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Von einer Stätte der Stille zur Goldgrube mit Bahnhofsatmosphäre


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Leuchtende Lavendelfelder, mittelalterliche Natursteingemäuer und ein tiefblauer Himmel: Als das wahrscheinlich bekannteste Postkartenmotiv der Provence zieht die Abtei von Sénanque massenweise Touristen an. Sie wollen perfekte Fotos von dem Zisterzienserkloster ergattern, obwohl es diese längst im Überfluss gibt. Wenn man erst einmal da ist, packt einen plötzlich auch der Sammeltrieb.

Schon die Lage der Abbaye Notre-Dame de Sénanque verweist kompromisslos auf die introvertierte Lebensweise der Zisterzienser. Um sich frei von Ablenkungen durch weltliche Verführungen und Verpflichtungen in ihren Glauben versenken zu können, favorisierte die Ordensgemeinschaft für ihre Klöster stets die abgeschiedensten, unwirtlichsten Gegenden. Hinter dem Felsendorf Gordes, in dem man sich bereits am Ende der Welt wähnt, schlängelt sich die Serpentinenstraße immer noch tiefer ins provenzalische Hinterland hinein. Ringsum gibt es nichts zu bewundern außer regionaltypischer Garrigue – ein Gestrüpp aus Überlebenskünstlern wie Gewürzpflanzen, Zwergsträuchern und Geophyten. Jetzt im Juli, da der französische Sommer im Zenit steht, changiert das Farbspektrum der Flora zwischen Blassgrün, Braungrün und Graugrün.

Würde nicht eines der formvollendetsten romanischen Bauwerke des gesamten Globus in dieser sonnenversengten Einöde stehen, gäbe es allen Grund, auf der Stelle zu weitaus angenehmeren Aufenthaltsorten im Vaucluse umzudrehen: zu Badestellen an Flüssen oder Seen, zu den Eichenwäldern im Luberon-Naturpark, zu Dörfern mit platanenbeschatteten Cafés, zu Städten mit klimatisierten Kunst-, Seifen- und Lavendelmuseen. In diesem Fall nimmt man das nerven- und magenstrapazierende Gekurve durch die monotone Landschaft jedoch tapfer auf sich – so wie Tausende anderer Touristen leider auch. Irgendwann wird die D177 zur Einbahnstraße, um die dichter werdende Karawane aus Reisebussen, Wohnmobilen, Autos, Motorrädern, Fahrrädern und Fußgängern zu regulieren. Und dann, nach der etlichsten Biegung, endlich die Belohnung: der Blick ins Tal der Sénancole mit der weltberühmten Abtei von Sénanque. Der Name stammt aus dem Lateinischen „sine aqua“, weil das Flüsschen, das durch die Schlucht mehr dümpelt als rauscht, bereits zu Zeiten des Klosterbaus im 12. Jahrhundert nicht viel Wasser führte.

Hat man in dem bahnhofsartigen Gewimmel auf dem Parkplatz eine Lücke entdeckt und den kurzen Fußweg zum Eingang der Klosteranlage zurückgelegt, folgt auf die Verzückung unverzüglich Ernüchterung. Soll das etwa die Sehenswürdigkeit sein, die zum Klassiker in Provence-Kalendern zählt und viele andere Südfrankreichsouvenirs schmückt, angefangen bei Tischdecken und Tabletts über Schürzen und Stofftaschen bis zu Seifenschatullen und Kaffeetassen? Steht man tatsächlich vor jener Attraktion, die so etwas wie einen visuellen Extrakt aller Provence-Klischees darstellt und wahrscheinlich öfter vervielfältigt wurde als jedes andere Fotomotiv aus der Region? Die Rede ist von mittelalterlichen Natursteinmauern zwischen blühenden Lavendelfeldern und einem makellos blauen Himmel – eine geometrisch wie farblich meisterhaft ausbalancierte Bildkomposition aus dem Klosterkomplex in dezentem Anthrazit, der die Horizontale dominiert, und den vertikal darauf zulaufenden Lavendelreihen in leuchtendem Lila.

Märchenhafte Farben und kein Tourist weit und breit: So kennt man die Abtei von Sénanque von Provence-Postkarten @ Pixabay

Mit dieser Vollkommenheit kann die Wirklichkeit schwerlich konkurrieren. Das fängt schon mit dem Himmel an, der an diesem glühend heißen Sommertag nicht niveablau ist, sondern milchig. Auch kuschelt sich das Kloster keineswegs in ein bauschiges Blütenbett, wie man es auf den Ansichtskarten mannigfach bewundert hat. Vielmehr kauern auf dem Feld vor dem elefantengrauen Koloss nur magere Überreste von Lavendelbüscheln. Der nackte Acker akzentuiert die schwermütige Aura der Gemäuer, anstatt sie wie der gepflegte Lavendelteppich, der vor der Abtei auf Profifotos immerzu ausgerollt ist, bezaubernd zu kontrastieren: die Anmut, Zartheit und Vergänglichkeit der bunten Blüten gegen das schmucklose, massige Mauerwerk als Verweis auf Entsagung, Disziplin und Unendlichkeit. Bedauerlicherweise ist die Lavendelblüte aber eine nur wenige Wochen währende Augenweide. In den Tälern ist sie mitunter schon Mitte Juli vorbei, auf den Hochebenen spätestens im August.

Der eklatanteste Makel im Vergleich zur bekannten Bilderbuchszenerie, auf der das Kloster scheinbar unbehelligt von Menschenmassen und Zerstörungen durch den Zahn der Zeit daliegt, besteht allerdings in den Stromleitungen, Schildern, Zäunen, Fahrzeugen und den vielen anderen Besuchern aus nah und fern, die für perfekte Foto- und Videoaufnahmen von dem Meisterwerk der Zisterzienserbaukunst trotz multilingual verfasster Verbotsschilder bis in die hintersten Winkel ausschwärmen, in Feldern hocken, sich an Gatter klammern, auf Mauern hieven, durch Dickicht kämpfen und akrobatisch mit Selfiesticks herumfuchteln. Die Spuren der Bilderjäger sorgen wiederum für weitere Schönheitsfehler: geknickte Hecken, zertretenes Gebüsch und bis auf asiatische Körpergröße heruntergedrückten Maschendraht. Selbst wenn man sich eine gute Position erobern würde, müsste man also im Nachhinein allerhand Korrekturen vornehmen, um ein Foto zu fabrizieren, das sich dem Ideal auf den Postkarten annähert. Man müsste die Zeichen der Gegenwart und die Gästescharen heraus- und den Lavendel hineinretuschieren, wenn man nicht gerade zur Blütezeit in der Region weilt. Zum Schluss müsste man noch die Farbsättigung intensivieren, damit das Arrangement aus Lavendellila, Granitgrau und Himmelsblau der Märchenhaftigkeit der Klosterposter gleicht. Kurzum: Es wäre großer Unsinn, sich genauso zu verhalten wie die anderen Touristen.

Wenn man sich als menschliches Individuum ein gewisses Kultiviertheitsniveau antrainiert hat, dann beherrscht man es im Allgemeinen ganz gut, den tiertypischen Herdentrieb zu kontrollieren und nicht zum kopflosen Mitläufer zu degenerieren: beispielsweise im Supermarkt nicht wie eine Büffelhorde an der Warteschlange vorbei auf eine neu geöffnete Kasse zuzustürmen und dieses Gebaren auch noch mit einem Grinsen zu garnieren, als hätte man eine geistige Glanzleistung vollbracht und keine asoziale Tat. Oder sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln nicht besinnungslos auf die Sitzplätze zu stürzen, als würde man sich den Allerwertesten in unserer Komfortgesellschaft nicht ohnehin schon genug plattsitzen. Oder nicht blindlings in Aufzüge zu steigen, anstatt diese den körperlichen Abbau begünstigenden Vorrichtungen zu meiden und Treppen als ein kostenloses Fitnessangebot des Alltags zu begreifen. Oder in Corona-Zeiten nicht mit den Hamsterkäufern gleichzuziehen, die sich vor der Krise hinter Klopapierrollen und Konservenbüchsen verbarrikadieren, sondern sich gegen das Virus mit einem durch vitaminreiche Kost und Waldspaziergänge gestärkten Immunsystem zu präparieren.

Doch vor der Abtei von Sénanque will es partout nicht gelingen, den Impuls zu bezwingen, unbedingt ein druckreifes Foto von der Anlage zu erhaschen und dafür einen ähnlichen Zirkus zu veranstalten wie die anderen Besucher. Man fühlt sich als wehrloses Opfer des Sammeltriebs – jener Aktivität, die im frühen Stadium der Menschheitsgeschichte, als diverse Ressourcen knapp waren, überlebensstrategisch notwendig gewesen sein mag. In der heutigen Überflussgesellschaft allerdings, in der die Beschaffung von Lebensmitteln, Kleidung und sonstigen Konsumgütern lediglich mit dem Luxusproblem einhergeht, Kaufentscheidungen aus gigantischen Produktpaletten treffen zu müssen, erfordert das Phänomen andere Erklärungen.

Aus sozialpsychologischer Perspektive lässt sich zwischen extrinsischen und intrinsischen Motiven unterscheiden, die Menschen zum systematischen oder auch weniger systematischen Anhäufen von nützlichen oder auch weniger nützlichen Dingen antreiben. Zu den äußeren Anreizen zählt, dass man sich einen Statusvorteil erhofft: finanziell, wenn man in den angeschafften Gegenständen eine Kapitalanlage sieht und eine Wertsteigerung wahrscheinlich ist; oder materiell, wenn sich die Trophäen als Machtdemonstration einsetzen lassen; oder sozial, wenn man davon ausgehen kann, Anerkennung und Bewunderung für die Präsentation seiner Fundstücke zu erfahren. Sammelleidenschaften können aber auch auf inneren Beweggründen basieren, auf Sinn für Ästhetik, Wissensdrang oder der puren Lust am Vervollständigen zum Beispiel, seien die Objekte der Begierde nun Kostbarkeiten wie Antiquitäten, Gemälde und Münzen, Krimskramskollektionen aus Gartenzwergen, Kuckucksuhren und Überraschungseierfiguren oder von digitaler Beschaffenheit wie E-Mails, Chats, Fotos, Videos und Musik – ein vergleichsweise junger Sammeltrend, der sich „digital hoarding“ nennt, wenn er pathologische Dimensionen annimmt.

Welcher Bedürfnisbefriedigung das Sammeln dient, ist vollkommen unterschiedlich. Angsthasen kann das Anhäufen von Besitz ein Gefühl von Sicherheit geben. Persönlichkeiten mit narzisstischer Neigung brauchen Schätze zur Stabilisierung ihrer Selbstbewunderung. Fragilen Charakteren können Sammelleistungen bei der Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen helfen. Kontrollfreaks archivieren gerne bergeweise Belege, um sich gegen potenzielle Angriffe zu wappnen. Menschen mit geringer Sozialkompetenz finden die Beschäftigung mit Gegenständen oftmals entspannter als Begegnungen mit anderen Lebewesen. Gesellige Geschöpfe wollen ihre Heiligtümer hingegen nicht im stillen Kämmerlein anhimmeln, sondern mit Gleichgesinnten teilen. Nostalgiker verspüren Wohlbehagen, wenn sie in Sachen schwelgen können, die ihnen eine Dauerpräsenz der Vergangenheit vorgaukeln. Gestresste Personen können beim Betrachten und Sortieren ihrer Wertstücke zur Ruhe kommen. Und auch für sämtliche Individuen, die sich angesichts der Komplexität unserer hochspezialisierten Industriegesellschaft nach Einfachheit sehnen, ist Sammeln gewiss ein heilsamer Zeitvertreib. Indem sie die als unübersichtlich empfundene Umwelt in Sammelgebiete parzellieren und sich auf einen Wissensbereich konzentrieren, können sie sich die Illusion von Überschaubarkeit verschaffen.

Es muss letztendlich Spekulation bleiben, warum die anderen Touristen wie besessen Fotos und Videos von der Zisterzienserabtei sammeln, obwohl zahlreiche Wochenmärkte, alle größeren Supermärkte und fast sämtliche Andenkengeschäfte in der Provence hochwertige Sénanque-Souvenirs im Sortiment haben. Da viele der Hobbyfotografen alles daran setzen, sich möglich prominent auf den Klosterbildern zu platzieren, scheint Selbstinszenierung auf jeden Fall eine zentrale Rolle zu spielen. Und sicherlich geht es auch ums Teilen der Bilderausbeute, was niemals leichter war als im Zeitalter der Sozialen Medien, die das ehemalige Privileg des Publizierens von Professionellen auf Amateure ausdehnen.

Die Selbstanalyse, weshalb man unentwegt auf den Auslöser drückt, ergibt: Man möchte den Augenblick bewahren, auch wenn er von der Makellosigkeit der Postkartentraumkulissen weit entfernt ist. Und: Man möchte die Abbaye Notre-Dame de Sénanque am liebsten einpacken und mitnehmen – wenn schon nicht tatsächlich, dann zumindest in Form von eigenen Fotos. Mit ihren harmonischen Proportionen und dem nahtlos gefugten Mauerwerk ist die Konstruktion aber auch wahrlich ein Topmodel romanischer Architektur. Dass man seine Sammellust ausgerechnet in Sénanque nicht im Zaum halten kann, ist natürlich besonders unpassend, ja geradezu sündhaft. Schließlich disziplinieren sich die Zisterziensermönche zu einer Lebensweise, die genau das Gegenteil von besitzorientiert ist, nämlich auf das Notwendigste reduziert: die Abkehr von irdischen Gütern, um sich ganz und gar auf die Einkehr zu Gott zu besinnen. Jeder Tag dreht sich um den Dreiklang aus Liturgie, dem Studieren geistiger Schriften und Arbeit.

Die Verbreitung des zisterziensischen Konzepts, das aus Reformen benediktinischer Traditionen resultiert, hängt maßgeblich mit dem heiligen Bernhard von Clairvaux zusammen. Als radikaler Verfechter der Einfachheit wollte der im 12. Jahrhundert lebende Abt, Kirchenlehrer, Kreuzzugprediger und Mystiker konsequent alles verbannen, was die Mönche von dem Weg der asketischen Frömmigkeit abbringen könnte. Clairvaux’ Auflagen sahen vor, die Dependancen des Ordens in zivilisationsfernen Landstrichen zu errichten. Sie sollten das Gegenteil von palastartigen Kathedralen sein – nüchterne Natursteingemäuer ohne jeden Marmorpomp, Buntglasfirlefanz und Blattgoldflitter. Keine farbenfrohen Fresken, keine filigranen Figuren, keine detailverliebten Mosaike, keine schwülstigen Emporen, kein sonst wie gearteter Zierrat. Nichts durfte die Klosterbrüder von ihrer kontemplativen Lebensführung ablenken, einer Dauerschleife aus Meditieren, Beten, Singen und Lesen nebst handwerklichen und landwirtschaftlichen Tätigkeiten. Die Erträge sollten den Abteien keinen Wohlstand bescheren, sondern gerade ausreichen, um die Gemeinschaft zu ernähren und die Unabhängigkeit gegenüber Feudalherren und Bischöfen zu stärken.

Aus dem Entwurf wurde eine Erfolgsgeschichte. Ausgehend von der 1098 gegründeten Abbaye Notre-Dame de Cîteaux in der Region Burgund entstanden im Mittelalter mehr als 700 Tochterklöster der Zisterzienser in ganz Europa. Der Standort Sénanque kam im Jahr 1148 hinzu. Bis die Anlage vollendet war, verging allerdings fast ein Jahr. Seitdem erlebte die Abtei von Sénanque eine Berg- und Talfahrt. Nach einem regelkonformen Start als schlichtes Ora-et-labora-Refugium entwickelte sich das Kloster durch Schenkungen generöser Gönner im 13. Jahrhundert zu einem Großbetrieb mit vier Mühlen, sieben Gehöften und zahlreichen Ländereien. Gleichwohl der Reichtum mit dem zisterziensischen Armutsideal nicht vereinbar war, dauerte es bis zum Ende des 15. Jahrhunderts, bis wieder Bescheidenheit in das monastische Leben einzog. Ende des 17. Jahrhunderts ereignete sich der Tiefpunkt der Abteigeschichte. Nur noch zwei Ordensbrüder lebten in dem Kloster – oder genauer in dem, was davon nach den Bränden während der Religionskriege noch übrig war. In der Französischen Revolution wurde die Abtei 1791 als Staatsgut veräußert, was sie vor weiteren Zerstörungen bewahrte. Im 19. und 20. Jahrhundert kamen und gingen kleinere und größere Gruppen von Zisterziensermönchen. Dazwischen lagen die Gemäuer mal kürzer, mal länger im Dornröschenschlaf. Seit 1988 praktiziert in der Abbaye Notre-Dame de Sénanque wieder eine kleine Gemeinschaft, die es offenbar schafft, ihren streng getakteten und in Stille zu verrichtenden Alltag mit dem Touristentrubel zu vereinbaren.

Die Klosteranlage von Sénanque ist ein Paradebeispiel für die funktionale und zugleich überaus ästhetische Bauweise der Zisterzienser. Dennoch kann man einige Abweichungen entdecken, sowohl was den Grundriss betrifft als auch die von Clairvaux geforderte schnörkellose Formensprache. Der Rundgang führt die Besucher zunächst ins Dormitorium. In dem 30 Meter langen, von einem durchgehenden Spitztonnengewölbe überzogenen Raum nächtigten die Mönche auf Strohsäcken – und zwar in voller Montur, da nicht geheizt wurde. Im Winter dürfte der Schlafsaal deshalb trotz der 1,30 Meter dicken Mauern recht frisch temperiert gewesen sein. Heute hat jeder Klosterbruder seine eigene Kammer, doch der Gebetsrhythmus ist immer noch fast so schonungslos wie im Mittelalter. Bereits um zwei Uhr nachts versammelte sich die Gemeinschaft zum ersten Gottesdienst, zur Morgendämmerung erneut und im Tagesverlauf noch fünf weitere Male. Da war es praktisch, dass es aus dem Dormitorium nur ein paar Schritte die Treppe hinunter in die Kirche waren.

Klosterbesucher werden gebeten, sich wie die Mönche in Schweigen zu hüllen. Spätestens beim Betreten des Gotteshauses verstummt man ganz automatisch. Obwohl oder gerade weil sämtlicher Prunk fehlt, ist die Abteikirche mit ihren reinen Linien überwältigend mystisch. Aufgrund der topografischen Gegebenheiten im engen Tal der Sénancole zeigt der Chor nicht klassisch nach Osten, damit zur Morgenmesse über dem Altar die Sonne aufgeht, sondern nach Norden. Trotzdem ist das Licht- und Schattenspiel in der Kirche wie im gesamten Kloster zauberhaft – gerade am späten Nachmittag, wenn das provenzalische Licht einen besonders intensiven Goldschimmer hat. Wenn sie schon keine Schmuckelemente kreieren durften, wollten die Baumeister wenigstens mit einer virtuosen Lichtführung überzeugen. Da Licht als Symbol Gottes gilt, war gegen dieses Gestaltungsmittel selbst nach den strikten Vorgaben von Clairvaux nichts einzuwenden.

Im Kreuzgang haben sich die Klosterkonstrukteure eine kleine Ausnahme genehmigt. Die Säulen der 48 Arkaden fallen mit ihren floralen Ornamenten vergleichsweise üppig aus. Im Nordflügel befindet sich sogar eine Skulptur – allerdings keine Heiligenstatue mit holdem Antlitz, die zum Anbeten verführen könnte, sondern eine Fratze mit gefletschten Zähnen. Der Dämon soll die Mönche ermahnen, keinen profanen Zerstreuungen zu verfallen. Daher ist er auch genau gegenüber vom Kapitelsaal angebracht, in dem Fehlverhalten und die angemessenen Strafen verhandelt wurden. Der Kapitelsaal ist der einzige Klosterraum, in dem man reden durfte. Im Kapitelsaal der Abtei von Sénanque erzeugt das aus sechs Gewölberippen bestehende Kreuzgewölbe eine hervorragende Akustik.

Vom Kreuzgang zweigen zwei weitere Räume ab: das Refektorium (Speisesaal), das im 18. Jahrhundert einstürzte und seit dem Wiederaufbau im 19. Jahrhundert eine Kapelle ist, und das Kalefactorium, das an kalten Tagen mit zwei Kaminen beheizt wurde. Die Mönche nutzten den Raum für Handarbeiten und als Schreibstube. Richtet man den Blick genauer auf die Klosterwände, sieht man vielerorts Zeichen und Buchstaben. Sie sind nicht als Dekoration gedacht und bergen auch keine geheime Nachricht, sondern lediglich die Information, welcher Steinmetz die Quader zugehauen hat, denn die Arbeiter wurden pro Stück bezahlt. Mehr als zweitausend dieser mittelalterlichen Copyright-Zeichen kann man in der Abtei von Sénanque zählen.

Wer an dieser Stelle mit seiner Bildersammlung nicht zufrieden ist, kann seine Frustration sogleich mit Shopping kompensieren. In der Klosterboutique locken hochwertige Souvenirs, die Augen, Ohren, Haut und Gaumen schmeicheln – Postkarten, Bildbände, Kalender, CDs mit gregorianischen Gesängen, Lavendelkosmetik, Wein, Olivenöl, Mandelnougat. Angesichts dessen, dass die Zisterzienser Geld als Teufelszeug betrachten, kann man es verwunderlich finden, in ihrem Laden auch Münzen und Euro-Scheine mit Abteimotiv zu entdecken. Die Mitbringsel und die Eintrittskarten für das Kloster sind zwar nicht ganz günstig, doch man investiert in einen guten Zweck: die Instandhaltung und Modernisierung des einmaligen Kulturerbes. Vermutlich deswegen können die Mönche diese Goldgrube auch ohne Konflikt mit ihren Glaubensgrundsätzen betreiben, die doch ein Leben in Armut vorschreiben.

Auf dem Rückweg zum Parkplatz kann man beobachten, wie sich eine Gruppe von Asiatinnen mit gezückten Smartphones an eine Absperrung klammert. Dahinter erstreckt sich ein Lavendelfeld. Ist das vielleicht ein guter Standpunkt für ein allerletztes Klosterfoto? Oh ja! Die Perspektive auf das Prachtexemplar der Romanik ist fast so fabelhaft wie die Kalendermotive – und der Lavendel steht an dieser Stelle noch in voller Blüte. Erst später am Computer bemerkt man, dass sich auch auf diesem Bild andere Besucher tummeln und Strommasten den Anschein von Zeitlosigkeit ruinieren. Zugunsten der Authentizität entscheidet man sich gegen jedwede Retusche.

EMPFEHLUNGEN FÜR DEN BESUCH DER ABTEI VON SÉNANQUE

  • Um den größten Ansturm zu umgehen, sollte man das Kloster entweder gleich morgens oder kurz vor Kassenschluss besuchen – und natürlich, sofern man es sich aussuchen kann, besser in der Nebensaison.
  • Die Eintrittskarten sind vor Ort und online erhältlich. Wer lieber im eigenen Tempo als mit Gruppen unterwegs ist, kann die Abtei auch individuell mit einem „Histopad“ besichtigen. Das kleine Tablet zum Umhängen kombiniert digitale Nachbildungen der mittelalterlichen Räumlichkeiten mit Informationen zur Klostergeschichte und dem Leben der Mönche.
  • Einen Flyer mit dem Grundriss der Anlage kann man hier herunterladen.

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