Willi, wo steckst du?

Hügelland, Mischwälder, Streuobstwiesen und Weingärten: Franken verzückt nicht nur mit verträumten Fachwerkstädtchen, sondern auch mit Bilderbuchlandschaften. Unterwegs auf drei ganz unterschiedlichen Erlebnispfaden, die Wandergenuss und Wissensvermittlung aufs Wundervollste kombinieren.

Willis Schnecken-Weg, Sommerhausen

Was ist das? Wo ist denn Willi plötzlich hin? Gerade eben war die Weinbergschnecke noch zu sehen, alle paar Meter mit leuchtend weißer Farbe auf den Asphalt gemalt. Die Markierungen auf dem Schnecken-Weg sind, um es mal in Kindersprache auszudrücken, im Grunde babyeierleicht zu entdecken. Vorausgesetzt allerdings, dass man den Blick gelegentlich auf den Boden richtet und nicht unentwegt auf das pittoreske Panorama, welches sich talwärts auftut: Wein- und Obstgärten, so weit das Auge reicht, dazwischen die unterfränkische Marktgemeinde Sommerhausen. Drunten schimmert der Main und in der Ferne Würzburg. Wir haben uns zu lange in die idyllische Szenerie versenkt und dadurch Willis Spuren verloren. Also zurück zur letzten Kreuzung und neu orientieren. Wo steckst du, kleine Schnecke?

Der Schnecken-Weg hoch droben durch die Weinberge von Sommerhausen ist ein optischer Hochgenuss und zugleich überaus lehrreich. Auf der Strecke, die am Rathaus des Winzer- und Künstlerortes beginnt und nach rund drei Kilometern wiederum unten in Sommerhausen am Weingut Pastoriushaus endet, informieren 13 Schautafeln über die Geschichte und Gegenwart der Gegend. Es klärt sich auf, wie Sommerhausen zu seinem verheißungsvollen Namen kam, der doch irgendwie danach klingt, als würde das ganze Jahr aus sonnigen Tagen und lauen Nächten bestehen und der Winter niemals einkehren. Tatsächlich ist der Grund ganz praktischer Natur. Vor langer Zeit hieß Sommerhausen einmal Ahausen, genauso wie eine zweite Siedlung gleich gegenüber am anderen Flussufer. Zur besseren Unterscheidung nannte man irgendwann den einen Teil Sommerhausen und den anderen Winterhausen, was auf die Gedenkfeste der jeweiligen Kirchenpatrone Bartholomäus (Sommer) und Nikolaus (Winter) zurückging – und auf die Sonnenlage. Das rechtsseitig im Maintal gelegene Sommerhausen war in dieser Hinsicht privilegierter als sein Nachbar.

Seitdem hat sich Sommerhausen zu einem Augenstern von Touristen mit Sinn für Kunst, Kultur und Kulinarik entwickelt. An den Wochenenden strömen Scharen von Spaziergängern in den von einer Stadtmauer umrahmten Altort, um sich ganzheitlich verwöhnen zu lassen: das Auge mit dem Anblick von Türmen, Toren und kopfsteingepflasterten Gassen gesäumt von gepflegten Bürgerhäusern, dem schmucken Rathaus mit Treppengiebel und Arkaden, der aus mehreren Bauepochen stammenden leuchtend gelben Bartholomäuskirche und dem verwunschen wirkenden Weingut Schloss Sommerhausen, das einstmals die Krönungsweine deutscher Könige und Kaiser produzierte und sich heute mit Hofausschank, Vinothek und Kellerführungen an vinophile Touristen wendet; den Geist und die Seele mit dem Besuch von Konzerten und dem einmaligen Torturmtheater im Würzburger Tor, das 1950 mit kaum 50 Plätzen als kleinstes Theater Deutschlands seinen Betrieb aufnahm; den Gaumen mit den Verlockungen von Wirtshäusern, Weingütern, Cafés und Hofläden; das Herz mit einem Einkaufsbummel durch Ateliers, Antiquariate und Andenkenläden voller Kunsthandwerk und Krimskrams. Wer mit sich am Verhandeln ist, was von dem Getöpferten, Geschnitzten, Geschmiedeten und Gebastelten für das persönliche Lebensglück zwingend erforderlich ist, erhält an der Hauptstraße einen nützlichen Hinweis. Dort steht an einer Hauswand frei nach Voltaire: „Ach, das Überflüssige – diese so sehr notwendige Sache …“

Auf dem Schnecken-Weg, der sich teils mit dem Wein-Kultur-Weg überschneidet, setzen sich die Sommerhausen-Schwerpunkte Wein und Kunst fort. Wir lesen, dass die fruchtbaren und wärmespeichernden Muschelkalkböden den regionalen Weinen aus Lagen wie Reifenstein, Steinbach oder Ölspiel ihre besonders fruchtige und mineralische Note verleihen, beschreiten einen kunstvoll in Schneckenform arrangierten Barfußpfad, der mit Untergründen wie Gitterrosten, scharfkantigen Steinen und Tannenzapfen einige Leidensfähigkeit abverlangt, passieren einen Rebsortenpfad mit Rebstöcken von etlichen Kelter- und Tafeltrauben, bestaunen einen riesigen steinernen Bocksbeutel, also jene für Franken typische Flaschenform, in die nur höchsten Qualitätsanforderungen genügende Prädikatsweine abgefüllt werden dürfen, und begegnen einer aus Tonerdeschmelzzement modellierten Weinprinzessin, die am höchsten Punkt der Runde umringt von anderen aus Beton, Holz und Stahl gefertigten Skulpturen zum Thema „Arbeit im Weinberg“ auf einer Steinbank sitzt und die Aussicht genießt. Wir lassen uns neben der Weinprinzessin nieder und tun es ihr gleich. Während unser Blick über die liebliche Landschaft schweift und nichts die Ruhe stört, fühlen wir uns wunderbar entschleunigt und beschließen, uns viel öfter im Leben das Tempo von Willi zum Vorbild zu nehmen. Die Weinbergschnecke benötigt laut Eigenaussage für ihren Lieblingsweg durch die Sommerhausener Weinberge mehrere Tage. Wir waren gerade einmal drei Stunden unterwegs – Infotafeln studieren, Mitmachstationen, Fotostopps, Picknickpausen und einmal kurz Verlaufen inklusive.

Streuobsterlebnispfad, Burgbernheim

Eine ganz andere, aber nicht minder reizvolle Landschaft eröffnet sich etwa 40 Kilometer südwestlich auf dem Streuobsterlebnispfad am Fuße der nördlichen Frankenhöhe in Burgbernheim. Wie der Name bereits nahelegt, dreht sich auf dem sechs Kilometer langen Rundweg alles um die traditionelle Form des Obstanbaus, für die Wiesen mit verstreut stehenden, hochstämmigen, großkronigen Obstbäumen verschiedener Altersstufen und Sorten kennzeichnend sind. Am Startpunkt auf dem Marktplatz begegnen uns auf einer Schautafel der rotbackige Apfel Bernie, das Maskottchen von Burgbernheim, und dessen Freund Ernie Eichhorn. Ernie wird uns den Weg zu den 19 Stationen des Lehrpfades weisen, der Umweltpädagogik und Unterhaltung mit Naturgenuss vereint. Die gelb-schwarze Eichhörnchen-Plakette lotst uns durch den 3.500 Einwohner zählenden Ort vorbei an Fachwerkhäusern und der ehemaligen Wehrkirchenanlage mit dem Torhaus steil bergauf in die Streuobstwelt, einer höchst harmonischen Konstellation aus Wäldern, Hecken, Schafweiden, Bachauen und sattgrünen Wiesen, auf denen wir Bäume mehrerer Generationen sichten – durch Gitter geschützte Sprösslinge, kräftige Gesellen, an denen sich die Äste vor lauter Früchten biegen, und Greise mit zerfurchten Rinden und knorrigen Kronen.

Auf den Infoschildern am Wegesrand erfahren wir, dass der Anbau von Streuobst in Burgbernheim seit dem 18. Jahrhundert Tradition hat und die Kleinstadt heute von mehr als 30.000 Obstbäumen umgeben ist, von denen die eine Hälfte Zwetschen trägt und die andere Hälfe Äpfel, Birnen, Kirschen, Mirabellen, Maulbeeren und Nüsse. Während im gewerblichen Obstbau zwölf bis 20 Sorten angepflanzt werden, wachsen auf Frankens Streuobstwiesen um die 1500 Apfel- und Birnensorten, darunter solch vornehme Bezeichnungen wie Champagnerrenette, Freiherr von Berlepsch und Gelber Bellefleur. Wir werden aufgeklärt, dass in den Streuobstwiesenäpfeln bis zu zehnmal mehr von den gesunden sekundären Pflanzenstoffen stecken als in den neuen Tafeläpfeln, im Obstanbau allerhand unappetitlich klingende Krankheiten wie Apfelschorf, Kragenfäule und Obstbaumkrebs vorkommen können, der Qualitätsunterschied zwischen hochprozessiertem Konzentratsaft und nahezu unverändertem Direktsaft erheblich ist und nicht Würmer in Äpfeln Unterschlupf suchen, sondern die kleinen Raupen von Schmetterlingen. Wir lernen, dass Streuobstwiesen durch die extensive Bewirtschaftung mit dem Verzicht auf chemisch-synthetische Dünger und Pflanzenschutzmittel ein Paradies für Kleinsäuger, Vögel und Insekten sind und es einer glücklichen Fügung zu verdanken ist, dass diese Kulturlandschaft in Burgbernheim bewahrt wurde. Mitte des 20. Jahrhunderts fielen in Bayern etwa 70 Prozent der Streuobstwiesen der Schaffung von Ackerflächen zum Opfer. Baumbesitzer, die ihre Obstbäume fällen ließen, konnten vom Bundesernährungsministerium eine Rodungsprämie einstreichen. Aufgrund fehlender ebener Flächen war Burgbernheim für diese Art der Landwirtschaft jedoch ungeeignet.

Unterwegs genießen wir auf dem Schauberg die Aussicht auf die Frankenhöhe und den Aischgrund, rasten an einem alten Schäferkarren inmitten von schwer beladenen Apfelbäumen und lauschen in die Stille, gelangen an eine Apfelhecke aus 14 verschiedenen Sorten, verweilen auf einer überdimensionalen Holzbank, auf der wir uns wie Kleinkinder fühlen, inspizieren ein „Naschauto“, bei dem es sich um einen entkernten Jaguar handelt, der mit blühenden Rankpflanzen und Beerensträuchern bepflanzt ist, wagen uns in einen Irrgarten aus Buchenhecken, von dessen Plattform in der Mitte sich ein Blick auf die umliegenden Obstgärten bietet, und müssen an den Weggabelungen immer wieder genau hinschauen, um Ernie zwischen all den anderen Schildern und Plaketten nicht zu übersehen. Rund um Burgbernheim stehen 75 Kilometer Wanderwege zur Verfügung, die zum Beispiel auf den Spuren von Hirschkäfern, Feuersalamandern oder Waldohreulen führen.

Wer sein Streuobstwissen an dieser Stelle noch weiter vertiefen will, sollte zurück zum Marktplatz von Burgbernheim spazieren und im neuen Bildungs- und Erlebniszentrum BERNATURA einkehren. Mann kann dort eine Ausstellung zum ökologisch wertvollen Lebensraum der Streuobstwiese besuchen, an Führungen, Kursen und Verkostungen teilnehmen, in der hauseigenen Mosterei mitgebrachtes Obst pressen und in einem Shop vielerlei Streuobstprodukte wie Fruchtaufstrich, Saft, Zwetschgenbier, Pralinen, Mostkäse und Essig erwerben. Nach unserem Streifzug auf dem Streuobsterlebnispfad fühlen wir uns nicht nur gescheiter, sondern auch rundum erquickt, und es wundert uns nicht, dass Burgbernheim zu den staatlich anerkannten Erholungsorten Deutschlands zählt. Wir nehmen von der Exkursion den festen Vorsatz mit, wenn irgendwie möglich in Zukunft mehr Früchte von Streuobstwiesen zu verzehren statt solcher von eintönigen Plantagen mit der Priorität auf Ertragsmaximierung.

Erlebnispfad Petersberg, Marktbergel

Mit diesem Ausblick der absoluten Spitzenklasse hatten wir nicht gerechnet. Wir sitzen auf einer Bank auf dem Petersberg am Nordrand der Frankenhöhe und können nicht fassen, wie weit die Sicht von dem gerade einmal 504 Meter hohen Gipfel reicht: im Norden bis zu den Ausläufern der Rhön, im Westen bis zum östlichen Odenwald und im Osten bis zur Fränkischen Schweiz. Eine kleine gelbe Hexe hat uns den Weg zu dem wundervollen Aussichtspunkt gezeigt, an dem uns der Himmel nah und der Horizont unendlich erscheint. Bis auf die letzten Meter fühlte sich der Aufstieg durch Wald und Wiesen erstaunlich unstrapaziös an – vielleicht auch deswegen, weil wir zwischendurch immer wieder an Stationen mit Rätseln oder Aufgaben zum Mitmachen Luft holen konnten.

Wir befinden uns mitten auf dem Erlebnispfad Petersberg, der etwa vier Kilometer östlich von Burgbernheim an den Sportstätten von Marktbergel beginnt. Man hat die Wahl zwischen einer knapp ein Kilometer langen Strecke für „Bodenständige“ und einem 3,5 Kilometer langen Rundweg für „Bergsteiger“. Die ersten paar Hundert Meter sind dieselben, dann muss man sich entscheiden: Möchte man auf der kurzen Strecke bleiben oder links abbiegen und den Petersberg erklimmen? Wir beschließen, beide Versionen des Erlebnispfades zu erkunden. Erst folgen wir der blauen Hexe zu den acht Stationen des barrierefreien Weges, informieren uns über die regionale Geschichte und den Weinbau, spielen mit einem Holzstab Stimmen heimischer Vögel wie Feldschwirl, Neuntöter, Wendehals und Zilpzalp ab, befassen uns mit der Blumenvielfalt der Gegend, in der doppelt so viele Pflanzenarten vorkommen wie im mittelfränkischen Durschnitt, schauen von einer „Bieberblick Plattform“ in die Streobstwiesen und beobachten Bienen durch eine Klappe an einem Baumstamm bei der Arbeit.

Danach lassen wir uns von der gelben Hexe auf den Petersberg leiten. Auf der Route passieren wir 15 Stationen, die sich mit der Flora und Fauna des Petersbergs beschäftigen. Wir lesen, dass schon Steinzeitjäger den Weitblick von dem unbewaldeteten Gipfel zu schätzen wussten, testen unser Wissen über Blätter, Hölzer und Rinden und die dazugehörigen Baumarten, durchqueren einen Heckentunnel, üben uns im Tannenzapfenweitwurf, entspannen auf einem Rastplatz in einer Hängematte und betrachten das wilde Wolkenspiel am Himmel, halten nach seltenen Pflanzen wie Enzian, Katzenpfötchen, Türkenbundlilien und Färberkamille Ausschau und erfahren von den Sagen, die sich um den Petersberg ranken. Eine Erzählung handelt davon, dass sich im Innern des Hügels ein Schatz befindet, eine andere thematisiert einen von der Kirche St. Kilian in Marktbergel auf den Petersberg führenden unterirdischen Gang. Und es löst sich auf, warum das Symbol des Erlebnispfades eine Hexe ist. Im Mittelalter glaubte man, dass sich auf dem Petersberg Hexen und Druiden trafen. Als Gegenmaßnahme ließ die Kirche um 1340 auf der Kuppe eine zweitürmige Kapelle errichten und weihte sie den stärksten Aposteln Petrus und Paulus. In den Bauernkriegen wurde die Kapelle zerstört und der Trümmerhaufen später abgetragen.

Heute findet man auf dem Gipfel des Petersberges ein Holzkreuz mit „Wir mahnen die Welt“-Inschrift, eine Wetterstation, eine Übersichtskarte des Naturparks Frankenhöhe und Picknickbänke vor. Während wir dort oben innehalten und die sagenhafte Weite auf uns wirken lassen, denken wir, dass der Landstrich auch ohne Lernstationen schon erlebnisreich und reizvoll genug wäre.



Transparenz-Anmerkung: Die Reise erfolgte auf eigene Kosten. Für die Veröffentlichung des Beitrags wurde kein Honorar bezogen.

Dich interessiert vielleicht auch

2 Kommentare

  1. Klingt nach schönen Ausflugstips für Franken wenn man keine Lust auf die Hotspots Rothenburg, Fun Park usw. hat. Ab welchem Alter sind die Rundwege geeignet?

    1. Für den Erlebnispfad Petersberg und den Schnecken-Weg in Sommerhausen gibt es extra Kinderwagenrouten. Die längeren Varianten der Wege sind in etwa für Kinder im Vorschulalter oder älter geeignet, ebenso der Streuobsterlebnispfad. Nach oben hin sehe ich eigentlich bei keinem der Wege eine Grenze. Uns Erwachsenen haben die Stationen auch noch Freude bereitet und neues Wissen vermittelt.

Kommentar verfassen