Deutschland, Mitbringsel

Interview mit einer Brockenhexe


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Sagenbücher, Kräuterliköre namens „Flugbenzin“ und scharenweise Zauberwesen auf Besen in den verschiedensten Outfits und Größen: Mitbringsel rund um die berühmten Brockenhexen sind im Harz ein Dauerbrenner. die reisekorrespondentin (dr) war gerade in der Gegend angekommen, da hatte sie bereits ein Exemplar auf der Schulter hocken.

dr (erfreut sich am Anblick des Bilderbuchfachwerks von Stolberg, als sie ganz nah ein hämisches Kichern vernimmt): Huch, schönen guten Tag, liebe Hexe. Du hättest aber ruhig mal fragen können, ob du mich als Landeplatz nutzen darfst.
Brockenhexe (fliegt einige Loopings um die reisekorrespondentin, um sich erneut auf ihr niederzulassen und lautstark loszukrächzen): Du befindest dich in unserem Hauptfluggebiet. Rund um den Blocksberg genießen Hexen uneingeschränkte Vorflugs- und Landerechte. (kitzelt die reisekorrespondentin mit dem Besen am Ohr)

dr (pflückt sich die Brockenhexe von der Schulter): Wenn du so weitermachst, wirst du das Klischee von eurer Garstigkeit leider vollständig bestätigen.
Brockenhexe (versucht eine freundliche Miene aufzusetzen, was gründlich misslingt): Aber ich habe doch ein ganz großes Herz für Touristen und würde dich unendlich gerne durch den Harz begleiten. Als ein original Brockenhexenpüppchen aus dem Andenkenladen da drüben (deutet mit dem Besenstiel die Straße hinunter) kenne ich mich überall bestens aus – auf dem Brocken und dem Hexentanzplatz von Thale, in den finstersten Fichtenwäldern und den verwinkelten Städtchen mit ihren krummen Fachwerkhäusern. Auch mit der Schmalspurbahn bin ich einige Male unterwegs gewesen, gleichwohl unsereins auf dem Besen natürlich höhere Reisegeschwindigkeiten erreicht.

dr (setzt die Brockenhexe auf einem Straßenpoller vor dem Rathaus ab): Aha. Und ich hatte dich mit deinen pinken Haaren und dem Glitzersternchenumhang schon für einen Billigimport aus Fernost gehalten. Im Vergleich zu deinen Kolleginnen mit ihren karierten Kopftüchern und den Kleidern aus Kartoffelsäcken könnte man dich geradezu eine Fashionista nennen.
Brockenhexe (umschwirrt die reisekorrespondentin wie eine wild gewordene Wespe): Papperlapapp. Nur weil unsere Region mit mittelalterlichem Kulturerbe üppig gesegnet ist, heißt das noch lange nicht, dass wir modisch oder sonst wie in der Epoche stehengeblieben sind. Uns Brockenhexen gibt es heute in den unterschiedlichsten Souvenirausführungen – als Flaschenöffner, Schlüsselanhänger oder dekorative Puppen mit und ohne Kicherfunktion, mal in Flicken gehüllt, mal in schimmernden Taft und Tüll. Es heißt auch immer wieder, unsere touristische Infrastruktur sei in die Jahre gekommen. Das trifft jedoch keineswegs pauschal auf den Harz zu.

dr: Gewiss. Lass uns die Zeit bitte nicht mit Streiten vergeuden. Ich schlage vor, wir streifen jetzt gemeinsam durch Stolberg und du erzählst mir ein bisschen was über deinen bezaubernden Heimatort. Derartig reich geschmückte Fachwerkhäuser sieht man wirklich selten: all das Schnitzwerk von Inschriften über Rosetten bis zu Sonnenrädern, dazu Laternen, Bogenschützentrophäen und Schnörkelschilder. Oben auf dem Bergsporn habe ich auch schon das Schloss leuchten sehen, dessen Ausmaße für einen 1.400-Seelen-Flecken höchst beeindruckend sind …
Brockenhexe (fühlt sich gebauchpinselt und schaut nun tatsächlich freundlicher): Einverstanden. Begeben wir uns erst einmal hinauf zur einstigen Residenz der Grafen zu Stolberg. Bis zur Eingemeindung vor sechs Jahren besaß Stolberg übrigens noch Stadtrechte. Und wenn wir wieder unten sind, zeige ich dir unsere schönsten Fachwerkperlen.

dr: Au fein!
Brockenhexe (fliegt einige Meter vor bis zu einer Skulptur des Reformators und Bauernführers Thomas Müntzer): Unseren berühmtesten Sohn muss ich dir selbstverständlich auch noch vorstellen. Thomas Müntzer verbrachte in Stolberg seine Kindheit und Jugend, bevor er zum Studieren nach Leipzig und Frankfurt an der Oder ging. An seinem Geburtshaus in der Niedergasse kommen wir später auch noch vorbei.

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Gleich in Stolberg begegnete die reisekorrespondentin einer Brockenhexe, und zwar einem aufsässigen …
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… wie zänkischen Exemplar.
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Schließlich konnte man sich aber auf einen gemeinsamen Rundgang durch den Ort einigen.
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Üppig verzierte Fachwerkfassade: Rosetten, Sonnenräder, Laternen und Schnörkelschilder
Harz_Stolberg_Schloss
Blick auf das Schloss
Harz_Stolberg_Thomas_Muentzer
Thomas-Müntzer-Denkmal vor dem Rathaus
Harz_Souvenir_Brockenhexe
Meist steht den Brockenhexen ihre Garstigkeit …
Harz_Souvenir_Brockenhexe2
… ins Gesicht geschrieben.
Harz_Souvenir_Brockenhexe_Muetterchen
Mitunter erscheinen sie allerdings auch als freundliche Mütterchen und sind nur an der Warze zu identifizieren.
Harz_Souvenir_Sagenbuecher
Weitere Souvenirklassiker aus dem Harz: Sagenbücher und …
Harz_Souvenir_Kraeuterlikoer
… Kräuterliköre
Fotos: pa, ls (3)

7 Comments

  • Süße Idee die Mitbringsel-Interviews :)) … erinnert an den reisenden Gartenzwerg aus Amelies fabelhafter Welt und ist doch ganz anders. Bin zufällig auf deinen Blog gestoßen, sehr ansprechend. Weiter so!!

  • Sehr interessant. Doch warum haben die denn diesem Thomas Münzer ein Denkmal gesetzt? Der wurde gerädert und gevierteilt – oder habe ich das falsch in Erinnerung. Irgendwas mit „nicht würdig, durch das Schwert zu sterben“. In der historischen Rückschau muss man sagen: Das war richtig so. Der Typ war ein fanatischer Ikonophobiker – wie sie heute ja auch wieder herumrennen…

    Diese farbig abgesetzten Doppelwulste am unteren Vorkragebereich des Renaissance-Fachwerks findet man übrigens auch wunderschön in Göttingen – meiner Erinnerung nach sogar an spätgotischem Fachwerk.

  • PS:
    Das Schloss wirkt – zumindest in der gewählten Ansicht – ein wenig aufgeräumt-schmucklos. Hatten da die Amis oder Tommies mal drübergebombt? – Kein Zwerchgiebel, kein Roll, kein Bandelwerk, gar nix. Da ist mir Quedlinburg doch lieber.

    Ob das Schloss von anderen Ansichten her mehr hergäbe?

  • Mehr Mut zum „Kitsch“, betreffs der Fachwerkhäuser! Danke für die Info. Ich sehe, was mich vor allem stört: Die Rundung der Schleppgauben wirkt unschön. Falls die nicht überhaupt neueren Datums sind, sind das Barockversuche. Sieht unelegant aus an einem Bau, dessen renaissance-hafter Grundcharakter noch deutlich erkennbar scheint.

  • PS: Das Übliche. Mittelalterliche Basis. Renaissance-Aufbau. Barocke Überformung. Die Abwendung vom Goldenen Schnitt zugunsten simpler Symmetrie tut den wenigsten Gebäuden gut. Eine Anmaßung, Natur beherrschen zu können – statt sich mit ihr „diplomatisch“ zu verständigen. Man neigt dazu, das Barock mit dem Auge wegzuinterpolieren, im quasi Pücklerschen Sinne. Unschön auch: der italienische Barock beim Nebengebäude. Die „Deutsche Stiftung Denkmalschutz“ hat ja auch eine Mittellimitierung. Da will schon selektiert sein – sag ich mal so non-pc-rassistisch. Viele Menschen scheitern schon an den Umfassungsmauern nur barocker Machart, übrigens. Was hätten die im Mittelalter getan?

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