Lieblingsunterkünfte, Simbabwe

The Victoria Falls Hotel, Tea time im Angesicht des donnernden Rauchs


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Kann man sich in ein Nobelhotel vergucken, obwohl es in einem Diktatorenland steht und drumherum größte Armut herrscht? Man kann, wenn es wie das Victoria Falls Hotel in Simbabwe mit Eleganz und dem Blick auf eines der wundervollsten Naturspektakel der Welt betört.

Wenn man das Wächterhäuschen und den weißen Torbogen des Victoria Falls Hotels passiert, ist es, als würde man ins Auge des Sturms der Straßenhändler eintauchen. Eben noch eilten die Souvenirverkäufer von allen Seiten mit geschnitzten Flusspferden und Elefanten herbei, mit Schmuck, Schalen und Taschen in hemmungslosen Farbkombinationen. Jetzt tut sich eine Insel der Ruhe und des Friedens auf. Das legendäre Luxushotel bettet sich in eine Parkanlage mit Efeu, Hibiskus, Bougainvilleas, Seerosenteichen und englisch-immergrünem, akkurat geschorenem Rasen. Es eröffnete 1904 als erstes Hotel von Victoria Falls im Nordwesten von Simbabwe seine Pforten – ein Jahr nach der Vollendung der Brücke über die Sambesi-Schlucht, als die ersten Gäste auf Schienen mit der Bahnlinie zwischen Kapstadt und Kairo ins damalige Rhodesien anrollten. Zu britischen Kolonialzeiten wurde die feine Gesellschaft mit Rikschas ins Hotel kutschiert. Heute stehen Safaribusse, Pick-ups und Limousinen auf dem Parkplatz.

Eben noch musste man den Händlern auf den Straßen von Victoria Falls sagen, dass man die Ketten mit Raubtierzähnen für keinen Preis kaufen wird, nicht zum Samstag-Sonderpreis, nicht zum Sunset-Sonderpreis und nicht zum Samstagsonnenuntergangskombirabatt. Dass man auch keine Simbabwe-Dollar aus der Inflationszeit des afrikanischen Landes erwerben wird, selbst wenn die wertlosen Millionen-Kollektionen nur wenige US-Dollar kosten, schon weil sie für das autokratische Gebaren des Staatspräsidenten Robert Mugabe stehen, der mit seinen Landreformen die einstige Kornkammer des südlichen Afrikas zu einem Millionenarmenhaus heruntergewirtschaftet hat und im greisen Alter von 91 Jahren immer und immer noch weitermacht, sein Land wieder und wieder in Misskredit bringt – mit Wahlfälschungen, gewaltsamer Unterdrückung Oppositioneller und einem Gesetz gegen „Sexuelle Abnormalitäten“, nach dem sich schon händchenhaltende Homosexuelle strafbar machen. Sie hätten Hunger und heute noch nichts verdient, sagten die Händler und wedelten mit den Simbabwe-Dollar-Fächern.

Jetzt wird man im Victoria Falls Hotel von weiß livrierten Angestellten mit feuchten Tüchern und einem strahlenden Lächeln empfangen. Kellnerinnen, die Happiness heißen, geleiten die Neuankömmlinge zu einem Imbiss am Pool. Von den Terrassen für den Nachmittagstee reicht der Blick bis zur Eisenbahnbrücke nach Sambia und zu den Sprühwolken der Victoriafälle. Wie die Brandung eines Weltmeeres hallt die 1,7 Kilometer lange Naturgewalt herüber, „Mosi oa Tunya“, donnernder Rauch, heißt das Schauspiel bei den einheimischen Shona. Der schottische Missionar David Livingstone, der die Wasserfälle 1855 sichtete, taufte sie auf den Namen der britischen Königin Victoria.

Victoria_Falls_Hotel_Eingang
Willkommen im Luxusrefugium von Victoria Falls
Victoria_Falls_Hotel_Terrasse
Blick von der Hotelterrasse auf die Victoriafälle
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Das Traditionshaus bettet sich in eine Parkanlage mit akkurat geschorenem Rasen.
Victoria_Falls_Souvenirhaendler
Gleich vor den Toren des Hotels kommen die Souvenirhändler herbeigeeilt.

Eben noch hatte man in Victoria Falls den Arts & Craft-Markt einer Frauenkooperative besucht, eine schummrige Lagerhalle vollgestopft mit Schnitzwerk, Schmuck und Stoffen. Alles war erst einmal unglaublich teuer gewesen und schließlich zu Sonderpreisen für weniger als die Hälfte zu haben. Sie hätten viele Kinder zu ernähren, sagten die Frauen des Landes, in dem die Lebenserwartung in Rekordgeschwindigkeit gesunken ist, die einst prosperierende Wirtschaft einen phänomenalen Zusammenbruch erlitt und das in den Studien des Happy Planet Index mehrmals weltweit am schlechtesten abschnitt.

Jetzt flaniert man im Victoria Falls Hotel durch Salons mit Büffel- und Antilopentrophäen, Pianospielern und hohen Kaminen, mit Fransenstehlampen, quastenverzierten Polstermöbeln und knarzenden Dielen, lustwandelt durch Innenhöfe mit Springbrunnenbassins, Palmen und Sukkulenten, defiliert durch lange Flure mit schweren Teppichen und Fenstern, vor denen sich romantisch geblümte Vorhänge bauschen. An den Wänden hängen Queen Victoria und ihr Gemahl Albert in Öl, historische Werbeplakate, Schwarzweißfotos, Karten und Bilder, auf denen vornehme Herrschaften mit Hut und Spazierstock vor den Victoriafällen posieren.

Die 161 Zimmer und Suiten verteilen sich auf ein zweigeschossiges Gebäude, das manchmal mehr englisches Landhaus und manchmal mehr südländischer Palais ist, dessen Interieur sich immer wieder auf eine Gratwanderung zwischen distinguierter Eleganz und nostalgischem Schwulst begibt, Gediegenheit bis an die Grenze zu musealer Steifheit treibt und auf Schritt und Tritt daran erinnert, dass das Traditionshaus und heutige Mitglied der Hoteljuwelenkollektion Leading Hotels of the World schon seit über 100 Jahren ein Sinnbild für ein Leben in Saus und Braus ist, ein Luxusrefugium, das die Armut gleich nebenan aufs Schärfste kontrastiert, ein radikales Mahnmal der Missstände, bei dem man sich fragt, wer die Annehmlichkeiten vollkommen unbeschwert zu genießen vermag – die wie Dschungelforscher gekleideten Safaritouristen aus Großbritannien etwa, die Geschäftsmänner aus Asien oder die Russen, deren Frauen in den Frisör- und Fitness-Einrichtungen des Hotels an ihrer Schönheit laborieren?

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Die Innenhöfe des Victoria Falls Hotels laden zum Lustwandeln zwischen …
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… Palmen und Springbrunnenbassins ein.
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Zwischen Eleganz und nostalgischem Schwulst: Die Salons sind mit …
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… Jagdtrophäen, Kaminen und quastenverzierten Polstermöbeln ausstaffiert.
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In den Fluren bieten Bilder, Karten und Fotografien einen Einblick in die Geschichte des Hotels …
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… und die Entwicklung des Tourismus an den Wasserfällen.

Eben noch hatte man mit den Händlern auf dem „Big Curio Open Market“ im Ort diskutiert, dass man auf keinen Fall die fast lebensgroßen Nashorn- und Elefantenskulpturen aus Blech oder Holz erwerben wird, weil man auf ihnen weder nach Europa reiten noch sie in den Koffer für den Rückflug zwängen könnte. Kein Problem, lächelten die Verkäufer und zauberten kleinere Modelle herbei. Man hatte den Abenteueranbietern erklärt, dass man an ihren Aktivitäten nicht interessiert sei. Dass man vom Anblick der Wasserfälle schon vollkommen berauscht sei und keine weiteren Adrenalin-Kicks benötige – keine Bungee-Sprünge von der Eisenbahnbrücke, keine Drahtseilfahrten über die mehr als 100 Meter tiefen Schluchten, kein Rafting in der schäumenden Sambesi-Bestie und keine Spaziergänge mit jungen Löwen. Die 34.000 Einwohner von Victoria Falls leben hauptsächlich von Touristen. Um sie zum längeren Verweilen zu animieren und überdies mehr jüngere Besucher anzulocken, soll eine weitere Attraktion entstehen: ein Vergnügungspark, den Tourismusminister Walter Mzembi als ein „afrikanisches Disneyland“ angekündigt hat.

Jetzt sitzt man beim Abendessen im Hotelrestaurant Jungle Junction. Auf dem Dessert-Büfett verführen schwarzbraune Muffins und Gläser mit Mousse au Chocolat in Nutella-Konsistenz. Für den bitteren Beigeschmack sorgt eine Einlage von halbnackten Tänzern mit Tiermasken, die mit ihren Zähnen Eisenstangen vom Boden aufheben können.

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Auf den Andenkenmärkten werden neben …
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… geschnitzten Tieren fürs Kaminsims …
Victoria_Falls_Souvenirs_Markt
… auch fast lebensgroße Modelle feilgeboten.

Eben noch wurde man auf den Straßen von Victoria Falls von Simbabwern angesprochen, die einem nichts verkaufen wollten. Die aus ihren Rastafrisuren die Kopfhörer abnahmen, um zu fragen, woher man kommt, wie lange man bleibt und wie es einem in Victoria Falls gefällt. Die einem eine sichere Weiterreise und ein schönes Leben wünschten.

Jetzt wird man in seinem Hotelzimmer in das Prinzessinnenbett mit Moskitonetzbaldachin und gedrechselten Pfosten aus dunklem Holz sinken, zuvor vielleicht noch im schwarzweiß gekachelten Badezimmer in die Badewanne mit Löwentatzenfüßen steigen und sich an der Teebar auf einem silbernen Überseekoffer einen Schlummertrunk zubereiten.

Victoria_Falls_Hotel_Zimmer
Die Zimmer verfügen über Prinzessinnenbetten mit gedrechselten Pfosten und …
Victoria_Falls_Hotel_Badezimmer
… schwarzweiß gekachelte Badezimmer.

Und dann könnte man sich entspannen. Den Streifzug an den Victoriafällen noch einmal Revue passieren lassen. Zu wasserreichen Zeiten erheben sich die Sprühnebel mehrere hunderte Meter empor, fallen mal sanft hernieder, mal als Starkregen. Wie gut, wenn man sich am Eingang zu dem Unesco-Weltnaturerbe einen Regenponcho geliehen hat, unter dem man die Kamera schützen kann. Die Feuchtigkeit hat um die Wasserfälle eine wuchernde Welt mit Farnen, Orchideen und Schlingpflanzen geschaffen – einen kleinen Regenwald in einem dürstenden Trockensavannenland. Mal erscheinen die wirbelnden Wassermassen wie die Ouvertüre zu einem Ort der Verdammnis, als ein wütendes, weltuntergangsgraues Scheusal, geifernd und dampfend, bisweilen junge Flusspferde in den Tiefe reißend, die weiter oben in das kühle Nass steigen – dort, wo der Sambesi noch träge fließt, nicht ahnend, dass sie gleich als grauer Punkt in den Fluten verschwinden werden. Und dann wieder sieht alles wie ein Märchenland aus – mit naivblauem Himmel und Regenbögen so intensiv, als könne man auf ihnen über die Abgründe wandeln.

The Victoria Falls Hotel: www.victoriafallshotel.co

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Die Victoriafälle mit der Eisenbahnbrücke über den Sambesi
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Mal erscheint das Naturschauspiel wie ein fauchendes Scheusal, …
Victoria_Faelle5
… mal wie ein Märchenland mit naivblauem Himmel und …
Victoria_Faelle_Regenbogen2
… intensiven Regenbögen.
Fotos: pa

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