Deutschland, Fotoreportagen

Nacht der Museen in Frankfurt: Fängt man doch einfach mal beim Struwwelpeter an


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Eine Nacht, 43 Museen und ungezählte Happenings – beim Blick ins Programmheft der „17. Nacht der Museen“ am vergangenen Wochenende in Frankfurt am Main wünschte man sich spontan, …

… eine Schlange zu sein. Dann könnte man sich in der kurzen Zeit von 19 Uhr abends bis 2 Uhr morgens ganz schnell ganz viele Häppchen des gigantischen All-you-can-eat-Schlemmerbüfetts der Kultur einverleiben und noch monatelang davon zehren.

So aber mussten wir uns entscheiden: lieber den rituellen Joik-Gesängen von samischen Schamanen im Archäologischen Museum lauschen oder auf dem Dachgarten des Skyline Plaza bei Lichtchoreografie und Clubsound feiern? Lieber in einem Gemüseschnitzkurs des Museums für Kochkunst und Tafelkultur die „Möhre zur Kunst“ erheben oder im Zoo das „Knabberzeug“ von Insektenköchen probieren? Lieber im Deutschen Filmmuseum auf einer Karaoke-Bühne „My Heart Will Go On“ schmettern oder einen musikalischen „Trialog“ der Weltreligionen im Dommuseum erleben, ausklingend mit einem Kerzenlichtermeer?

Wie viele Stationen würde man in den sieben Stunden schaffen können? Sollte man sich für den Museumsmarathon eine Marschroute überlegen oder intuitiv durch die Mainmetropole mäandern? Wir haben dann nur den Start definiert: das Struwwelpetermuseum im Westend. Protokoll einer Nacht.

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum_Buntglasfenster

19:10 Uhr, Struwwelpeter-Museum, Schubertstraße: Wir huschen auf die letzten freien Plätze. Die Struwwelpeter-Filmschau hat gerade begonnen. Auf einer Leinwand schimmern Laterna-Magica-Bilder mit den Antihelden des populären wie umstrittenen Kinderbuchs von 1845. Es folgen Stummfilmausschnitte mit Slapstick – Hanns Guck-in-die-Luft, wie er über ein Hündchen purzelt, der Zappelphilipp, wie er mit dem Tischtuch überdeckt zwischen heruntergefallenem Essen herumkrabbelt. Danach geleitet uns eine historisch gewandete Therese, die Gattin des Struwwelpeter-Schöpfers Heinrich Hoffmann, durch das Museum. Es befindet sich in einem alten Bürgerhaus mit knarzenden Dielen und Struwwelpeter-Buntglasfenstern.

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum

Tafeln, Plakate und Editionen in allen erdenklichen Sprachen von Esperanto über Kreolisch bis Rätoromanisch zeigen den berühmten Körperhygieneverweigerer in lustigen Interpretationen: mal mit spinnenbeinähnlichen Fingernägeln und blonder Wallemähne (hebräische Ausgabe), …

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum_Brasilien

… mal mit spitzen Krallen und Afro-Look (brasilianische Ausgabe), …

Frankfurt_Struwwelsuse

… mal in weiblicher Ausführung als schmolllippige „Struwwelsuse“ oder …

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum_Struwwelpaula

… punkige „Struwwelpaula“.

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum3

Aber wer war eigentlich dieser Herr Hoffmann? Ein angesehener wie umtriebiger Frankfurter Bürger, wie man in der Ausstellung erfährt – im Hauptberuf Nervenarzt, der die Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ gründlich modernisierte, in den Nebenberufen Revolutionsanhänger, Pressefreiheitsverfechter, Festredner und Verseschmied von Kinderbüchern und Politsatire. Den „Struwwelpeter“ hatte Hoffmann ursprünglich nur als Weihnachtsgeschenk für seinen Sohn ersonnen, dem er damit Abwechslung zu den sittsamen Botschaften der Biedermeierbilderbücher verschaffen wollte.

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum_Daumenlutscher

Als Psychiater hatte Hoffmann auch mit Kindern gearbeitet und beobachtet, dass seine Schauerzeichnungen kathartisch wirkten. Kritiker behaupten das Gegenteil: Die Geschichten, die stets der Formel „Ungehorsam = Verderben“ folgen, könnten traumatisieren. Struwwelpeter-Verteidiger wiederum meinen, die Rezeptionslenkung durch Erwachsene sei entscheidend.

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum_Zitat_Hoffmann

Wie auch immer. Wir müssen jetzt schleunigst weiter. Noch schnell dieses Zitat als Andenken fotografieren und …

Frankfurt_Struwwelpeter_Museum_die_reisekorrespondentin

… in der Kostümkammer des Museums die angeblich größte Struwwelpeter-Perücke der Welt anprobieren.

21:10 Uhr, Opernplatz: Und jetzt? Geradeaus Richtung Römerberg, um den das Programmheft die höchste Stationsdichte zeigt, oder rechts runter zum Schaumainkai am anderen Flussufer durchmarschieren, wo sich die Museen gleichsam dicht an dicht reihen? Oder erst einmal zur Dependance des Museums für Moderne Kunst im Taunusturm? Ja! Mit einem „imaginären Museum“ der Zukunft verspricht es Struwwelpeter-Kontrastprogramm.

21:25 Uhr, MMK2, Taunustor: Wir betreten das ganz und gar weiße Entree. In einer Ecke versteckt befindet sich der ganz und gar weiße Aufzug, der uns laut Programmheft ins Jahr 2052 bringen wird – in eine Zeit, in der die Museen kurz vor der Auslöschung stehen, überhaupt alle Kunst aus der Gesellschaft verschwindet. Die Werke, die wir gleich sehen werden, Leihgaben aus dem Centre Pompidou, der Tate und dem MMK, existieren also aller hypothetischen Wahrscheinlichkeit nach schon bald nicht mehr. Wir haben jedoch noch die Gelegenheit, alles zu „memorieren“, und am 10. und 11. September, wenn das Museum tatsächlich leer geräumt wird, die Arbeiten als Botschafter zu repräsentieren.

Die Aufzugtüren öffnen sich: Es ist viel los in der Zeit der Kunstapokalypse. Wer lieber durch leere Hallen schlendert und vor Kunstwerken meditiert, ohne Event-Extras und Event-Menschenauflauf, ist bei der Museumsnacht definitiv falsch. Heute gibt’s hier ein Rätselspiel, das man schon als Kind klasse fand: Finde das Detail. Wir sollen aus mehreren Blättern mit Ausschnitten von Kunstwerken einen auswählen, der uns am besten gefällt, und das dazugehörige Exponat in der Ausstellung entdecken. Ich nehme einen Fuß vor weißem Hintergrund. Nun denn.

Frankfurt_MMK_Ordnung

„Ordnung und Unordnung“ heißt dieses zweiteilige Werk des italienischen Grafikers und Objektkünstlers Alighiero Boetti, …

Frankfurt_MMK2_Unordnung

… bestehend aus 199 Stickereien auf Baumwollleinen. Neben allen Ausstellungsstücken hängen kurze Steckbriefe, die man wie Kalenderblätter abpflücken kann. Sehr praktisch.

Frankfurt_MMK_Dusche

Naturalistisches Landschaftsgemälde trifft Alltagsgegenstand: „La douche“ des rumänischen Objektkünstlers Daniel Spoerri spielt mit dem Genre der illusionistischen Trompe-l’œil-Gemälde.

Frankfurt_MMK_Ghost

„Ghost“ von Ron Mueck: Der englische Bildhauer mit deutsch-australischen Wurzeln hat sich auf hyperrealistische, überlebensgroße Menschenplastiken aus Fiberglas und Silikon spezialisiert. Moment … das ist doch schon der gesuchte Fuß?

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„Energia de una papa“ von Victor Grippo: Der argentinische Installations- und Objektkünstler schreibt der Kartoffel als Grundnahrungsmittel soziale wie politische Symbolkraft zu.

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Indigene Völker nutzten das vulkanische Gestein Obsidian zur Herstellung von Waffen und Götterstatuen. Der US-amerikanische Künstler und Schriftsteller Jimmie Durham hat es mit Abgüssen aus Neusilber kombiniert, was laut Steckbrief die kulturelle und spirituelle Aufgeladenheit der Materialien heraufbeschwören soll.

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Mit seinen „Künstlerscheisse“-Dosen in der limitierten Auflage von 90 Exemplaren hinterfragt der italienische Konzeptkünstler Piero Manzoni das Konservieren und Konsumieren künstlerischer Ideen.

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Utopie und Dystopie liegen dicht beisammen: Mit „OIL XV und OIL XVI“ bezieht sich die deutsche Künstlerin Isa Genzken die Weltraumkommission der 1960er Jahre und auf Umweltverschmutzung durch Erdöl.

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Wir erreichen das Ende der Kunstschau. Hier können wir aufschreiben oder aufmalen, was uns zu unserem ausgewählten Kunstwerk einfällt. Zur Belohnung erhalten wir einen Ansteck-Button, der uns als Kenner ausweist.

22:45 Uhr, an der Bar des MMK2: Pause bei einem Glas Wein. Erst die zweite Station, und wir sind jetzt schon ziemlich satt. Für wen ist denn eigentlich so eine Nacht der Museen gedacht? Für routinierte Fernsehgucker, die mal hier reinzappen, mal dort? Für abgebrühte Freizeitparkgänger mit erhöhter Reiztoleranz? Für glühende Schnäppchenjäger, die ganz darin aufgehen, die Kultur-Flatrate zum sagenhaften Preis von 14 Euro (inklusive Shuttle-Busse und Shuttle-Schiff vom Eisernen Steg bis zum Städel) bis zum Anschlag auszureizen? Wir sind nichts von alledem. Aber schon aufhören? Auch keine Option. Also weiter zur Museumskette am Schaumainkai und dann mal sehen.

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23:28 Uhr, auf dem Holbeinsteg: Wir lüften unseren Kopf in der verdammt frostigen Nachtluft …

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… bei der Aussicht auf das funkelnde Mainhatten.

23:36 Uhr, Schaumainkai: Vielleicht noch ins Städel Museum? Gleich beginnt dort eine „Meisterwerkeführung“. Oder ins Liebieghaus, das so schön bunt angestrahlt ist? Da gibt’s um Mitternacht eine Führung mit Taschenlampen. Oder hinaus zum Bolongaropalast nach Höchst, der mit allerhand Mitmachaktionen zu einer Reise in die Zeit des Barocks einlädt, danach DJ-Sounds bis um fünf. Ja, Bolongaropalast.

23:50 Uhr, weiter unten am Schaumainkai: Wir erwischen versehentlich einen Shuttle-Bus der Linie Gelb statt der Linie Rot und kommen so in den Genuss eines knapp zwei Kilometer langen Extraspaziergangs. Die Temperaturen (+2 Grad) animieren uns zum zügigen Voranschreiten mit hochgestelltem Mantelkragen.

0:25 Uhr, wieder am Schaumainkai: Mit uns steigen noch sieben andere Leute in den Bus nach Höchst ein. Sie sehen so aus, wie wir uns fühlen: nicht mehr taufrisch. Die Linie Gelb war vorhin noch proppenvoll gewesen.

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0:52 Uhr, Bolongaropalast, Bolongarostraße: Älteres Publikum strömt aus dem Palast, Jugend in den Palast. Die meisten Aktionen scheinen vorbei zu sein – das gemeinsame Sticken am großen Bolongarowandteppich, die Station zum Selfies-Machen in Stickoptik, die Licht- und Klanginstallationen auf der Gartenfassade des hufeisenförmigen Barockensembles. Aber da, im Emmerich-Pavillon: Der Historische Tanzkreis Bensheim schwingt noch einmal die Rokokorüschenröcke zu Spinettklängen.

Frankfurt_Bolongaro_Palast

Im ersten Stock des Hauptgebäudes packt gerade ein Mann mit Schillerlockenperücke seinen Kaffeestand zusammen. Wir bekommen ihn aber noch – einen Türkischen Mocca, schwarz und süß, das genialste Getränk in unserem Zustand zu dieser Uhrzeit. Dann defilieren wir durch die Prachtsäle mit Parkettböden, Spiegelwänden, Porzellanvitrinen und Stuckdecken, streicheln die floralen Ornamente auf der Stofftapete, Party-Volk mit Bierflaschen kommt uns entgegen, kein Aufpasser nirgendwo. Was ist denn hier los? Ach so. Der Palast schließt demnächst für eine Generalsanierung.

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Fotos: pa, sb (1)

Da dürfen sich an den Deckengemälden die Engelchen in den Wolken tummeln und eine Etage tiefer die Feierlustigen zu House- und Technobeats auf mehreren Tanzflächen. Wir schauen uns das Vibrieren ein kleines Bier lang an.

2:15 Uhr, an der Busstation des Bolongaropalasts: Perfektes Timing, den letzten Shuttle-Bus haben wir gerade verpasst.

7 Comments

  • Wie immer ein toller Bericht aus dem Frankfurter Kunstleben. Wer es etwas geruhsamer haben möchte, dem sei das romantische Städtchen Schwäbisch Hall mit seiner Kunsthalle Würth ans Herz gelegt. Bis Ende September gibts hier eine Wilhelm Busch Ausstellung mit vielen Originalzeichnungen, einfach wunderbar. Und als „kleine Dreingabe“ die Ausstellung „Picasso und Deutschland“ (inklusive vieler namhafter Werke deutscher Expressionisten). Eintritt frei.

    • Lieben Dank für die Empfehlung. Tatsächlich war mir die Ausstellung bei Struwwelpeter-Nachrecherchen schon begegnet, scheint sie doch laut Titel – „Max und Moritz treffen Struwwelpeter“ – auch Verbindungen zwischen Busch und Hoffmann zu beleuchten.

  • Danke dir für die kurzweilige, unterhaltsame Reise durch die Frankfurter Nacht d. Museen. Finde das Konzept begrüßenswert, vllt. scheuchts den ein oder anderen Museumsmuffel von der Fenrsehcouch hoch.

  • Vielen Dank für den lebendigen Bericht in Wort und Bild. Hab`s leider diesmal selbst nicht hin geschafft zur Museumsnacht. :-(
    PS: Ist der hübsche Mantel auf dem Bild der vom Amsterdamer Flohmarkt?

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