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Der Goldfund des Erdferkels


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Mitten in der Wüste von Südafrika, wenn man denkt, dass nichts mehr kommt außer menschenfeindlichem Ödland unter der sengenden Sonne, dann kommt man nach Prince Albert. In dem Städtchen zu Füßen der Swartberge werden Blumengärten, Geschichten über Hausgeister und Gaumenfreuden rund um das saftige Karoo-Lamm gepflegt. Aber warum gerade hier?

Hinter uns liegt die Garden Route und vor uns karges Land bis zum Horizont. Kein Wölkchen schwebt am blauen Himmelsband, kein Haus und kein Strauch zeigt uns an, dass wir uns auf der schnurgeraden Straße vorwärts bewegen. Nichts scheint sich zu entfernen und nichts zu nähern, nur dann und wann tauchen Stecknadelköpfe in der Ferne auf, die beim Näherkommen zu Fahrzeugen heranwachsen. Endlich, als die Sonne schon tief steht und ihre Strahlen wie goldenes Rapunzelhaar über die Ebene fallen, erscheinen die graubraunen Falten der Swartberge – und kurz darauf die ersten Häuser von Prince Albert.

Durch puren Zufall wären wir wohl nicht in dieses Städtchen gelangt, das so abgeschieden in der südafrikanischen Karoo-Wüste liegt wie eine Robinsoninsel in der Südsee. Nur dass hier keine knittrigen Palmblatthütten stehen, sondern weißgetünchte Häuser mit zierlichen Giebeln und viktorianischen Veranden, umgeben von akkuraten Gärten voller blutroter und barbiepinker Bougainvilleen, dazwischen eine Kirche in Puppenhausoptik. Das ist hübsch, aber auch nicht untypisch für die Kap-Region. Sind wir deshalb in dieses Nest gefahren? Den ganzen weiten Weg von der Garden Route, die mit ihren Weingütern und den szenischen Meerblicken die eigentliche Touristenattraktion der Gegend ist?

Sind wir nicht. Denn in Prince Albert gibt es seit einigen Jahren etwas, das einmalig ist: die Kochschule African Relish. Heute kündigt die Schultafel einen „Karoo classic cooking course“ an. Wir werden also vorwiegend Zutaten aus der Umgebung verwenden, was sogleich die Frage aufwirft: Was kann in diesem knüppelharten Boden gedeihen, auf den an mehr als 300 Tagen im Jahr die Sonne ballert und nur lachhafte 220 Millimeter Niederschlag fallen? Alles Mögliche, wie unser Kochkursleiter Jeremy Freemantle erklärt: Obst, Gemüse und vielerlei Kräuter. Denn ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem versorgt Prince Albert mit Wasser aus den Swartbergen – offenbar so reichlich, dass sich die Bewohner inmitten der Wüstendürre den Luxus opulenter Vorgartenbepflanzungen leisten können.

Durch die Dachfenster der Kochschule flutet Sonne auf die Arbeitsflächen aus gebürstetem Edelstahl. Über der Inselküche baumeln duftende Kräutersträuße und kupferbeschichtete Töpfe. Die Regale sind mit hausgemachten Ölen, Marmeladen, Soßen und Gewürzmischungen bestückt. In der Essecke geben große Fenster den Blick in den Garten frei. Alles ist so luftig, harmonisch und durchdacht gestaltet, als wäre ein Feng-Shui-Experte am Werk gewesen.

„Gutes Schneidewerkzeug ist das A und O“, eröffnet Jeremy unseren Kochkurs. Nach ausgiebigem Messerwetzen demonstriert er den Tomatentest: Ohne Druck schlitzt die Klinge das rote Fruchtfleisch auf. „Perfekt“, findet Jeremy und fügt trocken an, dass ein scharfes Messer nicht nur das Schnippeln erleichterte, sondern auch die Arbeit der Ärzte: „Glatte Schnittwunden lassen sich besser flicken als ausgefranste.“ Wir haben uns fest vorgenommen, nur das Fleisch der Karoo-Lämmer und nicht unser eigenes zu zerteilen. Zur Vorspeise gibt es Süßkartoffelsuppe, die Lammrouladen sind der Hauptgang, gefolgt von Ravioli mit Blauschimmelkäse-Kürbis-Füllung und Malvenpudding als süße Abrundung.

Scharfe Messer sind für Jeremy das A und O beim Kochen.
Scharfe Messer sind für Jeremy das A und O beim Kochen.

An die Töpfe, fertig, los: Das Suppenteam zerkleinert karottenorange Süßkartoffeln, das Team Ravioli knetet Teig und nudelt ihn zehnmal durch die Maschine. Erst dann ist Jeremy zufrieden. „Elastisch und samtweich muss die Masse sein.“ Um die Rouladen kümmert sich der Küchenchef persönlich und verrät uns nebenbei, warum die Karoo-Lämmer so ausnehmend zart und saftig sind. „Natürlich kommt es auch auf die richtige Zubereitung an“, sagt Jeremy. Aber das eigentliche Geheimnis sei die Ernährung der Tiere: die aromatischen Kräuter der Karoo-Wüste.

Neben Tageskursen sind bei African Relish auch mehrtägige Programme mit Radtouren, Picknicks und Farmbesuchen buchbar. Das Spektrum reicht von klassischer Karoo-Küche bis zu Spezialkursen für vietnamesische Küche, indische Fusion-Küche, Suppen und Kuchenverzierungen. Aber auch andere Schwerpunkte seien möglich, betont Jeremy, je nachdem, was die Gäste wünschen. Grundsätzlich legt Jeremy, der selbst kein Profikoch ist, sondern aus der Werbebranche stammt und diesen Job aus Leidenschaft für gutes Essen aufgab, Wert auf Austausch: „Wir können alle etwas voneinander lernen.“ Besserwisser sieht er in seiner Küche daher nicht so gerne.

Aber was bewog ihn, was bewog überhaupt einen Menschen dazu, sich genau hier, fernab von allem Menschenfreundlichen anzusiedeln? Wir forschen im Miniaturheimatkundemuseum von Prince Albert nach und erfahren eine erstaunliche Geschichte. Erst war da nur eine einzelne Farm. Aber dann, vor etwa zweihundert Jahren, erblühte der Ort als Produzent von Straußenfedern, die in den verschiedensten Teilen der Erde begehrt waren. Zur gleichen Zeit wühlte ein Erdferkel, wie es seine Natur ist, ganz eifrig in der Erde herum. Dabei beförderte es auf der Spreefontein-Farm einen 70 Gramm schweren Goldklumpen zutage, was nicht ohne Folgen blieb. Die Goldgräber rückten aus Nah und Fern an, doch der Schatz war bald gehoben. Und mit der Weltwirtschaftskrise versiegte auch das Straußenfederngeschäft.

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Kirche in Prince Albert

Heute lebt Prince Albert hauptsächlich vom Tourismus, worauf die vielen Bed & Breakfast-Schilder hindeuten, was aber trotzdem beachtlich ist, denn was gibt es hier außer der Kochschule? Ein reichhaltiges Angebot von botanischen Spaziergängen über astrologische Touren bis zu Ghost Walks, sagt man uns bei der Touristeninformation.

Geisterführungen? Ja wohl, denn Prince Albert ist keinesfalls so harmlos wie es scheint. Davon ist jedenfalls Ailsa Tudhope überzeugt. Wenn sich über Prince Albert die Dunkelheit legt und am pechrabenschwarzen Himmel die Milchstraße wie ein Paillettenschleier blinkt, dann tritt die betagte Dame auf den Plan – historisch gekleidet in einen bodenlangen, schwarzen Umhang. Sie führt uns durch todesstille Straßen, erzählt uns von den Schauermärchen, die sich hinter den reinlich weißen Gemäuern zugetragen haben sollen, von schreienden Babys, neidischen Ammen, unglücklichen Ehemännern und Halbtoten, die ruhelos herumirren: in der Nähe des alten Friedhofs, der ein Feld mit anonymen Steinhaufen ist, aber auch durch die Bed & Breakfast-Häuser.

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Prince Albert ist angeblich nicht so harmlos, wie es scheint.
Fotos: pa

Und wenn man dann in einem dieser Zimmer Nachtquartier bezieht, scheinen die Dielen plötzlich nicht mehr zu knarzen, sondern seufzen. Es bauschen sich die Vorhänge, obwohl kein Wind geht, und Türen schwingen wie von Geisterhand auf. Einmal in den Schlaf gesunken, ranken sich die Träume aber nicht um Spukgestalten, sondern um die Gaumenfreuden des Tages. Und dann erscheint auch noch das Erdferkel auf der Bildfläche, das ganz verzückt das Wüstenfirmament angrunzt, an dem Abermillionen Lichter erstrahlen, als hätte ein spendabler Himmelsgärtner eine riesige Sternengießkanne ausgegossen.

ZU GEISTERN, KÖCHEN UND KRÄUTERKUNDLERN
Prince Albert: www.patourism.co.za
Kochschule African Relish: www.africanrelish.com
Botanische Führungen: www.renu-karoo.co.za
Ghost Walk: www.storyweaver.co.za
Informationen zu Südafrika gibt es beim Fremdenverkehrsamt unter www.southafrica.net.

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