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Mit Wadenkraft in Gaudis Märchenwald


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Wenn man außer Atem, schweißfleckig und durstig wie ein Wüstenwanderer die Pforten des Gaudi-Parks erreicht, fragt man sich schon, ob es nicht eine Schnapsidee war, Barcelona mit dem Fahrrad zu erkunden. Doch der Zweifel währt nur einen Moment, denn alles in allem ist das Fortbewegungsmittel für die katalanische Metropole exzellent.

Wasser. Kühles Wasser. Manchmal ist nichts so köstlich wie das. Zum Beispiel dann, wenn man an einem heiteren Sommertag in den Gaudi-Park auf den Hügeln von Barcelona gestrampelt ist – nicht mit einem vollblütigen Rennrad oder einem potenten Mountainbike, sondern mit einem Leihfahrrad aus der Familie der schwerfälligen Citybikes: Sofasattel, das Gängespektrum an zwei Händen abzuzählen, der Lenker eine ergonomische Katastrophe, das Temperament so feurig wie ein Ackergaul.

Der weitläufige Parkplatz vor dem Park Güell deutet darauf hin, dass wohl auch nicht viele Leute auf die Idee kommen, sich Kraft ihrer Waden hier herauf zu arbeiten. Auch uns hatten zwischendurch Zweifel an der Großartigkeit unserer Unternehmung befallen, als wir wieder und wieder in Straßen eingebogen waren, die der Gestalt eines buckligen Männleins entsprachen, und wir uns dann bei jeder Steigung die Eulenspiegel-Logik in Erinnerung rufen mussten, nach der Berge ja das reinste Vergnügen sind, weil es danach abwärts geht („So denk ich an das Tal, das folgt, und fass ein Herz“), und bei jeder Neigung diese Logik wieder zu vergessen versuchten („So denk ich Narr schon an die Höhe, die folgen wird, und da vergeht mir denn der Scherz“), andernfalls wir wahrscheinlich in ein bodenloses Motivationsloch gefallen wären. Und als wir schließlich am Ziel ankamen, hing uns die Zunge nur deswegen nicht aus dem Hals, weil sie am Gaumen klebte.

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Schweißtreibendes Unternehmen: eine Fahrradtour vom Meer bis zum Park Güell auf den Hügeln

Der Park Güell ist einer der Orte, die man in Barcelona gesehen haben muss. Zumindest behaupten das unisono die Reiseführer. Und es stimmt ja auch, schon wegen des herrlichen Ausblicks über die Stadt bis zum Mittelmeer. Ebenso wahr ist aber auch, dass der Besuch der Hauptattraktionen mit langen Menschenschlangen und Wartezeiten verbunden sein kann – vor dem ehemaligen Wohnhaus Antoni Gaudis und dem Platz mit den wellenförmigen, mit Tierkreiszeichen, Sternen und Blumen aus Keramik- und Kristallsteinchen verzierten Bänken. Vor dem Wasser speienden Drachen mit seinen bunten Mosaikschuppen, der mit versteinertem Blick die Kuschel- und Knipsorgien der Touristen über sich ergehen lässt, tagein, tagaus, Jahr für Jahr. Und vor den Pförtnerhäusern am Haupteingang, die mit ihren lebkuchenbraunen Fassaden und den zuckergussweißen Verzierungen wie Hänsel-und-Gretel-Knusperhäuschen aussehen. Überhaupt erinnert der Park Güell mit seinen verschlungenen Wegen, den geschwungenen Treppen, den Schlangenbänken und Tierfontainen an einen verwunschenen Märchenwald, so dass man nicht sonderlich überrascht wäre, wenn hinter den Steinpfeilern der Viadukte, die wie kopflose Urzeitechsen zwischen den Palmen und Pinien ruhen, plötzlich eine Fee oder ein Zauberer hervorlugte.

Wenn man sich das geniale wie gigantische Werk von Gaudi vor Augen führt, kann man kaum glauben, dass der Modernisme-Vertreter nur ein Bau- und kein Hexenmeister mit übermenschlichen Fähigkeiten war. Ohne seinen Freund und Förderer, den Textilfabrikanten Eusebi Güell, hätte er der Nachwelt allerdings wohl auch weniger hinterlassen – keinen Park Güell zum Beispiel, der eine Auftragsarbeit des Industriellen war. Ursprünglich sollte eine neuartige Gartenstadt entstehen, doch mangels Interessenten wurde das Projekt nach 14 Jahren abgebrochen. Gaudi und Güell verband die Charaktereigenschaft der Bescheidenheit, weswegen sie bei aller Größe ihrer Visionen immer auch nach Low-Budget-Lösungen für die Umsetzung strebten. So wurden die Mauern des Parks aus Resten des Straßenbaus errichtet und für die Mosaikverzierungen die Abfälle von Keramikfabriken verwendet.

Zu Lebzeiten Gaudis kamen die wundersamen Kreationen gar nicht so gut an. Die Kritiker empörten sich über die Schwülstigkeit der Baukunst und kleideten ihre Schimpfe in ebenso plastische Worte: „steinerne Missgeburten“, „obszöne Knollen“, „Folter der Imagination“. Erst später wurde gewürdigt, dass die Konstruktionen neben aller wilden Formenverspieltheit auch baustatische Innovationen bargen und einem hohen Anspruch des Architekten an Funktionalität folgten. Man nehme nur die Casa Milà mit ihrer wie ein versteinerter Lustgarten wirkenden Dachlandschaft voller Keramikintarsienblumen und skurrilen Skulpturen, in denen sich ausgeklügelte Belüftungssysteme, Kamine und Treppen verbergen, von Gaudis Zeitgenossen als „La Pedrera“ (Steinbruch) verspottet.

Heute sind die Bauwerke des katalanischen Künstlers die alles überstrahlende Touristenattraktion Barcelonas. Sie wurden von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt und ziehen immer mehr Besucher an. Im vergangenen Jahr kamen 5,8 Millionen ausländische Gäste, womit die spanische Metropole nun in den Top Five der europäischen Städteziele liegt. Aus Deutschland legten die Zahlen besonders stark zu  – um fast zehn Prozent auf 450.000 Touristen.

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Eine der Hauptattraktionen Barcelonas: die Sagrada Familia

Wer es mit dem Fahrrad bis zum Park Güell geschafft hat, meistert den Rest mit der linken Wade. Denn als Metropole am Meer ist Barcelona eine eher flachbrüstige Schönheit. Und weil es im Stadtgebiet 180 Kilometer Radwege gibt, viele davon sogar zweispurig und mit schrägen Bordsteinkanten zur Vermeidung von Achterreifen, nicht zu vergessen das angenehme Lüftchen während der Fahrt, ist die katalanische Kapitale auch prädestiniert für Erkundungen mit dem Rad. Lediglich Papierkörbe, in die man im Vorbeifahren treffen kann, sowie Fahrradampeln mit Fußstützen und Grüne-Welle-Einstellung bei Tempo 20, wie es sie in der Vorbildfahrradstadt Kopenhagen gibt, könnten die Fortbewegung auf zwei Rädern noch komfortabler gestalten.

Der größte Vorteil aber ist, dass man jederzeit und überall der Versuchung nachgeben kann, mal eben anzuhalten. So viel Ungebundenheit bietet keine Metro und keine Straßenbahn, ja nicht einmal das System der Hop-on-Hop-off-Busse. Denn es laden ja nicht nur die bedeutsamen Sehenswürdigkeiten der zweitausendjährigen Stadtgeschichte zum Verweilen ein, all die mittelalterlichen Erbstücke, die gotischen Gotteshäuser und Jugendstilbauten der Modernisme-Architekten, nicht nur die großen Parks und Plätze, die Märkte und mehr als 50 Museen, nicht nur Prachtboulevards wie der Passeig de Gràcia und die Flaniermeile La Rambla, die sich wie ein lebendig gewordenes Wimmelbildgewimmel aus Blumen- und Vogelverkäufern, Straßenmusikanten, Akrobaten, Malern und Touristen, Zeitungsbuden, Bistros und Souvenir-Shops mit Barcelona- und FC-Barcelona-T-Shirts von der Kolumbussäule am Hafen bis hinauf zur Placa de Catalunya zieht.

Nein, es locken auch die kleineren Straßen dazwischen, die Cafés und Bars, in denen man sich unter die Einheimischen mischen und dann in einem speckigen Lokal mit nur einer weiblichen Erscheinung in Person der Kellnerin erfahren kann, womit sich die älteren Herren am liebsten ihre Sonntagsfreizeit vertreiben: Rauchen, Trinken, Stierkampfschauen.

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Noch flexibler als mit den Hop-on-hop-off-Bussen ist man mit dem Fahrrad.

Und dann sind da natürlich noch die kilometerlangen Strände, an denen sich zwischen Strand-Bars mit Live-Musik vom DJ eine große Vielfalt der menschlichen Spezies tummelt: Familien, Nacktbader, Schwule, Beachvolleyball-Spieler, Frauen mit schwerkraftresistenten Kunstbusen, kiffende Studenten, schwarzafrikanische Sonnenschirmverleiher, nordafrikanische Getränkeverkäufer, hummerrote Engländer, sonnencremeweiße Deutsche und nutellabraune Bodybuilder aus Barcelona. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, kann ganz gemütlich die Promenade rauf und runter fahren, vorbei an dem Olympischen Dorf von 1992, an Restaurants, Skater-Parks und Bodybuilding-Stationen, und in dem Treiben seinen Gesellschaftsvorlieben entsprechend den idealen Bade- und Brutzelplatz ausspähen.

Barcelona stürzt einen nicht in den Interessenkonflikt, ob man Halligalli oder Hängematten-Feeling will, Sand zwischen den Füßen oder große Kunst von Miró und Picasso, geistige Nahrung oder Nichtstun für die Entlastung der Reizreaktionsketten, denn alles lässt sich kinderleicht kombinieren. Leider wissen auch die Geschäftemacher und Langfinger von der Verführungs- und Anziehungskraft der Stadt. Erstere nehmen die Touristen mit astronomischen Preisen für abscheuliche Weinpansche, Pseudo-Cocktails und leichenblasse Papp-Sandwichs aus (Achtung in Strand-Bars und rund um die Rambla), Letztere in Momenten der Unaufmerksamkeit – zum Beispiel dann, wenn man sich in den Anblick einer schillernden Gaudi-Fassade versenkt oder am Hafen in den des blinkenden Meeres.

Auch auf sein Stahlross sollte man achtgeben, damit es sich nicht mit einem anderen Reiter auf und davon macht. Allerdings ist es nicht immer einfach, eine gute Stelle zum Anketten zu finden, weil die Straßen eben voller Fahrräder sind. Die weißroten Modelle des städtischen Verleihsystems „Bicing“ können von Touristen nicht genutzt werden, weil man dafür in Spanien gemeldet sein muss. Doch in den Altstadtvierteln um die Rambla gibt es eine Vielzahl von privaten Anbietern. Die meisten organisieren auch geführte Touren – von klassischen Highlight-Rundfahrten über Fotosafaris und nächtliche Expeditionen bis zu Streifzügen inklusive Tapas-Futtern.

Als wir vom Park Güell den Rückweg antreten, kommen wir in den wunderbaren Genuss unserer schweißreichen Mühen und können die Eulenspiegel-Logik, dass einem bei der Talfahrt die Heiterkeit vergeht, nun so gar nicht nachvollziehen. Im gestreckten Galopp stürmen unsere Räder die Berge hinab wie Pferde zu Trog und Tränke, mitten hinein in ein labyrinthisches Viertel, in dem man gar nicht anders kann als sich zu verfransen, bis wir wieder auf die richtige Route gelangen – die Avinguda Diagonal, die sich über elf Kilometer quer durch Barcelona zieht und in der Mitte über einen zweispurigen Fahrradweg mit Platanenschatten verfügt. Wir lassen die Sagrada Familia links liegen, deren Türme von Ferne wie eine Kreuzung aus Termitenhügel und Tropfsteinen aussehen, passieren das Wahrzeichen des Technologie-Distrikts 22@, den phallusförmigen Torre Agbar, der nachts mit Tausenden von Leuchtdioden illuminiert wird und dann wie ein Riesensexspielzeug aus der Skyline ragt, rollen durch das Kongress-Viertel Sant Martí und weiter bis zum Mittelmeerglitzern am Strand Mar Bella.

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Wahrzeichen des Technologie-Distrikts 22@: der 142 Meter hohe Torre Agbar

Abends finden wir dort sogar etwas, das wir in einer Millionenstadt mit Millionen von Touristen zuletzt erwartet und deshalb nicht zu wünschen gewagt hatten: einen stillen Platz am Strand. Und das ist auch gut so, damit man die Eindrücke sacken lassen kann – die überwältigende Gaudi-Kunst, von der man sich spätestens beim Besuch der Sagrada Familia fragt, dieser surrealen Komposition aus storchenbeinknöchrigen Säulen, Decken mit sternförmigen und krokodilszähnespitzen Dekorationen, prachtvollen Buntglasfenstern und monumentalen Schmuckfassaden, wo eigentlich die Grenzen zwischen Genialität und Größenwahn verlaufen, falls es sie überhaupt gibt. Und die Frage auch sogleich wieder verwirft, weil die Antwort keine Rolle spielt, wenn man die Energie in den Kirchenschiffen spürt, die wie das Entree zum Himmel und zur Hölle zugleich erscheinen, mit ihrem Licht- und Schattenspiel zwischen den skelettweißen Säulen und warmfarbigen Fenstern, von Gaudi garantiert bis ins Detail berechnet. Mit dem nach oben blickenden Jesus, der unter einem fallschirmartigen Heiligenschein über dem Altar schwebt, und der schwarzen, schemenhaften Gestalt an der Rückseite, die wie ein Fürst der Finsternis über dem ganzen Geschehen thront und alle, die Harry Potter kennen, an Dementoren erinnern mag – jene ganz Bösen, die einem mit einem einzigen Kuss gleich die ganze Seele aus dem Leib saugen. Alles in der Sagrada Familia scheint starr und dennoch organisch zu sein, kantig und doch rund, alles kalt und warm, düster und licht, hermetisch und zerbrechlich, alles eins.

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Das Hauptschiff der Sagrada Familia mit dem schwebenden Jesus …
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… und dem Fürst der Finsternis gegenüber

Mehr als 130 Jahre dauern die Bauarbeiten an der Krönung der Gaudi-Schöpfung, die einmal die größte Kirche werden soll, mittlerweile an. Die Fertigstellung wird bis zum 100. Todestag des Architekten 2026 angestrebt, was beim Anblick der Gerüstegeschwader und in Anbetracht der Tatsache, dass von den geplanten 18 Türmen erst acht stehen, ambitioniert anmutet.

Es wäre ein glanzvolles Ereignis, das die Umstände, unter denen Gaudi ums Leben kam, nicht ärger kontrastieren könnte. Der Baumeister war auf dem Weg vom Morgengebet zur Baustelle der Sagrada Familia, als ihn eine Straßenbahn erfasste. Weil man ihn für einen verwahrlosten Niemand hielt, erbarmte sich zunächst keiner für den Transport ins Krankenhaus. Wenige Tage später starb Gaudi an seinen Verletzungen.

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Einst umstritten, heute von Touristen umschwärmt: der Modernisme-Architekt Antoni Gaudi

BARCELONA BY BIKE
Weitere Informationen sind bei Barcelona Turisme unter www.barcelonaturisme.com erhältlich. In der Altstadt gibt es zahlreiche Anbieter von Leihfahrrädern und geführten Fahrradtouren, zum Beispiel Barcelona Biking (www.barcelonabiking.com), Budget Bikes (www.budgetbikes.eu) und Classic Bikes (www.barcelonarentbikes.com). Manche Verleiher bringen die Räder auch direkt ans Hotel, so etwa Tomas Bikes Rent (E-Mail tomasbikesrent@hotmail.com, Telefon (0) 6 22 95 22 25). Citybikes kosten etwa 15 Euro pro Tag.

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