Europa, Niederlande, Reportagen

Haschischhöhlen neben Blumenmärkten, Peepshows in putzigen Kaufmannshäusern


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Weltkulturerbe und Kiffen, Puppenstubenflair und Prostitution, Romantik und Rotlicht – das geht nicht zusammen? Das geht wunderbar, nämlich in Amsterdam. Im Zickzack durch den Grachtengürtel der niederländischen Metropole.

Bezaubernd, wirklich ganz bezaubernd: die jahrhundertealten Grachten und Kaufmannshäuser, die Brücken, die Hollandfahrräder und Hausboote im schummrigen Schein der Laternen, der auf alles eine märchenhafte Atmosphäre appliziert, irgendetwas zwischen Romantik und Heimeligkeit. Doch wo zum Teufel sind wir hier – im Herzen des Geflechts der Gassen und Wasserstraßen oder irgendwo weiter draußen? Wäre auch egal, hätten wir nicht einen Abend im Januar: drei Grad und Nieselregen. Da hat man es nicht so mit kontemplativem Treibenlassen durch Raum und Zeit.

Im Internet hatte es geheißen, dass zur Survival-Ausrüstung von Amsterdam-Besuchern neben Sonnenbrillen, Anti-Kater-Tabletten und einer Liste mit Anmachsprüchen (optimalerweise in mehreren Sprachen) auch Brotkrumen gehören. Nun weiß man allerdings, dass die Heimfindstrategie schon bei Hänsel und Gretel kläglich versagt hatte, woraufhin das Geschwisterpaar in der Gewalt einer kinderfressenden Hexe landete. Mal angenommen, in Amsterdam stürzen sich nicht Vögel auf die Fährte, dann würde sie aber garantiert von Menschen ruiniert. Mehr als fünf Millionen Touristen strömen jedes Jahr durch die niederländische Metropole. Selbst zu dieser ungemütlichen Winterzeit ringeln sich vor den Ticket-Schaltern der Sehenswürdigkeiten lange Schlangen. Nein, Brösel wären keine Lösung.

Nun stehen wir also mitten in dem Spinnennetz des Grachtengürtels an einer der unzähligen Kreuzungen, von denen eine so malerisch wie die andere ist, – Fahrradgirlanden an Brückengeländern, die alten Lagerhäuser mit ihren Treppen-, Schnabel-, Flaschen- und Glockengiebeln, die Kanäle, in denen gelbe Lichter tänzeln, – und haben nicht die geringste Ahnung, wie wir zurück zu unserer Unterkunft gelangen. Es ist zwar nicht so finster wie im tiefen Tannenwald der Knusperhäuschen und Kannibalenhexen, aber auch nicht hell genug, um das Labyrinth auf dem Stadtplan zu erkennen.

Wie ging noch gleich das Sprüchlein, das wir von Ingrid, unserer Gastgeberin, mit auf den Weg bekommen hatten? „PIETER KNOWS HIPPIE SONGS“. Damit könnten wir uns die Reihung der großen Wasserstraßen merken und uns überall gut orientieren, hatte sie gesagt. P steht für Prinsengracht, K für Keizersgracht, H für Herengracht und S für Singel. Bloß, die muss man auch erst mal finden. Viele malerische Kreuzungen später haben wir es schließlich geschafft. Für den nächsten Tag nehmen wir uns vor, dass wir uns nicht mehr verirren wollen.

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So malerisch und doch so tückisch: Der Grachtengürtel von Amsterdam …
Amsterdam_Grachtenguertel_Hausboote
… eignet sich hervorragend …
Amsterdam_Gracht_Rotlichtviertel
… zum Verirren.

Der Blick auf die Karte bringt die Erkenntnis: Eigentlich ist es doch ganz einfach. Die vier Hauptgrachten sind in konzentrischen Halbkreisen angeordnet. Im Norden liegt der Hauptbahnhof, im Süden das Rijksmuseum und auf der Achse der beiden Backsteingotikprunkstücke das Epizentrum des Massentourismus: Grachtentourenanbieter, Sexmuseum, Madame Tussauds, Haschischmuseum, Rotlichtviertel, Coffeeshops, Foltermuseum, schwimmender Blumenmarkt. Wir haben den Plan, uns der Vollständigkeit halber zunächst in diese Niederungen zu begeben. Die niederländischen Malergötter wollen wir uns als krönenden Schlusspunkt aufheben. Deren Meisterwerke hängen zu hunderten in den Kunsthäusern rund um den Museumplein: Rembrandts Nachtwache, Vermeers Milchmagd, die Sonnenblumen Van Goghs …

Und von dem Amsterdam der Einheimischen möchten wir natürlich auch möglichst viel erleben – die Viertel mit den Märkten für Gemüse, Käse, Fisch und Antiquitäten, die Quartiers mit Ateliers, Boutiquen und Spezialitätenläden, die Grachten ohne Sensationen, in denen Hausboote mitsamt Miniaturvorgärten dümpeln, und die „braunen Kneipen“, von denen es heißt, dass sie vielen ein zweites Wohnzimmer sind. Geschäftsleute und Yuppies würden hier ebenso ein- und ausgehen wie Arbeiter, Matrosen und Studenten. Grund für den Namen der Lokale seien das meist dunkle Holzinterieur und Zigarettenqualmverfärbungen.

Seit nunmehr acht Jahren gilt in der gesamten niederländischen Gastronomie allerdings Rauchverbot, sogar gewissermaßen in den Coffeeshops. In denen darf man nämlich nur Kiffen, also Cannabis in Kombination mit Tabak konsumieren oder pur. Legal ist das übrigens nicht, lediglich akzeptiert. Alkoholische Getränke sind in den meisten Haschischhöhlen ebenfalls nicht gestattet. Hin und wieder schaut daher die Drogenpolizei auf einen Überraschungsbesuch vorbei. Ist alles gut, gibt’s eine grünweiße Plakette für die Ladentür. Gleichwohl könnten die Beamten jeden Coffeeshop schließen lassen, würden sie sich nur lange genug am Lieferanteneingang postieren. Denn sowohl der Anbau als auch die Einfuhr von Drogen sind in den Niederlanden strafbar. „Achterdeurproblematiek“ (Hintertürproblematik) nennt sich dieses Phänomen der Duldungspolitik.

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Auf der Achse zwischen dem Hauptbahnhof im Norden und …
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… dem Rijksmuseum im Süden liegt das massentouristische Epizentrum der Stadt.
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Hierzu gehört auch das Rotlichtviertel mit …
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… Peepshows …
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… dem Erotic Museum.

Man kann das hinterfragen oder nehmen, wie es ist. Schließlich ist man zu Gast in der „Hauptstadt der Toleranz“, die mit 800.000 Einwohnern aus 180 Ländern zu den internationalsten der Welt zählt, als erste eine Homo-Ehe traute und mit einem eigenen Informationsbüro um Gay-Touristen buhlt. Die für jeden Spaß und alles zu haben ist, solange sie ihr Wohlfühlrecht für alle nicht gefährdet sieht. Und wenn doch, Pläne für Containerdörfer zur Resozialisierung von Schwulen- und Ausländerhassern entwirft, wie vor einigen Jahren etwa der Tagesspiegel berichtete.

Wir starten die nächste Expedition in den Grachtengürtel, der mit 9.000 Häusern aus dem 16. bis 18. Jahrhundert als größter Altstadtkern der Welt gilt, mehr Kanäle als Venedig zählt und das Weltkulturerbeprädikat der Unesco trägt. Der Legende nach geht die ganze Herrlichkeit auf zwei Fischer zurück, die hier im Mittelalter in einem Sumpfgebiet an der Mündung der Amstel siedelten. Den entscheidenden Impuls für die Steilkarriere vom morastigen Marktflecken zu einer Handelsmetropole von Weltformat gab Graf Florens V., als er der Stadt im Jahr 1275 das Recht auf freie Passage einräumte.

Im 17. Jahrhundert folgten die Gründung der Holländisch-Ostindischen Handelskompanie und der Bau der Grachten. Alle Kaufmannskontore verfügten fortan über direkten Anschluss an die Seewege bis ins ferne Asien. Bier, Heringe und Tulpen wurden exportiert, Gold, Muskat, Pfeffer, Zimt, Opium und später auch Sklaven importiert. Amsterdam erlebte eine rauschhafte Ära des Reichtums, die als „Goldenes Zeitalter“ in den Chroniken steht und mit den reichverzierten Backsteinhäusern ein gigantisches Heer an Repräsentanten besitzt. Desgleichen katapultierte sich die Kunst in diesen Jahren mit Meistermalern wie Rembrandt van Rijn, Johannes Vermeer, Jan Steen und Frans Hals in eine neue Dimension.

Mit dem neuen Nordseekanal konnte die Metropole im 19. Jahrhundert ihre Handelslogistik abermals verbessern. Die Geschäfte mit Gewürzen prosperierten, und aus dem Diamantenhandel mit Südafrika entwickelte sich eine eigenständige Diamantenindustrie. Diesmal bescherte die Welle des Wohlstandes dem Stadtbild monumentale Backsteinbauten wie das Reichsmuseum und den Hauptbahnhof, die mit ihren gold- und reliefgeschmückten Fassaden fast wie Doppelgänger aussehen.

Als wir durch die Grachten streifen, entdecken wir vielerorts an den Giebeln noch die Haken zum Hochhieven der Waren. Manche der Kaufmannshäuser sind Schmalhansel, die gerade einmal zwei Meter breit zwischen ihren Nachbarn klemmen, weil man früher die Zölle nach der Frontbreite berechnete, manche protzen mit prachtvollen Treppengiebeln, deren Stufenzahl den Status der Hausherren – reich oder schwerreich – anzeigte. Viele Fassaden sind pfefferkuchenbraun, manche zartbitterschokoladenschwarz, zimtrot oder puderzuckerweiß. Hänsel und Gretel hätten das sicherlich appetitlich gefunden. Anders als im Grimmschen Märchen schauen in Amsterdam aber keine garstigen Zauberwesen mit Warzennasen aus den Fenstern heraus, sondern überall dort, wo Rot- und Schwarzlicht leuchtet, die bildhübschesten Frauen. Manche posieren reglos wie Schaufensterpuppen, so makellos die Haut wie bei den Wachsfiguren von Madame Tussauds einige Straßen weiter, andere wackeln wild mit ihren Waffen. Schon tagsüber geht das los.

Doch nicht allein die Hurenfenster – es soll etwa 400 davon geben – verleiten zur Schaulust. Gleichsam so, als hätte in der Toleranzhauptstadt niemand etwas zu verbergen, sind in den Wohnhäusern und Hausbooten die Gardinen selten zugezogen. Und so erwischt man sich dabei, dass man in die Zimmer späht, obwohl man es allgemein hässlich findet, sich in andere Privatsphären zu drängen, nur sind die Einblicke einfach zu reizend, so viele liebevoll und stilvoll eingerichtete Stuben, und dann sieht man die Bewohner vor dem Bildschirm am Schreibtisch, beim Tafeln mit Freunden, beim Lesen am Kamin.

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Pfefferkuchenbraun, zartbitterschwarz und zimtrot: die Fassaden der Kaufmannshäuser
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Dort, wo rotes Licht leuchtet, locken die bildhübschesten Frauen.

Im westlich gelegenen Jordaan-Viertel angekommen, bleibt es dann jedoch nicht nur beim Gucken. Wie könnte man den Auslagen der Patisserien, Chocolaterien und Bäckereien widerstehen – den schweren und saftigen Apfelkuchen, den Vermeer-Gemälden, Holzschuhen und Stilettos aus Edelschokolade und glitzernden Zuckerperlen, den Tartelettes mit Kompositionen aus kandierten Früchten, Pistaziensplittern und Haselnusscreme. Vor uns erstreckt sich ein internationales Schlaraffenland – wienerische Kaffeehäuser, spanische Tapasbars, argentinische Steakhouses, asiatische Restaurants, Geschäfte mit iberischem Schinken, meterhohen Käseräderstapeln und Heringen aus heimischen Gewässern. Samstags lockt obendrein ein Bauernmarkt mit biologischen Delikatessen.

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Verführungen im Jordaan-Viertel: Kunstwerke aus Schokolade und Zuckerperlen bei Jordino
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… und Tartelettes mit göttlichen Kompositionen …
Amsterdam_Shopping_Konditorei
… bei Petit gâteau
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Herzhafte Gaumenfreuden: iberischer Schinken und …
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… Käsespezialitäten

Mit der Orientierung klappt es heute schon besser, so insgesamt gesehen. Nur wenn man zum Guckindieluft wird, mal hier abbiegt, um einen besonders süßen Schnabelgiebel zu fotografieren, mal dort, um einen Blick auf eine außergewöhnlich idyllische Gracht zu erhaschen, mal hier abschwenkt, um Hausboote mit vorgebauten Winzigsonnenterrassen und zwergenhaften Gemüsegärten zu betrachten, mal dort noch schnell eine Brücke überquert, um ein lustiges Lastenfahrrad zu inspizieren, dann kann es passieren, dass man wieder mal kurz nicht weiß, wo genau man ist in den Kanalringen.

In Anbetracht der Verkehrslage ist das nicht ganz ungefährlich. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, von einem Auto erfasst zu werden, geringer einzuschätzen als die, mit einem der Hollandräder zu kollidieren. In der Weltfahrradhauptstadt, die mehr Fahrräder als Einwohner und 700 Kilometer Radwege zählt, bewegen sich fast 60 Prozent der Verkehrsteilnehmer mit Muskelkraft fort. Vielleicht deswegen sieht man so viele wohlgeformte Menschen.

Und wer bisher glaubte, dass sich mit Hollandrädern keine hohen Geschwindigkeiten erzielen lassen, weil sie mehr an die Anatomie von Ackergäulen erinnern als an die von feingliedrigen Rennpferden, nämlich stabil, großrahmig und mit ihrem ausgeprägten Lenker-Sattel-Gefälle das Gegenteil von aerodynamisch sind, der wird in Amsterdam eines Besseren belehrt. Auf teilweise zweispurigen Highways brausen die Radfahrer quer durch die City, samt Kindern, Hunden, Blumen oder Käselaiben in den vorne oder hinten oder vorne und hinten angebrachten Kisten und Körben.

Ingrid hatte erzählt, sie besitze fünf Fahrräder: ein Faltrad, ein Lastenfahrrad, ein Sportrad, ein Sonntagsfahrrad und ein in die Jahre gekommenes Hollandrad für die Innenstadt, dessen Verlust leicht zu verschmerzen wäre – sei es nun durch Diebstahl oder weil es in einen Kanal purzelt. Rund 6.000 Fahrräder werden jedes Jahr aus den Grachten gefischt. Der Grund ist wohl, dass die meisten keine Geländer haben. Auf den Bilderbuchfaktor wirkt sich das immerhin positiv aus: Manche Kanäle erscheinen dadurch fast wie natürliche Wasserläufe.

Amsterdam_Hausboot
In den Amsterdamer Grachten liegen 2.500 Hausboote.
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Mehr Zweiräder als Einwohner soll es in der Weltfahrradhauptstadt geben.
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Beliebt ist das Modell Lastenfahrrad zum Transportieren …
Amsterdam_Lastenfahrrad
… von Kindern, Hunden und allen möglichen Sachen.
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Eine Grachtenbrücke zu finden, an der nicht gerade ein Fahrrad lehnt, …
Amsterdam_Gracht_Fahrrad
… ist nahezu unmöglich. Macht aber auch nichts, denn die Drahtesel sind oft dekorativ.

Liebliches und Liederliches, Kleinstädtisches und Kosmopolitisches, Traditionelles und Trendiges, Kunstsinniges und Kaufmännisches – all das erscheint im Lichte des Amsterdamer Liberalitätsideals nicht gegensätzlich, sondern auf natürliche Weise zusammengewachsen. So ist die ehrwürdige Oude Kerk (Alte Kirche) aus dem 14. Jahrhundert heute von Sextheatern umringt, die mit „Bondage/Homo/SM- and Teen Sex“ auf die verschiedensten Neigungen eingehen. Das Gotteshaus gilt als eines der ältesten Bauwerke der Stadt und war einst dem Heiligen Nikolaus, dem Schutzpatron der Seeleute, geweiht. Über Gassen mit Souvenir- und Sexspielzeugshops gelangt man alsbald zum Dam mit dem Königlichen Palast, der gotischen Liebfrauenkirche und dem Nationalmonument, einem weißen Obelisken, der an die Opfer der Besetzung durch Nazideutschland erinnert. Mehr als 100.000 Juden wurden aus den Niederlanden deportiert, unter ihnen Anne Frank.

Von dort sind es wiederum nur einige Minuten bis zum Erotic Museum, das in einem Kanalhaus mit der Steintafelinschrift „Gott ist mijn Burgh“ ein Zuhause gefunden hat. Es entlässt seine Besucher mit der Quintessenz, dass der Fantasie beim Liebesspiel schon immer und überall nur zwei Faktoren Grenzen setzten: die Beschaffenheit des menschlichen Körpers und die Verfügbarkeit von Spielgeräten zur Erweiterung der Möglichkeiten. Das reicht von Vitrinen mit chinesischen Mammutelfenbeinfiguren und altgriechischen Terrakottatellerrepliken über Schwarzweißfotografien aus den Goldenen Zwanzigern und Lithografien von John Lennon bis zum obersten Stockwerk mit Wachsfigurenprostituierten bei SM-Praktiken und Fetisch-Fantasy-Magazinen, die „Rubber Bitches“ in multifunktionalen Ganzkörperlatexkostümen präsentieren.

Amsterdam_Erotic_Museum1
Exponate im Erotic Museum: chinesische Elfenbeinfigürchen, …
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… Lithografien von John Lennon und …
Amsterdam_Erotic_Museum3
… Fetisch-Magazine mit „Rubber Bitches“ in multifunktionalen Kostümen

Noch etwas bunter geht es im Venustempel auf der Touristenmeile Damrak in Nachbarschaft zu Grand Hotels, dem prunkvollen Hauptbahnhof und der römisch-katholischen Nikolaikirche zu. Das angeblich älteste Sexmuseum der Welt beherbergt neben Gemälden, Skulpturen und Fotografien aus den unterschiedlichsten Erdteilen und Epochen auch interaktive Stationen, die über Bewegungsmelder funktionieren und beim Publikum für Kicher- und Kreischeffekte sorgen. Hierzu zählen ein urinierender Matrose hinter Plexiglas, ein Exhibitionist, der mantelöffnend aus einer dunklen Nische fährt, und eine adipöse Mannsweibhure, die in einer historischen Attrappe des Rotlichtviertels nach ahnungslosen Flaneuren schnappt. Mehr als 600.000 Besucher schlängeln sich jedes Jahr durch die Flure und Wendeltreppen der Ausstellung in einem Kaufmannshaus aus dem 17. Jahrhundert – Platz 11 in der Hitliste der Amsterdamer Attraktionen. Bestseller sind Grachtenfahrten (3,2 Millionen), die es in allen möglichen Varianten von Hop-on-Hop-off-Touren bis zu Bier- und Burger-Cruises gibt, das Reichsmuseum (2,5 Millionen) und das Van-Gogh-Museum (1,6 Millionen).

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Unweit der Nikolaikirche befindet sich das älteste …
Amsterdam_Sexmuseum_Marilyn_Monroe
… Sexmuseum der Welt. Hier darf natürlich auch ein Archetyp wie Marilyn Monroe nicht fehlen.

Jeder vierte Tourist möchte sich aber nicht nur an der Stadt berauschen, sondern auch an Cannabisprodukten der 193 Coffeeshops. Die sind so bunt wie ihre Kundschaft: Mal sieht man nicht mehr ganz frische Blumenkinder in Batikbommelblusen und reisezerzauste Backpacker in einer wohnzimmergemütlichen Stube, mal seitengescheitelte, Englisch sprechende junge Erwachsene in einer aufgeräumten Kneipe, mal Menschen mit morgenländischem Hintergrund in einer höhlenartigen Bar, die mit riesigen Fliegenpilzen und spinnennetzdekorierten Deckenlampen wie ein psychedelisches Disneyland für Kiffer erscheint.

Wahrscheinlich müsste man in den schwadengeschwängerten Örtlichkeiten gar nichts von den Tafeln oder Displays bestellen, sich nicht zwischen Marihuana und Haschisch entscheiden, nicht zwischen „Honey Hash“, „Amnesia Haze“ oder „Shiva Gold“, nicht zwischen Wirkungen wie „euphoric body high“ oder „fasten seatbelts“, nicht zwischen Peacepäckchen oder rauchfertigen Joints, sondern nur lange genug verweilen und tief inhalieren, um stoned zu sein. Maximal fünf Gramm darf man pro Tag in einem Coffeeshop erwerben, was wieder so eine wunderliche Bestimmung ist, denn wie es aussieht, könnte man einfach in den nächsten Laden weiterziehen, um sich dort erneut mit der Höchstmenge einzudecken.

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Amsterdam-Besucher können zwischen 193 Coffeeshops wählen.
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Manche sehen wie normale Kneipen aus, andere wie psychedelische Disneylands.

Am dritten und letzten Tag müssen wir nun ernsthaft Prioritäten setzen. Eine Stippvisite in den Souvenirshops ist noch Pflicht, weil sie stets eine Idee davon geben, welche Klischees über ein Land, eine Region oder eine Stadt in die Welt exportiert werden. In den Amsterdamer Andenkenläden dominieren Artikel rund um die großen Maler (Kunstbände und Taschen mit Vermeers Perlenohrgehängemädchen oder Van Goghs Blumen), Bilderbuchholland (Käse, Tulpenzwiebeln, Holzschuhschlüsselanhänger und Schneekugeln, in denen glückliche Kühe auf sattgrünen Wiesen vor Windmühlen grasen), Cannabis (Space Cakes, Hanflutscher und Rastafarifiguren mit schultütengroßen Joints), Sex (Kondome, Kostüme und sonstige Accessoires für Rollenspiele) und Sachen, die diese Themen ganz neckisch verbinden: Kühlschrankmagnetenwindmühlen, an denen nackte Frauenbeine rotieren, Holzschuhe, aus denen Hanfpflanzen wuchern, oder Postkarten mit Vincis Mona Lisa, Munchs Schrei und Raffaels Engeln beim Kiffen.

Und einer der 32 Amsterdamer Märkte muss auch sein. Wir fahren zum IJ-Flohmarkt, der ein bis zweimal monatlich in alten Werfthallen im Norden stattfindet. Eine fatale Wahl, denn das Angebot an Kleidung und Krimskrams ist kolossal. Jetzt aber schnurstracks zum Reichsmuseum – und nein, kein Abstecher mehr nach De Pijp, auch wenn das einstige Arbeiterviertel, das heute als eines der lebenswertesten der Stadt gefeiert wird, gleich nebenan beginnt. Auf dem Museumplein sind an diesem Sonntag nicht nur Touristen anzutreffen, die eilig zu den Museen streben, sondern auch Familien beim Hot-Dog-Futtern, Jugendliche beim Fußballspielen und Kinder beim Pirouettendrehen auf einer Schlittschuhbahn.

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Andenken aus Amsterdam: Schneekugeln mit Bilderbuchhollandszenerie
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Kolossales Angebot an Kleidung und Krimskrams: der Flohmarkt in den IJ-Hallen
Fotos: pa

Wir erreichen das Reichsmuseum und können unser Glück kaum fassen: keine Menschenmassen an den Kassen wie eben vor dem Van-Gogh-Museum. Nur hat die Sache einen Haken: „Wir schließen in 50 Minuten“, sagt der Ticket-Mann. „Sie könnten allerdings noch, wenn Sie wollten …“ Nein. Wir neigen vielleicht zu einer leichten Planungsschwäche, aber nicht zum Wahnsinn. Und genau das wäre es, jetzt noch durch die vier Etagen mit 8.000 Kunstobjekten in 80 Sälen zu sprinten, die den Bogen über nicht weniger als 800 Jahre niederländische Kunstgeschichte spannen. Wir können unsere Enttäuschung dann jedoch schnell verwinden, weil wir in dem Fiasko ein klares Zeichen sehen: Wir müssen wiederkommen nach Amsterdam. Ganz bald.

TICKETS VORAB BUCHEN
Weitere Informationen sind bei den nationalen und städtischen Tourismusbüros unter http://www.holland.com/de/tourist/reiseziele/amsterdam.htm und unter http://www.iamsterdam.com/de/besuchen erhältlich. Dort sind auch Tickets für die beliebten Sehenswürdigkeiten buchbar, was unbedingt zu empfehlen ist.

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