Deutschland, Mitbringsel

Interview mit einer Robbe


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Die Altstadt von Wismar ist ein Schmuckkästchen mit herausgeputzten Fassaden und gewaltigen Backsteinkirchen aus den Wohlstandszeiten der Hanse. Bei einem Spaziergang durch die kopfsteingepflasterten Gassen kehrte die reisekorrespondentin (dr) in einem Souvenirladen ein und erwarb eine Robbe mit Piratenkopftuch, Fernglas in der Flosse und Beinchen aus Seilen.

dr: Moin Robbe! Wenn ich dich so anschaue, drängt sich mir irgendwie die Frage nach deiner wahren Identität auf. Bist du nun ein aus der Art geschlagener Seeräuber, Strandwächter oder Meeresbewohner?
Robbe (kräuselt verunsichert die Schnauze und pendelt mit den Seilbeinen): Frag den, der mich erfunden hat.

dr: Ist auch nicht so wichtig. Du gefällst mir, wie du bist. Sonst hätte ich mich für ein anderes Mitbringsel entschieden – ein blauweißes Quallenplüschtier, eine Schneekugel mit Leuchtturm oder eine Flasche Sanddornlikör zum Beispiel. Könnte ich dich denn dafür begeistern, mich weiter durch die Stadt zu begleiten und danach auf die Insel Poel? In die Wellen stürzen, an der Steilküste schlendern oder einfach aufs Meer schauen?
Robbe (lächelt und schlenkert mit den Seilbeinen): Au ja! Wozu habe ich schließlich mein Fernglas.

dr: Ich hatte erwartet, dass mir Wismar gefallen würde. Kleinstadt an der Ostsee, Backsteingotik mit Unesco-Welterbe-Status, Restaurants und Cafés mit Blick auf den Hafen und alte Speichergebäude, Drehort des genialen Stummfilms „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“, Badestrände ums Eck. Was mich allerdings verblüfft: Der Marktplatz, die Gotteshäuser, die Gassen – alles sieht zurechtgemacht aus, ohne überschminkt zu wirken. Gotik, Renaissance, Klassizismus, Jugendstil – nichts fehlt. Gerade so, als hätte es die zwölf Angriffe mit 460 Tonnen Bomben im Zweiten Weltkrieg nicht gegeben. Von Mahnmalen wie …
Robbe (zappelt mit den Seilbeinen): Können wir dann jetzt los?

dr: … der Marienkirche natürlich abgesehen, deren 80 Meter hoher Westturm wie eine abgetrennte Extremität emporragt. Vom Rest sind nur die Grundrisse nachgemauert, um eine Idee von der ehemals dreischiffigen Basilika zu evozieren.
Robbe: Tolle Lösung. Gefällt mir besser als eine komplette Rekonstruktion. (strampelt mit den Seilbeinen) Geht’s jetzt los?

dr: Was mir übrigens auch angenehm aufgefallen ist: In den Straßen schwebt ein himmlischer Holzgeruch. Wusstest du, dass Wismar eines der modernsten Holzverarbeitungszentren Europas besitzt? Und dass hier die Keimzelle der Karstadt-Kette steht, gegründet 1881 von Rudolph Karstadt als Tuchgeschäft mit einem einzigen Angestellten? Im Grunde nicht verwunderlich, war die Stadt doch schon früher eine Handelshochburg für Felle und Fisch aus Norwegen, Pelze und Holz aus Russland, Tuch aus Flandern, Wolle aus England und Weine aus Südeuropa. Ja, wir machen uns jetzt auf den Weg.
Robbe: (zückt das Fernglas): Endlich …

Wismar_Marktplatz
Der Marktplatz von Wismar ist einer der größten Norddeutschlands.
Wismar_Kanal
Drumherum laden gemütliche Gassen zum Flanieren ein.
Wismar_Nikolai_Kirche_Robbe
Die Robbe zeigte sich von den Backsteinmonumenten begeistert. Hier die Nikolaikirche, …
Wismar_Georgen_Kirche
… die Kirche St. Georgen und …
Wismar_Marienkirche
… der verbliebene Turm der Marienkirche
Wismar_alter_Hafen
Am alten Hafen steht das letzte von ehemals fünf Stadttoren.
Wismar_Nosferatu
Es diente als Kulisse für den Stummfilmklassiker „Nosferatu – Eine Symphonie des Grauens“.
Insel_Poel_Strand_Robbe
Auf der Insel Poel genoss die Robbe von einem Strandkorb den Blick auf die Ostsee.
Insel_Poel_Steilkueste
Neben Badestränden gibt es am Westufer auch Steilküste.
Fotos: pa

2 Comments

  • Hallo liebe Reisekorrespondentin, dein Beitrag über Wismar macht wirklich Lust darauf diese Stadt kennenzulernen, in der ich noch nie war. Du hast eine wunderbare Mischung aus witzig verpackter Beschreibung (mit deiner lustigen Robbe), schönen Bildern und interessanter Information, die ich noch nie über Wismar gehört oder gelesen habe. Danke für den schönen Beitrag! Es hat Spaß gemacht ihn zu lesen! Schöne Grüße, Hermann

    • Dankeschön, lieber Hermann! Anfangs hatte ich ja noch ein wenig Bedenken gehabt, ich würde für meine „Mitbringsel“-Sparte nicht genügend „Interview-Partner“ auftreiben können. Inzwischen weiß ich: Das war überflüssig. Die Souvenir-Industrie ist eine unerschöpfliche Fundgrube an geeigneten Objekten. Sonnige Grüße!

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