Gänseliesel im Wintergrau

Keine leuchtenden Farben, keine blühenden Grünanlagen, kein laues Lüftchen, das zu endlosen Aktivitäten animiert: Besucht man eine Stadt an dämmrigen Dezembertagen, muss man bei der Beurteilung ihrer Anziehungskraft wohlwollend verfahren. Göttingen gelingt es selbst unter widrigen Bedingungen, neue Fans zu generieren.

Ob Göttingen soeben wieder eine ganze Riege frisch gebackener Doktoren und Doktorinnen hervorgebracht hat? Die Fülle frischer Blumen um das Gänseliesel herum legt diese Vermutung jedenfalls nahe. In der niedersächsischen Studierendenstadt ist es seit Jahrzehnten Brauch, die beliebte Brunnenfigur auf dem Marktplatz mit floralen Gaben zu bedenken, nachdem die Promotion erfolgreich überstanden ist. Als hätte das zarte Mädchen mit dem Korb und den drei Gänsen nicht schon genug zu tragen, ist es auch noch mit etlichen Blumensträußen beladen. Zwischen all den Blättern und Blüten ist sein Gesicht kaum noch zu erkennen. Sogar ganz oben an der sieben Meter hohen Gesamtkomposition aus Sandsteinbecken, Skulptur, Bronzebaldachin und Wetterspitze stecken bunte Buketts.

An diesem diesigen Tag im Dezember sorgt der Blumenschmuck am Wahrzeichen Göttingens für einen wohltuenden Farbtupfer. Bleigrau zeichnet sich die filigrane Silhouette des Zierbrunnens gegen den wolkenverhangenen Himmel ab, durch den sich während unseres gesamten Aufenthaltes kein einziger Sonnenstrahl zwängen wird. Die Kulisse rundherum würde sich vor einem blauen Firmament gewiss reizvoll ausnehmen, das Alte Rathaus mit rotem Ziegeldach, Natursteinfassade und schlossähnlichen Elementen wie Spitzbögen, Erkern, Zinnen und Türmchen, zu den anderen Seiten weiße, graue und gelbe Häuser aus einer großen Bandbreite an Bauepochen vom Mittelalter bis zur Moderne. Doch im fahlen Winterlicht wirkt alles wie vergilbt, als wäre ein leichter Sepia-Filter darübergelegt. Das Gefunkel der Weihnachtsmarktbuden, die sich dicht an dicht um das Rathaus und die Johanniskirche gruppieren, entschärft diesen Eindruck nicht wesentlich.

Besucht man eine Stadt unter solchen Umständen, muss man bei der Bewertung ihrer Attraktivität nachsichtig vorgehen und kontinuierlich die Fantasie bemühen, wie sich das Ganze wohl zu einem anderen Zeitpunkt darstellen könnte: Wenn die Sonne alles zum Leuchten bringt, Alleen grünen, Parks blühen und milde Temperaturen zu ausschweifenden Unternehmungen inspirieren.

Als Göttingen-Neulinge mit einer ausgeprägten Begabung zum Verirren haben wir entschieden, uns die Sehenswürdigkeiten der 120.000-Einwohner-Stadt mithilfe eines neuen digitalen Entdeckerpfades zu erschließen. Wenn wir der Route folgen, die 21 Stationen zur Stadtgeschichte verbindet, sollte uns nichts Entscheidendes entgehen. Mit den Wegbeschreibungen und der Darstellung auf Open Street Map würde hoffentlich selbst uns die Orientierung gelingen.

Der Entdeckerpfad startet und endet vor dem Alten Rathaus. Ein kleiner Bummel über den Weihnachtsmarkt muss sein, schon um sich für den bevorstehenden Marsch kalorientechnisch zu präparieren. Wir tauchen in das „Gänseliesel Wäldchen“ ein, wie sich der Göttinger Budenzauber nennt, knuspern einen Gemüseflammkuchen und gebrannte Mandeln, schlürfen einen Lebkuchenpunsch, lauschen einem singenden Elch, betrachten die detailreichen Dekorationen an den Ständen, deren Motive teils an Hüttengaudi, teils an die Märchen der einst an der Göttinger Universität tätigen Brüder Grimm erinnern, und staunen wieder einmal, dass es offenbar allerlei Menschen gibt, denen zum Lebensglück solche Sachen wie Perlsacktiere, Körnerwärmekissen, Bambusschalen oder klobiger Edelsteinschmuck fehlen, so dass sich der Verkauf rentiert. Nachdem wir die dreischiffige gotische Kirche St. Johannis bewundert haben, unser Blick am 62 Meter hohen Nordturm hochgewandert ist, in dem erst Turmwächter und später Studenten wohnten, verlassen wir den Marktplatz über die Gotmarstraße in Richtung Norden.

Durch das Einkaufsviertel schlendern wir vorbei an einer Bronzeskulptur, die offiziell „Der Tanz“ heißt und aufgrund ihrer Eignung als zentraler Treffpunkt inoffiziell als „Nabel“ bezeichnet wird, zur Kirche St. Jacobi in der Weender Straße. Früher stand an der Stelle die Burgkapelle der herzoglichen Stadtburg Bolruz. Während die Burganlage die Göttinger Fehde im Jahr 1387 nicht überstand, wurde die Kapelle zu einer stattlichen Pfarrkirche erweitert. Auf der Ostseite der gotischen Hallenkirche begegnen wir dem Heiligen Jakobus als Betonskulptur mit Muschel, Hut und Wanderstock. Wenige Schritte weiter bleiben wir beeindruckt vor dem Schröderschen Haus stehen. Das in der Mitte des 16. Jahrhunderts errichtete Fachwerkhaus gilt als eines der schönsten der Stadt. An der dunkelbraunen Fassade entdecken wir jede Menge Zierrat – Heiligenfiguren, Fantasiegestalten und Werkzeuge zum Weben und Wolle kämmen, denn der Bauherr war ein reicher Tuchmacher.

Nein, in Göttingens Fußgängerzone sollte man wahrlich nicht den Fehler begehen, sich seine Aufmerksamkeit von den Schaufenstern in den unteren Etagen stehlen zu lassen. Denn dann ist es äußerst wahrscheinlich, dass man obendrüber irgendetwas ästhetisch oder baugeschichtlich Bedeutsames verpasst: Fassaden aus den verschiedensten Jahrhunderten, von schlichten Dielenhäusern in Ständerbauweise mit vorkragenden Speicherstöcken der Frühzeit bis zu opulent geschmückten Renaissancebauten mit Schnitzereien, Zahnschnitten und Blendarkaden.

Der Entdeckerpfad lotst uns weiter durch die Jüdengasse, in der die Anfänge der jüdischen Gemeinde Göttingens liegen, zum Hardenberger Hof am Rittersplan. Das Gebäudeensemble aus Fachwerkbauten und kapellenförmigem Anbau ist das letzte erhaltene Adelspalais der Stadt aus der Zeit der Renaissance. Ende des 19. Jahrhunderts erhielt der Hardenberger Hof als Areal des Städtischen Museums eine neue Funktion. Uns kommt das Museum als Aufwärmstation höchst gelegen. Wir sind inzwischen vom Scheitel bis zur Sohle durchgefroren. Drinnen stellen wir fest, dass das Angebot überschaubar ist. Wegen Gebäudeschäden sind große Teile der Ausstellungsflächen geschlossen. Lediglich einige ausgewählte Exponate der 150.000 Einzelobjekte umfassenden Sammlung zur Stadtgeschichte sind zu sehen, darunter Gemälde, Madonnenfiguren, Flügelaltare – und das Gänseliesel.

Das Gänseliesel? Jawohl, und zwar das echte. Nachdem die Skulptur mehrfach beschädigt worden war, brachte man sie 1990 hierher in Sicherheit. Auf dem Brunnen am Markt steht seither eine täuschend echte Nachbildung. Vom Gänseliesel heißt es, dass es das meistgeküsste Mädchen der Welt ist. Schon bald nach der Aufstellung der Brunnenfigur im Jahr 1901 führten die Göttinger Studenten das Ritual ein, dass jeder Neuimmatrikulierte das Gänseliesel zu küssen habe, um die Erfolgsaussichten seiner akademischen Laufbahn zu verbessern. Der damit einhergehende Tumult verdross die Stadtoberen und die Bevölkerung, weswegen das Gänselieselküssen 1926 unter Strafe gestellt wurde. Die Streitigkeiten eskalierten in einem als Kussprozess in die Geschichtsbücher eingegangenen Verfahren, das zugunsten der Behörden ausging. Heutzutage statten nicht mehr Studienanfänger, sondern Promovierte dem Gänseliesel einen Besuch ab, um ihm als Dankeschön Blumen zu schenken – und Küsse, Verbot hin oder her.

Als nächstes navigiert uns der Entdeckerpfad zum Alten Botanischen Garten. Er gilt als eine der größten und bedeutendsten wissenschaftlichen Pflanzensammlungen Deutschlands und beherbergt auf einer fünf Hektar großen Fläche mit Teichen und jeder Menge Gewächshäusern mehr als 12.000 Pflanzenarten aus allen Teilen der Erde. Alpinum, Arboretum, Regenwaldhaus, Orangerie, Cycadeenhaus, Araceenhaus, Sukkulentenhaus, Kakteenhaus, Farnhaus – wir kapitulieren angesichts der Dimensionen und kommen zu dem Schluss, dass der Gartenanlage der Georg-August-Universität eine gesonderte Exkursion gebührt.

Hinter dem Botanischen Garten weichen wir einmal kurz von der vorgegebenen Strecke ab und begeben uns dorthin, wo der Göttinger Marketing-Slogan „Stadt, die Wissen schafft“ mit Leben gefüllt wird: auf den Zentralcampus. Zwischen den Klötzen und Türmen aus Beton und Glas, manche modern, manche in die Jahre gekommen, weht ein kalter Wind. Wir frösteln und fragen uns bei all dem Grau, ob das Gelände zu anderen Jahreszeiten anziehender anmutet. Ein glanzvolles Renommee besitzt die 1737 gegründete Georg-August-Universität allemal. Berühmte Persönlichkeiten und mehr als 40 Nobelpreisträger prägen ihren Ruf als international bedeutende Bildungs- und Forschungseinrichtung. An 13 Fakultäten mit über 210 Studiengängen sind aktuell 28.000 Studierende eingeschrieben und 13.000 Mitarbeitende beschäftigt, davon allein 500 Professoren und Professorinnen.

Nun aber im Sturmschritt weiter, damit wir nicht noch mehr auskühlen. Wir erreichen den Platz der Synagoge, auf dem ein davidsternförmiges Mahnmal an den in der Reichspogromnacht niedergebrannten neoromanischen Bau der Göttinger Synagoge erinnert, nehmen die Goethe-Allee über den Leinekanal und biegen rechts in den Papendiek zur Paulinerkirche ein, die früher eine Klosterkirche der Dominikaner war und heute eine Dependance der Universitätsbibliothek ist. Danach streifen wir durch das Johannisviertel mit Prachtexemplaren südniedersächsischer Fachwerkbaukunst und studieren typische Elemente wie überkragende Obergeschosse, Andreaskreuze, Knaggen, Fußbänder und Zwerchhäuser. Was für eine Bilderbuchszenerie, wäre da nicht der eisgraue Himmel, der alles dimmt.

Es hilft nichts, ein erneuter Stopp zum Auftauen muss sein. Gegenüber Gruppenführungen ist das Praktische am Entdeckerpfad, dass er geduldig auf uns wartet und wir sowohl das Tempo als auch Umwege nach unseren Bedürfnissen bestimmen können. Wir erlauben uns einen kleinen Schlenker zum Markt, wo uns vorhin schon die Café-Bar „Liesels“ mit ihrem anheimelnden Retro-Charme angesprochen hatte, und lassen uns an einem der antiken Tischchen auf ein Heißgetränk nieder.

Zurück auf dem Papendiek nehmen wir den Alte-Wollenweber-Weg zur Kirche St. Marien, passieren die Angerstraße mit der 2008 eingeweihten Bodenfelder Synagoge, schwenken links auf die Wallanlagen, die einst dem Schutz der Stadt dienten und heute ein bei Joggern, Flaneuren und Hundebesitzern beliebter Grüngürtel sind, sichten die Odilienmühle mit rekonstruiertem Mühlenrad, überqueren die Hospitalstraße und gelangen zur Nikolaikirche. Das aus rotem Wesersandstein im 14. Jahrhundert erbaute Gotteshaus erfuhr 1822 eine Umwidmung zur Universitätskirche.

Gegenüber der Nikolaikirche zieht uns die Wohnzimmeratmosphäre des P-Cafés magnetisch an. Schnell ins Warme und mit einer Suppe oder einem Sandwich aus Biozutaten für den Endspurt stärken. Nach dem Nikolaiviertel, in dem im Mittelalter aus Flandern kommende Leinen- und Wollweber siedelten und nun Restaurants mit libanesischen, syrischen, venezolanischen und veganen Spezialitäten locken, steuern wir in der Turmstraße den einzigen erhaltenen Turm der ehemals aus 15 Wachtürmen bestehenden mittelalterlichen Stadtbefestigung an. Durch die Kurze Straße mit überwiegend einfachen Fachwerkhäusern aus der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg, als das Geld für pompösen Schmuck fehlte, spazieren wir zur Kirche St. Albani in der Langen Straße. Es wird vermutet, dass die Kirche die älteste der Stadt ist, auch wenn der heutige Bau aus dem 15. Jahrhundert stammt.

Die nächste Station am Wilhelmsplatz ist schon wieder eine Kirche. Oder doch nicht? Vergeblich halten wir nach einem Bauwerk Ausschau, auf das die Bezeichnung Barfüßerkirche passen könnte. Stattdessen stehen wir vor einem repräsentativen Gebäude im klassizistischen Stil. Die Erläuterungen des Entdeckerpfades lösen das Rätsel. Einst befand sich an dieser Stelle ein Franziskanerkloster. Im Zuge der Reformation wurde die Anlage jedoch abgebrochen und der Bauplatz an die Georg-August-Universität vergeben, die eine neue Aula benötigte. Pünktlich zur Hundertjahrfeier der Hochschule 1837 wurde das Aulagebäude eingeweiht.

An der Ecke Barfüßerstraße/Jüdenstraße bildet die Junkernschänke einen malerischen Abschluss des Entdeckerpfades. Die Fachwerkperle aus dem 15. Jahrhundert verfügt über bunte Schnitzereien in Hülle und Fülle: Kopfporträts, Tierkreiszeichen, Szenen aus der biblischen Geschichte – wir wissen gar nicht, wo wir zuerst hinschauen sollen. Durch die Rote Straße, deren Fachwerkhäuser zu den ältesten Göttingens zählen, geht es zurück zum Marktplatz.

Der Dämmerzustand des Tages ist in schwarze Dunkelheit übergegangen. Auf dem Weihnachtsmarkt ist kaum noch ein Durchkommen. Doch unsere Füße signalisieren uns ohnehin, dass ihnen ein warmes Plätzchen lieber wäre als in der Kälte herumzustehen. Eine kultige Kneipe würde uns behagen, irgendetwas Uriges, wie man es sich für eine traditionsreiche Studierendenstadt vorstellt. Was hatten wir über Göttingen gelesen? Eine Stadt, die in den Sommermonaten nie schläft und in der noch zu später Stunde vor den Kneipen und Gaststätten alle fröhlich beieinandersitzen? Uns scheint, dass auch zur Winterzeit nicht gerade Ausgehflaute herrscht. In der Fußgängerzone sind wahre Menschenmassen unterwegs, obwohl die Geschäfte bereits geschlossen sind. In den teilweise eher dürftig beheizten Außenbereichen der Lokale erblicken wir keinen freien Platz.

Nein, die Altstadt von Göttingen ist alles andere als eine museale Ansammlung von Fachwerkhäusern. Sie ist angenehm unaufgeregt, unverfälscht und uneitel, einfach sie selbst durch und durch. Spätestens in diesem Moment steht für uns fest: Das Sommergesicht von Göttingen, das möchten wir auch noch kennenlernen, wenn uns doch schon die wintergraue Version der Universitätsstadt überzeugt.

In der Burgstraße finden wir genau das, was uns vorschwebte. Eine steile Treppe führt hinab ins „Trou – Studentenkreis e. V.“, eine spärlich beleuchtete Kellerkneipe mit Weinfässern als Mobiliar. Unwillkürlich ziehen wir den Kopf ein, so niedrig ist das Gewölbe. Im Sommer würden wir jetzt der Spezialität des Hauses eine Chance geben, Altbierbowle, wenngleich wir dieses Mischgetränk normalerweise verschmähen. Doch der schlotternde Körper ordnet an: Heute muss ein Glühwein her. Und vielleicht auch noch ein zweiter.


Transparenz-Anmerkung: Die Reise erfolgte auf eigene Kosten. Für die Veröffentlichung des Beitrags wurde kein Honorar bezogen.

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3 Kommentare

  1. Na, diesmal bin ich etwas enttäuscht. Ist das okay? – Keine Bilder der Junkernschänke? 15. Jahrhundert! Was ist mit dem typischen gewulsteten Göttinger Fachwerk? Auf die Kirchenbauten hätte man durchaus stärker eingehen dürfen. Rathaus?
    Kein Wort über kontroverse politische Szenen dort (studentisches Millieu wohl überwiegend)?

    1. Selbstverständlich ist das in Ordnung. Ja, ich finde es ebenfalls bedauerlich, kein Bild von der Junkernschänke zu haben. Nach dem Bewundern des Schmuckstücks habe ich das Fotografieren schlichtweg vergessen. Passiert. Zu den übrigen Punkten: Leider kann ich nicht jedes Mal auf alles eingehen. Irgendjemand wird immer irgendetwas vermissen.

  2. Na, macht ja nix. Ich übe die Kritik ja nur, damit die Nivea wieder auf den alten, gemochten und durchaus bewunderten Schmierstand kommt, Stichwort Fotoqualität (Ausschnittwahl, Motivwahl), inhaltlich-sittlicher Nährwert. Lieben Gruß, Altsack

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