Europa, Reportagen, Spanien

Blutige Gefechte mit Rotweinschläuchen


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In Kastilien-La Mancha führte Don Quijote seinen legendären Kampf gegen die Windmühlen, die er für ungeschlachte Riesen hielt. Wer heute in die zentralspanische Region reist, kommt an den Stationen des versponnenen Möchtegernhelden von Miguel de Cervantes nicht vorbei – und erlebt dabei ganz eigene Abenteuer.

Wir sollen es pur trinken. Olivenöl ohne alles. Nicht einmal fades Weißbrot ist als Geschmacksträger gestattet. So machten es jedenfalls die Profiverkoster, erklärt Eusebio Garcia, und er muss es wissen. Sein Traditionsunternehmen Garcia de la Cruz stellt schon seit 1872 Olivenöl her, aus den knackigen Oliven der sonnengetränkten Region Kastilien-La Mancha im Herzen von Spanien. Und weil sein Betrieb nicht nur auf Jahrhunderte lange Erfahrungen setzt, sondern auch auf moderne Marketing-Finessen, werden seit einiger Zeit auch Olivenölverkostungen für Touristen angeboten.

So sitzen wir nun hier, in der Casa Rural La Alameda, irgendwo in der kargen Weite der Mancha, vor unseren Kalorienbombengetränken. Damit wir durch die Farbe nicht schon voreingenommen sind, verkosten wir das Öl aus dunklen Gläsern. Auf allen liegt ein Deckel, um die Aromen zu bündeln. Dann, so macht es Garcia vor, müssen wir kräftig an den Gläsern reiben, so dass sich das Olivenöl auf 18 bis 20 Grad erwärmt, zwischendurch das Schwenken nicht vergessen, schließlich den Deckel lupfen, intensiv schnuppern und beherzt einen Schluck nehmen. Die Flüssigkeit geht runter wie – ja, wie Öl. Der Gaumen fühlt sich danach ganz seidig an, und auch der Magen zeigt sich damit einverstanden, eine Extraportion hochwertiger Fette zu empfangen.

Es erscheint uns wie ein kleines Wunder, dass der knüppelharte Boden der Mancha nicht nur niederes Gestrüpp hervorbringen kann, sondern so gehaltvolle Früchte wie Oliven. Kaum hatten wir die wuchtigen Mauern der Provinzhauptstadt Toledo hinter uns gelassen, die letzte Bastion der Zivilisation vor dem großen Nichts, spannte sich die Ebene wie ein linsenbraunes Leinentuch vor uns auf: steinige Einöde bis zum Horizont, darüber tiefer Novembernebel.

Toledo
Unesco-Weltkulturerbe: die Altstadt von Toledo

Wir waren eine ganze Weile durch diese Gegend gefahren, von der wir nicht viel mehr wussten, als dass Don Quijote hier seinen berühmten wie aussichtslosen Kampf gegen die Windmühlen führte, da tauchte plötzlich eine Anhöhe auf, von der uns eine Gespensterschar mit dürren Armen zuwinkte. Als wir näherkamen, waren es aber nur die Windmühlen von Consuegra, zwölf weißgetünchte Zylinder mit Spitzdach und verwitterten Flügeln – jene Objekte, die schon Don Quijotes Fantasie anregten. „Flieht nicht, ihr feigen, elenden Geschöpfe, ein einzelner Rittersmann kündigt euch Fehde an“, rief der Möchtegernheld, als er die Windmühlen erblickte, die er für Riesen mit meilenlangen, fuchtelnden Armen hielt. Mit angelegter Lanze und lautem Geschrei sprengte er auf seinem Klepper Rosinante auf die mutmaßlichen Feinde los.

Die Romanfigur aus Miguel de Cervantes „Der sinnreiche Junker Don Quijote von der Mancha“ ist das touristische Zugpferd der Region Kastilien-La Mancha. Auf mehr als 2.000 Kilometern führt die Don-Quijote-Route zu allen wichtigen Schauplätzen der Geschichte aus dem frühen 17. Jahrhundert – zum Quijote-Museum in Ciudad Real, zur Höhle von Montesinos im Naturpark Lagunas de Ruidera, zum Casa de Dulcinea nach El Toboso, dem Haus der imaginären Geliebten Don Quijotes, und zu den charmant restaurierten Windmühlen von Consuegra.

Toledo Don-Quijote-Route
Die Don-Quijote-Route führt über mehr als 2.000 Kilometer durch die Mancha.

Dabei ist gar nicht so genau klar, wo der „Ritter von der traurigen Gestalt“ seine Abenteuer erlebte, denn Ortsnamen nennt Cervantes nur wenige. Deshalb stritten die Dörfer lange darum, wer sich mit dem literarischen Erbe vermarkten darf. Doch nun hat sich die Region darauf besonnen, dass sie mehr als den weltbekannten Fantasten zu bieten hat, der in den Andenkenläden aus Holz und Blei, als Postkarte, Lesezeichen und Kühlschrankmagnet erhältlich ist. Die Mancha verfügt auch über einzigartige landwirtschaftliche Schätze – Produkte aus Oliven, feinen Manchego-Käse, würzige Chorizo-Wurst und natürlich Wein. Neun Prozent der europäischen Weinanbaufläche entfallen auf die Gegend.

Wir sind bei unserer Olivenölprobe in der Casa Rural La Alameda bei der Auswertung angelangt. Welches der Öle hat nach Mandeln geschmeckt, welches nach Apfel und welches nach frischen Kräutern? Ehrlich gesagt: Ich habe keine Ahnung. Das Öl schmeckt nach Öl, aber vorzüglich und geschmeidig. Wahrscheinlich würde ich auch ein „Virgin Extra“-Öl nicht identifizieren. Bei dieser Qualitätsklasse dürfen zwischen Ernte und Pressung der Oliven nicht mehr als acht Stunden liegen, erklärt unser Ölexperte Garcia.

Die Casa Rural La Alameda ist ein Glanzbeispiel für das neue touristische Angebot der Mancha. Vier Schwestern haben das Anwesen aus dem 17. Jahrhundert mit viel Mühe, Geld und Herzblut zu einem geschmackvollen Feriendomizil umgestaltet: die Designerinnen Amelia und Almudena, die Lehrerin Lola und die Anwältin Paula. Für uns haben sie heute auch noch einen Safran-Workshop organisiert. Das „rote Gold“ der Mancha kostet rund 6.000 Euro pro Kilo – warum, wird schnell klar: Die Safran-Herstellung ist unendlich mühselig. Lediglich drei rote Fäden lassen sich aus den lilafarbenen Krokusblüten herauspulen, die außerdem nur zwei bis drei Wochen im Oktober blühen und im Idealfall in aller Herrgottsfrühe gepflückt werden. Bei der anschließenden Trocknung schrumpfen die Fäden um 70 Prozent.

Mancha Safran
Fummelarbeit: In jeder Krokusblüte befinden sich nur drei zarte Safranfäden.

Immerhin ist das kostbare Gut ergiebig. Ein Gramm reiche für mehrere Paella-Pfannen, erfahren wir von der Workshop-Leiterin aus dem Safranmuseum in Consuegra. Safran werde aber nicht nur zum Kochen und Backen verwendet, sondern auch zum Färben von Kleidung und Haaren sowie zur Behandlung von Zipperlein wie Erkältungen, Schlafstörungen und Verdauungsproblemen.

Don Quijote hätte eher ein Mittelchen zur Stärkung des Realitätssinns gebrauchen können. Nachdem sich der Landjunker massenweise Ritterromane zu Gemüte geführt hatte, fühlte er sich irgendwann selbst zum Ritter berufen, kramte aus dem Nachlass seiner Vorfahren eine rostige Rüstung hervor, sattelte die Mähre Rosinante, ernannte den dickbauchigen Stallmeister Sancho Panza zu seinem Schildknappen und zog in die Mancha hinaus, um für Frieden, Liebe und Gerechtigkeit zu kämpfen. Es dauerte nicht lange, da erreichte das ungleiche Gespann – der schlaksige, versponnene Quijote auf Rosinante und der kugelige, bauernschlaue Sancho mit seinem Esel Rucio – die Windmühlen von Consuegra.

„Meiner Treu! Man musste selber Windmühlen im Kopf haben, wenn man es nicht sehen wollte“, schallt es aus einem Lautsprecher von den Felsen zu uns herüber. Die Stimme gehört zu Sancho Panza, der an die Vernunft seines Herrn appelliert. Doch Don Quijote lässt sich nicht beirren und startet seinen Angriff auf die vermeintlichen Riesen. „Ich denke so, und so ist es“, antwortet er seinem Knappen. Es sind zwei Schauspieler, die hier vor den Kulissen der Windmühlen mit dramatischen Gesten das achte Romankapitel für Touristen aufführen. Auch der Esel Rucio ist Teil des Ensembles, steuert zur Action aber nur eine unbeteiligte Miene bei.

Mancha Windmühlen2
Sancho Panza versucht, seinen Herrn zur Vernunft zu bringen.

Später am Tage, nach unseren Öl- und Safranexperimenten, fahren wir noch einmal an den Windmühlen von Consuegra vorbei. Diesmal sehen sie kein bisschen wie Nebelgespenster aus, sondern wie Windmühlen, auf denen die goldenen Strahlen der Abendsonne leuchten. Am Himmel ziehen Wolkenflocken zum Horizont und weiter in die Unendlichkeit. Uns reicht vollkommen, was wir sehen, aber wir wollen ja auch nicht um die Gunst der Dulcinea buhlen wie einst Don Quijote. Er hoffte, seine Herzensdame mit Ruhm und Ehre beeindrucken zu können, und halluzinierte sich die Gefahrenlagen für seine Heldentaten praktischerweise einfach selbst zusammen. So kam es, dass Don Quijote mit Rotweinschläuchen kämpfte, bis das Blut nur so spritzte, und die Lanze gegen die friedlichen Schafe der Mancha führte, weil sie ihm als riesige Feindesheere erschienen.

WINDMÜHLEN, SAFRANZUPFEN UND ÖLPROBEN
Don-Quijote-Route: www.quijote.es
Kastilien-La Mancha: www.turismocastillalamancha.com
Casa Rural La Alameda: www.casaruralalameda.com
Olivenölverkostungen: www.aceitesgarciadelacruz.com/en

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