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Bis zur Geisterstunde sind es noch ein paar Stunden


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Im Herbst, wenn Nebel über der Moldau schwebt und der Himmel zwischen Silbergrau und Mausgrau changiert, erscheint Prag wie die letzte Bastion im Diesseits mit der Karlsbrücke als Übergang zum Totenreich. Doch selbst zu dieser tristen Jahreszeit ist die tschechische Hauptstadt voller Touristen, die einen rempelnd davor bewahren, sich in der mystischen Stimmung zu verlieren.

Über der Altstadt von Prag ist die Dunkelheit hereingebrochen. Auf dem Kopfsteinpflaster schimmert der goldgelbe Schein der Straßenlaternen. Der Stadtführer Jan Stenicka erzählt uns von den dunkelsten Epochen der Prager Vergangenheit, von mittelalterlichen Barbareien und den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs, von Plünderungen, Bränden, Seuchen, Verrat und verlorenen Seelen, die angeblich noch immer ruhelos durch die Gassen geistern, als kopfloser Ritter, tanzende Jüdin und wahnsinniger Barbier. Plötzlich erschallt in unserem Rücken ein Gänsehautgelächter, maliziös und mechanisch.

Eigentlich wollte ich den Spukhokuspokus komplett ignorieren, gewiss eine Marketing-Masche für Touristen, denen die Pracht und die wechselhafte Geschichte der Moldau-Metropole allein nicht genügen. Die weltweit höchste Geisterdichte soll es in Prag geben – Liebesmörder, gefräßige Mönche, Quacksalber, französische Soldaten und ein Geizhals mit Goldmünzentasche, Abzockerfrauen, rachsüchtige Weiber und eine Tyrannennonne, lauter glücklose Gestalten im Ringen um Macht, Reichtum und sonstige Obsessionen, dazu verdammt, Nacht für Nacht durch die alten Gemäuer und Gassengeflechte zu ziehen, das ganze Gruselkabinett menschlicher Triebfedern, Niedertracht, Neid, Habgier und Verblendung, so viele Geistergeschichten wie Geistergeschichtenerzähler.

Und dann wieder das boshafte Gänsehautgelächter. Nein, natürlich sind es keine Geister. Nur Skelette und Hexen, die an dem Stand eines Souvenirmarktes baumeln. Irgendwer hat an den Marionetten den Gelächterknopf gedrückt. Bis zur Geisterstunde sind es ja auch noch ein paar Stunden.

Schon als wir ankamen, hatte Prag eine vornehme Totenblässe aufgelegt. Der Himmel schillerte in Silbergrau, Aschgrau und Stahlgrau mit Nuancen von Mausgrau und Bleistiftgrau. Kein noch so kleiner Sonnenstrahl brach sich auf den Kirchenkuppeln der „Goldenen Stadt“. Die Karlsbrücke zwischen Altstadt und Kleinseite wirkte wie eine Brücke vom Diesseits ins Jenseits, ein Turm an jedem Ende, dazwischen schießpulverschwarze Skulpturen auf den Brückenmauern wie ein Spalier zum letzten Geleit. Von der Burg mit dem Veitsdom waren im Nebel nur die Umrisse zu erkennen, die anderen Kirchen und Paläste weiter unten erschienen wie Schiebekulissen auf einer Bühne der Geschichte vom Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert, Romanik, Gotik, Renaissance, Barock.

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Blick auf die Kleinseite

November in Prag. Nicht mehr Hochsaison. Trotzdem herrscht auf dem Altstädter Markt, auf dem wir am Nachmittag unseren Stadtrundgang beginnen, reges Treiben. Asiatische und europäische Reisegruppen scharen sich um goldene Living Dolls, Musikanten und Pferdekutschen. Selfies schießen im Stakkato, beim Segway- oder Kutschefahren, mit den Living Dolls, beim Posieren vor dem Jan-Hus-Denkmal oder Herumalbern vor den schmucken Fassaden des Platzes.

Stenicka stammt aus Prag und stellt sich uns als Antikommunist und Optimist vor. Hauptberuflich sei er Toningenieur, aber manchmal führe er auch Fremde herum, um ihnen seine Begeisterung für die Stadt weiterzugeben. Er selbst habe zehn Jahre im Exil in Braunschweig verbracht, daher seine Deutschkenntnisse – eine schwere Sprache, so wie Tschechisch, das eine Kombination aus Schnauben, Zischen und Rollen sei, wie er uns mit entsprechenden Mund- und Lippenbewegungen demonstriert. Er wohne dort drüben am Platz, nur zwei andere Prager Familien seien verblieben, die neuen Nachbarn zumeist „english-speaking people“.

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Altstädter Markt

Wir schlagen den Weg aller Touristen ein: zur astronomischen Uhr am Rathaus. Zu jeder vollen Stunde findet hier ein allegorisches Schauspiel statt: Das Skelett neben dem Zifferblatt wendet eine Sanduhr und zieht an einer Strippe, woraufhin die Glocke im kleinen Turm zu bimmeln beginnt. Zugleich wackelt der Türke, der für die Todsünde der Wollust steht, mit dem Kopf. Vor den Fenstern weiter oben prozessieren die Apostel vorbei, dann kräht der goldene Hahn über dem Apostelgang und die große Glocke läutet die Stunde. Stenicka sagt, dass sich die Langfinger der Stadt von dem ganzen Aufzug nicht beeindrucken ließen. Sie nutzten die Gelegenheit, wenn sich alle Augen auf die Uhr richteten, um Geldbörsen und sonstiges Gut einzusäckeln.

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Touristen- und Langfinger-Magnet: die astronomische Uhr
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Must-see-Sehenswürdigkeit: der Pulverturm

Im Zickzack laufen wir weiter zum schwarzen Pulverturm, vorbei an Shops mit Glaskunst, Marionetten, Bierhumpen, Kafka-Tassen und I-love-Prague-T-Shirts, dazwischen Antiquariate, Absinth-Bars, Schwarzlicht-Theater, Thaimassage-Läden und Museen mit trivialen, historischen und wüsten Themen – Ausstellungen zu mittelalterlichen Folterinstrumenten, Sexmaschinen, Kommunismus, Geistern, Kriegen und Berühmtheiten aus Wachs.

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Marionettenladen

In den Straßen drängen sich die Menschen. An den Kreuzungen müssen wir aufpassen, nicht mit den rotweißen Straßenbahnen zu kollidieren, die eng getaktet durch die Stadt ruckeln. Die Linie 22, sagt Stenicka, sei ideal für individuelle Rundfahrten von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, von der Burg in die Altstadt und weiter bis zur Neustadt. Nur 32 Tschechische Kronen, nicht mal einen Euro, kostet die Fahrkarte. Wem der Touristentrubel zu viel ist, dem empfiehlt unser Stadtführer, öfter mal in eine Seitenstraße abzubiegen: „Dort ist es gleich viel ruhiger.“

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Die rotweißen Straßenbahnen stammen zum Teil noch aus den 60er Jahren.

Rund fünf Millionen Besucher kommen jedes Jahr nach Prag. Die meisten, weil sie mit der Stadt „Kafka, Karlsbrücke und Knödel“ verbinden, vielleicht auch noch tschechisches Bier und König Karl IV. Das Angebot reicht von Bierführungen mit Einkehr in Mikrobrauereien und traditionellen böhmischen Kneipen über Weltkriegs- und „Communism & Nuclear Bunker“-Touren bis zu Rundgängen auf den Spuren von Geistern und Legenden.

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Die Karlsbrücke im November

Ich habe noch nichts davon gespürt, dass wir uns in der selbst ernannten Welthauptstadt der Spukgestalten befinden, aber bis Mitternacht sind es auch noch ein paar Stunden. Wenn mich bisher etwas erschreckt hatte, dann waren es rempelnde Touristen auf Selfie-Mission – Platz da, wir müssen Posieren, Posten, Sharen, Likes zählen –, wenn ich mich gerade in der Schönheit der Prunkbauten verlieren wollte, in den Fassaden voller Figuren und Symbole, ein umwerfendes Feuerwerk der Bildhaftigkeit, schaue hier, schaue dort, schaue überall, bis mir vom Nachobengucken und den Ausdeutungsversuchen duselig wird.

Stenicka taucht mit uns in die Lucerna-Passage ein, die ein wunderhübsches Jugendstil-Kino, Boutiquen, Cafés und urige Läden beherbergt – ein Ausschnitt des bunten Shopping-Angebots von Prag. Von der Deckenkuppel hängt eine sonderbare Dekoration, ein riesiges Pferd mit allen Vieren nach unten, auf dessen Bauch der Heilige Wenzel reitet – eine Parodie auf das Reiterstandbild am Wenzelsplatz. Als wir aus der Passage treten, hat es zu dämmern begonnen. Ich schaue rechts und links: Nein, keine Zusammenstoßgefahr mit Straßenbahnen oder Reisegruppen, und von Gespenstern keine Spur. Bis zur Geisterstunde sind es aber auch noch ein paar Stunden.

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Reiterstandbild-Parodie in der Lucerna-Passage

Nächster Stopp: ein sandfarbenes Gebäude, Franz Kafkas Geburtshaus. Am 3. Juli 1883 erblickte der Schriftsteller hier das Licht der Welt. Heute befindet sich in dem Gebäude eine Ausstellung zum Leben und Werk des düsteren Dichters. Stenicka erklärt, dass die Tschechen an manchen Tagen so pessimistisch seien wie Kafka, der sich vor „Regen, Krankheit und Erotik“ gefürchtet habe. An anderen Tagen wären seine Landsleute hingegen ganz aufgeräumt und ausgelassen, tränken Bier, lachten und schwatzten gerne.

Wir erreichen den Souvenirmarkt, auf dem mir die Skelettmarionetten mit ihrem Gelächter eine Gänsehaut verursachen. Kurz darauf seile ich mich von der Gruppe ab, um die viel beschworenen Geister zu treffen, womöglich meiden sie die Menschenmassen. Begebe mich in dunkle Gassen, in denen es nach Geisterodem riecht, rostig, modrig und nach Empfindungslosigkeit, verlaufe mich grandios, schrecke zusammen, geht da ein körperloser Schatten neben mir, nein, das bin ja ich, versuche, in dem schummrigen Licht den Stadtplan zu lesen, werde an der Schulter angetippt, nein, kein bettelndes Skelett und keine despotische Nonne, nur ein grauer Herr aus London, der wie ich die Orientierung verloren hat, finde die Karlsbrücke wieder, auf der die Porträtmaler, Schmuckhändler und Musikanten gerade zusammenpacken.

Magisch und mystisch sei im Herbst die Atmosphäre in der Stadt, hatte Nora Dolanska, Chefwerberin von Prague City Tourism, zu uns gesagt. Sie will mehr Besucher in der Nebensaison zwischen November und März für einen Prag-Besuch gewinnen. Und nein, sie hat nicht übertrieben. Um die Laternen auf der Brücke schweben Nebelschleier wie Heiligenscheine. Die Statuen erinnern an Totenwächter in der Nachtschwärze – 30 Heilige und Schutzpatrone, darunter Johannes von Nepomuk, der genau an jener Stelle in die Moldau gestoßen wurde. Das perfekte Setting für die expressionistischen Streifen der Stummfilmzeit, nur wurden die ja zumeist in den deutschen UFA-Studios produziert, um noch grotesker als die Wirklichkeit zu sein, so auch der Klassiker „Der Golem, wie er in die Welt kam“, basierend auf einer Legende aus Prag.

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Düstere Szene aus der Prager Geschichte auf der Karlsbrücke

Formiert sich dort drüben etwa ein Gespenst? Nein, es ist nur der Novembernebel. Doch so abwegig finde ich das gar nicht mehr. Im Grunde erscheint mir in diesem Augenblick fast alles möglich – sogar, dass auf der Karlsbrücke ein großer Tanz beginnen könnte, bei dem Tote mit Touristen herumwirbeln, Menschen mit Marionetten, vielleicht auch Könige mit Fußvolk und Moralisten mit leichten Mädchen, weil die Brücke wie der Weg ins Jenseits wirkt und im Angesicht des Todes sowieso alles egal ist, also auf zum letzten Ball unter dem schwarzen Himmelszelt, jeder mit jedem, kein Mond und kein Stern zeigt sich in dieser Nacht, eine Wand, ein bodenloses Loch zugleich.

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Kein Stern und kein Mond in dieser Nacht

Nicht auszuschließen, dass unter dem Party-Volk auch der Golem wäre – jener Koloss, den im 16. Jahrhundert ein Rabbiner mit magischen Kräften aus dem Lehm der Moldau erschuf, um das jüdische Viertel zu schützen. Praktischerweise geriet der Kaiser bald darauf in eine lebensbedrohliche Lage, aus der ihn der Golem retten konnte, woraufhin der Kaiser sein Edikt zur Vertreibung der Juden zurückrief.

Doch dann standen die Planeten ungünstig, was dazu führte, dass der Golem sich gegen seinen Schöpfer auflehnte und randalierend durch die Stadt tobte, ja, das Eigenleben der Geister, die man rief. Einem kleinen Mädchen soll es schließlich gelungen sein, das Monster zu deaktivieren. Es rupfte ihm jenen Stern von der Stirn, mit dem der Rabbi die Lehmfigur in Betrieb gesetzt hatte. Nach dieser Version der Legende brach der Golem daraufhin zusammen. Aber wer weiß das schon so genau.

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Brückenturm auf der Altstadt-Seite
Fotos: pa

GEISTER, BIER UND KOMMUNISMUS – THEMENTOUREN DURCH PRAG
Neben klassischen Führungen von einer Must-see-Sehenswürdigkeit zur nächsten gibt es in Prag auch eine breite Palette an Thementouren. Hier eine Auswahl (nein, ich habe nicht alle ausprobiert):
Geister: www.prague-ghost-tour.com
Bier: www.prague-beer-tour.com
Untergrund: www.prague-underground-tour.com
Kommunismus: www.prague-communism-tour.com
Zweiter Weltkrieg: www.ww2inprague.com
E-Bike: www.ebikeprague.com
Weitere Informationen gibt es bei der Marketing-Organisation Prague City Tourism unter www.praguecitytourism.cz/en und unter www.prague.eu/en.

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