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Wo Schweine quieken und Quacksalber quäken


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In Otavalo zeigt sich Ecuador von seiner kunterbuntesten Seite. Der Ort ist für seinen Indiomarkt über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Mindestens ebenso sehenswert ist der Viehmarkt. Ein Ausflug ins tierische Chaos und zu einem Projekt für kommunalen Tourismus.

Die Sau quiekt Zeter und Mordio, als hätte für ihre prallen Schwarten das letzte Stündlein geschlagen. Mit all ihren Kilos wirft sie sich in die Leine. Der nächste Anlauf gelingt, das Seil löst sich, die Sau galoppiert durch die Menschenmenge, Menschen zerstäuben in die Kuhmenge, Kühe kollidieren mit Lamas, Lamas verheddern sich in Leinen. Für einen Augenblick scheint das Chaos auf dem Viehmarkt von Otavalo perfekt zu sein. Doch schon kurz darauf herrscht wieder nur das ganz normale Durcheinander, die Sau ist eingefangen. Ihr verzweifelter Kampf galt nicht dem eigenen Überleben, sondern ihrem rosigen Achter-Wurf, der auf einer Autoladefläche zum Verkauf liegt.

Wer den wahrscheinlich buntesten Fetzen Ecuadors erleben will, sollte nach Otavalo reisen. Die 50.000-Einwohner-Stadt nördlich von Quito ist über die Landesgrenzen hinaus für ihren farbenprächtigen Indiomarkt auf der Plaza de los Ponchos bekannt. Doch mindestens ebenso sehenswert ist der Viehmarkt auf einer zerzausten Wiese nahebei. Jeden Samstag versammeln sich hier die Bauern der Region, um Kühe, Lamas, Schweine, Meerschweinchen und kistenweise Kükenflauschbällchen anzupreisen.

Schon am frühen Morgen entfaltet sich vor dem majestätischen Panorama der umliegenden Vulkane ein Bienenstockgewimmel aus Menschen und Tieren, ein Klangteppich aus Quieken, Muhen und Blöken, eine Komposition aus animalischen Duftnoten und den Grillschwaden der Garküchen. Mit Kennerblick mustern die Käufer die vierbeinigen Fleisch-, Woll- und Milchlieferanten, betätscheln Kälbchen und Alpakas, verstauen Küken in Papiertüten und Meerschweinchen in Säcken. Für etwa sieben Dollar sind die Fellbüschel zu haben, die in Ecuador nicht als Schmusetiere im Käfig enden, sondern als Delikatesse auf dem Teller.

Schon am frühen Morgen entfaltet sich auf dem Viehmarkt ein buntes Durcheinander.
Schon am frühen Morgen treffen auf dem Viehmarkt die Bauern der Region ein.

Die größte Attraktion ist aber ein Stand, auf dem sich giftigbunte Päckchen türmen. Eine quäkende Megaphon-Stimme informiert die Menschentraube, dass die Präparate das Leben verlängern und das Liebesleben verbessern. Auf dem Weg Richtung Indiomarkt setzen sich die Versprechungen fort: Ein Händler schwört auf Schildkrötenfett gegen Arthritis, ein anderer preist knallgelbe Sprays gegen Asthma an, ein dritter irgendwelche Pillen und Pülverchen gegen Irgendwas. Als Werbung und Warnung dienen Tafeln mit Bildern von Krankheiten im fortgeschrittenen Stadium.

Schildkrötenfett hilft gegen Vielerlei.
Schildkrötenfett soll gegen Arthritis helfen.

Man war gerade zu dem Schluss gekommen, dass Otavalo eine Art Hochburg für Hypochonder sein muss, da offenbart sich auf dem Indiomarkt: In diesem Einkaufsparadies sind nicht nur Arzneien im Überfluss erhältlich, sondern alles mögliche andere auch. Auf der Plaza de los Ponchos reicht die Produktpalette von Krempel bis zu Kunsthandwerk, von Ramsch bis zu Raritäten, von Nippes bis zu Nützlichem für den Alltag.

Es ist, als würde das Handelszentrum an der Panamericana sein Wesen zu Markte tragen: sein Pendeln zwischen Gestern und Heute, zwischen Trends und Traditionen, zwischen indigener Kultur und gewinnmaximierter Massenproduktion. Otavalo ist ein groteskes Gemenge aus bezopften Indigenas in schwarz-weißen Trachten und Mädchen in Micky-Maus-Kleidchen, schweigsamen Schamanen und geschwätzigen Quacksalbern, keimfreien Fast-Food-Läden und Garküchen mit gegrillten Schweineköpfen. Im Parque Bolivar starrt das Denkmal von Inka-General Ruminawi auf Palmen mit Wifi-Schildern. Ruminawi, was in der Sprache der Quichua-Indianer „Steinauge“ bedeutet, erwarb sich seinen Heldenstatus als Rebellionsanführer gegen die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert.

Das Denkmal von Inka-General Ruminawi
Das Denkmal von Inka-General Ruminawi

Direkt hinter dem Platz entzündet der Indiomarkt sein knalliges Farbenfeuerwerk. Nichts übt sich hier in pastelliger Zurückhaltung, alles ist grelle Überschwänglichkeit, als hätte jemand den Farbsättigungsregler bis zum Anschlag aufgezogen. Dicht an dicht reihen sich die Stände mit Masken und Muschelschmuck, Wandteppichen und Räucherwerk, Alpakadecken und Hängematten in den forschesten Farbkombinationen, Ponchos, Pluderhosen und Panflöten. Ecuadors Musiker scheinen sich in deutschen Fußgängerzonen aufzuhalten, jedenfalls hört man auf der Plaza de los Ponchos keine El-Condor-Pasa-Gruppen. Dafür gehören gebrechliche Mütterchen zum Inventar. Sie klammern sich an Touristen wie an den letzten Überlebensstrohhalm und erinnern daran, dass man im zweitärmsten Land Südamerikas unterwegs ist.

Wie es hinter den bunten Marktkulissen aussieht, zeigt Runa Tupari. Seit zwölf Jahren ist das Unternehmen, dessen Büro sich direkt an der Plaza de los Ponchos befindet, auf kommunalen Tourismus spezialisiert. Runa Tupari ist Quichua und bedeutet so viel wie die „indigene Bevölkerung treffen“. In den Gemeinden um Cotacachi beteiligen sich bereits 16 Familien an dem Projekt und öffnen ihre Häuser für Touristen. Dabei sollen die Gäste aber nicht nur Einblicke in den Alltag der Einheimischen erhalten, sondern auch mit anpacken – beim Kochen oder bei der Feldarbeit zum Beispiel. „Bei den Begegnungen geht es immer um ein Miteinander“, erläutert Fausto Gualsaqui von Runa Tupari.

Neben Übernachtungen werden inzwischen auch Tagesausflüge und mehrtägige Programme angeboten. Anfangs sei man noch Fördermittel angewiesen gewesen, sagt Gualsaqui, „aber mittlerweile können wir uns selbst tragen“. Die ecuadorianische Regierung dürfte das Engagement von Runa Tupari begrüßen: Im Entwicklungsplan des Tourismusministeriums spielt nachhaltiger Fremdenverkehr, der die Umwelt schont und die lokale Bevölkerung mit einbezieht, eine zentrale Rolle.

Vor einigen Jahren hat sich auch die Familie Guadinango bei Runa Tupari angeschlossen. Ihr Zuhause ist ein flaches, senfgelbes Haus am Rande der Gemeinde Santa Barbara. Im kleinen Garten gibt es nun einen neuen Bungalow für zwei bis drei Gäste – ungefähr so groß wie das Haus der fünfköpfigen Gastfamilie. Während es die Otavalenos durch Handel und Tourismus zu relativem Wohlstand gebracht haben, leben die Menschen in den ländlichen Kommunen noch immer in ärmlichen Verhältnissen. Die Folgen einer jahrhundertelangen Unterdrückung und Benachteiligung der indigenen Bevölkerung sind bis heute nicht verwunden.

Das Wohnhaus von Familie
Das Wohnhaus von Familie Guadinango
Fotos: pa

Die meisten Touristen unternehmen von Quito aus einen Abstecher nach Otavalo, um auf Shopping-Streifzüge zu gehen. Dabei kann man sich in der Gegend nicht nur an den Marktfarben berauschen, sondern auch an ecuadorianischer Naturüppigkeit. Gleich drei Vulkanriesen befinden sich hier in naher Nachbarschaft: Cotacachi, Imbabura und Fuya Fuya, jeder von ihnen ist mehr als 4.200 Meter hoch. Im Schatten der Berge dämmert der schwarze Lago San Pablo. Runa Tupari hat verschiedene Exkursionen in die Region ausgearbeitet – von Reitausflügen durch Wälder und Dörfer über Klettertouren auf den Cotacachi bis zu Mountainbiking im Bergnebelwald.

KOMMUNALER TOURISMUS
Informationen zu dem Projekt Runa Tupari gibt es unter www.runatupari.com. Das Fremdenverkehrsamt von Ecuador ist unter www.ecuador.travel zu finden.

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