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Urlaub von der Welt


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Als das Wintergrau kein Ende nehmen wollte, der Stresspegel auf ein neues Allzeithoch gestiegen war und meine Batterien zu blinken begonnen hatten, da fasste ich einen Entschluss: Ich würde ins Kloster gehen. Eine Woche ohne Internet, TV und Telefon. Um die Entgiftung komplett zu machen, buchte ich noch einen Fastenkurs dazu. Eine Auszeit im Kloster St. Marienthal in der Oberlausitz.

Ich bin freiwillig hier. Ganz und gar freiwillig. Nichts und niemand zwingt mich zu dieser Radikalkur im Kloster. Jederzeit könnte ich aufspringen und das Weite suchen. Diese Gedanken kommen mir in den Sinn, als Fastenleiterin Sigrid Magnus vor mir ein großes Bierglas mit einer verdächtig harmlos aussehenden Flüssigkeit abstellt: 30 Gramm Glaubersalz, aufgelöst in einem halben Liter lauwarmem Wasser. „Das Glaubern ist der Paukenschlag, mit dem das Fasten nach Buchinger eingeleitet wird“, erläutert Sigrid. Die Natriumsulfatlösung sei ein Großputz für den gesamten Magen- und Darmtrakt. Soll ich oder soll ich nicht? Schon der Geruch des glasklaren Tranks ist abscheulich – bitter und leicht metallisch. Ich schaue zu den anderen Kursteilnehmern, die um den Tisch in der Propstei versammelt sind.

Mein Ausflug in die Askese hatte am Vortag begonnen. Mit einer nicht enden wollenden Zugfahrt quer durch Deutschland. Umsteigen in Frankfurt, Dresden und Görlitz. Die Züge waren immer kürzer und die Gegenden immer einsamer geworden. Kahle Felder, auf denen noch schmutzige Schneereste lagen, wechselten mit nackten Bäumen und zerfledderten Sträuchern. Der Natur steckte der lange Winter in den Knochen. Hin und wieder zogen backpapierbraune Häuser mit zerbrochenen Fenstern vorbei. Vergilbt und verlassen.

Ich vertrieb mir die Zeit mit Lesen, Äpfelessen und Kräuterteetrinken, denn der Anreisetag war zugleich schon der „Entlastungstag“. Ständig kam der Bord-Service an meinem Platz vorbei und verbreitete eine köstliche Kaffeeduftwolke. Koffein ist tabu am Entlastungstag. Genauso wie alles Fettige, Fleischige und Teigige.

Ostritz Bahnhof
November-Tristesse am Bahnhof von Ostritz

Und dann mein Zielbahnhof Krzewina Zgorzelecka/Ostritz an der polnisch-deutschen Grenze: ein abbruchreifes Gebäude und nirgends ein Mensch. Der Himmel novembergrau, obwohl schon April ist. Ich schaue die Gleise entlang und frage mich, was ich mir eigentlich dabei gedacht habe. Eine Woche zum Innehalten und Energieschöpfen, schön und gut. Aber warum nicht mit Kuscheldecke im trautem Heim? Warum ausgerechnet hier, im hintersten Winkel der Oberlausitz? Der Wind bläst mir eisig ins Gesicht.

Im Sommer vor drei Jahren hat eine Verkettung von unglücklichen Zufällen zu verheerenden Überschwemmungen in der Region geführt. Die Schäden sind bis heute zu sehen und ein unsägliches Trauerspiel. „Willkommen im Land der Einbrüche und Hochwasseropfer!“, verkündet ein Plakat am Ufer der Neiße.

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Mit diesen Plakaten werden Besucher in Ostritz empfangen.

Mit mir ist noch eine alte Dame ausgestiegen, sie kommt aus Hamburg und will sich wie ich für einige Tage ins Kloster St. Marienthal zurückziehen. Nur wenige Minuten dauert unsere Taxifahrt durch das 2.500-Seelen-Städtchen Ostritz. „Die Jugend verschwindet zusehends“, erzählt der Taxifahrer. „Sie sieht hier keine Zukunft.“ Seit es keine Textil- und Braunkohleindustrie mehr gibt, mangelt es an Arbeit. Dann taucht am Ortsrand der Klosterkomplex auf, ein eindrucksvolles barockes Ensemble mit weißen Fassaden, mintgrünen Türmen, terrakottafarbenen Verzierungen, Reliefs, Statuen und Brunnen. Gleich hinter dem historischen Sägewerk rauscht die Lausitzer Neiße. Auf der anderen Seite des Flusses beginnt Polen.

Neiße
Auf der anderen Seite der Neiße beginnt Polen.

Die Abtei behauptet den Superlativ für sich, das älteste Zisterzienserinnenkloster in Deutschland zu sein, das seit seiner Gründung im Jahre 1234 ununterbrochen besteht. Vor neun Jahren hat sich der katholische Orden erstmals für Fastenasketen geöffnet – ein Angebot, das zunehmend nachgefragt wird. Ich bin in der ehemaligen Mühlenscheune untergebracht, die heute ein Internationales Begegnungszentrum beherbergt. Mein Zimmer ist klein und nicht besonders hell, aber weniger zellenartig als befürchtet. Es gibt zwei Betten, Stühle, einen Schrank und ein kleines hölzernes Kruzifix über der Tür. Auf dem Schreibtisch liegt ein Ordner mit Informationen und dem Zisterzienser-Gruß: „Porta patet, cor magis.“ Unsere Tür steht offen, unser Herz noch mehr.

Zimmer
Mein Zimmer in der ehemaligen Mühlenscheune

Am Abend sehe ich meine Leidensgenossen zum ersten Mal. 14 Frauen und drei Männer sitzen um den Tisch in der Propstei. Sigrid schlägt eine Kennenlernrunde vor. Um niemandem zu nahe zu treten, habe ich alle Namen geändert.

Tischgesprächsfetzen:

Geraldine: „Ich bin hierhergekommen, um Ferien vom Ich zu machen.“
Sigrid: „Das wird nicht funktionieren. Du wirst dir in den nächsten Tagen wahrscheinlich sehr intensiv begegnen – und vielleicht sogar eine neue Seite an dir entdecken.“

Nachdem alle etwas von sich erzählt haben, wissen wir, dass wir aus den verschiedensten Teilen Deutschlands angereist und in beruflicher Hinsicht ein kunterbunter Haufen sind. In unseren Reihen sind Erzieherinnen, eine Krankenschwester, ein Informatiker, eine OP-Leiterin, ein Bauleiter und eine Controllerin. Ich bin mit 36 Jahren das Nesthäkchen, unsere Alterspräsidentin Geraldine ist Pensionärin. Manche sind gekommen, um eine Zäsur in ihrem Leben zu setzen. Andere wollen an ihren Ernährungsgewohnheiten laborieren. Und einige haben den Wunsch, einfach nur abzuschalten und zu entspannen. So wie ich. Der Abend endet in der Klosterschenke mit der letzten festen Mahlzeit für eine Woche: Kartoffeln mit Kräuterquark. Lecker, eine meiner Leibspeisen!

Zum Glaubern am nächsten Vormittag trete ich ziemlich ermattet an. In der Nacht hatten mich heftige Kopfschmerzen geplagt – der Koffeinentzug. Sigrid sagt, das sei normal. Ein schwacher Trost. Als das Glaubersalz vor mir steht, wird mir schon vom Geruch übel. Rosa zischt das Teufelszeug in einem Zug weg. Ich finde das sehr tapfer. Nach mehreren Ansätzen und vielen Bissen in die bereit liegenden Zitronenstücke ist auch mein Glas schließlich leer.

Tischgesprächsfetzen:

Sigrid: „Sind alle durch mit dem Glaubersalz?
Thomas: „Also ja, wir haben ausgetrunken. Aber durch ist es noch nicht.“

Den Rest des Tages verbringe ich im Bett, weil die Kopfschmerzen immer schlimmer werden. Doch dann scheint der Koffeinentzug geschafft. Beim Abendessen in der Propstei bin ich wieder obenauf. Sigrid hat den Tisch mit Tulpen und Servietten in Frühlingsfarben dekoriert. Es gibt Tee, Honig und eine Auswahl von Obst- und Gemüsesäften. Meine erste Erkenntnis: Auch Säfte können satt machen. Als ich mich ins Bett kuschle und in die Klosterstille lausche, verspüre ich kein Hungergefühl. Doch das nächste Ungemach ist schon im Anmarsch: Mitten in der Nacht wache ich mit Rückenschmerzen auf. Ob das an der durchgelegenen Matratze liegt?

Säfte und Tee
Unser Tee- und Saftarsenal zur Bekämpfung von Hungergefühlen

Sigrid meint beim Frühstück, dass das typische Nebenwirkungen der Entgiftung sind. Auch einige andere aus der Gruppe klagen über Kopf- und Rückenschmerzen. Wir stecken wohl in der viel beschriebenen Fastenkrise, denke ich und hoffe nun, dass sich auch ein anderer Effekt einstellt: das Fasten-High. Der Essensverzicht nach den Regeln von Buchinger soll ja die verrücktesten Sachen bewirken. Sogar alte Leiden und Wunden können wieder aufbrechen. „Fasten ist das Messer von innen“, sagt Sigrid. „Es stärkt die Selbstheilungskräfte.“ Otto Buchinger hat angeblich sein Rheuma durch Heilfasten kuriert.

Zum Mittagessen treffen wir uns in der Klosterschenke. Auf der Tafel mit dem Tagesmenü steht „Zanderfilet in Senfgurken-Dill-Ragout mit Salzkartoffeln und Meerrettich“. Doch für uns gibt’s nur Hagebuttentee und eine Suppe, die nach Sellerie schmeckt und so klar ist wie das Meer um die Malediven. Igitt, denke ich. Aussprechen tue ich es nichts, denn Sigrid hat uns gebeten, die Brühe immer schweigend einzunehmen. Bis auf das Klappern der Löffel und unsere Schluckgeräusche ist daher nichts zu vernehmen. Danach steht zur Entgiftungsunterstützung ein Leberwickel auf dem Programm. Dafür legt man sich ins Bett, schlägt eine Wärmflasche in ein feuchtes Handtuch ein und platziert sie für eine halbe Stunde auf dem Organ.

Klosterschenke
Mittäglicher Treffpunkt: die gemütliche Klosterschenke

Was die Wassermassen in St. Marienthal angerichtet haben, zeigt uns die Klosterkennerin bei einem Rundgang. In der Klosterkirche surren noch immer die Raumluftentfeuchter, um das Wasser aus den Wänden zu ziehen, und die Kreuzkapelle ist ganz geschlossen. Den Nonnen, sagt Schmacht, seien die Sanierungsarbeiten ein Graus: „Sie bringen Lärm, Schmutz und Männer ins Haus.“ Auch um ihren größten Schatz, die Bibliothek mit jahrhundertealten Büchern und einem fantastischen Deckengemälde, müssen die Schwestern bangen. Seit der Überschwemmung lässt sich die Feuchtigkeit in dem Raum nur schwer regulieren.

Kloster St. Marienthal2
Hochwassermarkierung an der Klosterkirche

Die nächsten Tage verlaufen nach ähnlichem Muster. Morgens gibt es Tee mit Honig, mittags Brühe, abends Säfte. Vor dem Frühstück einen Morgenspaziergang mit Gymnastikeinlage, nach dem Frühstück einen „geistlichen Impuls“ von Schwester Anna, nach dem Mittagessen einen Leberwickel und nach dem Abendessen ein Fastengespräch, bei dem jeder von seinen körperlichen und seelischen Befindlichkeiten erzählen kann. Ich bin erstaunt, wie offen und behutsam alle miteinander umgehen. Johanna berichtet von ihren Träumen, die sich um Essen drehten. „Aber ich habe nur mit Bärlauchquark-Knäckebrot geliebäugelt, nicht mit Gulasch oder Gänseleber oder so.“ Meinem Rücken macht das Hängemattenbett weiterhin zu schaffen. Und meine Gemütslage ist so wechselhaft wie das Wetter, das sich zwischen Sonne und Regen nicht entscheiden kann.

Klosterwald
Der Startpunkt für unseren Morgenmarsch in den Klosterwald

Tags darauf seile ich mich von der Gruppenwanderung ab, um im eigenen Tempo durch den Klosterwald und durch Ostritz zu streifen. Die Neiße rauscht friedlich dahin, doch die zerstörten Häuser am Ufer zeigen, was passieren kann, wenn sie wild wird. Unterwegs zum Marktplatz studiere ich noch die Architektur der für die Oberlausitz typischen Umgebindehäuser – eine Art Kreuzung aus Blockbau und Fachwerk. Am Marktplatz angekommen, bin ich verblüfft, dass die Gerüche, die von den Ständen herüberziehen, keine Gelüste wecken. Es ist, als ob das alles mit mir nichts zu tun hat. Ich fühle mich wie ein rohes Ei in einer Seifenblase.

Ostritz
Zerstörte Häuser am Neiße-Ufer

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Ostritz3

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Der Marktplatz von Ostritz

Später kommt Schwester Anna zu uns und beantwortet alles, was wir zum Klosteralltag wissen wollen. Seit acht Jahren lebt die 33-Jährige mit 13 anderen Schwestern nach der Regel des St. Benedikts „Ora et labora“ in dem Orden zusammen. Das bedeutet, dass der Tag um vier Uhr morgens beginnt und abends um 20 Uhr der Hammer fällt. Im früheren Leben arbeiteten die Nonnen unter anderem als Krankenschwester, Kranführerin und Schneiderin. Freimütig erzählt Schwester Anna, dass auch in der Klostergemeinschaft nicht immer alles harmonisch verläuft. Die jüngeren Schwestern eckten regelmäßig an den Vorstellungen der älteren Schwestern an.

Und die sind in St. Marienthal in der Überzahl. Deswegen ist heute auch nur noch die Klosterbäckerei in Betrieb. Das Klosterbier und die Kräuterliköre, die man nebst Büchern und Devotionalien im Klostermarkt erstehen kann, werden anderswo nach Originalrezepten produziert. In der ehemaligen Brauerei ist zurzeit die provisorische Hofkapelle untergebracht, normalerweise gibt es hier eine Ora-et-labora-Dauerausstellung. Andere Gebäude wie die Propstei und die Mühlenscheune wurden zu Gästezimmern und Seminarräumen umgebaut. Insgesamt verfügt St. Marienthal über 150 Betten.

Am Mittag des fünften Tages passiert es plötzlich. Wir sitzen in der Klosterschenke, als mich eine Welle der Gelassenheit und Glückseligkeit durchflutet. Ich fühle mich frei wie ein Vogel und entspannt vom Scheitel bis zur Sohle. Auch meine Rückenschmerzen sind verflogen. Nach unserem Ausflug in die Sauna fühle ich mich noch ein Stück besser. Meine zweite Erkenntnis: Das Leiden hat sich gelohnt. Und es schweißt zusammen. Es kommt mir vor, als würde ich die Gruppe schon viel länger kennen als erst ein paar Tage. Außerdem haben wir viel gelacht. Hungern nach Buchinger ist kein Humorkiller.

In meinem Freundeskreis waren meine Reisepläne auf geteilte Meinungen gestoßen. Manche fanden’s mutig, andere total gaga. Fürs Darben zu bezahlen, das sei doch der größte Wohlstandsgesellschaftsschwachsinn. Aber so einfach ist die Rechnung nicht. Denn wir werden in St. Marienthal sehr wohl gefüttert: mit hochwertiger, flüssiger Nahrung. Mit einem erlebnisreichen Rahmenprogramm und dem unerschütterlichen Zuspruch von Sigrid. Kostenpunkt: 259 Euro. Zuzüglich der Übernachtung.

Und dann beginnt schon der letzte Tag. Um 12 Uhr treffen wir uns zum Fastenbrechen in der Klosterschenke. Der Tisch ist besonders hübsch eingedeckt und statt Suppe gibt es diesmal Äpfel – wahlweise knackig frisch oder gedünstet. Ich möchte mein Stimmungshoch noch etwas länger genießen und verschiebe das Fastenbrechen um zwei Tage. Die Äpfel müssen aber exquisit gewesen sein. Zumindest verdrehten meine Tischnachbarinnen genussvoll die Augen.

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Fastenbrechen mit gedünsteten Äpfeln

Danach fahren wir nach Görlitz, die östlichste Stadt Deutschlands. An der Dreifaltigkeitskirche nimmt uns Jens-Uwe Wolf in Empfang, der auf Architektur und Kulturreisen in die Region spezialisiert ist. Er wird uns eine kleine Kostprobe der „Stadt in Deutschland mit den meisten Denkmälern“ geben, die sich 2010 mit dem Titel Kulturhauptstadt Europas schmücken durfte – zusammen mit der polnischen Schwesterstadt Zgorzelec, die direkt auf der anderen Seite der Neiße beginnt.

Görlitz
In der Altstadt von Görlitz lohnt immer der Blick nach oben.

Heute ist die Altstadt wie ausgestorben. Ein kalter Wind fegt durch die Gassen und über die Plätze. Es regnet. „Görlitz befindet sich in einer Zwickmühle“, sagt Wolf. „Wir haben genügend Arbeit und günstige Wohnungen, aber keine Jugend“. Von den ehemals 100.000 Einwohnern ist nur noch gut die Hälfte übrig. „Pensionopolis“ nennt er seine Stadt. Aber auch das „Hollywood von Europa“, denn die Filmindustrie hat die Fassaden der Spätgotik, der Renaissance und des Barocks als Kulisse entdeckt. Immerhin 70 Prozent der Häuser sind schon saniert.

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Etwa 70 Prozent der Altstadt ist saniert.
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Das Rathaus am Untermarkt

Der historische Reichtum sei Segen und Fluch zugleich, sagt Wolf. „Denn wir haben keine Nutzungskonzepte.“ Wer in Görlitz ein Haus kaufe, der kaufe die „Büchse der Pandora“. Bei der Restaurierung werde immer irgendeine Kostbarkeit freigelegt, entsprechende Denkmalschutzauflagen inklusive. Besondere Liebhaberstücke seien die Hallenhäuser, mit denen sich Görlitz als Weltkulturerbe der Unesco bewirbt. Durch mitunter unscheinbare Tore gelangt man in kunstvoll gewölbte Eingangshallen mit Treppenanlagen und Emporen. Die Blüte von Görlitz geht vor allem auf den Handel mit Färberwaid zurück. Als wir an der Pfarrkirche St. Peter und Paul vorbeikommen, dem Wahrzeichen von Görlitz, ist der Himmel plötzlich blitzblau.

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Wahrzeichen von Görlitz: die spätgotische Pfarrkirche St. Peter und Paul

Am Abend in der Propstei bittet uns Sigrid um ein Resümee.

Tischgesprächsfetzen:

Ivo: „Ich werde versuchen, meinen Körper nach einem langen Arbeitstag nicht mehr mit schwerem Essen zu belohnen, sondern mit Nichtessen.“

Auch andere aus der Gruppe haben beschlossen, ihre Ernährung gesünder zu gestalten: weniger Zucker, Fleisch und Alkohol, mehr Obst, Gemüse und Vollkornprodukte. Eva sagt, dass sie sich fortan stärker auf das besinnen will, was wirklich wichtig ist in ihrem Leben. Und ich? Ich habe das Gefühl, mich durch das Fasten und die klösterliche Ruhe von einer Maschine wieder in einen Menschen verwandelt zu haben. Der Eskapismus von allem Lauten, Schnellen und Grellen hat mir neue Kraft gebracht.

Und meine dritte Erkenntnis: Ich habe weder Internet, Telefon und Fernsehen vermisst. Keine einzige Sekunde. Nur nach Musik war mir hin und wieder zumute. Tatsächlich hätte ich online gehen können. Denn die Schwestern sind mittlerweile an den weltweiten Informationsfluss angeschlossen. „Wir müssen doch wissen, wofür wir beten sollen“, sagt Schwester Anna. Bei der Hochwasserkatastrophe erwies sich umgekehrt das Internet als Helfer: Via Youtube gingen die Spendenaufrufe für das Kloster um die ganze Welt.

Nach dem Frühstück mit Frischkornbrei und Früchten verstreuen wir uns wieder in alle Winde. Kehren zurück in das Leben, aus dem wir vor einer Woche herausgetreten sind – um einige Kilos leichter und eine Erfahrung reicher: Fasten fühlt sich heilsam für Leib und Seele an. Da kann die Wissenschaft an der gesundheitsfördernden Wirkung des Nahrungsverzichts zweifeln wie sie will.

Fastentisch
Frühstück mit Frischkornbrei
Fotos: pa

In einem Büchlein von Frau Schmacht habe ich einen Ausschnitt aus einem Brief des Zisterziensermönches Bernhard von Clairvaux gefunden, den ich als Schlusswort anfügen möchte: „Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst. Ich sage nicht: Tu das immer. Ich sage nicht: Tu das oft. Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal.“

KLOSTER AUF ZEIT
Das Kloster St. Marienthal ist im Internet unter www.kloster-marienthal.de zu finden. Informationen zu den Fastenkursen von Sigrid Magnus gibt es unter www.fama-aktiv.de.

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