Asien, Dubai, Reportagen

Schiffschaukel-Feeling in der Wüste


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Wer in Dubai eine Wüstensafari bucht, sollte wissen, dass die Unternehmung auch „Dune Bashing“ heißt. Denn es geht nicht um eine geruhsame Offroadfahrt, sondern darum, das Fahrzeug durch wilde Manöver zum Schwanken zu bringen – immer so, dass es gerade nicht auf dem Dach landet. Für empfindliche Mägen sind Spucktüten vorhanden.

Ich habe vergessen, wie der Mann am Steuer hieß und aus welchem Land er kam. Ich weiß auch vieles andere nicht mehr so genau. Wahrscheinlich deswegen, weil sich mein Gehirn irgendwann wie Kartoffelbrei angefühlt hatte: dumpf und matschig. Eine Stunde waren wir über die Sheikh Zayed Road vom Stadtzentrum bis in die Wüste an der Grenze zu Abu Dhabi gefahren – durch dichten Feierabendverkehr, vorbei an silbernen Wolkenkratzern, dem Hafen mit der Freihandelszone und pausierenden Projekten wie dem Entertainmentviertel Dubailand.

Kaum hatten wir Sand unter den Reifen, legte unser Fahrer – nennen wir ihn mal Muhammad, ich glaube, er war Perser – auch schon los. Mit Vollgas schießen wir einen steilen Sandhügel hinauf, vollführen eine Vollbremsung, kippen mit der Fahrzeugnase langsam über den Dünenkamm, rasen ins Tal und den nächsten Hügel hinauf und wieder herunter und immer so weiter – Vollgas, Vollbremsung, Vollgas und zwischendurch auch mal schräg die Dünen hoch, was die Chance auf seitliche Überschlage erhöht.

Mein Magen hat den Sinn von Dune Bashing sofort verstanden und fühlt sich schon nach wenigen Höhen und Tiefen durch und durch flau an. Bei den Schussfahrten kommt ein Schiffschaukel-Feeling auf – eben so, als ob der Bauch ein einziges Vakuum ist, in dem es kräftig kribbelt. Meine Finger haben sich am Sitz festgekrallt, die Kamera klemmt zwischen den Knien, Fotografieren kann man bei der Achterbahnfahrt vergessen. Angeblich soll es bei Übelkeit helfen, einen Punkt am Horizont zu fixieren. Das probiere ich jetzt, um mich nicht an den Spucktüten im Vordersitz bedienen zu müssen.

Doch kann der Trick funktionieren, wenn die Linie zwischen Wüste und Firmament unablässig wankt, ja eigentlich die ganze Welt wie ein Schiff im Sturm zu schwanken scheint? Er funktioniert nicht. Also versuche ich es mit Ablenkung. Gibt es denn nichts anderes zu sehen außer Sand und nochmals Sand? Ein endloses Körnchenmeer bis zur blauen Himmelskante? Doch, andere Dune-Bashing-Fahrzeuge und ein bisschen Gebüsch. Und da, eine einzelne Oryxantilope, die reglos zwischen den Sandhügeln steht, als hätte die Gluthitze sie dort festgeschweißt. Und Kamele? Nein, nirgends. Vermutlich haben sie sich vor unserer motorisierten Karawane einige Dünenkämme weiter in Sicherheit gebracht.

Dubai Dune Bashing
Bis auf Sand, Autos und Büsche gibt es auf unserer Rumpelfahrt nichts zu sehen.

Die Wüstentouren starten meist ein bis zwei Stunden vor Sonnenuntergang. Bald wird der goldene Ball auf den Horizont treffen und ich schöpfe Hoffnung, dass sich die Berg- und Talfahrt dem Ende nähert. Eine letzte Anti-Übelkeitstechnik teste ich noch: die Flucht in Gedanken. Am drängendsten hatte mich in den vergangenen Tagen die Frage beschäftigt: Wo will Dubai eigentlich noch hin? Die Stadt besitzt doch schon den höchsten Wolkenkratzer der Welt, eine beträchtliche Anzahl an High-End-Luxushotels, gigantische Shopping-Malls, eine ultramoderne Metro, Freizeitparks, ja sogar eine Skihalle in der Wüste und eine künstliche Inselwelt in Palmenform.

Ob kopfschüttelnd oder begeistert, zumindest aber insgesamt fasziniert schaut die Welt auf das Emirat, das sich in kürzester Zeit von einem kleinen Fischerdorf mit Palmenblatthütten in eine Retortenwelt der Superlative verwandelt hat – wie der Frosch in den Prinzen, nur dass dabei keine Prinzessin im Spiel war, sondern Reichtum durch die Entdeckung von Öl. Reicht das alles denn nicht? Es reicht nicht, findet Scheich Mohammed Bin Rashid Al Maktoum und kündigt deshalb alle paar Monate ein neues Projekt an.

Dubai Burj Khalifa
Der Burj Khalifa ist der höchste Wolkenkratzer der Welt.

Neben Unmengen von Gastarbeitern hat die Megabaustelle am Persischen Golf auch viele Einwanderer angezogen. Darunter auch Moez aus Tunesien, der mir begeistert von der rasanten Entwicklung des Emirats vorgeschwärmt hatte. Viele Jahre war der Beduine durch alle möglichen Länder getingelt. Erst als er in ein kleines Reich namens Dubai gelangte, das sich gerade die letzten Reste Tausendundeinenachtschlaf aus den Augen gerieben hatte und für seinen touristischen Senkrechtstart erfahrene Reiseführer benötigte, hängte er sein Nomadendasein an den Nagel. „Es ist unglaublich, wie schnell in Dubai alles vorangeht“, hatte Moez mit einem verzückten Blinken in den Augen gesagt.

Und dann ist die Wüstensafari auf einmal vorbei. Unser Fahrer stoppt, damit wir aussteigen und den Sonnenuntergang bewundern können. Ich finde, dass wir tapfer waren und uns eigentlich ein besonders farbenprächtiges Naturschauspiel verdient haben. Keiner von uns hat sich übergeben, kaum einer gekreischt und jeder durchgehalten. Die Sonne scheint das anders zu sehen und versinkt gänzlich unspektakulär als blassgoldener Punkt am blassgelben Himmel. Für einige Minuten ist ein Strahlenkranz zu sehen, dann ist mit einem Schlag alles stockdunkel.

Dubai Sonnenuntergang
Nein, wir wurden leider nicht mit einem spektakulären Sonnenuntergang belohnt.
Fotos: pa

DUNE BASHING IM ÜBERMORGENLAND
Informationen zu Dubai gibt es beim Fremdenverkehrsamt unter http://de.visiting.definitelydubai.com.

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