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Die violette Welt der Madame Vié


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Toulouse, die europäische Hauptstadt der Luft- und Raumfahrtindustrie, greift nicht nur nach den Sternen. Die Metropole im Südwesten Frankreichs hegt auch ihre Traditionen – zum Beispiel den Anbau des Toulouser Veilchens. Zu Besuch bei einer Frau, die aus ihrer Liebe zu dem zarten Blümelein ein florierendes Geschäft gemacht hat.

Wenn Hélène Vié von „la Violette de Toulouse“ schwärmt, dann scheinen sogar ihre Augen lila zu leuchten. Sie liebe die Zartheit des Veilchens, seinen Duft, seinen Geschmack und seine Farbe! Kein Wunder, dass in Madame Viés Boutique nahezu alles violett ist: die Tischdekoration und die Hocker, die Servietten, Kugelschreiber und sogar das Gebäck, das sie zum Veilchentee reicht. Und natürlich trägt die Veilchenexpertin korrespondierende Kleidung – ein lila Bolero-Jäckchen zur veilchenblauen Hose.

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Hélène Vié in ihrem „Maison de la Violette“ auf dem Canal du Midi

Madame Vié hat aus ihrer Leidenschaft für das lila Blümelein ein florierendes Geschäft gemacht. Seit 13 Jahren bietet sie in ihrem „Maison de la Violette“ in Toulouse eine breite Palette an Veilchenprodukten an. Ihre violette Welt ist ein lindgrün-lila gestrichener Frachtkahn, der gegenüber dem Bahnhof auf dem Canal du Midi schaukelt. In den Wintermonaten dient das Deck als Gewächshaus, an warmen Tagen als „Salon de Thé“. Im Rumpf der über 80 Jahre alten Peniche verbirgt sich der Verkaufsraum: Regale mit Duftkerzen, Bodylotion und Badesalz, Marmelade, Honig, Senf, kristallisierten Blüten und lila Likören. In einer Ecke plätschert ein Schokoladenbrunnen, in den sich veilchenblaue Plätzchen stippen lassen.

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Das Haus des Veilchens ist eine Peniche aus den 1930er Jahren.

Aus der Altstadt von Toulouse, einem herzförmigen Bezirk mit Gassen und Straßen, viereckigen und dreieckigen Plätzen, romanischen Kirchen, roten Türmen und eleganten Patrizierhäusern aus der Zeit des Handels mit Färberwaid, sind die Veilchenartikel von Madame Vié inzwischen kaum noch wegzudenken. In den Läden rund um den Place du Capitole gehören die violetten Süßigkeiten, Kosmetika und Duftartikel längst zum Standardsortiment. Jedes Jahr im Februar veranstalten die Toulouser auf dem weitläufigen, mit Arkaden und dem klassizistischen Rathauspalast gesäumten Prachtplatz ein Fest zu Ehren des Veilchens.

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Arkaden auf dem Place du Capitole
Toulouse Fassade
Verlotterte Fassade, aber die einstige Eleganz ist unübersehbar.

Schon seit mehr als 150 Jahren wird das langstielige, von November bis März blühende Pflänzchen aus der Familie Viola suavis in der südwestfranzösischen Stadt kultiviert. Ein Soldat aus der Armee von Napoleon soll die Blume als Geschenk für seine Geliebte aus Italien mitgebracht haben. Nach einer etwa 100 Jahre währenden wirtschaftlichen Blütezeit des Veilchens – erst war es als Puder gegen schlechte Gerüche beliebt, später als Tischschmuck – kam das jähe Ende. Im Winter 1956 vernichtete ein Frosteinbruch fast die gesamte Veilchenkultur.

Erst drei Jahrzehnte später wurde wieder damit begonnen, die Blume zu verehren und zu vermehren – nun in Gewächshäusern statt in Gärten. „Die Veilchen werden nicht ausgesät, sondern geteilt“, erläutert Madame Vié. Bevor sie ihr Veilchenwissen erwarb, arbeitete sie für die Heilsarmee in Paris. In Toulouse verguckte sich Madame Vié sowohl in die Blume als auch in die Stadt: „Besonders gefallen mir die Dynamik, die jungen Leute und der viele Sonnenschein.“

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Das Geschäft mit dem Toulouser Veilchen floriert wieder.
Fotos: pa

Tatsächlich kommt Toulouse auf mehr als 2.000 Sonnenstunden jährlich. Und in der viertgrößten Stadt Frankreichs sieht man viele junge Gesichter. Rund 110.000 der 445.000 Einwohner sind Studenten. Überall kurven sie mit ihren Rädern herum, Toulouse ist flach und verfügt über ein 760 Kilometer langes Radwegenetz. Das Nachtleben bietet mit zahlreichen Bars und Clubs eine bunte Spielwiese zum Abbau jugendlichen Kraftüberhangs.

Und die Dynamik? Auch damit hat Madame Vié recht. In der Hauptstadt der europäischen Luft- und Raumfahrtindustrie haben Innovationen schon Tradition. Gerade gestaltet die Metropole an der Garonne ihre Innenstadt um – offener, weiter und fußgängerfreundlicher. Auch die Hotellerie wandelt sich mit neuen Design- und Boutique-Hotels, und die Gastronomie zeigt sich experimentierfreudig. So konnte Madame Vié den Koch des Grand Hotel dʼOrleans dafür gewinnen, komplette Veilchen-Menüs zu kredenzen.

TOULOUSE UND SEIN VEILCHEN
Einen Einblick in die violette Welt von Hélène Vié bietet die Website www.lamaisondelaviolette.com. Für Gruppen sind Verkostungen und Workshops buchbar. Das Fremdenverkehrsamt von Toulouse ist online unter www.toulouse-tourismus.de zu finden.

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