck, Porzellan und sonstigen Tand. Andere Anbieter haben sich in den Villen und Werkstätten des ehemaligen Seidenweber- und Papiergewerbes einquartiert und in permanenten Trödelkaufhäusern komplette Musterzimmer wie bei Ikea arrangiert. L’Isle-sur-la-Sorgue ist nämlich nicht nur ein Paradies für Fans von Provence-Produkten, sondern auch der Himmel auf Erden für Shabby-Chic-Liebhaber – also jenes Einrichtungsstils, bei dem Mobiliar mit erkennbaren Gebrauchsspuren unbedingt erwünscht ist. Ein paar Kratzer hier oder etwas abgeplatzter Lack dort mindern den Wert eines Wohnaccessoires nach diesem Konzept nicht, sondern werten es im Gegenteil sogar noch auf. Das wissen auch die Händler und verlangen teils ambitionierte Preise für einen angerissenen Lampenschirm, einen abgewetzten Lederkoffer, einen durchgesessenen Ohrensessel. Doch nicht alles, was sich an den Straßenständen und in den Boutiquen der Antiquitätendörfer findet, sind echt gealterte Einzelstücke. Dazwischen stehen auch die verschnörkelten Metallstühle mit abgeblättertem Anstrich und die krummen Kommoden, die man seriell auf verschlissen getrimmt hat. Und es gibt die sorgsam gepflegten Schätze, auf deren Alter nur das Barock- oder Empire-Design hindeutet.

Kitsch und Kunst, Ramsch und Raritäten, sperrmüllreifer Schrott und seltene Sammlerstücke: Das alles hält der nach Paris wichtigste Trödel- und Antiquitätenumschlagplatz Frankreichs bereit. Etwa 300 eingemietete und fliegende Händler sind an Sonntagen in L’Isle-sur-la-Sorgue vertreten. Bei der zweimal jährlich zu Ostern und Mitte August stattfindenden Antiquitätenmesse werden es jeweils noch einige hundert Anbieter mehr. Wer nun zu dem Schluss gelangt, dass es klüger wäre, gleich mit einem Möbeltransporter in diese gigantische Fundgrube für Provence-Spezialitäten und antike Kostbarkeiten anzurücken, dem sei von diesem Plan abgeraten. An Markt- und Messetagen ist die Parkplatzsituation in L’Isle-sur-la-Sorgue der Horror und man kann es als großen Glücksfall betrachten, zu den Stoßzeiten noch eine Lücke für den Kleinklassemietwagen zu entdecken. Diejenigen, die sich nicht zur Spezies der Schnäppchenjäger, Shopping Queens oder passionierten Flohmarktwühlmäuse zählen, sollten die Kleinstadt ohnehin besser zu einem anderen Zeitpunkt besuchen: unter der Woche in den Abendstunden, wenn in den Bistros und Restaurants an der Sorgue nur Normalbetrieb herrscht und die Brücken und Kanäle ihr volles romantisches Antlitz entfalten.

SCHLEMMEN, SHOPPEN, SCHAUFELRÄDER
Das Fremdenverkehrsamt von L’Isle-sur-la-Sorgue gibt auf seiner Website www.oti-delasorgue.de Tipps zum Einkaufen, Essen und Trinken. Zudem lässt sich kostenloses Informationsmaterial herunterladen, darunter auch ein Plan für den „Rundgang der Schaufelräder“. Eine Übersicht über die permanenten Antiquitätenkaufhäuser ist hier zu finden. Am größten ist das Village des Antiquaires de la Gare mit 100 Ausstellern auf 3.000 Quadratmetern in der Nähe des Bahnhofs, ein besonders schönes Ambiente bietet das Antiquitätendorf Dongier Antiquites in einem ehemaligen Hotel mit lauschigem Innenhof.

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