Malta, Mitbringsel

Interview mit einem Barden


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Megalithische Tempelruinen, römische Katakomben und bullige Festungen des Johanniterordens – Malta ist gespickt mit kulturellen Sehenswürdigkeiten. Doch die Insel hat auch ein junges Gesicht. In St. Julian’s mäanderte die reisekorrespondentin (dr) durch Partyvolk, Alkoholdunst und Bassgestampfe, bis sie in einem Souvenirshop einen Barden erblickte, der mit seinem traditionellen Outfit recht deplatziert wirkte.

dr: Hallo Barde. Du siehst aus, als würdest du hier schon seit einer halben Ewigkeit verstauben. Genau genommen siehst du mit deiner – bitte entschuldige – schlafmützenähnlichen Kopfbedeckung sogar so aus, als hättest du mehrere Jahrhunderte verschlafen …
Barde (klimpert melancholisch mit den nachtblauen Augen): Nun ja, ich bin kein Verkaufsschlager. Flip-Flops, T-Shirts und alle Ritter-Artikel gehen besser. Die Leute, die sich in St. Julian’s austoben wollen, haben kein Interesse an traditioneller Musik.

dr: Das denke ich mir. Wenn ich den Klangteppich in den Bars, Discotheken und Shisha-Lounges richtig entwirre, dann sind R&B, Electro, Hip Hop, Arabic-Pop und Ambient angesagt. Aber was ist denn deine Musik?
Barde: Sie nennt sich Ghana, das ist Gesang mit Gitarre, Flöten, Trommeln und Zaqq, einer Art Dudelsack. Der Rhythmus ist gemütlich, die Verse sind meist spontan gedichtet und die Melodien mit melancholischer Färbung: ein wenig sizilianisch, ein wenig nordafrikanisch.

dr: Kannst du mal eine Kostprobe geben?
Barde (räuspert sich und schüttelt die steifen Plastikarme): Hm, ich fürchte, ich bin etwas aus der Übung … (entlockt seiner Gitarre ein schiefes Ploing-Ploing und singt mit rostiger Stimme).

dr: Ah, danke. Noch vor 20 Jahren soll St. Julian’s ja ein idyllisches Fischerdorf gewesen sein. Wie denkst denn du über die ausschweifenden Party-Nächte in Paceville? Ich habe gehört, das Feierviertel wird auch „Sin City“ genannt …
Barde: Die Jugendlichen werden zuhause an die Kandare genommen, fast alle Malteser sind ja katholisch. Paceville ist für die jungen Leute ein Ventil.

dr: Hier ziehen aber nicht nur die Einheimischen um die Häuser, sondern auch Touristen aus aller Welt.
Barde (ist jetzt in Fahrt gekommen und schrammelt energisch auf seiner verstimmten Klampfe): Das stimmt. Malta ist eben nicht nur ein Ziel für Studienreisende, die unseren historischen Reichtum bestaunen wollen, sondern auch für junge Besucher mit Erlebnishunger. Wir haben ein pralles Nachtleben, vorzügliche Englisch-Sprachschulen, tolle Tauch-Spots, fast 400 Kirchen und mit Valletta eine einmalig schöne Hauptstadt – und das alles auf einer Fläche, die gerade mal so groß ist wie euer Frankfurt am Main. Ach ja, und nicht zu vergessen unsere großartigen Events wie das Ghana-Festival, unsere Kulturnacht „Notte Bianca“, das Feuerwerk-Festival, das Barockmusik-Festival …

dr (mit schmerzverzerrtem Gesicht wegen des disharmonischen Gitarrengeschrammels): Okay fein, aber ich muss jetzt dringend wieder weiter.
Barde (hebt nun auch noch zu Singen an, was ungefähr so talentiert klingt wie das Katzengejammer von Troubadix aus den Asterix-Comics)

dr (ergreift die Flucht): Also, mach’s gut!

Malta_St_Julians_Party
Partyviertel in St. Julian’s
Fotos: pa

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