Wenn eine Destination mit einem Namen ausgestattet ist, der an eine Körperregion statt an einen kultigen Hotspot denken lässt, dann sind das keine optimalen Voraussetzungen für den knallharten Wettbewerb im Städtetourismus. Doch das Gute daran ist: Wer geringe Erwartungen im Gepäck hat, wird von Darmstadt in vielerlei Hinsicht aufs Angenehmste überrascht. Porträt einer unterschätzten Stadt.
Straßenbahn von rechts, Bus von links, Fahrrad von vorne, Fußgänger von hinten, Tauben von oben: Zu Stoßzeiten herrscht auf dem Luisenplatz in Darmstadt ein Gewimmel, dessen Format eher zu einer Millionenmetropole als zu einer knapp 170.000 Einwohner zählenden Stadt passt. Der Luisenplatz befindet sich im geografischen Herzen von Darmstadt und ist ein Synonym für Verkehrschaos. Alle, die in der 17 Kilometer langen und 15 Kilometer breiten hessischen Stadt von Norden nach Süden oder von Westen nach Osten müssen und nicht einen Umweg in Kauf nehmen möchten, zwängen sich hier irgendwie durch. Bevor der Autoverkehr mit der Eröffnung des City-Tunnels 1977 in den Untergrund verbannt wurde, dürfte das Durcheinander an dem Knotenpunkt noch drastischer gewesen sein.
Wenn man auf dem Luisenplatz steht und den Blick über die Menschenmenge und die nichtssagende Nachkriegsarchitektur ringsherum schweifen lässt, findet man sich voll und ganz darin bestätigt, warum man an Darmstadt keine großen Erwartungen hatte. Es bedarf schon einer Menge Fantasie, um sich vorzustellen, wie der Parade- und Flanierplatz der früheren Residenzstadt einmal beschaffen war: gesäumt von einem schmückenden Band aus klassizistischen und barocken Prachtbauten statt zweckorientierter Konstruktionen aus Stahlbeton und Glas, dazwischen Bäume und Grünflächen statt Karawanen aus Bussen und Bahnen. In der Brandnacht am 11./12. September 1944 wurde die gesamte Bebauung des zu jener Zeit in Adolf-Hitler-Platz umbenannten Luisenplatzes zerstört. Lediglich das 39 Meter hohe Ludwigsmonument in der Mitte blieb wie durch ein Wunder stehen. Auf der Sandsteinsäule thront seit 1844 eine Bronzestatue des Großherzogs Ludwig I. von Hessen-Darmstadt, dessen Ehefrau Luise dem Platz seinen Namen gab.
Doch die gute Nachricht ist: Wenn man auf dem Luisenplatz gewesen ist, hat man die ungemütlichste Stelle von Darmstadt bereits hinter sich – das Bahnhofsviertel, die Hochhausbezirke und die Industriegebiete einmal ausgeklammert, allerdings betören jene Areale auch in anderen Städten selten mit einem anmutigen Ambiente. Und dass die Einkaufszone das überraschungsfreie Ketteneinerlei mittelgroßer deutscher Städte bereithält, sollte man gleichermaßen nicht negativ verbuchen, sondern als Standard.





Darmstadt. Was hatte man sich denn konkret vorgestellt unter dieser im Süden der Metropolregion Rhein-Main zwischen den Naturräumen Untermainebene, Odenwald, Bergstraße und Hessisches Ried gelegenen Stadt, die deutschlandweit größenmäßig auf Platz 51 rangiert, mit rund 5.800 Hotelbetten, 376.000 Gästen und 781.000 Übernachtungen jährlich keine große Nummer im Städtetourismus darstellt, als Zentrum des Jugendstils bekannt ist, aber auch für ihre massive Zerstörung im Zweiten Weltkrieg, nicht mit einem weltberühmten Wahrzeichen auftrumpfen kann und keinen verheißungsvollen Beinamen besitzt, der die Sehnsucht nach Ästhetik, Savoir-vivre oder Mondänität bedient – man denke etwa an Berlin („Spree-Athen“), Hamburg („Tor zur Welt“), Leipzig („Klein-Paris“), Dresden („Elbflorenz“) oder Wiesbaden („Nizza des Nordens“)? Auf jeden Fall hatte man bei der Destination, die man unweigerlich mit dem menschlichen Verdauungstrakt assoziiert und nicht mit einem hippen Must-see-Reiseziel oder einer irgendwie erstrebenswerten Wahlheimat, an nichts Besonderes, nichts Bezauberndes, nichts Berauschendes gedacht.
Bestenfalls hatte man sich von Darmstadt als einstiger Jugendstilhochburg einige Glanzstücke dieser Kunstbewegung erhofft – und vielleicht etwas von der Atmosphäre und dem Innovationsgeist, wie er für Universitäts- und High-Tech-Städte kennzeichnend ist. Denn aufgrund der breitgefächerten Hochschullandschaft mit fast 50.000 Studierenden, etlicher bedeutender Forschungseinrichtungen und namhafter Unternehmen der IT-, Kommunikations- und Pharmabranche darf sich Darmstadt seit 1997 mit dem Titel „Wissenschaftsstadt“ schmücken. Das Europäische Raumflugkontrollzentrum ESA/ESOC ist in der Stadt vertreten, ebenso das GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Deutsche Telekom, die Software AG und der Chemieriese Merck. In der Darmstädter Forschungslandschaft wurde die Funkuhr ausgetüftelt, Plexiglas erfunden, Flüssigkristall für Smartphones und Laptops entwickelt und 1994 das chemische Element Darmstadtium entdeckt, das im Periodensystem die Ordnungszahl 110 trägt.
Doch zurück zum Ausgangspunkt auf dem Luisenplatz. Wenn man also dem „Langen Lui“ den Rücken zukehrt, wie das Ludwigsdenkmal von den Einheimischen auch bezeichnet wird, und sich in den neun Stadtteilen von Darmstadt auf die Suche nach angenehmeren Aufenthaltsorten begibt, wird man früher oder später in jeder Himmelsrichtung fündig. Verlässt man den kreuzförmigen Platz an der nördlichen Stirnseite – dort, wo das rekonstruierte Kollegiengebäude im spätbarocken Stil steht, in dem einmal der Großherzog regierte und heute das Regierungspräsidium untergebracht ist –, gelangt man sogleich zum Herrngarten. Der größte und älteste Park Darmstadts entstand im 16. Jahrhundert durch die Verschmelzung mehrerer Gärten, wurde ab 1766 auf Geheiß von Landgräfin Caroline nach englischem Vorbild umgestaltet, 1811 von Ludwig I. für die Bevölkerung geöffnet, um 1918 in eine städtische Grünanlage abgewandelt, im Zweiten Weltkrieg zerstört und hernach zu einem Volkspark mit allem Drum und Dran wieder aufgebaut: schattenspendende Baumgruppen aus Platanen, Eichen und Linden, gewundene Wege und ausgedehnte Rasenflächen zum Picknicken, Flanieren, Sporttreiben, Händchenhalten und Nichtstun, ein Teich, Spielplätze, Denkmäler und ein Gartencafé mit Musikpavillon – alles da in dem zwölf Hektar umfassenden Herrngarten. Im Nordosten grenzt der Prinz-Georg-Garten an, eine im Rokoko-Stil gestaltete Anlage mit Porzellanschlösschen, Gartenhaus und akkurat arrangierten Blumen- und Gemüsebeeten.
Das ist aber längst nicht alles, was Darmstadt an grünen Oasen zu bieten hat. Knapp die Hälfte des rund 12.000 Hektar großen Stadtgebiets ist mit Wald und Parks bedeckt. Hinter dem Herrngarten kommt noch der weitläufige Bürgerpark Nord mit seiner Kombination aus Landschaftspark und Freizeitsportanlagen. Im Osten befinden sich das Woogsviertel mit dem gleichnamigen Badesee, der Botanische Garten und der Park Rosenhöhe mit einem mehr als 200 Rosenarten zählenden Rosarium, Obstwiesen und exotischen Gewächsen wie Riesenmammutbäumen. Im Südosten liegt der Landschaftspark Lichtwiese, durch den ein renaturiertes Teilstück des Darmbachs fließt. Darmbach? Ist das Gewässer etwa für die marketingtechnisch eher schwierig zu verwertende Benennung der Stadt verantwortlich? Nein, wohl nicht. Von den vielen Spekulationen, die sich um die Herkunft des Stadtnamens ranken, ist diese eine der unwahrscheinlicheren. Für die dörfliche Siedlung, die Darmstadt ursprünglich war, tauchte bereits im 11. Jahrhundert die Bezeichnung „darmundestat“ auf. Der Fluss erhielt seinen Namen allerdings erst deutlich später. Die Stadt selbst favorisiert die Erklärung, dass Darmstadt einmal die „Wohnstätte des Darimund“ war und begründet dies mit dem häufigen Vorkommen der Endung „-stat“ in Verbindung mit Personennamen.






Noch etwas weiter südöstlich der Lichtwiese erstreckt sich der Stadtwald mit dem Herrgottsberg, dem Goethe-Teich, dem Internationalen Waldkunstpfad und der Ludwigshöhe. Im Süden locken der Prinz-Emil-Garten mit Romantik verbreitenden Elementen wie einem Gartenpalais, chinesischem Pavillon und Seerosenteich und dahinter im Stadtteil Bessungen der barocke Orangerie-Park mit seiner bestechenden Eleganz aus streng symmetrisch arrangierten Blumenbeeten, Baumalleen, Bassins, Fontänen und Südfrüchtekübeln. Und im Westen verläuft wie ein grüner Kanal die Albert-Schweitzer-Anlage – ein zwar nur 40 Meter breiter, aber dafür 700 Meter langer Grünstreifen mit Ludwigstempel und Bänken. Bei derart vielen Erholungsorten inmitten der Stadt fällt erst an stickigen Sommertagen ins Gewicht, dass Darmstadt nicht – wie die meisten anderen deutschen Städte dieser Größenordnung – mit dem Frischeeffekt eines großen Flusses aufwarten kann.






Noch einmal zurück zum Luisenplatz. Wenn man das Denkmal des 1803 in Darmstadt geborenen Chemikers Justus von Liebig passiert und weiter in östliche Richtung spaziert, erblickt man zur Linken den Friedensplatz mit dem Reiterdenkmal für Großherzog Ludwig IV. und dahinter den Karolinenplatz mit dem monumentalen Landesmuseum, streift den Ernst-Ludwig-Platz mit dem knapp 40 Meter hohen Weißen Turm, der ursprünglich ein Eckturm der mittelalterlichen Stadtbefestigung war, und erreicht gleich darauf den Marktplatz mit seinen geradezu hauptstädtischen Ausmaßen. Lässt man sich in einem der Cafés nieder, hat man Blick auf das barocke Residenzschloss, das alte Rathaus im Renaissance-Stil, die Jugendstilfassade des Traditionsmodehauses Henschel und den Marktbrunnen. Echt alt ist fast nichts von alledem, denn auch auf dem Marktplatz lag die ganze Randbebauung nach der Brandnacht in Schutt und Asche. Einzig die klassizistische Brunnenanlage in der Mitte blieb unversehrt.
Bereits seit dem Jahr 1330 werden auf dem Darmstädter Marktplatz Wochen- und Jahrmärkte abgehalten. Heute finden auf dem verkehrsfreien Gelände das ganze Jahr über Feste statt. Denn in der Wissenschaftsstadt geht es nicht nur ernst, theoretisch und akademisch zu, sondern auch ausgelassen, bodenständig und volksnah. All jene, die mit Lehre und Forschung nichts am Hut haben, müssen sich also in Darmstadt keineswegs langweilen oder gar ausgeschlossen fühlen. Eine Fülle von Einrichtungen und Veranstaltungen konzentrieren sich ganz und gar auf die Aktivierung genussorientierter Daseinsfreude von Schlemmen bis Schwofen – Wirtshäuser, Kneipen, Bars und Nachtclubs von traditionell bis trendig sowie Vergnügungs-, Musik- und Jahreszeitenfeste wie das Schlossgrabenfest, das Weinfest, der Weihnachtsmarkt und natürlich das Heinerfest, das 1951 als „Triumph des Lebenswillens und der Lebensfreude über die Tristesse der Nachkriegsjahre“ ins Leben gerufen wurde und sich seitdem zu einem fünf Tage währenden Ausnahmezustand mit 250 Schaustellern und 700.000 Besuchern ausgeweitet hat. Der Name des Events rührt vom Spitznamen „Heiner“ für die Darmstädter Bevölkerung. Für Außenstehende weniger aufregend, aber der Vollständigkeit halber zu erwähnen ist das ganze Spektakel um den Fußball-Zweitligisten SV Darmstadt 98, der in Anlehnung an das Stadtwappen ein blauweißes Lilienlogo trägt und von seinen Anhängern liebevoll „die Lilien“ genannt wird. Ob Sieg, Niederlage oder Unentschieden – irgendetwas gibt es immer inbrünstig zu zelebrieren.
Begibt man sich vom Marktplatz noch weiter nach Osten, dann taucht rechts vom Schlossgraben das Wissenschafts- und Kongresszentrum Darmstadtium auf, das mit seinen schrägen, spitz zulaufenden Glas- und Betonflächen wie eine Kreuzung aus Bergkristall und Raumschiff anmutet, und schräg gegenüber ein sonnengelbes, säulenprotalgeschmücktes Gebäude, das einstmals das Hoftheater der Großherzöge war und inzwischen das Hessische Staatsarchiv beherbergt.








Nach einem kurzen Anstieg erreicht man den kulturellen Höhepunkt von Darmstadt: die 2021 zum Unesco-Welterbe gekürte und auch als „Stadtkrone“ titulierte Mathildenhöhe. Kennt man den Hintergrund des Gebäude- und Parkensembles nicht, wirkt die ganze Konstellation erst einmal etwas rätselhaft. Als erstes verfängt sich der Blick an dem 48 Meter hohen Hochzeitsturm aus dunklen Klinkern, der mit seiner fünfzinnigen Haube wie eine ausgestreckte Hand in den Himmel ragt. Drumherum gruppieren sich ein großer Platanenhain, eine Russische Kapelle mit goldenen Zwiebeltürmen, museumsartige Gebäude, Wohn- und Gartenhäuser, Pavillons, Skulpturen, Reliefs, Brunnen und Wasserbecken mit floralen bis theatralischen Ornamenten.
Die Geschichte dieses eigenwilligen Gesamtkunstwerks begann um 1800, als sich die Großherzöge von Hessen-Darmstadt einen Hofgarten im englischen Stil anlegen ließen. Im Jahr 1899 gründete Großherzog Ernst Ludwig auf der Mathildenhöhe eine Künstlerkolonie und läutete damit den Aufschwung des Ortes zu einem der wichtigsten Zentren moderner Kunst und Architektur in Europa ein. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges gestalteten auf der Mathildenhöhe mehr als 20 Kunstschaffende ein unvergleichliches Jugendstilensemble aus Gebäuden, Gärten, Innenarchitektur und Design – und legten den Grundstein für das, was später das Bauhaus perfektionierte. Der extravagante Ziegelsteinturm, der 1908 anlässlich der Vermählung von Großherzog Ernst Ludwig und Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich errichtet wurde, verweist mit seiner materialbetonten Außenhaut, den über die Ecke geführten Fensterbändern und dem zinnenartigen Abschluss bereits auf die Zeit des Expressionismus: weg von allem Reproduzierenden, Historisierenden, hin zu einer neuen Formensprache. Zeitgleich mit dem Fünffingerturm, wie die Konstruktion des österreichischen Architekten Joseph Maria Olbrich wegen ihrer Silhouette auch heißt, wurde das angrenzende Ausstellungsgebäude eröffnet. Heute ist das frisch sanierte Bauwerk Schauplatz wechselnder Ausstellungen zu Kunst und Kultur um 1900 und zu internationaler Gegenwartskunst. Der Hochzeitsturm fungiert konsequenterweise als Außenstelle des Darmstädter Standesamts. Wenn nicht gerade eine Trauung stattfindet, lässt sich der Turm besteigen. Und was hat es mit der russischen Kirche auf sich, die sich zwischen alledem etwas fremdkörperhaft ausnimmt? Sie wurde für Zar Nikolaus II. von Russland gebaut, der mit Ernst Ludwigs jüngster Schwester Alexandra verheiratet war und auf Reisen in die Heimat seiner Gemahlin nicht auf ein eigenes Gotteshaus verzichten wollte.
Hinweise auf die kreative Blütezeit Darmstadts als Wiege des Jugendstils findet man auch noch anderswo – zum Beispiel im Martinsviertel, im Johannesviertel oder im Stadtteil Bessungen, wo sich zwischen Gründerzeit- und Nachkriegsbauten immer wieder vereinzelte Fassaden mit der typischen Komposition aus minimalistischen und verspielten Elementen entdecken lassen; oder im Jugendstilbad, wie schon der Name des städtischen Schwimmbades eindeutig besagt; oder am 1912 erbauten Darmstädter Hauptbahnhof, an dessen Gestaltung mehrere Künstler der Mathildenhöhe beteiligt waren; oder im Hessischen Landesmuseum, das der kunstgeschichtlichen Epoche eine ganze Abteilung mit mehr als 400 Objekten aus Europa und den USA widmet. Gläser, Keramiken, Möbel, Textilien und Schmiedearbeiten kann man hier bewundern. Und ja, auch im Getümmel auf dem Luisenplatz lassen sich Jugendstilspuren sichten: zwei von Olbrich entworfene Brunnenschalen.






Wendet man sich vom Luisenplatz in Richtung Süden, also dorthin, wo sich einst die Stadtresidenz der hessischen Landgrafen befand und neben neben der Touristeninformation der Darmstadt Marketing GmbH seit den 1970er Jahren das Luisencenter zu wetterunabhängigem Shoppingspaß auf mehreren Etagen einlädt, dann steht man – wenn man nicht noch durch die Einkaufszone über den Ludwigsplatz mäandert oder sich um das Kulturzentrum Centralstation in eines der Bistros setzt – nach etwa 500 Metern vor einem zehn Meter hohen Obelisken zu Ehren der Großherzogin Alice, die sich im 18. Jahrhundert für die öffentliche Gesundheitspflege einsetzte. Gleich rechts davon befindet sich das aus Weißbeton modellierte Staatstheater, dessen langgestreckter Vorplatz mit Stufenanlage und pilzartigen Säulen einen Hauch von Weltstadt verströmt. Hinterdem Alice-Denkmal wölbt sich die Kuppel der katholischen Hauptkirche St. Ludwig, für die das Pantheon in Rom als Inspiration diente. Architektonisch attraktiv oder schlicht hübsch anzusehen sind in Darmstadt auch die Stadtkirche im spätgotischen Stil, die neugotische Johanneskirche am kleinen, aber feinen Johannesplatz, und die Pauluskirche, deren Reformarchitektur traditionelle Elemente aus romanischem und gotischem Kirchenbau mit mittelalterlicher Burgenarchitektur vereint und sich als ein Gesamtensemble mit spielerisch-modernem Gepräge präsentiert.





Und was hat Darmstadt sonst noch für Baukunstinteressierte zu bieten? Mehr Vielfalt, als man vielleicht denken mag: Gründerzeitbauten im Johannes- und Martinsviertel, Villen im Komponistenviertel, Fachwerkbauten in Alt-Bessungen und Eberstadt – und im Bürgerparkviertel mit der „Waldspirale“ einen unikalen Wohnkomplex von Friedensreich Hundertwasser. Zwischen Mietskästen und Discounter-Markt gelegen, wirkt das in erdigen Farben gehaltene Bauwerk mit seinen orientalisch anmutenden Zwiebeltürmen, den bunten Keramiksäulen und dem wie ein Waldweg gestalteten Dach besonders exotisch. Das Gebäude, das aus der Erde herauszuwachsen scheint und von zwei auf zwölf Stockwerke ansteigt, hat 105 Wohnungen und mehr als 1.000 unterschiedliche Fenster. „Es ist ein Haus für die Natur und die Träume des Menschen, ein Beispiel zur Mehrung der Natur in der Stadt“, sagte Hundertwasser über sein letztes Werk. Es wurde erst kurz nach dem Tod des Wiener Künstlers im Jahr 2000 fertiggestellt.





Noch ein letztes Mal zurück zum Luisenplatz. Biegt man in die Richtung Westen verlaufende Rheinstraße ein, dann dauert es etwas länger bis zur nächsten sehenswerten Station. Über die von fantasielosen Betonblöcken flankierte Einfallsschneise, die noch einmal mit aller Rücksichtslosigkeit vor Augen führt, dass die Darmstädter Alt- und Innenstadt im Weltkrieg zu 99 Prozent zerstört und mäßig schön wieder aufgebaut wurde, erreicht man zunächst den Hauptbahnhof. Die Jugendstildeko ändert nichts daran, dass der Komplex ein zugiger Durchgangsbahnhof ist, der täglich rund 40.000 Durchreisende und 220 Züge verkraften muss. Kein Ort also, an dem man gerne endlos lustwandelt. Hinter dem Bahnhof beginnt das Europaviertel mit seinem modernen Büropark und dem Technologie- und Innovationszentrum. Quader aus Glas und Beton sind in jenem Bezirk dominierend.
Wer sich für diese Art von Architektur nicht begeistern kann, sollte besser gleich bis zum riesigen Waldfriedhof am Stadtrand weiterfahren. Mit einer Fläche von rund 33 Hektar ist der 1914 eröffnete Friedhof der größte von Darmstadt. Am Haupteingang wird man von einem hufeisenförmigen Gebäudeensemble im Stil des Traditionalismus empfangen, das mit Portalen, Säulengang, Kuppelbauten, Kaffeehaus und Springbrunnen in der Mitte eher an eine Einrichtung zum Verlustieren als an eine Ruhestätte denken lässt. Der schnurgerade Hauptweg führt einmal komplett durch die 650 Meter lange, von hohen Nadelbäumen bestandene Anlage. Ein Mahnmal aus drei liegenden Figuren erinnert an die 12.000 Opfer der Brandnacht, die an diesem Ort in einem Massengrab ruhen. Mit seiner kontemplativen Stimmung wirkt der Waldfriedhof wie eine eigene Welt und bietet einen wohltuenden Kontrast zur Rastlosigkeit der Stadt.
Und nun? Hat man für den Darmstadt-Besuch mehr Zeit mitgebracht, sind auch in der Peripherie einige Ziele zu empfehlen: im Norden zum Beispiel das Jagdschloss Kranichstein, in das sich einst die Landgrafen und Großherzöge zur Sommerfrische begaben. Heute bietet die dreiflügelige Renaissanceanlage ein Jagdmuseum, das interaktive Naturmuseum bioversum, Schlosspark, Fasanerie, Hotel und Café; oder im Nordosten das Oberwaldhaus, ein im ehemaligen landgräflichen Wald rund um den Steinbrücker Teich gelegenes Naherholungsgebiet mit Freizeitangeboten wie Bootfahren, Minigolf, Ponyreiten und Abenteuerspielplatz; oder im Südosten das Vivarium, ein seit 1965 bestehender vier Hektar großer Zoo mit mehr als 150 Tierarten; oder im Süden die mythenumrankte Burg Frankenstein, die sich seit dem Mittelalter auf dem nördlichsten Ausläufer des Odenwaldes über dem Stadtteil Eberstadt erhebt und jedes Jahr im Herbst zur Halloween-Hochburg mutiert.








Wie kann es angesichts all dessen sein, dass Darmstadt selten auf der Liste mit jenen Reisezielen steht, die man in seinem Leben unbedingt einmal gesehen haben will? Genau dieser Thematik ging die bekannte Reiseführermarke Marco Polo nach und kam zu dem Schluss, dass sich das ändern sollte. In dem alljährlich veröffentlichen Trendguide „Wohin geht die Reise?“ für das Jahr 2024 wird Darmstadt in der Kategorie „Noch unentdeckt“ beworben. „Diese Stadt steht wohl bei keinem ganz oben auf der Bucket-List. Schlau ist, wer trotzdem hinfährt“, heißt es dort. Diesem Rat möchte man sich vollends anschließen.
LIEBLINGSPLÄTZE IN UND UM DARMSTADT HERUM
Martinsviertel: Der Stadtteil war erst eine bäuerliche Siedlung und dann ein Arbeiterwohngebiet. Heute kann das sorgsam sanierte, altbaubestückte, kulturell lebendige und gastronomisch ansprechende Martinsviertel als ein Prenzlauer Berg im Kleinformat durchgehen. Ein perfekter Ort, um Gaumen und Gemüt zu verwöhnen.
Mathildenhöhe: Zur experimentellen Architektur der Unesco-Welterbestätte muss man sich einfach hingezogen fühlen. Im Sommer ist die Mathildenhöhe mit ihrem schattigen Platanenhain und der angrenzenden Rosenhöhe besonders reizend. Ein perfekter Ort, um alles Banale vorübergehend zu vergessen.
Vortex Garten: Unterhalb der russischen Kapelle auf der Mathildenhöhe befindet sich am „Haus Martinus“ Darmstadts einziger öffentlicher Park in Privatbesitz. Taucht man in die Ruhe des nach dem Prinzip der Permakultur gestalteten Gartens ein, wähnt man sich in einem kleinen Wunderland mit geheimnisvollen Wasserspielen, Skulpturen, Mosaiken und lauschigen Sitzgelegenheiten. Ein perfekter Ort, um durchzuatmen und nachzudenken.
Café Chaos: Das Lokal an der Ecke Mühlstraße/Riedlingerstraße in der Stadtmitte ist mit seinem bunten, im Jugendstil dekorierten Interieur und einer Sammlung aus 70 Warenautomaten, die Kaugummis, Gemüsebürsten oder Matchbox-Autos ausspucken, ein Inbegriff von Behaglichkeit. Ein perfekter Ort, um bei Kaffee und Kuchen oder Bier und Bratkartoffeln über Gott und die Welt zu plauschen und dabei die Zeit zu vergessen. Wie gut, dass bis 1 Uhr nachts geöffnet ist.
Ludwigshöhe: Von der Terrasse dieses beliebten Ausflugsziels reicht der Blick über Darmstadt bis zur Skyline Frankfurts, zur Bergstraße und zu den Gipfeln des Odenwaldes. Noch spektakulärer ist die Sicht, wenn man den 27,5 Meter hohen Ludwigsturm erklimmt. In der Ludwigsklause kann man sich an Hausgemachtem von süß bis salzig stärken. Ein perfekter Ort, wenn man etwas Abstand zum Alltag braucht.
Hofgut Oberfeld: Die einstige Hofdomäne der Großherzöge von Hessen-Darmstadt im Osten Darmstadts ist heute ein landwirtschaftspädagogischer Biobauernhof wie aus dem Bilderbuch. Im Garten zwischen den denkmalgeschützten Wirtschaftsgebäuden kann man sich die Speisen aus dem Hofcafé schmecken lassen. Ein perfekter Ort, um sich innerhalb der Stadt wie auf dem Land zu fühlen.
Orangerie: Der elegante Park im Stadtteil Bessungen ist im Sommerhalbjahr ein herrliches Areal zum Promenieren und Pausieren. Im oberen Teil der gestuften Anlage ist Spielen, Sporttreiben und Picknicken erlaubt. Ein perfekter Ort, um in südländischem Flair Müßiggang zu betreiben und sich am Anblick von Blüten, Palmen und Orangenbäumen zu weiden.
Internationaler Waldkunstpfad: Gleich hinter dem Böllenfalltor am Stadtrand beginnt dieser drei Kilometer lange Pfad, der alle zwei Jahre mit neuen Kunstwerken zu wechselnden Themen wie Identität, Wandel und Wasser angereichert wird. Ein perfekter Ort, um Kunst und Natur gleichzeitig zu genießen und alles andere auszublenden.
Pillhuhn: Die nach einer Comic-Figur benannte, seit 1975 bestehende Kneipe am Riegerplatz im Martinsviertel ist eine Darmstädter Institution. Laut Eigenbeschreibung handelt es sich beim Pillhuhn um „eine aus dem letzten Jahrhundert übrig gebliebene, trinkmalgeschützte Spelunkenkneipe, Typ Äppler, Bier, Schnaps, nix zu Futtern, kein Schickimicki“. Ein perfekter Ort, um jenseits von allem Gekünstelten zu sein.
Jugendstilbad: Eine moderne Wellness-Welt mit allen Schikanen in denkmalgeschützten, im Jugendstil dekorierten Gemäuern – diese exklusive Kombination bietet das im Jahr 1909 als Volksbad eröffnete Jugendstilbad in der Stadtmitte von Darmstadt. Ein perfekter Ort, um sich wie neu geboren zu fühlen.
GUT ZU WISSEN
In einer langgestreckten Stadt wie Darmstadt empfiehlt sich die Fortbewegung mit Bus und Bahn. Wer vorhat, nicht nur die Innenstadt abzulaufen, ist mit der Darmstadt Card gut beraten. Im Preis von zehn Euro für die Tageskarte und 15 Euro für die Zweitageskarte sind die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs im erweiterten Stadtgebiet, eine Führung und ermäßigte Eintritte in verschiedenen Einrichtungen wie Museen und Schwimmbädern eingeschlossen.
Das Unesco-Welterbe Mathildenhöhe Darmstadt lässt sich mit der Mathildenhöhe Card besuchen. Die Tageskarte kostet 15 Euro und beinhaltet die Nutzung des ÖPNV im Stadtgebiet und den Eintritt ins Ausstellungsgebäude, ins Museum Künstlerkolonie und in den Hochzeitsturm. Wer sich nicht einer Führung anschließen will, kann das Gelände mit der Mathildenhöhe App auf eigene Faust entdecken. Man kann sich mit der App zu den einzelnen Standorten navigieren lassen und vor Ort den aktuellen Blickwinkel mit historischen Bildern überblenden.
Transparenz-Anmerkung: Der Beitrag wurde unentgeltlich erstellt und veröffentlicht.
2 Kommentare
Sehr schön geschrieben, eine unterschätzte Stadt!!
Dankeschön – und freut mich, dass du das genauso siehst.