Deutschland, Mitbringsel

Interview mit einem Gutenberg-Figürchen


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Gänsekiele, Ziegenpergament und blattgoldverzierte Bibelseiten: Im Shop des Mainzer Gutenberg-Museums können sich Nostalgiker mit allerlei Mitbringseln eindecken, die in Zeiten von E-Books und Cloud-Computing geradezu vorsintflutlich anmuten. die reisekorrespondentin (dr) erwarb eine Gutenberg-Büste und sprach mit ihr über die Stadt, zu welcher der Erfinder nicht immer das beste Verhältnis hatte.

dr: Schönen guten Tag! Bevor wir auf Mainz zu sprechen kommen: Warum tragen Sie eigentlich einen Dichter-und-Denker-Klischeebart, obwohl man in Ihren Patrizierkreisen damals stets gut rasiert war?
Gutenberg-Büste (streicht sich über ihren Klischeebart): Das ist eigentümlich, nicht wahr? Es muss mit der menschlichen Neigung zum Simplifizieren und Idealisieren zu tun haben. Vermutlich hat sich die Nachwelt dies bärtige Bildnis in Ermangelung echter Porträts ausgedacht. Es ist ein wenig zu altväterlich gelungen für meinen Geschmack, aber nun ja. Unpräzise ist übrigens auch die Aussage, dass ich den Buchdruck erfunden habe. Schon lange vor meiner Zeit wurde mit Holztafeln, Metallschnitten und Lettern aus Bronze oder Keramik gedruckt. Meine Errungenschaft ist das Drucken mit beweglichen Lettern aus einer strapazierfähigen Blei-Zinn-Antimon-Legierung.

dr: Was immerhin aber die Massenproduktion von Büchern einläutete und in Europa zu einer Medienrevolution führte. Noch heute sind Sie der Star von Mainz, nach Ihnen sind Schulen, die Uni und der Stadtmarathon benannt, obwohl auch neue Berühmtheiten nachgerückt sind wie die Mainzelmännchen, der 1. FSV Mainz 05, Fastnachtsprinzen, Weinköniginnen …
Gutenberg-Büste (schaut beleidigt und zupft sich entrüstet an ihrem Klischeebart): Also hören Sie mal, was sind denn das für törichte Vergleiche!

dr (zwinkert): Ähm, das war jetzt auch nicht so furchtbar ernst gemeint. Aber das Rad dreht sich ja schon auch weiter, und wer sagt denn, dass sich in hundert oder zweihundert Jahren überhaupt noch eine Socke für Ihre technische Errungenschaft interessiert? Vielleicht ist alles Druckwerk dann längst out. Schauen Sie sich doch mal um – in der Bahn, in Cafés, auf den Straßen, egal wo, wie häufig sich die Leute irgendwelche Displays vors Gesicht halten und wie selten nur noch Papier. Und lesen Sie in den Sozialen Netzwerken oder in den Internet-Foren, da gehen die Schreiberlinge mit Punkt und Komma so unbekümmert um wie Karnevalisten mit Konfetti und Kamellen, einfach mal hochwerfen und schauen, wo das Zeug runterfällt. Alaaf oder meinetwegen auch Helau, wir sind hier ja in Mainz. Alles andere ist auch total egal, Groß- oder Kleinschreibung, zusammen oder auseinander … Es lebe die dichterische Freiheit, wer braucht da noch sorgsam gesetzte Zeichen wie in Ihren Bibeln. Und im Zweifelsfall war’s sowieso immer der Fehlerteufel, dieser arme Wicht, der doch für die menschlichen Schlampereien überhaupt nichts kann und dem dann auch noch heimtückisches Einschleichen oder Zuschlagen unterstellt wird.
Gutenberg-Büste: Höre ich da jetzt persönliche Betroffenheit heraus? Sorge um Ihren Berufsstand vielleicht? So wie Sie sich echauffieren …

dr (schaut nun auch beleidigt): Das ist ein anderes Thema. Aber was glauben denn Sie, wie lange wir noch in gedruckten Büchern lesen werden?
Gutenberg-Büste (schaut jetzt ernsthaft beleidigt): Ich bin Erfinder, kein Hellseher. Ihrer Schwarzmalerei kann ich jedoch nicht ganz folgen. Die meisten Dinge regulieren sich von selbst zu einer friedlichen Koexistenz. Wir Menschen neigen schließlich auch zu Nostalgie und Besitz, der sich anfassen und ausstellen lässt. Was ist schon eine E-Book-Sammlung im Smartphone gegen ein ehrwürdiges Bücherregal mit dem Geruch von Geschichte.

dr: So optimistisch würde ich das auch gerne sehen. Zurück zu Ihnen: In Ihrer Biografie ist einiges im Unklaren, mit dem Geburtsdatum fängt das ja schon an. Eine der wenigen Gewissheiten scheint zu sein, dass Sie zu Mainz nicht immer ein harmonisches Verhältnis hatten. Die Dokumente, die Ihren Aufenthalt in der Stadt oder Ihr Fernbleiben von derselben belegen, sind zumeist Rechtsstreitereien – Steuern, Schulden, Erbgeschichten …
Gutenberg-Büste: Schnee von vorgestern.

dr: Ja, mehr als ein halbes Jahrtausend ist das jetzt her. Mal abgesehen vom Gutenberg-Museum, das mir übrigens gut gefallen hat, den Mainzelmännchen und Fußball: Warum ist ein Besuch von Mainz denn außerdem noch lohnenswert?
Gutenberg-Büste (fährt sich durch den Denkerbart und kräuselt die Stirn): Das kommt darauf an, ob man eher der Kultur- oder der flippige Partytourist ist. Bei uns kommen beide voll auf ihre Kosten. Fastnacht, Kirmes, Weinfeste, die vielen Studentenkneipen – irgendwas ist immer los. Eine feine Sache im Sommer sind auch die Stadtstrände zu beiden Seiten des Rheins. Kulturinteressierte sollten natürlich beim Gutenberg-Museum anfangen, dessen Kronjuwelen zwei Originalbibeln von mir sind, und dann zum Dom und der St. Stephan-Kirche mit dem wundervollen Chagall-Fenster weiterziehen.

dr: Schönen Dank. Möge Ihre Erfindung noch lange in Ehren gehalten werden.

Mainz_Gutenberg_Museum2
Druckwerkstatt wie zu Gutenbergs Zeiten im Mainzer Gutenberg-Museum
Mainz_Gutenberg_Museum3
Viele der Setzer konnten nicht lesen und schreiben, weshalb sie mit Vorlagen arbeiteten.
Mainz_Gutenberg_Museum
Unter den Exponaten des Museums sind auch Druckpressen etwas neueren Baujahrs.
Mainz_Gutenberg_Museum_Eingang
Gutenberg-Nachbildung vor dem Museum – hier mal ohne langen Klischeebart – …
Mainz_Dom_Gutenberg_Andenken
… und vor dem Mainzer Dom.
Fotos: pa

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