Mitbringsel, Vietnam

Interview mit einer goldenen Schildkröte


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Schrott oder Schnäppchen, Murks oder Markenqualität: In Vietnam ist es manchmal nicht leicht, Plagiate von Originalen und erlaubte Mitbringsel von verbotenen zu unterscheiden. die reisekorrespondentin erwarb im Literaturtempel in Hanoi eine schmucke Schildkröte und fragte sie nach Tipps für den Souvenirkauf.

dr: Xin chào, Schildkröte. Du siehst wie eine seltene Mutation deiner Spezies aus. Deine Haut ist golden und du schleppst nicht nur einen Panzer, sondern auch noch ein Schwert mit dir herum. Was hat es damit auf sich?
Schildkröte (wackelt freundlich mit dem Köpfchen): Ich entstamme einer bekannten vietnamesischen Legende.

dr: Worum geht es darin?
Schildkröte: Die Erzählung handelt von dem Fischer Le Loi, dem Anfang des 15. Jahrhunderts am Hoan-Kiem-See eine heilige Schildkröte ein magisches Schwert überreichte. Mit der Wunderwaffe gelang es dem Fischer, die chinesischen Besatzer aus dem Norden Vietnams zu vertreiben. Durch die Heldentat wurde Le Loi neuer König des Landes. Um den Göttern für seinen Sieg zu danken, begab sich Le Loi zurück an den Hoan-Kiem-See. Als er dort ankam, tauchte aus dem Wasser erneut die goldene Schildkröte auf und forderte das Zauberschwert zurück. Zu Ehren des Tieres ließ der König auf einer kleinen Insel im See einen dreistöckigen Turm errichten.

dr: Ob man der Geschichte nun Glauben schenken mag oder nicht: Der See und der Schildkrötenturm existieren wirklich.
Schildkröte: Genau. Der Hoan-Kiem-See liegt heute zwischen dem alten Hanoi und dem einstigen Kolonialviertel der Franzosen. Er ist eine beliebte Sehenswürdigkeit.

dr: Was sollte man in der Hauptstadt von Vietnam denn noch besucht haben?
Schildkröte: Hhmm … ganz vieles. Ich beschränke mich mal auf das Wesentliche: die Zitadelle Thang Long, in der einst die vietnamesischen Kaiserdynastien residierten, die labyrinthischen Altstadtgassen mit ihren Bars, Cafés und Garküchen, das französische Viertel mit seinen prachtvollen Kolonialbauten, das Ho-Chi-Minh-Mausoleum, in dem der einbalsamierte Leichnam des ehemaligen kommunistischen Führers in einem beleuchteten Sarg aufgebahrt ist, und auf jeden Fall den Literaturtempel, in dem wir uns gerade befinden. Die Anlage aus dem 11. Jahrhundert ist mit ihren bemoosten Zeremoniehallen, den kunstvoll geschnittenen Hecken und den vielen Steinfiguren märchenhaft. Im Literaturtempel studierte jahrhundertelang die intellektuelle Elite des Landes. Das kann man auch im dritten Innenhof sehen, in dem auf mehr als 80 Stelen die Namen der Absolventen der kaiserlichen Prüfung eingemeißelt sind. Jede Stele thront auf den Rücken einer steinernen Schildkröte.

dr: Schildkröten zählen zu den vier heiligen Tieren Vietnams und sind vielerorts anzutreffen: in Pagoden, Tempeln und an Souvenirständen.
Schildkröte (schüttelt das Köpfchen): Das ist richtig. Schildkröten gelten als heilig. Sie verheißen Stärke und ewige Existenz.

dr: Dann habe ich mit dir eine wunderbare Wahl getroffen. Welche Andenken sollte man sich sonst noch aus Vietnam mit nach Deutschland nehmen?
Schildkröte (wiegt nachdenklich das Köpfchen): Oh … Das ist schwer zu sagen. Vietnam ist ein echtes Schlaraffenland für Souvenirjäger. Allerdings sollte man achtsam sein, denn nicht alle Mitbringsel dürfen ausgeführt werden. Und längst nicht alles, was nach Gucci, Nike oder Ray Ban aussieht, ist auch tatsächlich Markenware. Meistens lassen sich die Fakes problemlos erkennen. Manche Imitate sind aber derart perfekt, dass man sie mit dem Original verwechseln kann. Die Vietnamesen sind wahre Meister in der Produktion von Plagiaten.

dr: Den Eindruck habe ich auch gewonnen. Wie sollte man also vorgehen?
Schildkröte: Auf alles, was eine Markenfälschung oder eine Raubkopie sein könnte, sollte man besser verzichten. Der Import nach Deutschland ist verboten. Auch der Kauf von Antiquitäten empfiehlt sich nicht. Touristen benötigen dafür eine Ausfuhrlizenz. Andernfalls wird die Ware am Zoll konfisziert. Auf der sicheren Seite ist man, wenn man sich an landestypische Souvenirs hält. Und es gibt reichlich davon: Seidenkleidung, Holzschnitzereien, Stickereien, Fächer, Bambuswindspiele, Palmblätterhüte, Lampions, Lackarbeiten, Miniaturmausoleen mit Ho-Chi-Minh-Konterfei …

dr: Alles klar, liebe Schildkröte, vielen Dank für deine Empfehlungen.

 

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